Axel Gloger: "Wir züchten uns ein BWL-Prekariat heran“
Die BWL ist in ihrem aktuellen Zustand kein zukunftssicheres Studium mehr.
Foto: Getty ImagesWirtschaftsWoche Online: Herr Gloger, in Ihrem kürzlich erschienen Buch “Betriebswirtschaftsleere” stellen Sie den Nutzen des Studienfachs Betriebswirtschaftslehre infrage. Was hat Sie dazu gebracht, die BWL so kritisch unter die Lupe zu nehmen?
Axel Gloger: Wir haben weit über 200.000 Studenten in diesem Fach. Kein Fach wird so häufig studiert wie die BWL. Sie reklamiert für sich, unsere Unternehmen mit Mitarbeitern zu versorgen, die zukunftsfit sind. Wir sprechen von Disruption, Automatisierung, Digitalisierung. Aber können Unternehmen diese Herausforderungen meistern mit Absolventen, die fünf Jahre nur Auswendiglern-Wissen gepaukt haben?
Was denken Sie? Können sie es?
Ich bezweifle das. Wir züchten akademische Sachbearbeiter heran, nicht Lösungsfinder für unsichere Zeiten.
Woran machen Sie diesen Eindruck fest?
Ich selbst bin Diplom-Volkswirt, ein Fünftel des Studiums Bestand aus BWL-Stoff. Die Klausuren habe ich durch stumpfes Auswendiglernen von Karteikarten bestritten und Bestnoten erzielt. Das hat mich nachhaltig geprägt.
Das ist bislang nur Ihre eigene Anschauung.
Das stimmt, aber meine persönliche Motivation sollte hier auch keine so große Rolle spielen. Ich habe für mein Buch mit Professoren und Unternehmern gesprochen, ich habe mir Vorlesungen zum Beispiel in Kosten- und Leistungsrechnung angehört. Und ich habe mir die Grundlagenwerke gekauft, darunter den “Wöhe”, das meistverkaufte BWL-Lehrbuch der Welt.
Axel Gloger Chairman der Denkfabrik Trend Intelligence und arbeitet als Aufsichtsrat und Beirat. Als Wirtschaftsjournalist war er viele Jahre Autor der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Seinen Abschluss machte er in Köln – als Diplom-Volkswirt. Sein aktuelles Buch heißt "Betriebswirtschaftsleere. Wem nützt die BWL noch?“ (200 Seiten, FAZ-Buch, 19.90 Euro)
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Was haben Sie an der “Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre”, deren Urfassung 1960 von Günter Wöhe verfasst wurde, zu beanstanden?
Da wäre zum einen die Form: Ich glaube nicht, dass man diese “Bibel der BWL”, wie sie gerne genannt wird, noch unbedingt in gedruckter Form braucht. Digital könnte das Wissen darin schöner und vor allem praktischer aufbereitet werden. Außerdem setzt das Buch auf reines Faktenwissen. Das wird dann vor den Klausuren in Stichpunktlisten zusammengefasst, danach auswendig gelernt und wenige Tage nach der Prüfung wieder vergessen.
Welche inhaltlichen Probleme sehen Sie darin?
Von Familienunternehmen, die den Kern des zweiten deutschen Wirtschaftswunders bilden, ist dort auf keiner Seite die Rede. Diese Unternehmen sind Primärkunden des Faches – etwa Würth, Kärcher, Trumpf oder Mennekes, eine Welt, in der es einen Unternehmerwillen gibt, die Bilanzen voller Eigenkapital stecken und Verträge noch mit Handschlag geschlossen werden. Das bildet die Wöhe-BWL überhaupt nicht ab.
Internationaler Rang 1: Universität von Oxford
Wie schon im vergangenen Jahr ging der Titel "Beste Uni der Welt" des britischen Fachmagazins Times Higher Education an die britische Elite-Hochschule Oxford. In den zwölf Jahren zuvor ging der Titel jedes Mal in die USA.
Für viele Wissenschaftler sind Oxford und Cambridge unabhängig von Rankings Inbegriff der Wissenschaft. Seit 900 Jahren wird an der britischen Hochschule unterrichtet. An der Universität von Oxford studierten unter anderem die britische Premierministerin Margaret Thatcher und der Physiker Stephen Hawking, aber auch Erwin Schrödinger oder Joseph Stiglitz gehören zu den berühmten Absolventen. Auf Rang zwei folgt mit der University of Cambridge die zweite britische Hochschule.
Aber auch Deutschland ist im THE-Ranking gut vertreten. 44 deutsche Unis sind im Ranking zu finden, damit ist Deutschland das am dritthäufigsten vertretene Land. Nachfolgend die Top Ten der deutschen Unis im Ranking.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 10: Uni Bonn
Im internationalen Vergleich belegt die 1818 gegründete Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Platz 100 von 200. Im Vergleich zum Vorjahr hat sie damit 13 Plätze wettgemacht.
Das ist nicht nur ein stattlicher Aufstieg, verglichen mit den anderen 76 deutschen Hochschulen, die es unter die Top 1000 geschafft haben, ist Rang 100 auch eine sehr stattliche Platzierung. Die Universität belegt unter den deutschen Hochschulen Platz zehn.
Methodik: Für das Times Higher Education-Ranking wird unter anderem verglichen, wie viele Drittmittel eine Universität bekommt, wie oft sie in Fachartikeln zitiert wird und welche Qualität die Lehre hat. Die Lehre geht dabei mit 30 Prozent in die Bewertung ein, genauso wie Forschung und Zitierhäufigkeit. Internationalität, also der Anteil ausländischer Professoren und Studierenden mit 7,5 Prozent und der wirtschaftliche Einfluss mit 2,5 Prozent.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 9: Universität Tübingen
Die Uni Tübingen hatte als erste deutsche Hochschule nach dem Zweiten Weltkrieg am 20. August 1945 den Lehrbetrieb wieder aufgenommen. 72 Jahre später belegt die Hochschule im THE-Ranking Platz 94 (2016: Platz 89). Unter den deutschen Unis reicht das für Rang neun.
Foto: dpaPlatz 8: Technische Uni Berlin
Die 1879 gegründete Technische Universität Berlin darf sich einiger prominenter Absolventen rühmen und hatte schon die britische Queen zu Besuch. Im internationalen Ranking hat sich die TU im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert: Von Rang 82 ging es runter auf Platz 92. Trotzdem ist sie mit dieser Wertung die achtbeste Uni Deutschlands, was Finanzierung, Qualität der Lehre und Reputation anbelangt.
Foto: dpaPlatz 7: Freie Universität Berlin
Auch der siebte Platz geht nach Berlin und zwar an die Freie Universität Berlin, an der auch schon der berühmte britische Physiker Stephen Hawking referierte. Doch auch die FU hat sich im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert: Von Platz 57 ging es runter auf Platz 88.
Foto: dpa/dpawebPlatz 6: Universität Freiburg
Großer Aufsteiger ist dagegen die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Die Hochschule machte 13 Plätze gut und liegt nun im internationalen Ranking auf Platz 82. Unter den deutschen Unis reicht das für Platz sechs.
Foto: dpa/dpawebPlatz 5: Rheinisch-Westfaelische Technische Hochschule (RWTH) Aachen
Auch in deutschen Uni-Rankings belegt die RWTH immer einen der Top-Plätze. So auch international: Im THE-Ranking reicht es für Platz 79, unter den besten deutschen Unis bedeutet das: Platz fünf.
Foto: dpaPlatz 4: Humboldt Universität Berlin
Die Humboldt Universität in Berlin bekommt als sogenannte Elite-Universität höhere Fördermittel als eine gewöhnliche Hochschule. Das, ihre Reputation in der Wissenschaft und die Qualität der Lehre bescherten ihr im internationalen Vergleich Rang 62. Damit ist sie die viertbeste deutsche Uni unter den Top 100.
Foto: dpa/dpawebPlatz 3: Uni Heidelberg
Die Ruprecht-Karls Universität in Heidelberg trägt ebenfalls den begehrten Titel Elite-Universität - und darf sich über entsprechend hohe Fördergelder freuen. Im internationalen Vergleich schafft es die Alma Mater mit Platz 45 sogar unter die besten 50 Unis weltweit.
Foto: APPlatz 2: Technische Universität München
Die TU München gehörte zu den ersten sogenannten Elite-Universitäten in Deutschland und konnte so ihre Spitzenforschung mit mehr als 100 Millionen Euro von Bund und Ländern ausbauen. Das wird auch im Ausland anerkannt: Platz 41 im globalen Ranking, Platz zwei im deutschlandweiten Vergleich.
Foto: dpaPlatz 1: Ludwig-Maximilians-Universität München
Die LMU ist laut dem "Times Higher Education"-Ranking Deutschlands beste Uni. International belegt sie 34 (2016: Platz 30).
Foto: dpa
BWL studieren aber immer noch viele, die gerne eine Unternehmenskarriere hinlegen würden. Welchen Einfluss hat das auf die Jobchancen der Betriebswirte?
In einer Wissenschaft sollte man lernen, wie man Muster erkennt, wie man neue Sachverhalte versteht und Dinge, die man noch nie gesehen hat richtig einordnet. Das lernt man im BWL-Studium nicht. Ich befürchte, dass diese akademischen Sachbearbeiter in den nächsten Jahren durch Roboter im weißen Kragen abgelöst werden.
Sie raten also vom Studium der BWL ab?
Ich will nicht die Nützlichkeit des Fachs in Abrede stellen. Aber das müssen wir nicht fünf Jahre lang lehren. Wir züchten uns ein BWL-Prekariat heran, das in der nächsten Dekade seiner eigenen Überflüssigkeit in die Augen sehen wird. Jetzt, wo es in der Wirtschaft so blendend läuft, ist die beste Zeit, der BWL die überfällige Runderneuerung zu geben.
Thyssenkrupp
„Schnittstellen-Positionen – zum Beispiel zwischen Produktion und IT oder zwischen Entwicklung und Vertrieb – werden immer wichtiger. Hier wird sich zeigen, ob dies für BWLer interessant ist und sie die notwendige Flexibilität mitbringen oder ob diese Felder dann etwa durch Absolventen der Wirtschaftsinformatik und des Wirtschaftsingenieurwesens besetzt werden.“
Deutsche Bank
„Das Bankgeschäft ist im Wandel und die digitale Neuausrichtung zieht sich quer durch alle Aufgabenfelder und Bereiche. IT-Fähigkeiten sind uns deshalb sehr wichtig. Ein Drittel unserer weltweiten Einstellungen auf Traineelevel sind im Technology-Bereich. Insgesamt sind für 2018 knapp 140 Trainee-Einstellungen geplant. Betriebswirte und Wirtschaftswissenschaftler werden aus unserer Sicht weiterhin unverändert wichtig bleiben. Informatiker und artverwandte Studiengänge werden zukünftig immer wichtiger.“
Deutsche Post
„In unserem Unternehmen sehen wir aufgrund sich verändernder Prozesse einen steigenden Bedarf an Mitarbeitern, die sowohl ein wirtschaftliches Verständnis, als auch eine Affinität im Bereich Informationstechnologie mitbringen. Diese Voraussetzungen werden auch in der Zukunft wichtig für uns sein.“
Merck
„Die Welt wird zunehmend globaler und digitaler – daher haben sich in den vergangenen fünf Jahren auch die Erwartungen an Absolventen in Bezug auf deren internationale Erfahrung oder digitale Denkweise erhöht. Durch die Bologna-Reform besteht für Betriebswirte zum Beispiel die Chance, sich auf Basis eines generellen Bachelor-Studiums im nachfolgenden Master zu spezialisieren und somit Experten im weiten Feld der Betriebswirtschaftslehre zu werden. Betriebswirte sind und bleiben als Allrounder eine wichtige Zielgruppe für unser Unternehmen. Aber auch einige neue Fachrichtungen – insbesondere mit Digitalisierungsschwerpunkt – gewinnen in der Zukunft zunehmend an Bedeutung für uns.“
Commerzbank
„Als Bank benötigen wir zunehmend breitere Kompetenzen, deshalb sind uns alle Fachrichtungen wichtig. Angesichts der umfassenden Digitalisierung benötigen wir etwa zunehmend IT-Spezialisten, Softwareentwickler und Medienwissenschaftler.“
Henkel
„Die Digitalisierung hat nicht nur große Auswirkungen auf unsere Geschäfte, sondern führt auch zu Veränderungen innerhalb des Unternehmens – zum Beispiel in der Art und Weise, wie wir als globales Team weltweit zusammenarbeiten. Wir legen viel Wert auf die Vielfalt unserer Mitarbeiter und sind davon überzeugt, dass diese Vielfalt entscheidend für unseren Erfolg ist. Dies bedeutet konkret, dass es keine offenen Positionen gibt, für die ein BWL-Studium zwingend erforderlich ist.“
Beiersdorf
„Megatrends wie die Digitalisierung beeinflussen unsere Geschäftsmodelle und somit auch die Jobprofile und Anforderungen an die Qualifikationen der Bewerber. Vor dem Hintergrund ist es wichtig, ein Interesse für digitale Themen mitzubringen und keine Scheu vor IT-Fragestellungen zu haben. In einzelnen Bereichen wie etwa der Supply Chain werden allerdings in jüngster Zeit neben Betriebswirten vermehrt Wirtschaftsingenieure und Ingenieure eingestellt. Und für unsere Forschung und Entwicklung natürlich Naturwissenschaftler.“
ProSiebenSat.1
„Von BWL-Absolventen erwarten wir ausgezeichnete Fähigkeiten im Bereich Projektmanagement. Wir legen verstärkt Wert auf eine strategische Denkweise und Unternehmergeist unserer Mitarbeiter. Neben Betriebswirten suchen wir verstärkt Wirtschaftsinformatiker sowie IT-, Tech- und Data-Experten, die zusätzlich zu ihren IT-Kenntnissen kommunikativ stark sind und ein ausgeprägtes Business-Verständnis mitbringen.“
RWE
„Die Zahl der Einstellungen von Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge ist in den letzten fünf Jahren in etwa auf einem Niveau geblieben. In der Regel geht es bei den Einstellungen um Ersatz für abgehende Mitarbeiter. Daher wird es voraussichtlich auch in 2018 bei uns keine großen Einstiegswellen für Betriebswirte geben. Neben der klassischen betriebswirtschaftlichen Ausbildung sind auch für RWE Studiengänge in Richtung Digitalisierung von großem Interesse. In diesen Bereichen wird es zukünftig ganz neue Jobs geben.“
Fünf Jahre sind Ihnen also zu lang. Denken Sie also eher an ein verkürztes Wirtschaftsstudium, wie es viele private Business Schools anbieten?
Business Schools vermitteln in ihren MBA-Studiengängen inhaltlich meist auch nur BWL und sie sind dazu teurer als öffentliche Hochschulen. Allerdings machen sie eine Sache gut: Sie sind schnell. Ähnlich machen es auch viele Unternehmensberatungen. In dieser Branche rekrutieren die Firmen oft Absolventen, die keinen wirtschaftlichen Hintergrund haben, die dann drei Wochen Druckbetankung in BWL bekommen. Dieser Mini-MBA plus “learning on the job” reicht dort offensichtlich aus.
Und was macht man dann mit der freigewordenen Zeit?
Wichtiger wäre es, Wissen mit längerer Halbwertszeit zu lernen. Wer BWL in einem Jahr schafft, könnte sich in der Zeit, die er spart, in Mathematik, Politik oder Philosophie vertiefen.
Ihre Kritik trifft diejenigen, die das Fach seit Jahren an den Hochschulen unterrichten im Kern. Wie war bislang die Resonanz aus der Wissenschaft auf Ihre Thesen?
Ich habe bei einer Tagung des Verbandes der Hochschullehrer für BWL den Eröffnungsvortrag gehalten. Meine Angst war, dass die Professoren mich steinigen werden. Aber das Gegenteil war der Fall. Ich trug meine Kritik ohne Häme und vorwurfsfrei vor. Am Ende der Diskussion spürte ich: die sind Feuer und Flamme für die Idee einer Erneuerung.