Steigende Lebensmittelpreise in Finnland: Finnen flüchten zu Lidl

06. Februar 2013
Lidl profitiert von den steigenden Lebensmittelpreisen in Finnland. Immer mehr Bürger in dem Euro-Land kaufen beim deutschen Discounter ein. Quelle: dpaBild vergrößern
Lidl profitiert von den steigenden Lebensmittelpreisen in Finnland. Immer mehr Bürger in dem Euro-Land kaufen beim deutschen Discounter ein. Quelle: dpa
von Tim Rahmann

In Finnland werden Lebensmittel immer teurer. Der deutsche Discounter Lidl erlebt einen Kundenansturm – und rationiert zum Teil die Verkäufe.

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Auf den ersten Blick ist alles wie in Deutschland: Das blau-gelb-rote Lidl-Logo hat seinen festen Blick in der oberen linke Ecke des finnischen Werbeprospekts. Der Discounter wirbt mit Produkten, die auch der deutsche Kunde kennt, und über den Preisen wird in der roten Signalfarbe auf den Rabatt hingewiesen. Um 21 Prozent ist Gulasch in dieser Woche reduziert. Dennoch – und spätestens hier wird der deutsche Lidl-Kunde schlucken – kostet die Packung 4,29 Euro. Einen Schokoriegel gibt es für einen Euro und Lachs in der 1-Kilogramm-Packung kostet 9,99 Euro. Preise, mit denen der Discounter in Deutschland seine Kunden scharenweise zur Konkurrenz treiben würde. Doch in Finnland ist Lidl mit diesen Preisen mehr als konkurrenzfähig.

„So richtig bringt das Einkaufen in Finnland keinen Spaß mehr“, sagt Esther Kreutz. Die junge Mutter, gebürtig aus Neu-Anspach bei Frankfurt, lebt seit sieben Jahren in dem Nordstaat. „Es war schon immer teuer, hier zu leben. Das Problem ist, dass die Preise immer weiter steigen. Zuletzt zu Jahresbeginn.“ Inzwischen liegen die Preise in Finnland 24,7 Prozent über dem Durchschnitt der 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Zum Vergleich: Deutschland liegt nur winzige 3,2 Prozent über dem Durchschnitt. Bei den Lebensmitteln ist es besonders gravierend. Käse ist fast 60 Prozent teurer als in Deutschland, Schokolade und Brot sind mindestens 50 Prozent teurer.

Preisvergleich Finnland - Deutschland

  • Hintergrund

    Sind die Lebensmittel in Finnland wirklich so teuer? WirtschaftsWoche Online hat die Prospekte von Discounter Lidl in Deutschland und Finnland Ende Januar/ Anfang Februar studiert und die Preise verglichen.

  • Pizza

    Drei Salami-Tiefkühlpizzen der Marke Alfredo kosten regulär im finnischen Lidl-Markt 3,99 Euro. Im Angebot gibt es das Dreierpack für 2,99. In Deutschland kosten die drei Pizzen regulär nur 2,49 Euro. In Finnland kosten sie damit 60 Prozent mehr.

  • Kebab-Fleisch

    In Deutschland kostet die 400-Gramm-Packung von Dulano regulär 1,99 Euro. In Finnland kostet die gleiche Packungsgröße – hier ist das Kebab-Fleisch von der Marke Marvest – normalerweise 3,49 Euro. Reduziert bietet Lidl das Fleisch auch in Finnland für 1,99 Euro an. Regulär allerdings ist das Kebab in Finnland 75 Prozent teurer.

  • Käse

    Abgepackter Tilsiter der Marke Milbona in der 400-Gramm-Packung kostet bei Lidl in Deutschland regulär 1,89 Euro. Im Angebot gibt es den Käse 26 Prozent günstiger, also für 1,39 Euro. 100 Gramm kosten demzufolge 35 Cent.

    In Finnland kostet die 200-Gramm-Packung Gouda, Marke Linessa regulär 1,69 Euro. Derzeit ist der Käse im Angebot. Er ist 30 Prozent günstiger und kostet 1,19 Euro. Das sind 59,5 Cent pro 100 Gramm. Der Käse ist demnach in Finnland rund 59 Prozent teurer.

  • Orangensaft

    Gleiches Produkt, ungleicher Preis: Orangensaft im 1,5-Liter-Tetrapack kostet in Deutschland 0,89 Euro. In Finnland gibt es den Orangennektar derzeit im Angebot für 0,99 Euro. Regulär kostet das Tetrapack 1,39 Euro. Damit ist der Orangensaft in Finnland normalerweise 56 Prozent teurer.

  • Mozzarella

    Der italienische Käse aus Kuhmilch der Marke Lovilio kostet in der 125-Gramm-Packung in Deutschland regulär 0,49 Euro. In Finnland gibt es den gleichen Käse derzeit für 0,45 Euro – er ist bei Lidl im Angebot und um 43 Prozent reduziert. Normalerweise kostet der Mozzarella 0,79 Euro und damit 61 Prozent mehr als in Deutschland.

Zwei Gründe sind dafür maßgeblich, erklärt Torsten Pauly, der seit knapp zwei Jahren in Helsinki lebt und dort Repräsentant bei "Germany Trade & Invest" ist, der Bundesgesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing.  „Finnland ist ein sehr kleiner Markt. In einem flächenmäßig sehr großen Land, in dem die Spediteure weite Wege zurücklegen müssen, leben nur etwas mehr als 5,3 Millionen Menschen. Das ist eine überschaubare Zielgruppe.“ Zudem sei der Einzelhandel oligopolistisch geprägt. Es gibt nur vier große Unternehmen auf dem Lebensmittelmarkt: Die finnischen Handelskonzerne S-Gruppe, K-Gruppe und Suomen Lähikauppa und der deutsche Discounter Lidl kommen gemeinsam auf über 94 Prozent Marktanteil. „Bäckerei- oder Fleischerketten gibt es in Finnland kaum“, sagt Pauly. Selbst in Helsinki nicht. Auch Bio-Läden sind eine Rarität.

Geringer Wettbewerb in Finnland

Die großen Konzerne können so fast willkürlich die Preise festlegen. Wie in Deutschland auf dem Benzinmarkt gilt: Eine Krähe sticht der anderen kein Auge aus. „Der Wettbewerb ist sehr gering“, sagt Pauly.

Lidl profitiert vom hohen Preisniveau bei den Lebensmitteln. Ohne die Zahl der Filialen zu vergrößern, konnte der deutsche Discounter nach eigenen Angaben seinen Marktanteil von fünf auf rund sieben Prozent ausbauen. Vor allem die Rabatte des gelb-blau-roten Riesen wecken regelmäßig die Aufmerksamkeit der Kunden. Um Hamsterkäufe zu verhindern, rationiert Lidl die Ausgabe von Lebensmitteln. Unglaublich, aber wahr: Mehr als zwei Torten und zwei 500-Gramm-Packungen Kebab-Fleisch darf kein Kunde kaufen.

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Kommentare | 6Alle Kommentare
  • 04.02.2013, 07:47 Uhrskyjellyfetty

    "Unglaublich, aber wahr: Mehr als zwei Torten und zwei 500-Gramm-Packungen Kebab-Fleisch darf kein Kunde kaufen."
    Soviel zum "freien Markt".
    Was passiert,wenn Verbraucher Konzernen ohne staatliche Reglementierung ausgeliefert sind,zeigt das doch sehr gut.Kartellbildung scheint regelrecht physikalisches Gesetz zu sein für Konzerne.Und König ist der Kunde nur dort,wo er wirklich Ausweichmöglichkeit hat.Ansonsten wird er gnadenlos abkassiert.
    Konzerne sind nicht des Verbrauchers Freund.

  • 04.02.2013, 10:45 Uhrmathias

    Die EU ist der staatl. Garant für ABZOCKE

  • 04.02.2013, 11:07 UhrGuzzi_Cali2

    Alles prima. Unsere Kanzlerin wird nicht müde, zu behaupten, der Euro und die EU seien die Garanten für Frieden und Wohlstand in Europa. Und der tumbe deutsche Michel glaubt ihr das offenbar auch noch (siehe Umfrage-Ergebnisse) und wählt fleißig ihre CDU und die anderen Euromantiker von SPD, FDP und Grünen. Ich hoffe sehr, daß die Finnen die ersten sind, die aus diesem Euro-Wahnsinn austreten, denn die sind noch nicht so korrumpiert. Und wenn ein Stein aus der Mauer bricht, fallen hoffentlich weitere.

    http://www.youtube.com/watch?v=uEwQgFVV1lA

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