Ludwig von Mises: Der unbeugsame Visionär
Ludwig von Mises gilt als einer der wichtigsten Vordenker des wirtschaftlichen Liberalismus.
Foto: Mises Institute, Auburn, Alabama, USAFragt man fünf Ökonomen nach den Ursachen der Finanzkrise, erhält man oft fünf verschiedene Antworten. Doch in einer Sache sind sich alle Vertreter der Zunft einig: Niemand habe die Krise vorhersehen können. Wirklich nicht? Oh doch! Man hätte nur die Werke eines Ökonomen lesen müssen, der zwar schon seit knapp 40 Jahren tot ist, dessen Ideen und Theorien aber so aktuell sind wie nie zuvor. Die Rede ist von Ludwig von Mises.
Der österreichische Ökonom hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen die Zentralbank dann mit noch mehr Geld und Kredit zu noch niedrigeren Zinsen zu bekämpfen versucht, was weitere Boom-Bust-Zyklen auslöst.
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Foto: WirtschaftsWocheGustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gegen die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten.
Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SADer österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt.
Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen.
Foto: Mises Institute, Auburn, Alabama, USAGary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen.
Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität.
Foto: dpaJeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien.
Foto: dpaDer Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft.
Foto: dpaAmartya Sen wurde 1933 in der Universitätsstadt Santiniketan, Indien, geboren. Er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Der Ökonom erhielt 1998 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie und wirtschaftlichen Entwicklung. Er veröffentlichte im Laufe seiner Karriere mehr als Hundert Forschungsschriften und ist Inhaber rund 90 Ehrendoktortiteln, zum Beispiel von der Universität Toronto. Ein zentraler Gedanke in seinem Werk ist die Idee der Freiheit, er betrachtet diese als die Basis des menschlichen Daseins, die jedes seiner Themen, wie Entwicklung, Armut, Hunger, Markt und Moral, durchdringt. Seine Thesen als liberaler, linker Theoretiker sind nicht unumstritten, so wird beispielsweise sein Begriff von Freiheit und Markt weder von Marktdogmatikern noch von deren Gegnern geteilt.
Foto: dpaIn seiner Heimat ist die Arbeit von Friedrich List (1789 - 18 46) fast vergessen. Die letzte Neuauflage von Lists Hauptwerk liegt 80 Jahre zurück. Er ist der gedankliche Vater des Protektionismus. In Deutschland gilt sein Werk als überholt, doch es bietet theoretisches Rüstzeug, wie der Staat die Wirtschaftsentwicklung fördern kann - und wann er besser die Hände davon lassen sollte. In vielen Schwellenländern erfreut sich die Lehre von List daher großer Popularität.
Foto: dpaDer britische Ökonom David Ricardo (1772 – 1823) machte an der Londoner Börse gute Gewinne und konnte sich Dank seines eigenen Vermögens ganz den ökonomischen Studien widmen. Er machte sich mit dem „Kornmodell“ einen Namen, das auf dem Paper Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock basiert, in dem er die freie Korneinfuhr empfiehlt. Nach ihm wurde auch die Ricardianische Äquivalenz benannt – ein Konzept, das sich mit der Wirkung von Steuersenkungen in der Gegenwart beschäftigt, die mit höheren Steuern in der Zukunft refinanziert werden sollen. Auf ihn geht auch die Theorie der komparativen Kostenvorteile zurück, ein Kernstück der Außenhandelstheorie und wesentliche Erkenntnis über die relativen Kostenvorteile internationaler Arbeitsteilung.
Foto: dpaIm Jahr 1987 erhielt der US-amerikanische Ökonom Robert Solow (*1924) den Wirtschafts-Nobelpreis für seine Forschungen zur neoklassischen Wachstumstheorie. Solow entwickelte das sogenannte Solow-Modell, das im Gegensatz zu Keynes Auffassung die Nachfrageentwicklung nicht als bestimmende Determinante des Wirtschaftswachstums ansieht. Sein Solow-Modell erklärt das langfristiges Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft nur durch technischen Fortschritt. Solow ist Emeritus-Professor am Massachusetts Institute of Technology.
Foto: Julia Zimmermann für WirtschaftswocheAls Prophet war Marx (1818 – 1883) ein Versager, als Soziologe ein Riese, als Ökonom vor allem ein gelehrter Mann: Karl Marx, der Theoretiker des Industriekapitalismus, wollte nicht nur zu revolutionären Ergebnissen kommen, sondern die Notwendigkeit der Revolution beweisen. Der Mauerfall hat ihn ideologisch entlastet und als originellen Denker rehabilitiert. Seine Lehren über Produktionsfaktoren und die Verteilung von Produktionsmitteln sowie der von ihm geprägte Begriff des Mehrwerts spielen noch heute eine große Rolle.
Foto: WirtschaftsWoche, APWalter Eucken zählt zu den wichtigsten Vordenkern der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Der Mitbegründer des Ordoliberalismus hat analysiert, wie eine marktwirtschaftliche Ordnung konstruiert sein muss, die Wachstum schafft, Macht begrenzt und den Menschen dient. Der religiös geprägte Eucken glaubte an den Markt, aber nicht an dessen Unfehlbarkeit, er sah die Gefahr, dass wirtschaftliche Interessengruppen den Wettbewerb aushebeln können – und wollen. Noch während des zweiten Weltkrieges arbeitete er heimlich am theoretischen Grundgerüst der bis heute gültigen sozialen Marktwirtschaft in Deutschland.
Foto: PressebildFriedrich August von Hayek (1899-1992) war ein leidenschaftlicher Weltverbesserer. Sein ganzes Forscherleben hat er daran gearbeitet, Planwirtschaft und Kollektivismus wissenschaftlich zu widerlegen, er war leidenschaftlicher Gegner des Sozialismus und Modernisierer des klassischen Liberalismus. Führ ihn waren Freiheit, Eigentum, Gleichheit vor dem Gesetz, Wettbewerb und Marktwirtschaft Eckpfeiler der Zivilisation. Seine Tiraden gegen den Wohlfahrtsstaat haben jahrzehntelang die intellektuelle Brillanz seiner Theorie komplexer Ordnungen überschattet. Der gebürtige Wiener wurde als erster Ausländer an die renommierte London School of Economics berufen. Im März 1944 veröffentlicht er als seine leidenschaftliche Abrechnung mit Sozialismus und Nationalsozialismus, „Der Weg zur Knechtschaft“.
Foto: WirtschaftsWocheJohn Maynard Keynes (1883 – 1946) löste mit seiner Analyse der Unterbeschäftigung in der Weltwirtschaftskrise eine Revolution des ökonomischen Denkens aus. Er forderte, der Staat solle in Krisensituationen die Nachfrage ankurbeln, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten. Seine Ideen bedeuteten eine radikale Abkehr von der bisherigen Wirtschaftlehre, die die Angebotsseite ins Zentrum allen wirtschaftlichen Handelns stellte, und beeinflussen bis auf den heutigen Tag Ökonomen, Zentralbanker und Finanzminister.
Foto: WirtschaftsWocheJoseph Schumpeter hat das Grundgesetz des Kapitalismus erforscht: ewiger Wandel durch „schöpferische Zerstörung“. Keiner sah so klar wie er, dass in seinen Krisen nicht nur der Kapitalismus selbst auf dem Spiel steht, sondern auch die Atmosphäre des Fortschritts. Schumpeter gilt als der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts. Er hat in zahlreichen Wirtschaftsdisziplinen deutliche Spuren hinterlassen und Begriffe wie „Wagniskapital“, „Firmenstrategie“ und den vierten Produktionsfaktor „Unternehmertum“ sowie das Kreativitätsprinzip eingeführt. Schumpeters Erkenntnisse machen den modernen Kapitalismus bis heute aktuell.
Foto: WirtschaftsWocheDer amerikanische Ökonom Milton Friedman hat die Geldtheorie revolutioniert und sein Leben lang für freie Märkte und weniger Staat gekämpft. Als intellektueller Gegenspieler von John Maynard Keynes spaltete er Wissenschaft und Politik gleichermaßen. Zwischenzeitlich galt er als widerlegt. Jetzt zeigt sich: Friedmans Erkenntnis, dass die Geldmenge die Konjunktur und die Inflation bestimmt, ist aktueller denn je. Die Steuerung der Geldmenge durch Staaten und Notenbanken sah er als eine der wenigen Stellgrößen einer Wirtschaft, in der staatliches Eingreifen sinnvoll und gegebenenfalls nötig war. Er entwickelte die Idee der Bildungsgutscheine, das Konzept der negativen Einkommensteuer und lieferte den Regierungen die Blaupause für flexible Wechselkurse.
Foto: APReinhard Selten ist Deutschlands bislang einziger Wirtschafts-Nobelpreisträger und ein Vorreiter volkswirtschaftlicher Laborversuche. Als Pionier der experimentellen Wirtschaftsforschung hat er die Spieltheorie verfeinert und damit etwa die Analyse von Verhandlungssituationen – etwa bei Lohnverhandlungen – deutlich weiterentwickelt. Selten erhielt den Nobelpreis für Wirtschaft 1994. Er begründete ein Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung in Bonn, dessen Koordinator er noch heute ist – im Alter von 81 Jahren..
Foto: dpaDer US-Ökonom Robert Shiller fordert eine neue Volkswirtschaftslehre, die sich der Psychologie von Menschen und Märkten öffnet. Lange war er ein Rufer in der Wüste – in der Finanzkrise ist er zum Massenprediger geworden. Bereits 2005 warnte er vor einer US-Immobilienkrise – die letztlich Auslöser der Finanz- und Schuldenkrise war. Seine Theorien zur Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) gelten als Gegenentwurf zur lange propagierten Rationalität der Märkte. In seinen Hauptwerken geht es um Herdentrieb und irrationale Übertreibungen.
Foto: WirtschaftsWochePaul Anthony Samuelson (1915-2009) wurde 1970 mit dem Ökonomie-Nobelpreis ausgezeichnet. Er zählte zu den vielseitigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, und prägte die Volkswirtschaftslehre wie kaum ein anderer. Samuelson modernisierte den Keynesianismus, indem er Keynes' sowie neoklassische Theorien zu einer Synthese verband, darüber hinaus forcierte er als erster Ökonom die systematische Mathematisierung seines Fachs. Sein in 19 Sprachen übersetztes Standartwerk "Economics" ist bis heute das meistverkaufte VWL-Lehrbuch aller Zeiten.
Foto: LaifDer schottische Ökonom Adam Smith (1723-1790) gilt als Urvater der Nationalökonomie. Er untersuchte als Erster systematisch die wohlstandsfördernde Wirkung von Arbeitsteilung und freien Märkten, und entwickelte die Ökonomie zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin, wo sie zuvor nur als wenig beachteter Teil anderer Fachrichtungen galt. Sein Hauptwerk "Der Wohlstand der Nationen" findet sich auch heute noch auf den Literaturlisten von Volkswirtschaftsstudenten wieder, er gilt als Begründer dessen, was heute als die klassische Nationalökonomie bezeichnet wird. Seine Ideen sind noch immer Basis jeder angebotsorientierten Wirtschaftspolitik.
Foto: Pressebild
Mises’ Theorie fand in Fachkreisen zunächst große Anerkennung, geriet dann jedoch durch das Vordringen der staatsinterventionistischen Lehren des britischen Ökonomen John Maynard Keynes ab Mitte der Dreißigerjahre in den Hintergrund. Seit Ende der Neunzigerjahre ist das Interesse an von Mises und der österreichischen Schule der Nationalökonomie, dessen herausragender Vertreter er war, neu erwacht. Mises’ Œuvre geht dabei weit über die Geld- und Konjunkturtheorie hinaus. Er zeigte, dass der Sozialismus zum Scheitern verurteilt ist und der Kapitalismus die einzig geeignete Wirtschaftsform für eine freie Gesellschaft darstellt. In seinem Opus magnum „Human Action“ entwickelte Mises unter Rückgriff auf die erkenntnistheoretischen Arbeiten von Immanuel Kant eine Theorie der Logik menschlichen Handelns, in die er die Ökonomie als Teildisziplin einbettete.
Ludwig Heinrich Edler von Mises wurde am 29. September 1881 in Lemberg geboren, einer Stadt im damaligen Österreich-Ungarn (heute Ukraine). Er war noch ein Kind, als sein Vater, der im österreichischen Eisenbahnministerium arbeitete, mit der Familie nach Wien übersiedelte. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums entschloss sich Mises, Rechtswissenschaften in Wien zu studieren. Dies war damals die einzige Möglichkeit, Vorlesungen in Ökonomie zu belegen. Unter dem Einfluss des Marxisten Carl Grünberg wurde Mises dort zunächst in der Tradition der Historischen Schule ausgebildet, deren Vertreter sich als Sozialingenieure verstanden, die praktische Lösungen für die sozialen Probleme ihrer Zeit entwickelten. Im Zentrum stand für sie das Kollektiv. Entsprechend sprachen sie dem Staat die Aufgabe zu, korrigierend in die Wirtschaft einzugreifen. Eine übergreifende Wirtschaftstheorie lehnten sie ab, stattdessen betteten sie die Analyse in den historischen Kontext ein.
Österreicher unter sich. Von Mises (rechts) mit Friedrich August von Hayek.
Foto: Mises Institute, Auburn, Alabama, USADoch dann stieß Mises auf die Werke von Carl Menger (1840–1921), dem Gründer der Österreichischen Schule. Menger stand mit der Historischen Schule auf Kriegsfuß. Er vertrat die Auffassung, dass es sehr wohl ökonomische Gesetzmäßigkeiten gibt, die sich durch logisch-deduktive Überlegungen herleiten lassen. Statt des Kollektivs stellte Menger den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Das menschliche Handeln sah er auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ausgerichtet. Seiner subjektivistischen Sichtweise entsprechend, leitete er den Wert eines Gutes aus dem Nutzen ab, den eine zusätzliche Einheit dem Käufer liefert. Menger wurde zum geistigen Vater der Grenznutzenlehre und Auslöser der marginalistischen Revolution.
Scharfer Blick. Mises' Schriften gegen Staatinterventionen prägten die Ökonomie.
Foto: Mises Institute, Auburn, Alabama, USAFasziniert von Mengers Lehren besuchte Mises das Seminar von Eugen von Böhm-Bawerk, einem Schüler Mengers. Böhm-Bawerk entwickelte Mengers subjektivistischen Ansatz weiter, indem er den Faktor Zeit in das menschliche Handeln einfügte. Er argumentierte, dass Menschen ihre Ziele lieber heute als morgen erreichen. Diese Präferenz für das Hier und Jetzt gilt auch für den Konsum. Deshalb verlangen die Menschen Zinsen, wenn sie auf heutigen Konsum verzichten und Ersparnisse bilden. Je höher die Vorliebe für Gegenwartskonsum, desto höher der Zins. Dieser lässt sich als Zeitpräferenzrate interpretieren.
Geld als Gut
Nach seiner Promotion 1906 arbeitete Mises einige Jahre als Rechtsanwalt in einer Wiener Sozietät, bevor er 1909 bei der Handelskammer Wien anheuerte. Dort arbeitete er für die folgenden 25 Jahre. Neben seiner Arbeit besuchte er weiter das Seminar von Böhm-Bawerk und arbeitete an seiner Habilitationsschrift, die er 1912 unter dem Titel „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ veröffentlichte. Es wurde ein Meilenstein der Geldtheorie.
Mises verband darin die klassische Geldtheorie mit der Grenznutzenlehre Mengers und gab ihr so eine mikroökonomische Fundierung. Dabei behandelte er Geld als ein Gut wie jedes andere. Sein Preis wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt, wobei der Preis in seiner Kaufkraft besteht. Da die Nachfrage nach Geld ihrerseits durch dessen Kaufkraft bestimmt wird, entsteht eine wechselseitige Kausalität (Österreichischer Zirkel), für die es keine logische Lösung zu geben schien.
In seinem Regressionstheorem bot Mises einen Ausweg, indem er auf der Zeitschiene argumentierte. Er zeigte, dass sich die Nachfrage nach Geld heute durch dessen Kaufkraft am Vortag erklären lässt. Die Kaufkraft wiederum erklärte sich durch Angebot und Nachfrage, wobei Letztere von der Kaufkraft des Geldes am Vorvortag abhing, und so weiter. Dieser Regress auf die Vergangenheit endet an dem Tag, an dem das Geld am Vortag noch eine Handelsware in einer Gesellschaft mit Tauschwirtschaft gewesen war. Für Mises geht daher der „älteste Geldwert auf den Warenwert des Geldstoffes zurück“. Geld ist also historisch in einem freien Marktprozess aus einem physisch-werthaltigen Gut entstanden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass ungedecktes Papiergeld eine marktwidrige Entwicklung darstellt, die darauf zurückzuführen ist, dass der Staat sich im Laufe der Zeit das Monopol an der Geldproduktion verschafft hat. Auf Dauer, so argwöhnte Mises, könne ein solches Geldsystem nicht bestehen – sondern nur ein Edelmetallstandard.
In seiner „Kritik des Interventionismus“ zeigte Mises, dass staatliche Eingriffe in den Markt keine Probleme lösen, sondern neue schaffen.
Foto: Mises Institute, Auburn, Alabama, USAEin zentraler Kritikpunkt Mises war der Positivismus, wie ihn Milton Friedman (links) vertrat.
Foto: APMises widerlegte in seiner Geldtheorie die Neutralitätsthese der klassischen Quantitätstheorie. Er wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen.
Mises zeigte zudem, dass Inflation nicht alle Wirtschaftssubjekte gleichermaßen trifft, sondern sich in Schüben ausbreitet, wodurch es zu Inflationsgewinnern und -verlierern kommt. Auf der Gewinnerseite stehen der Staat, seine Vertragspartner, die Beamten und die Banken. Sie erhalten das frisch gedruckte Geld als Erste und können Güter und Dienste noch zu vergleichsweise niedrigen Preisen kaufen. Auf der Verliererseite stehen die Bürger und Rentner, die das zusätzlich in Umlauf gebrachte Geld später erhalten, wenn die meisten Güterpreise schon gestiegen sind.
In seiner monetären Konjunkturtheorie verband Mises die Zinstheorie Böhm-Bawerks mit der Idee des natürlichen Zinses des schwedischen Ökonomen Knut Wicksell. Er konnte zeigen, dass eine ausufernde Kredit- und Geldschöpfung ungesunde Boom-Bust-Zyklen auslöst und am Ende das gesamte Währungssystem zerstört.
Notwendige Bereinigungsprozesse
Wenn Banken Kredite vergeben, die nicht durch Spareinlagen gedeckt sind, produzieren sie neues Geld aus dem Nichts. Das zusätzliche Kreditangebot drückt den Marktzins unter den natürlichen Zins, der durch die Zeitpräferenzrate der Marktakteure bestimmt ist. Dadurch erscheinen auch Investitionsprojekte rentabel, die es bei genauer Betrachtung gar nicht sind. Die Folge ist ein kreditfinanzierter Boom mit zahlreichen Fehlinvestitionen. Die hohe Nachfrage und die zusätzliche Geldmenge treiben die Preise für Güter und Vermögensaktiva in die Höhe.
Der Boom endet, wenn die Bürger an der Party teilhaben wollen. Dann schrauben sie ihren Konsum hoch und fahren ihre Ersparnisse zurück. Kapital wird knapp, und der Marktzins steigt, bis er der Zeitpräferenzrate entspricht. Investitionen, die zuvor noch rentabel erschienen, lohnen sich nicht mehr. Arbeitsplätze gehen verloren, die Wirtschaft stürzt ab.
Mises sieht darin den notwendigen Bereinigungsprozess, der die Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht bringt. Die öffentliche Meinung aber verkenne die wahre Ursache der Krise und sehe „in noch mehr Geld und Kredit das einzige Heilmittel gegen das Übel, das durch die Geld- und Kreditexpansion hervorgerufen wurde“. Doch der „finale Kollaps“ sei nicht zu vermeiden. „Die Alternative ist nur, ob die Krise durch einen freiwilligen Ausstieg aus der Kreditexpansion früher kommt oder ob sie später als totale und finale Katastrophe des Währungssystems eintritt“, schreibt Mises.
Der einzige Ausweg sei, die Kreditvergabe der Banken mit einer 100-prozentigen Reservepflicht in Hartgeld (Gold) zu belegen. Mises forderte daher, das staatliche Geldmonopol abzuschaffen und freies Marktgeld zuzulassen, das von Banken und anderen privaten Institutionen ausgegeben wird. Der Wettbewerb führe dazu, dass sich das voll (durch Gold) gedeckte Geld durchsetzt.
Mises’ Ideen prägten das Denken vieler seiner Schüler. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Mises als Artillerieoffizier an der Front kämpfte, nahm er 1918 seinen Dienst in der Handelskammer wieder auf und hielt als außerordentlicher Professor Vorlesungen an der Universität Wien ab.
Von 1920 bis 1934 hielt er in seinem Büro in der Handelskammer jeden zweiten Freitag ein Privatseminar ab. Zu den Teilnehmern zählten berühmte Ökonomen wie Friedrich August von Hayek, Gottfried von Haberler und Oskar Morgenstern, der spätere Begründer der Spieltheorie. Nach mehrstündiger Diskussion in Mises’ Büro setzten die Teilnehmer ihre Debatten regelmäßig in einem Restaurant fort und zogen nachts weiter in ein nahes Cafe, um über Ökonomie zu diskutieren.
Mises hoffte damals auf eine feste, voll bezahlte Professorenstelle in Wien. Doch dazu kam es nie, was seine Freunde und Schüler auf drei Faktoren zurückführten: Erstens war Mises vom Laissez-faire-Ideal des Liberalismus überzeugt zu einer Zeit, in der Sozialismus und Faschismus auf dem Vormarsch waren. Zweitens war er unbeugsam in seiner liberalen Haltung. Drittens war er Jude, was die Karriere im zunehmend antisemitischen Österreich erschwerte. Hayek meinte, die Berufungskommission hätte über zwei der drei Punkte hinweggesehen, „aber nie über alle drei“.
Gegen den Zeitgeist, für freie Märkte
Mises’ kompromisslose Haltung spiegelt sich auch in seinem zweiten großen Werk „Die Gemeinwirtschaft: Untersuchungen über den Sozialismus“ von 1922 wider, einer schonungslosen Analyse planwirtschaftlicher Systeme. Mises argumentierte, dass der Sozialismus zwangsläufig scheitern müsse, weil er auf staatlichem Zwang statt auf freiwilligem Austausch auf Märkten beruht. Weil die Preise von Behörden festgelegt sind, spiegeln sie nicht die tatsächlichen Knappheiten wider und sind zur Kalkulation von Kosten und Renditen ungeeignet. Die Folge sind Fehlallokationen und wirtschaftlicher Niedergang.
Das Werk schlug ein wie eine Bombe. Euphorisiert von der russischen Oktoberrevolution hatten viele junge Intellektuelle nach dem Ende des Ersten Weltkriegs den Sozialismus als Weg in eine bessere Zukunft betrachtet. „Dann kam dieses Buch“, sagte später Friedrich Hayek, damals selbst noch ein Anhänger sozialistischer Ideen. Auch die Anhänger eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus rüttelte Mises aus ihren Träumen. In seiner „Kritik des Interventionismus“ zeigte er, dass staatliche Eingriffe in den Markt keine Probleme lösen, sondern neue schaffen, auf die der Staat mit immer weiteren Interventionen reagiert. Der Dirigismus führt am Ende in den Sozialismus. Für Mises ist daher der Kapitalismus die einzig richtige Wirtschaftsform für eine freie Gesellschaft.
Mises’ Streitschriften gegen den überbordenden Staat gaben der Österreichischen Schule ihre entscheidende Prägung als marktliberale Lehre. Da er sich damals gegen den Zeitgeist für freie Märkte in die Bresche warf, galt er vielen Zeitgenossen als „letzter Ritter des Liberalismus“. Dass dabei zuweilen sein aufbrausender Charakter mit ihm durchging, bekamen auch liberale Zeitgenossen zu spüren. Auf einer Sitzung der liberalen Mont-Pelerin-Gesellschaft, zu deren Mitgründern Mises zählte, sprang er einmal auf und stürmte mit den Worten „Ihr seid alle ein Haufen Sozialisten“ aus dem Saal.
1934 folgte der eingefleischte Junggeselle, der bis dahin bei seiner Mutter in Wien gewohnt hatte, dem Ruf als Professor an die Universität Genf, wo er 1938 die Schauspielerin Margit Sereny-Herzfeld heiratete. Wegen des Vordringens des Nationalsozialismus entschlossen sich beide, 1940 nach New York überzusiedeln. 1945 erhielt Mises eine Gastprofessur an der New York University, die er bis 1969 innehatte.
1949 veröffentlichte er sein monumentales Werk „Human Action – A Treatise on Economics“. Darin fasst er die Lehren der Österreichischen Schule zusammen und entwickelt eine Theorie der Logik menschlichen Handelns, die er „Praxeologie“ nannte. Beeinflusst von den Lehren Immanuel Kants, definiert Mises die Ökonomie als logisch-deduktive Wissenschaft, die aus a priori bekannten Wahrheiten und logischem Denken ihre Erkenntnisse gewinnt. Diese bedürfen Mises zufolge keiner empirischen Überprüfung mehr.
Damit wandte er sich methodologisch gegen den Positivismus, wie ihn Milton Friedman vertrat. Friedman forderte, aus der ökonomischen Theorie Hypothesen abzuleiten und diese empirisch zu überprüfen. Mises dagegen betrachtete die Empirie eher als das Sammeln von vergangenheitsbezogenen Daten, die sich allenfalls zur Geschichtsschreibung eigneten. Statt zu rechnen, sollten die Ökonomen lieber denken, um Erkenntnisse zu gewinnen. In diesem Zusammenhang lehnte Mises die Anwendung der Mathematik in der ökonomischen Forschung als eine „vollkommen teuflische Methode ab, die von falschen Annahmen ausgeht und zu fehlerhaften Schlussfolgerungen führt“. Darauf entgegnete Friedman, wenn alle Ökonomen Praxeologen wären, ließen sich ökonomische Fragen nur im Faustkampf lösen.
Eigentum, Freiheit und Frieden
In den vergangenen Jahrzehnten ist die Ökonomie dem empiristischen Postulat Friedmans gefolgt und hat sich den Naturwissenschaften angenähert. Allerdings haben das Scheitern der mathematischen Modelle neoklassischer und neukeynesianischer Provenienz bei der Erklärung der Finanzkrise und das wachsende Unbehagen darüber, dass sich die Ökonomie zunehmend zum Sammelbecken für gescheiterte Mathematiker entwickelt, das Interesse an den Forschungsansätzen der Österreichischen Schule steigen lassen.
Nach Mises’ Tod 1973 hat dessen Schüler Murray Rothbard die Österreichische Schule auf die Spitze getrieben. Er entwickelte einen naturrechtlich begründeten Liberalismus, der sogar staatliche Institutionen ablehnt. Das 1982 gegründete Ludwig-von-Mises-Institut in Auburn im US-Bundesstaat Alabama steht in der Tradition der Rothbard’schen Interpretation des Werkes von Mises. Das politische Pendant zu Rothbards radikal-libertärem Anarchokapitalismus ist in den USA die Tea-Party-Bewegung.
Ob Mises Rothbard gefolgt wäre, mag dahingestellt bleiben. Für Mises hatte „Liberalismus mit Anarchismus nicht das Geringste zu tun“. Doch hat auch er die „Aufgaben, die die liberale Lehre dem Staat zuweist“, mit dem Schutz des Eigentums, der Freiheit und des Friedens eng definiert.