Jim O´Neill: "Europa hat schlechte Aussichten"

ThemaKonjunktur

InterviewJim O´Neill: "Europa hat schlechte Aussichten"

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Jim O´Neill fürchtet, dass Europa sein Wohlstandsniveau nicht wird halten können.

von Tim Rahmann

Ökonom und Ex-Goldman-Sachs-Banker Jim O'Neill sagte einst das enorme Wachstum der BRIC-Staaten voraus. Nun erklärt er, warum Europa absteigt, Indien boomt und Mexiko viel besser ist, als die Türkei.

WirtschaftsWoche: Mister O’Neill, Sie haben 2001 in einem Aufsatz erstmals die vier Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China als BRIC-Staaten zusammenfasst und ihnen ein Jahrzehnt hoher Wachstumszahlen vorhergesagt. Wie sicher waren Sie sich, dass Ihr Tipp hinhauen würde?

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Jim O‘Neill: Jedenfalls nicht so sicher, dass ich mein Haus und Hof darauf verwettet hätte! Ich habe die Studie nach den Terroranschlägen vom 11. September verfasst. Mir war damals klar, dass die Welt nicht weiter so bestehen würde wie bisher. Dass sich etwas ändern würde, auch wirtschaftlich. Wenn die Globalisierung weiter Erfolg haben sollte, durfte sie nicht unter westlicher Dominanz daherkommen. Also habe ich mich an die Arbeit gemacht und mir die größten unterentwickelten Länder, heute sagen wir Schwellenländer, angeschaut.

Das waren die vier BRIC-Staaten?

Ja. China und Indien waren gesetzt als einzige Länder, die mehr als eine Milliarde Einwohner haben. Dazu Brasilien, das bevölkerungsreichste Land Südamerikas und Russland, das größte Land – sowohl nach Fläche als nach Einwohnern – zwischen Atlantik und Uralgebirge. Die Länder haben sich quasi von selbst ergeben.

Zur Person

  • Jim O´Neill

    Terence James, genannt „Jim“, O'Neill ist 57 Jahre alt. Bis April 2013 arbeitete der Brite für die US-Bank Goldman Sachs. Als oberster Vermögensverwalter der Investmentbank betreute er bis zu 800 Milliarden Dollar Kundengelder. Bekannt wurde O’Neill durch einen Aufsatz von 2001, in dem er die vier Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China als BRIC-Staaten zusammenfasste und ihnen erfolgreiche Wirtschaftsjahre voraussagte. Das Akronym BRIC wurde später weltbekannt. Seit Anfang 2014 arbeitet er als Honorarprofessor an der Universität von Manchester und forscht für den Brüsseler Thinktank Bruegel.

Das klingt einfach.

Es war einfach, ja! Aber nochmal: Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Aufsatz eine derartige Wirkung haben würde. Hatte er auch nicht in den ersten Monaten, sondern erst, als es offizielle Schätzungen gab, dass die vier BRIC-Staaten zusammen ein höheres BIP erwirtschaften werden als die G7. Das wird irgendwann zwischen 2020 und 2030 sein. Und zwar nur, weil sich Brasilen, Russland, Indien und China im ersten Jahrzehnt nach der BRICs-Studie so gut geschlagen haben. Viel besser, als von uns erwartet und prognostiziert.

In den letzten Monaten und Jahren aber sind mindestens zwei – Brasilien und Russland – der vier Staaten abgestützt.

In den ersten zehn Jahren seit 2001 haben sich alle vier Staaten sensationell gut entwickelt. Inzwischen wächst Indien ganz okay, China immer noch beachtlich…

Zuletzt aber nur noch um 7,3 Prozent, so gering wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Die Kritik an Chinas Wachstumszahlen ist lächerlich. Das Land hat eine enorme Entwicklung hingelegt und legt immer noch Zahlen vor, von denen fast alle Länder auf der Welt nur träumen können. Natürlich ist China erlahmt, das will ich gar nicht abstreiten. Experten, die – wie ich – das Land seit 20 oder mehr Jahren beobachten, sind von dem Rückgang aber nicht überrascht. Im Gegenteil: China ist in der zweiten Dekade seit 2001 deutlich stärker gewachsen, als ich damals vermutet habe. Das gilt für kein zweites Land.

Die BRIC-Staaten schwächeln

  • China

    BIP-Wachstum 2010: 10,4 Prozent

    BIP-Wachstum 2013 (Prognose): 7,8 Prozent

    Quelle: IWF

  • Indien

    BIP-Wachstum 2010: 11,2 Prozent

    BIP-Wachstum 2013 (Prognose): 5,6 Prozent

  • Russland

    BIP-Wachstum 2010: 4,5 Prozent

    BIP-Wachstum 2013 (Prognose): 2,5 Prozent

  • Brasilien

    BIP-Wachstum 2010: 7,5 Prozent

    BIP-Wachstum 2013 (Prognose): 2,5 Prozent

Zurück zu Brasilien und Russland. Warum sind diese beiden Länder zuletzt abgestürzt?

Brasilien und Russland haben sich enttäuschend entwickelt. Beide Märkte sind – abgesehen von politischen Schwierigkeiten – extrem abhängig von Rohstoffexporten. Bei Brasilien sind das hauptsächlich Sojaprodukte, Fleisch und Zucker, aber auch Eisenerz. Bei Russland wie bekannt Öl und Gas. Durch die Preisstürze an den Rohstoffmärkten haben sich die Probleme der Länder vergrößert und die Wachstumsaussichten verschlechtert.

Sowohl die Regierung in Brasilia, als auch die Putin-Administration in Moskau müssen die Attraktivität des Landes für ausländische Investoren steigern, ihre Produktivität erhöhen und ihre Arbeitskräfte qualifizieren – kurzum: die Wettbewerbsfähig steigern.

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