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  4. Andreas Georgiou, Ex-Chef der griechischen Statistikbehörde, ist mehrfach angeklagt, das Staatsdefizit hochgerechnet zu haben. Er hatte EU-Standards eingeführt.

Andreas GeorgiouGriechenlands Sündenbock für die Statistiktricks

Europa freut sich über ein Wiedererstarken der griechischen Wirtschaft. Doch die Geschichte von Andreas Georgiou zeigt: Ökonomische Fakten werden in Griechenland noch immer anders bewertet als im Rest Europas.Philipp Mattheis 26.06.2017 - 14:46 Uhr

Exchefstatistiker Andreas Georgiou liebt Griechenland.

Foto: Laif

Andreas Georgiou liebt sein Land noch immer, auch wenn in dieser Beziehung zuletzt einiges schiefgelaufen ist. „Ich glaube, dass es im nationalen Interesse des Landes ist, genaue Statistiken zu produzieren. Das war mein Dienst an Griechenland“, sagt er heute, da feststeht, dass ihm dieser Dienst kaum entgolten wurde. Als der Statistiker im August 2010 von Washington nach Athen zog, um dort die Leitung der Statistikbehörde Elstat zu übernehmen, war er voller Tatendrang. Er kündigte seinen gut bezahlten Job beim Internationalen Währungsfonds und verzichtete nach 21 Dienstjahren auf seine Pensionsansprüche. Seine gerade geborene Tochter nahm er mit.

Heute, sieben Jahre später, lebt Georgiou wieder in den USA. Bis auf eine Gastprofessur an einer Universität ist er arbeitslos. Stattdessen hat er eine Menge Probleme zu lösen: Denn in Griechenland wurde der 57-Jährige wegen insgesamt sechs Vergehen angeklagt. Es geht um 170 Milliarden Euro, lebenslängliche Haft und eine scheinbar unendliche Prozesskette, die im Juli in die nächste Runde geht. Vor allem aber geht es darum, wie der Staat Griechenland noch immer mit der ökonomischen Wahrheit umgeht. Beziehungsweise sie leugnet.

Der vorerst letzte Prozess gegen Georgiou endete gerade. Zuschauer und Demonstranten waren im Gerichtssaal, sie beschimpften ihn als „Verräter“ und „Lügner“. Warum? „Weil ich die Wahrheit gesagt habe“, sagt Georgiou und verweist auf die anerkannten Wirtschaftsstatistiken, die er in Athen eingeführt habe. Weil er das griechische Defizit künstlich hochgerechnet und Griechenland damit in den Abgrund gestürzt hat, sagen seine griechischen Gegner.

Das Szenario
Der US-Finanzriese Bank of America Merrill Lynch (BoA) wollte es genauer wissen: Analyst Athanasios Vamvakidis hat den Euro-Währungsraum unter der Maßgabe genauer unter die Lupe genommen, dass die Euro-Zone auseinanderbricht und der Euro abgeschafft wird. Hintergrund sind neben den hohen Staatsschulden einzelner Peripheriestaaten vor allem das absehbare Ende der massiven Anleihekäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB), das sogenannte OMT-Programm, und in der Folge wieder steigende Zinsen. Nur die Geldpolitik der EZB hat 2012 eine Eskalation der Staatsschuldenkrise verhindert, in dem die Kreditkosten für die Peripheriestaaten auf ein historisches Tief gedrückt wurden. Was also passiert, wenn das OMT-Programm endet?

Foto: dpa

Schatten-Wechselkurse
Die BoA-Experten erwarten, dass die EZB das OMT-Programm im kommenden Jahr reduziert und schrittweise auslaufen lässt. Dadurch würden auch die Finanzierungskosten der Staaten wieder ansteigen, obwohl es länger dauern dürfte, die Leitzinsen wieder anzuheben. Insgesamt rechnet die BoA dann mit höheren Schuldenquoten in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland als 2012 auf den Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise. Ohne einschneidende Reformen steigt somit das Risiko, dass die Euro-Zone auseinanderbricht. Dies vor Augen hat BoA-Analyst Vamvakidis Schattenwechselkurse für die nationalen Nachfolgewährungen gegenüber dem heutigen Euro berechnet. Diese legen Währungsunterschiede zwischen den Euro-Staaten offen, die derzeit durch die Gemeinschaftswährung verborgen sind.

Foto: dpa

Griechenland

Griechenland bleibt das Sorgenkind der Euro-Zone. Trotz spürbarer Fortschritte liegt die Überbewertung Griechenlands zusammen mit der Spaniens an der Spitze. Die griechische Drachme müsste deshalb nach heutigem Stand um 7,5 Prozent abwerten. Immerhin: Vor der Krise lag der Abwertungsbedarf eher bei 30 Prozent, insofern war die Verbesserung deutlich. Nur ein Land der Euro-Zone ist aktuell so stark überbewertet wie Griechenland.

Foto: dpa

Spanien

Müsste Spanien zur Peseta zurückkehren, wäre laut BoA eine Abwertung der spanischen Währung um 7,5 Prozent erforderlich. Gegenüber dem Abwertungsbedarf vor der Krise von rund 14 Prozent ist das schon eine Stabilisierung. Allerdings haben sich Spaniens Staatsschulden seit 2008 nahezu verdreifacht. Dank der Geldpolitik der EZB hat sich die Zinsbelastung des Staates jedoch nur um 80 Prozent erhöht.

Foto: Fotolia

Frankreich

Bräche der Euro heute auseinander, müsste der Franc um fünf Prozent abwerten – und damit deutlich mehr als zu Vorkrisenzeiten. Damals lag die Überbewertung bei nur zwei Prozent. Insgesamt, so Studienautor Vamvakidis, sei die Überbewertung jedoch zu gering, um die Forderungen der Rechtspopulistin Marine Le Pen nach einem Frexit und einer anschließenden Abwertung des Franc zu rechtfertigen.

Foto: dpa

Italien

Italien bleibt etwas überbewertet, so dass die italienische Lire nur um drei Prozent abwerten müsste, um einen angemessenen Wechselkurs zu erreichen. Vor der Krise betrug die Überbewertung noch 7,5 Prozent. Seit 2012 ist die Zinsbelastung des Staates deutlich gesunken.

Foto: dpa

Portugal

Auch in Portugal hat sich die wirtschaftliche Lage deutlich gebessert, so dass der Escudo nach heutigen Maßstäben nur noch leicht, nämlich um ein Prozent abwerten müsste, um im Gleichgewicht mit den übrigen Euro-Staaten zu notieren.

Foto: dpa

Euro-Zone insgesamt

Für die hoch verschuldeten Südeuropäer wäre ein Euro-Ende riskant, denn sollten die Zinsen wieder steigen, sehen sie sich rasant steigenden Zinslasten gegenüber. Betrachtet man die Euro-Zonen-Staaten zusammen, ergibt sich nach den Berechnungen der BoA für den Euro insgesamt ein Aufwertungsbedarf von rund sechs Prozent. Das liegt vor allem an zwei Euro-Staaten.

Foto: dpa

Irland

Die Wettbewerbsfähigkeit Irlands hat sich seit Ausbruch der Schuldenkrise substanziell verbessert. Das irische Pfund müsste daher aktuell 2,5 Prozent aufwerten. Vor Ausbruch der Krise war das irische Pfund laut BoA-Berechnungen noch um 15 Prozent überbewertet. Nur ein Land ist derzeit noch deutlich stärker unterbewertet als Irland.

Foto: Fotolia

Deutschland

Den größten Anpassungsbedarf hätte der BoA-Analyse zufolge die D-Mark. Sie müsste um stolze 15 Prozent aufwerten. Vor der Euro-Schuldenkrise hatte die Unterbewertung der deutschen Wirtschaft nur drei Prozent betragen. Allein die massive Aufwertung der D-Mark würde die Währungen der Peripheriestaaten nahezu ins Gleichgewicht bringen, so die US-Banker der BoA.

Foto: Fotolia

Gerade vergangene Woche vermeldeten die griechische Regierung, die Euro-Staaten und der Internationale Währungsfonds eine Einigung über ein weiteres Rettungspaket für den quasi bankrotten Staat. Man gewährte eine neue Schuldentranche, Griechenland verpflichtete sich zu Reformen, und der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble war zufrieden. Der CDU-Politiker verwies darauf, dass Griechenland wegen der verordneten Reformen wieder wachse und deswegen nun alles besser werde. Verfolgt man aber die Verfahren gegen den Exchefstatistiker Georgiou, kommen einem Zweifel an diesen Wachstumszahlen: Kann ein Land, das seinen ehemals obersten Datenhüter wegen zu großer Nähe zur Wahrheit juristisch verfolgt, wirklich heute korrekte Zahlen an die internationale Gemeinschaft melden?

Die Statistikbehörde Elstat liegt an einer Schnellstraße Richtung Piräus, zwischen Billigmöbelläden und Werkstätten. Im Büro des Direktors steht ein Tresor, der aussieht wie aus einem Donald-Duck-Comic: hüfthoch, aus Metall und mit einem Rad an der Tür. „Das ist ein Erbe meines Vorgängers“, sagt Athanasious Thanopolous, der seit Februar 2016 Georgious Nachfolger ist. „Ich bin hier sehr behutsam vorgegangen. Ich wollte bewusst nicht viel verändern.“ Aus diesem Grund habe er auch den Eisenschrank hier stehen lassen. Denn leider habe ihm sein Vorgänger sonst nichts überlassen. Es habe keine Übergabe, kein Memorandum, kein Briefing gegeben. Nur dieser Tresor, in dem Georgiou Dokumente aufbewahrte, weil er niemandem mehr traute.

Die ganze Misere geht auf den Oktober 2009 zurück. Wenige Tage nach einer gewonnenen Parlamentswahl meldet da die neue sozialdemokratische Regierung nach Brüssel: Statt wie bisher gemeldet unter drei Prozent läge das griechische Haushaltsdefizit bei 12,5 Prozent. EU-Kommission und Europäischer Zentralbank wird in dem Moment klar: Die Griechen fälschen ihre Statistiken. Die neue Regierung handelt: Mit der Neugründung der Statistikbehörde will man ein Zeichen setzen. Im August 2010 übernimmt Georgiou den Vorsitz.

„Ich arbeitete 15 Stunden am Tag“, sagt Georgiou. „Dieses Arbeitspensum behielt ich die folgenden fünf Jahre bei.“ Er reformiert die Arbeitsweise der Behörde, er führt geltende EU-Standards ein. Georgiou tut nichts, was für europäische Ohren revolutionär klingt, und doch schafft er sich so nach und nach eine beachtliche Schar an Feinden.

Platz 15: Norwegen

Eine der höchsten Pro-Kopf-Verschuldungsraten der Welt hat Norwegen. 5,2 Millionen Menschen leben in dem ölreichen Land. Teilt man die Staatsschulden durch die Einwohnerzahl, kommt Norwegen auf eine Pro-Kopf-Verschuldung von 34.910 US-Dollar (32.416 Euro). Da aber auch das Bruttoinlandsprodukt sehr hoch ist, ist die Schuldenlast erträglich. Der Staat ist mit 34,1 Prozent des BIPs verschuldet - und genießt Top-Vertrauen bei Investoren und Ratingagenturen.

Quelle: Bloomberg, 2014

Foto: dpa

Platz 14: Deutschland

Die Bundesrepublik gilt als einer der letzten sicheren Häfen in der Euro-Zone. Investoren sind zum Teil bereit, negative Renditen zu zahlen, um ihr Geld in deutsche Staatsanleihen anlegen zu können. Dabei gehört Deutschland - schaut man auf die Pro-Kopf-Verschuldung - zu den größten Schuldnern der Welt. Jeder der 81,6 Millionen Bundesbürger müsste 35,881 US-Dollar (oder 33,318 Euro) stellen, um Deutschlands Schulden auf einen Schlag zu begleichen.

Foto: dpa

Platz 13: Niederlande

Die Wirtschaft kriselt, das Top-Rating ist weg: Die Staatsverschuldung der Niederlande ist den vergangenen Jahren von 66,5 Prozent auf über 70 Prozent des BIPs gestiegen. Pro Kopf ist der Staat (16,8 Millionen Einwohner) mit 37,233 US-Dollar verschuldet. Das sind mehr als 35.000 Euro pro Person.

Foto: AP

Platz 12: Griechenland

Das Euro-Krisenland Nummer 1, Griechenland, hat eine Pro-Kopf-Verschuldung von 38,444 US-Dollar (35,698 Euro). Das Problem: Obwohl andere Euro-Staaten deutlich schlechtere Werte haben, steht das Land kurz vor der Pleite. Der Grund: die schwache Wirtschaftsleistung. Griechenland erwirtschaftet nur ein Bruttoinlandsprodukt von 242,2 Milliarden US-Dollar. So lassen sich die Staatsschulden - die bei über 170 Prozent des BIP stehen - nicht abtragen.

Foto: AP

Platz 11: Österreich

Gemeinsam mit Deutschland setzt sich Österreich für die Einhaltung der Maastricht-Kriterien in der Euro-Zone ein. Bei der Verschuldung - 86,4 Prozent des BIP - reißt das Land allerdings selbst die Vorgaben. Die 8,5 Millionen Österreicher sind pro Kopf mit mit 38,621 US-Dollar (35,862 Euro) verschuldet.

Foto: dpa

Platz 10: Schweiz

Die wohlhabende Schweiz sitzt auf einem Schuldenberg in Höhe von 216 Milliarden Euro. Das sind 49 Prozent der Wirtschaftsleistung - oder 38,639 US-Dollar pro Kopf (35,879 Euro). Ein Wert, den Investoren keine Sorge bereitet. Sie leihen den Eidgenossen gegen Minizinsen ihr Geld.

Foto: dpa

Platz 9: Vereinigtes Königreich

Die Billionengrenze überschreiten die Briten in Sachen Verschuldung locker. 1,66 Billionen Euro beträgt ihr Schuldenstand, das sind 90 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. In puncto Verschuldung pro Einwohner landet Großbritannien mit 38.938 US-Dollar (36,156 Euro) auf Platz 9.

Foto: REUTERS

Platz 8: Frankreich

Der viertgrößte Schuldner in der Euro-Zone ist Frankreich - gemessen an der Pro-Kopf-Verschuldung. Der Staat hat eine Schuldenlast von 42.397 US-Dollar (39,368 Euro) für jeden der 64 Millionen Franzosen aufgestaut. Die Franzosen stehen mit fast 100 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in der Kreide.

Foto: dpa

Platz 7: Kanada

Die Staatsschulden Kanadas belaufen sich auf rund 800 Milliarden US-Dollar, das 44,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Pro-Kopf-Verschuldung Kanadas beträgt laut Bloomberg 45,454 US-Dollar (42,207 Euro).

Foto: AP

Platz 6: Italien

Italiens Schulden sind mit 2,75 Billionen Euro immens hoch. Schließlich ist das mehr, als die italienische Volkswirtschaft in einem Jahr erwirtschaftet. Die Schulden im Verhältnis zum BIP liegen bei 139,5 Prozent. Die 60,8 Millionen Italiener sind im Durchschnitt pro Kopf mit 46,757 US-Dollar (rund 45.000 Euro) verschuldet.

Foto: dpa

Platz 5: Belgien

Noch höher sind die Schulden pro Einwohner allerdings in Belgien. Hier beträgt die Pro Kopf-Verschuldung 47.749 US-Dollar (44,338 Euro). Die absoluten Staatsschulden belaufen sich auf 375 Milliarden Euro. Das entspricht ziemlich genau der Wirtschaftsleistung des Landes.

Foto: dpa

Platz 4: Singapur

Das asiatische Land gilt als wirtschaftlicher Vorreiter in der Region. Allerdings ist die Schuldenlast des 5,5-Millionen-Einwohner-Staates hoch: Die Pro-Kopf-Verschuldung liegt bei 56.980 US-Dollar (52,910 Euro). Insgesamt liegen die Staatsschulden bei 106,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Foto: dpa

Platz 3: USA

Mehr als eine Billion Dollar Defizit stand in den Haushaltsbüchern der USA, als Obama Präsident wurde. Noch im letzten Jahr schoben die Vereinigten Staaten von Amerika einen gigantischen Schuldenberg in Höhe von 18,195 Billionen US-Dollar vor sich her - das waren 58,604 US-Dollar (54,418 Euro) pro Kopf. Mittlerweile hat sich das Haushaltsloch verringert. Wegen höherer Einnahmen und geringerer Ausgaben werde nun nur noch mit einem Defizit von 455 Milliarden Dollar (413 Milliarden Euro) gerechnet. Im kommenden Haushaltsjahr soll das Loch dann bei 429 Milliarden Dollar und damit bei 2,3 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen.

Foto: dpa

Platz 2: Irland

Getoppt wird die Pro-Kopf-Verschuldung nur noch von Irland und einem weiteren Land. Das Euro-Land hat infolge der Finanzkrise eine Pro-Kopf-Verschuldung von über 60,000 US-Dollar aufgebaut. Die Gesamtschulden betragen 121 Prozent des irischen BIP. Zahlen, über die der Spitzenreiten nur lachen kann...

Foto: dapd

Platz 1: Japan

Japans Verschuldung beträgt inzwischen über zehn Billionen US-Dollar. Das sind 199 Prozent des BIP - oder 79,525 US-Dollar (73,844 Euro) pro Einwohner.

Foto: dpa

Zum ersten Konflikt mit dem siebenköpfigen Aufsichtsrat kommt es, als er die halbjährlichen Zahlen nicht zur Abstimmung stellen will. „Ein absurder Vorgang“, erinnert sich Georgiou. „Wir ermitteln Zahlen, und dann soll man darüber abstimmen? Das ergibt doch keinen Sinn.“

Von nun an wird Georgious Arbeit immer schwieriger. Hilfe, sagt er heute, habe er von seinem Kollegen von Eurostat bekommen. „Von griechischer Seite wurden uns nur Steine in den Weg gelegt.“ Die Mitarbeiterzahl schrumpft, der politische Druck steigt. Irgendwann wird sein E-Mail-Account vom Aufsichtsratsvize geknackt, so schildert Georgiou es. Der Mann ohne Netzwerk in der Athener Politik gilt nun als Ausländer, der „mit dem IWF unter einer Decke steckt“.

2013 wird Georgiou angeklagt. Er habe das griechische Defizit aus dem Jahre 2009 „künstlich aufgebläht“. Seine Gegner behaupten, dadurch sei Griechenland mit einer schlechteren Position in die Verhandlungen um das erste Rettungspaket gegangen, und somit sei dem Land ein Schaden von 170 Milliarden Euro entstanden. Darauf steht lebenslange Haft.

Durchbruch bei Verhandlungen

Griechenland bekommt frische Milliarden-Kredite

Dreimal wird das Verfahren eingestellt, dreimal wieder aufgenommen – zuletzt am 29. Mai dieses Jahres. Außerdem wird Georgiou wegen Pflichtverletzung angeklagt. Auch dieses Verfahren wird mehrfach eingestellt und wieder aufgenommen. Weil Georgiou 2014 in einer Pressemeldung fragte, wie es sein könne, dass zwar er sich vor Gericht verantworten müsse, nicht aber sein Vorgänger, wird er von eben jenem Vorgänger wegen Rufmord angeklagt. Im Mai dieses Jahres stellt ein Gericht fest: Georgiou habe zwar die Wahrheit gesagt, hätte dies aber nicht öffentlich äußern dürfen.

„Es ist nicht nachzuvollziehen, warum die Verfahren immer wieder eröffnet werden“, sagt Gerry O’Hanlon, der über Elstat an Eurostat berichtet. Hanlon vermutet politische Gründe. „Für viele Menschen in Griechenland ist Georgiou der Sündenbock für die Austeritätspolitik.“ Eine Mitarbeiterin der Behörde sagt über Georgiou, die Enttäuschungen hätten ihn verbittert, am Ende hätte es keine Kommunikation mehr zwischen Elstat und anderen Behörden gegeben. Innerhalb der Elstat hätte Georgiou mit Misstrauen und Mikromanagement reagiert. „Er hat öffentlich seine Vorgänger beschuldigt“, sagt die Frau und zuckt mit den Schultern. „Was hat er erwartet?“

Nachfolger Thanopoulos hat sich eingearbeitet. Ein Mensch, der Fußball und Witze liebt. Erst vor Kurzem ist er an die personalisierten Steuerdaten gekommen, was seinem Vorgänger nicht gelang. So etwas funktioniere eben nur, wenn man Beziehungen aufbaue.

Thanopoulos ist bemüht, einen guten Eindruck von Elstat zu vermitteln. Im März etwa, da habe Premier Alexis Tsipras Wirtschaftswachstum verkündet. Er, der Elstat-Chef, habe öffentlich widersprochen, indem er wenige Tage später ganz andere Zahlen gemeldet habe. „Ich bekomme keine Anrufe von Politikern, die mir sagen, was ich zu veröffentlichen habe.“

Und doch bleiben Fragen: Wie unabhängig kann eine Behörde arbeiten, deren ehemaliger Direktor mit Verfahren überzogen wird?

Und wann werden Politiker erneut versuchen, auf die Statistik Einfluss zu nehmen? Der nächste Prozess gegen Andreas Georgiou beginnt im Juli.

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