Dialog mit den Wählern: NRW-Politiker brauchen Nachhilfe in Auftreten und Kommunikation

ThemaWahlen 2017

Dialog mit den Wählern: NRW-Politiker brauchen Nachhilfe in Auftreten und Kommunikation

Am 14. Mai wird in NRW gewählt: Der Rhetorik-Experte Michael Ehlers und unser Kolumnist haben analysiert, was die Spitzenkandidaten in ihrer Kampagne und ihrer Kommunikation dringend verbessern müssen.

Gemeinsam mit dem Rhetorik-Experten Michael Ehlers wollen wir etwas genauer hinschauen, wie die Parteien um Wähler werben. Denn Wahlkampf im größten Bundesland, das ist in der politischen Kommunikation quasi Prime-Time. Der WDR bietet zu dieser Wahl im Internet erstmals die Möglichkeit, sich in einem standardisierten Kandidatencheck über alle NRW-Politiker zu informieren. 20 Fragen, vier Minuten, keine Schnitte.

Jeder präsentiert sich so wie er mag. Dieser Auftritt ist eine Basis unserer Analyse. Hinzu kommen die Plakat-Kampagnen der Parteien.

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Das Ergebnis unserer Bewertung: leider viel Mittelmaß aus der Mottenkiste der Kommunikation.



Hannelore Kraft, SPD

Die Kampagne: Die NRW-Ministerpräsidentin setzt vorrangig auf Persönlichkeit und ihre direkte Art. Kraft ist im Umgang gern mal herzlich bis ruppig, doch davon merkt man ihrer Wahlkampagne kaum etwas an. Die ist reichlich verkopft. Hashtag "NRWIR" steht neben Krafts Portrait-Foto. Klingt wie ein bemüht zeitgemäßes und Gemeinschaft suggerierendes Wortspiel, das stark an Radio-Claims wie "Wir von hier" erinnert. Entworfen wurde die Kampagne offenbar vor der Niederkunft des SPD-Messias Martin Schulz.

Denn das SPD-Logo ist so klein, als wolle Frau Kraft die eigene Partei verleugnen. Am gewagtesten sind bei der Kampagne die Themen-Plakate, in denen vollmundig von "Schlaumeiern" und "Malochern" die Rede ist, um damit die Regierungserfolge in puncto Bildung und Arbeitsplätzen herauszustellen. Dass die tatsächlichen Fakten in NRW eher bescheiden ausfallen, macht die Kampagne nicht gerade glaubwürdiger.

Zehn Tipps für die perfekte Rede

  • Wesentliches Fokussieren

    Wenn Sie vollkommen auf die Situation und den Inhalt Ihrer Rede fokussiert sind, können Sie Ihr Gegenüber am besten fesseln. Sind Sie nicht bei der Sache, bemerkt das Ihr Publikum zumindest unbewusste und schweift ebenfalls ab.

  • Stichwörter aufschreiben

    Am besten ist es natürlich frei zu sprechen. Wenn das nicht geht, schreiben Sie sich Stichwörter auf. Ein ausformulierter Text ist unübersichtlich und verführt zu monotonem Ablesen.

  • Präsenz schaffen

    Schon beim Betreten des Raumes oder auf dem Weg zum Rednerpult müssen Sie voll konzentriert sein und Ihre Sprechhaltung einnehmen. Die Zuhörer nehmen Sie schon wahr, bevor Sie die Bühne betreten.

  • Zuhörer ansprechen

    Damit die Distanz zwischen Ihnen und Ihren Zuhörern nicht zu groß wird, sprechen Sie sie direkt an und beziehen Sie sie so in den Vortrag mit ein.

  • Satzzeichen sprechen

    Bei einem Fragezeichen muss die Stimme oben bleiben. Bei einem Punkt muss die Stimme gesenkt werden. Pausen am Satzende oder zur Abgrenzung zweier Gedanken im gleichen Satz sind meist sinnvoll.

  • Sprechtempo drosseln

    Wer zu schnell spricht, hängt seine Zuhörer ab. Deshalb sinnvolle Pausen setzen, deutlich betonen und nicht durch den Text hasten.

  • Gesten nutzen

    Ihre Gesten müssen das Gesagte unterstreichen und gezielt eingesetzt werden. Zu viel Bewegung kann vom Inhalt ablenken und wirkt hektisch. Symmetrische Gesten und eine geschlossene Körperhaltung, zum Beispiel verschränkte Arme, kommen beim Zuhörer nicht gut an.

  • Floskeln vermeiden

    „Meiner Meinung nach“, „äh“ oder „übrigens“ sind Floskeln, die Sie nicht brauchen und den Zuhörer nerven. Überlegen Sie, was Sie stattdessen sagen können, damit Sie diese Lückenfüller nicht brauchen.

  • Wahrheit formulieren

    Wählen Sie Ihre Formulierungen so, dass Sie den Inhalt glaubwürdig vertreten können. Neutrale Ausdrücke können dabei helfen, wenn eigenes Empfinden und Firmenpolitik auseinander fallen.

  • Nervosität hinnehmen

    Sich über Nervosität zu ärgern oder sie verdrängen zu wollen, macht es meist noch schlimmer. Nehmen Sie ihre Nervosität hin. Häufig erhöht sie sogar die Konzentration.

Da wirkt das stylische Plakat einer Frau mit Hund am Schreibtisch vor dem iMac - während durchs Fenster schemenhaft die Ruine eines Zechenturms zu sehen ist - wie der verzweifelte Versuch der Werber, traditionelle Malocher-Klientel und "Generation Y" anzusprechen. Ein großer Spagat und sehr konstruiert.

Die Kommunikation: "Kraft punktet mit seriösen Attributen, die wir von einer deutschen Politikerin erwarten", analysiert Rhetorik-Trainer Michael Ehlers. Die Ministerpräsidentin vereint Verbindlichkeit und Gelassenheit. Mit ihrem Ruhrpott-Regiolekt und einem stetigen, teils verschmitzten Lächeln bricht sie mit dem politischen Konservatismus. Sie kann - je nach Publikum - auch derb. Ehlers: "So entsteht bei den Wählern der Eindruck, Hannelore Kraft sei in ihrem Amt als SPD-Alpha-Frau in NRW genau richtig."  

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