ARD-Interview: Wladimir Putin interviewt sich selbst

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ARD-Interview: Wladimir Putin interviewt sich selbst

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Der russische Präsident Wladimir Putin bei einer Konferenz im Juni 2014

von Florian Willershausen

Der Kremlchef erläutert im ARD-Interview sein Weltbild – und versucht, die Zuschauer mit Halbwahrheiten und windigen Vergleichen einzuwickeln. Bleibt zu hoffen, dass die Deutschen dies auch kritisch einzuordnen wissen.

Keine zehn Minuten läuft in der ARD das Interview mit Wladimir Putin – und schon ist klar, wie sehr sich der russische Präsident vom Westen und seinen Werten entfernt hat. Dabei ist es nur eine Geste, die die Distanz deutlich macht. Dieses anerkennende Nicken des mächtigen Russen bei der Feststellung des Interviewers Hubert Seipel, er habe ja auf den Putsch in Kiew „prompt reagiert“ und die „Krim annektiert“.

Der 62-Jährige, der im Interview überhaupt einen souveränen Eindruck macht, wirkt stolz in diesem Moment – wohl wissend, dass es zuhause das „Krim-ist-uns-Gefühl“ ist, das ihm trotz zunehmender Wirtschaftskrise Zustimmungsraten um die 70 Prozent beschert.

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Und nicht nur dort. Putin punktet, indem er internationale Regeln verletzt. Sein Fanclub im In- und Ausland wächst, wenn er voller Souveränität den Hooligan der Weltpolitik spielt. Der Stammtisch grölt anerkennend, wenn er sich das Recht des Stärkeren nimmt und geopolitische Fakten schafft. An diesem Sonntag bietet ihm die ARD eingebettet im Talk von Günter Jauch ein Forum, um sein Weltbild des 19. Jahrhunderts gründlich zu erläutern.

Und weil der Interviewer ungern nachhakt, stellt sich Putin seine rhetorischen Fragen selbst: Was ist Völkerrecht? Was ist Demokratie? Wer hat seine Truppen in der ganzen Welt verteilt? Wir Russen? Oder die Amerikaner? Der Kremlchef spielt sich als Oberlehrer einer deutschen Öffentlichkeit auf – und erweist sich einmal mehr als äußerst schwierig zu fassender und kaum zu interviewender Machtmensch.

Putin spricht...

  • über Krieg und Frieden

    „Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
    am 4.3. in einer Pressekonferenz

    „Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
    in einem am 01.09. bekanntgewordenen Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso

  • über Rüstung

    „Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
    am 10.09. in einer Pressekonferenz

  • über die Zukunft der Ostukraine

    „Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
    am 4. 3. in einer Pressekonferenz

    „Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
    am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

    „Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
    am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

  • über die Führung der Ukraine

    „In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
    am 18. 3. in der Rede an die Nation

    „Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
    am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

  • über den Westen

    „In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
    am 18.3. in der Rede an die Nation

    „Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
    am 18.3. in der Rede an die Nation

  • über Russen im Ausland

    „Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
    am 18.3. in der Rede an die Nation

    „Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
    am 18.3. in der Rede an die Nation

Es bleibt nur zu hoffen, dass der Zuschauer eine kritische Distanz zu Putins Thesen behalten hat. Denn Wladimir Putin spielt mit Lügen und Halbwahrheiten. In der Ukraine, sagt er, bestehe die Gefahr, dass das Land in Richtung Nationalsozialismus abdrifte. „Es sind ja Menschen mit dem Hakenkreuz am Ärmel unterwegs“, behauptet Putin.

Inszenierte Nazi-Bilder

Dabei wurden solche Bilder mit Nazi-Symbolik im kremlhörigen Staatsfernsehen für die russischen Zuschauer inszeniert. Es mag in der Armee rechte Spinner geben – aber in der Gesellschaft spielen sie kaum eine Rolle. Fakt ist, dass die Ukrainer weder bei den Präsidentschaftswahlen im Mai noch bei den Parlamentswahlen im Oktober in nennenswertem Maße für rechtsextreme Parteien gestimmt haben.

Die Ukraine ein Nazi-Land? Ein Mythos, der unwidersprochen stehen bleibt. Selten geht Interviewer Seipel dazwischen, der allenfalls als Stichwortgeber westliche Kritik kursorisch referiert. Dem längst evidenten Vorwurf russischer Waffenlieferungen an die Separatisten in der Ost-Ukraine darf Putin vollkommen ausweichen. „In der modernen Welt kann man sich die Waffen überall beschaffen“, so der Kremlchef – nur um mit dem blanken Unsinn fortzufahren, die ukrainische Armee wolle im Ostteil ihres Landes „alle vernichten“.

Zwischendurch gibt es immer wieder Momente, in denen Putin schlichtweg Recht hat. So hätte die Regierung in Kiew frühzeitig auch im Osten „erklären sollen, dass sie nichts Schlimmes im Schilde führt“. Sie hätte einen Dialog mit den Menschen im Südosten des Landes führen müssen, die den Umsturz nicht anerkennen.

Stimmt absolut. Nicht nur in der Kommunikation hat die Maidan-Bewegung wie die neue Regierung eklatante Fehler gemacht. Ihre vorbehaltlose West-Orientierung und die Abneigung gegen Russland ist naiv, falsch und absolut nicht zielführend. Und sicher tut der Westen zu wenig, um die Kiewer von ihrem Anti-Russland-Irrweg abzubringen.

Einordnung von Putins Positionen

Bei Putin aber dauert es wieder nur Sekunden, bis er dem Halbwahrheiten entgegensetzt. Erst als Kiew mit nächtlichen Verhaftungen von Andersdenkenden begonnen habe, hätten die Menschen im Osten zu den Waffen gegriffen. In Wahrheit stand die Mehrheit der Ost-Ukrainer jenen windigen Separatisten, die im Frühjahr mit Unterstützung aus Moskau öffentliche Gebäude in den Ostgebieten besetzten, von Beginn an skeptisch gegenüber – zumindest bis die Ukrainer dazu übergingen, die besetzten Gebiete unter Inkaufnahme von zivilen Opfern zurückzuerobern.

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Es braucht viel Hintergrundwissen, um Putins Positionen einordnen zu können. Das bringen weder Interviewer Hubert Seipel noch die Talkshow-Gäste um Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in der Nachbereitung mit. Gut möglich, dass der wohlstandsverwöhnte und von der hiesigen Politik enttäuschte deutsche Michel in Wladimir Putin seinen Meister gefunden hat.

Wovon Putin träumt

Etwa als dieser begründet, warum ein Großteil der Ukrainer den Umsturz in Kiew unterstützt habe: Nämlich in der Annahme, dass „Grenzen geöffnet werden und es möglich sei, in der Europäischen Union zu arbeiten, in Deutschland eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen“.

Putin ist klug genug zu wissen, dass solche Behauptungen bei manchem xenophoben Deutschen die Warnleuchten anspringen lassen. Dabei träumt in der Ukraine kaum jemand vom besseren Leben in Europa – denn wer das tut, ist längst schon drüben. Vielmehr zielten die Maidan-Proteste gegen die schlechte Regierungsführung und wuchernde Korruption im Heimatland ab.

Was übrigens auch die Hauptmotive für Proteste gegen das Putin-Regime in Russland vor drei Jahren waren. Davon träumt der machtversessene Kremlchef sicher noch heute.

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45 Kommentare zu ARD-Interview: Wladimir Putin interviewt sich selbst

  • Schade, daß man Sie wieder aus dem Donbas herausgelassen hat, Herr Willeshausen. Oder waren Sie am Ende gar nicht dagewesen?

  • "Bleibt zu hoffen, dass die Deutschen dies auch kritisch einzuordnen wissen."
    Leider ist das überwiegend nicht zu beobachten.

  • Der Kremlchef erläutert im ARD-Interview sein Weltbild – und versucht, die Zuschauer mit Halbwahrheiten und windigen Vergleichen einzuwickeln.
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    So eine widerliche Tirade wäre einer Bettina Röhl niemals in die Feder gedrungen, niemals! Die neue Chefredakteurin wird sich auch noch wundern, wenn Gabor Steingart ihr einmal Feuer unterm Arxxx macht! Alles zu seiner Zeit, gelle!

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