Serie Geistesblitze (II): Das Coase-Theorem - die guten Seiten der Umweltschäden
Nobelpreisträger Ronald Harry Coase ist einer der größten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts
Foto: GNUMuss man sich ein Forscherleben lang mit komplizierten Formeln, Zahlenkolonnen und abstrakten Berechnungen herumschlagen, um den Ökonomie-Nobelpreis zu bekommen? Ronald Harry Coase wurde 102 Jahre alt und war das lebende Gegenbeispiel. Er mochte die Mathematik nicht übermäßig. Dem gebürtigen Briten, der zuletzt in den USA lebte, reichte eine zündende Idee, um (im Jahr 1991) die höchste wissenschaftliche Ehrung zu erhalten.
Sein Coase-Theorem zählt heute nicht nur zu den zentralen Lehrsätzen der Mikroökonomie. Es ist zudem „eines der wenigen ökonomischen Theoreme, die sich in die Realität übersetzen lassen – und auch in die Realität übersetzt wurden“, sagt Martin Leschke, Professor für Institutionenökonomik an der Universität Bayreuth. Die Ideen von Coase sind ein wichtiger Baustein der Umweltökonomie und wissenschaftliche Grundlage des Emissionshandels in der Europäischen Union, also des Handels mit CO₂-Verschmutzungsrechten für Unternehmen. Mit dem Coase-Theorem lassen sich moderne Versicherungssysteme erklären, zudem schlägt es eine Brücke von der Ökonomie zu den Rechtswissenschaften. Für den Bielefelder Wirtschaftshistoriker Jan-Otmar Hesse zählt Coase daher zu „den größten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts“.
1910 in Willesden bei London geboren, war Coase der Erste seiner Familie, der eine Universität besuchte. An der renommierten London School of Economics studierte er Wirtschaftswissenschaften und erhielt wenig später eine Professur in den USA. In den folgenden Jahren arbeitete und forschte er an den Universitäten Buffalo, Virginia und Chicago. In den USA schrieb er 1960 das Essay „The Problem of Social Cost“, das zusammen mit seiner Arbeit „The nature of the firm“ (über die Entstehungsgründe von Unternehmen) seinen Ruhm begründete.
Was besagt das Coase-Theorem genau? Sagen wir es im Ökonomenjargon: Externe Effekte, also Folgen einer Aktivität, die andere tragen müssen, lassen sich unter bestimmten Umständen ohne staatliche Eingriffe „internalisieren“. Im Kern steht die Idee, dass Märkte beim Auftreten negativer externer Effekte selbstständig eine optimale Ressourcenallokation finden können. Coase illustrierte dies gern mit einer Geschichte. Ein Unternehmen leitet Abwässer in einen Fluss, den auch eine Fischerei nutzt. Sie leidet unter der Verschmutzung der Fabrik, weil dadurch der Fang zurückgeht. Das zentrale Problem: Beide nutzen den Fluss, obwohl er ihnen nicht gehört. Doch keiner bezahlt dafür.
Ökonomen sprechen in einem solchen Fall von externen Effekten. Der klassische Marktmechanismus versagt, das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage führt nicht zu einem „pareto-optimalen“ Ergebnis, wie es die Ökonomen nennen. Die entscheidende Frage ist nun: Wie hoch ist der Nutzen und Schaden der Beteiligten und wie könnte man ihn „internalisieren“, also verrechnen? „Wir müssen uns entscheiden: Ist der ausbleibende Fang mehr oder weniger wert als die Produkte, die die Fabrik mit der kritischen Menge Schadstoffe produziert“, schreibt Coase.
Der Ökonom Arthur-Cecil Pigou schlug für einen solchen Fall vor, dass Unternehmen eine Steuer für ihre Verschmutzung zahlen sollten – ähnlich funktioniert in Deutschland die Ökosteuer. Weil aber niemand weiß, wie viel Schäden eine Einheit „Verschmutzung“ nun genau verursacht, ist die Höhe der Steuer eine rein politische Entscheidung und erfüllt am Ende allenfalls einen fiskalischen Zweck – nämlich die Staatskasse zu füllen.
Platz 10: Kohlekraftwerk Schkopau von Eon
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat den Schadstoffausstoß der Kohlekraftwerke in Deutschland ausgewertet und die schlimmsten Luftverschmutzer ermittelt. Auf dem zehnten Platz findet sich das Braunkohlekraftwerk Schkopau in Sachsen-Anhalt. Das Werk, das laut Greenpeace jedes Jahr 4770 Tonnen Schwefeldioxid und 3320 Tonnen Stickoxide ausstößt, gehört dem Energieversorger Eon. Der Kraftwerkspark des Unternehmens ist im Vergleich zu seinen Konkurrenten jedoch insgesamt umweltfreundlicher. Acht der neun gesundheitsschädlichsten Kraftwerke gehören Vattenfall und RWE.
Foto: dpaPlatz 9: Kraftwerk Schwarze Pumpe von Vattenfall
Auf dem neunten Platz rangiert das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe südlich von Cottbus. Es gehört dem schwedischen Energiekonzern Vattenfall. Das Kraftwerk stößt jedes Jahr 7060 Tonnen Schwefeldioxid und 4610 Tonnen Stickoxide aus. Solche Schadstoffemissionen verursachen laut Greenpeace Herzinfarkte und Lungenkrebs und führen vermehrt zu Asthmaanfällen und anderen Atemwegskomplikationen.
Foto: dpa/dpawebPlatz 8: Kohlekraftwerk Schloven von Eon
Das Kohlekraftwerk in Gelsenkirchen ist sowohl das einzige Steinkohlekraftwerk unter den Top-10 der größten Luftverschmutzer, als auch nur eines von zwei Kohlekraftwerken unter den größten zehn Dreckschleudern des Eon-Konzerns überhaupt. Konzernchef Johannes Teyssen (Foto) hat in den vergangenen Jahren vielmehr in Gas investiert und verfügt somit nur über einen verhältnismäßig kleinen Kohlekraftwerkspark.
Foto: dpaPlatz 7: Kraftwerk Neurath von RWE
Auf dem siebten Platz findet sich wieder ein Kraftwerk von RWE. Es stößt jedes Jahr laut Greenpeace 3190 Tonnen Schwefeldioxid und 11.700 Tonnen Stickoxide aus.
Foto: dpaPlatz 6: Kraftwerk Boxberg von Vattenfall
Auch das Kraftwerk Boxberg gehört zu den größten Umweltverschmutzern Deutschlands. Es ist das zweitgrößte Braunkohlenkraftwerk Vattenfalls in Deutschland. Es produziert 15.600 Gigawatt Strom im Jahr und versorgt damit 3,1 Millionen Haushalte.
Foto: dpaPlatz 5: Kraftwerk Frimmersdorf von RWE
Das RWE-Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf steht hinter der Gemeinde Gustorf bei Grevenbroich im Kreis Neuss. Jedes Jahr stößt das Kraftwerk 5620 Tonnen Schwefeldioxid, 9070 Tonnen Stickoxide und 257 Tonnen Feinstaub aus.
Foto: dpa
Platz 4: Kraftwerk Weisweiler von RWE
Den vierten Platz belegt das Kraftwerk Weisweiler von RWE. Der erste Strom wurde dort bereits 1955 produziert. Bis 1975 wurden acht Blockanlagen in Betrieb genommen. Jedes Jahr verschmutzt das Werk die Luft mit 3060 Tonnen Schwefeldioxid und 12.700 Tonnen Stickoxiden.
Foto: dapdPlatz 3: Kraftwerk Lippendorf von Vattenfall
Auf dem dritten Platz findet sich wieder ein Kraftwerk des schwedischen Konzerns Vattenfall. Das Kohlekraftwerk Lippendorf in der Nähe von Leipzig erzeugt im Jahr 14.000 Gigawatt Strom - und stößt dabei 13.800 Tonnen Schwefeldioxid und 8750 Tonnen Stickoxide aus.
Von der Renaissance der Kohle profitieren auch deren Produzenten. Im Bild der Braunkohle-Tagebau bei Garzweiler in Nordrhein-Westfalen.
Foto: dpaPlatz 2: Kraftwerk Niederaußem von RWE
RWE hat von allen Energieversorgern den größten Bestand an Kohlekraftwerken. Im Jahr 2012 erzeugte der Konzern auf diese Weise rund die Hälfte seines Stroms. Das Kraftwerk Niederaußem, das auf dem dritten Platz der schlimmsten Luftverschmutzer Deutschlands ist, wurde in den sechziger Jahren gebaut und ging 1963 das erste Mal ans Netz.
Foto: dapdPlatz 1: Kraftwerk Jänschwalde von Vattenfall
Absoluter Spitzenreiter in Sachen Luftverschmutzung ist laut Greenpeace das Kraftwerk Jänschwalde von Vattenfall nahe der Stadt Peitz in Brandenburg. Mit einer installierten Leistung von 3000 Megawatt ist es das größte Braunkohlekraftwerk in ganz Deutschland. Laut Greenpeace stößt es 21.400 Tonnen Schwefeldioxid im Jahr und 18.700 Tonnen Stickoxide aus.
Foto: dpa/dpaweb
Coase schlägt denn auch einen anderen Weg vor. Fischer und Fabrikant sollten selbst und ohne staatlichen Einfluss über den Preis der Abwässer entscheiden und einen Vertrag darüber schließen, wer das Nutzungsrecht für den Fluss erhält. Verhandlungen zwischen Fischer und Fabrikbesitzer würden dazu führen, dass entweder der Fischer vom Unternehmen für den ausbleibenden Fang entschädigt wird – oder aber das Unternehmen vom Fischer eine Prämie erhält, damit es die Verschmutzung des Wassers eindämmt.
Im Optimum entspricht der Preis der Verschmutzung genau deren Grenznutzen beziehungsweise -schaden. Für den Fabrikanten wäre es dann nicht mehr wirtschaftlich, mehr Dreck in den Fluss zu leiten, da eine weitere Einheit Abwasser weniger „wert“ wäre als deren Preis. Das Coase-Theorem verbindet die externen Effekte also mit dem Preismechanismus – Angebot und Nachfrage führen zu einem effizienten Ergebnis zu niedrigsten Kosten.
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Foto: WirtschaftsWocheGustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gegen die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten.
Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SADer österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt.
Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen.
Foto: Mises Institute, Auburn, Alabama, USAGary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen.
Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität.
Foto: dpaJeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien.
Foto: dpaDer Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft.
Foto: dpaAmartya Sen wurde 1933 in der Universitätsstadt Santiniketan, Indien, geboren. Er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Der Ökonom erhielt 1998 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie und wirtschaftlichen Entwicklung. Er veröffentlichte im Laufe seiner Karriere mehr als Hundert Forschungsschriften und ist Inhaber rund 90 Ehrendoktortiteln, zum Beispiel von der Universität Toronto. Ein zentraler Gedanke in seinem Werk ist die Idee der Freiheit, er betrachtet diese als die Basis des menschlichen Daseins, die jedes seiner Themen, wie Entwicklung, Armut, Hunger, Markt und Moral, durchdringt. Seine Thesen als liberaler, linker Theoretiker sind nicht unumstritten, so wird beispielsweise sein Begriff von Freiheit und Markt weder von Marktdogmatikern noch von deren Gegnern geteilt.
Foto: dpaIn seiner Heimat ist die Arbeit von Friedrich List (1789 - 18 46) fast vergessen. Die letzte Neuauflage von Lists Hauptwerk liegt 80 Jahre zurück. Er ist der gedankliche Vater des Protektionismus. In Deutschland gilt sein Werk als überholt, doch es bietet theoretisches Rüstzeug, wie der Staat die Wirtschaftsentwicklung fördern kann - und wann er besser die Hände davon lassen sollte. In vielen Schwellenländern erfreut sich die Lehre von List daher großer Popularität.
Foto: dpaDer britische Ökonom David Ricardo (1772 – 1823) machte an der Londoner Börse gute Gewinne und konnte sich Dank seines eigenen Vermögens ganz den ökonomischen Studien widmen. Er machte sich mit dem „Kornmodell“ einen Namen, das auf dem Paper Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock basiert, in dem er die freie Korneinfuhr empfiehlt. Nach ihm wurde auch die Ricardianische Äquivalenz benannt – ein Konzept, das sich mit der Wirkung von Steuersenkungen in der Gegenwart beschäftigt, die mit höheren Steuern in der Zukunft refinanziert werden sollen. Auf ihn geht auch die Theorie der komparativen Kostenvorteile zurück, ein Kernstück der Außenhandelstheorie und wesentliche Erkenntnis über die relativen Kostenvorteile internationaler Arbeitsteilung.
Foto: dpaIm Jahr 1987 erhielt der US-amerikanische Ökonom Robert Solow (*1924) den Wirtschafts-Nobelpreis für seine Forschungen zur neoklassischen Wachstumstheorie. Solow entwickelte das sogenannte Solow-Modell, das im Gegensatz zu Keynes Auffassung die Nachfrageentwicklung nicht als bestimmende Determinante des Wirtschaftswachstums ansieht. Sein Solow-Modell erklärt das langfristiges Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft nur durch technischen Fortschritt. Solow ist Emeritus-Professor am Massachusetts Institute of Technology.
Foto: Julia Zimmermann für WirtschaftswocheAls Prophet war Marx (1818 – 1883) ein Versager, als Soziologe ein Riese, als Ökonom vor allem ein gelehrter Mann: Karl Marx, der Theoretiker des Industriekapitalismus, wollte nicht nur zu revolutionären Ergebnissen kommen, sondern die Notwendigkeit der Revolution beweisen. Der Mauerfall hat ihn ideologisch entlastet und als originellen Denker rehabilitiert. Seine Lehren über Produktionsfaktoren und die Verteilung von Produktionsmitteln sowie der von ihm geprägte Begriff des Mehrwerts spielen noch heute eine große Rolle.
Foto: WirtschaftsWoche, APWalter Eucken zählt zu den wichtigsten Vordenkern der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Der Mitbegründer des Ordoliberalismus hat analysiert, wie eine marktwirtschaftliche Ordnung konstruiert sein muss, die Wachstum schafft, Macht begrenzt und den Menschen dient. Der religiös geprägte Eucken glaubte an den Markt, aber nicht an dessen Unfehlbarkeit, er sah die Gefahr, dass wirtschaftliche Interessengruppen den Wettbewerb aushebeln können – und wollen. Noch während des zweiten Weltkrieges arbeitete er heimlich am theoretischen Grundgerüst der bis heute gültigen sozialen Marktwirtschaft in Deutschland.
Foto: PressebildFriedrich August von Hayek (1899-1992) war ein leidenschaftlicher Weltverbesserer. Sein ganzes Forscherleben hat er daran gearbeitet, Planwirtschaft und Kollektivismus wissenschaftlich zu widerlegen, er war leidenschaftlicher Gegner des Sozialismus und Modernisierer des klassischen Liberalismus. Führ ihn waren Freiheit, Eigentum, Gleichheit vor dem Gesetz, Wettbewerb und Marktwirtschaft Eckpfeiler der Zivilisation. Seine Tiraden gegen den Wohlfahrtsstaat haben jahrzehntelang die intellektuelle Brillanz seiner Theorie komplexer Ordnungen überschattet. Der gebürtige Wiener wurde als erster Ausländer an die renommierte London School of Economics berufen. Im März 1944 veröffentlicht er als seine leidenschaftliche Abrechnung mit Sozialismus und Nationalsozialismus, „Der Weg zur Knechtschaft“.
Foto: WirtschaftsWocheJohn Maynard Keynes (1883 – 1946) löste mit seiner Analyse der Unterbeschäftigung in der Weltwirtschaftskrise eine Revolution des ökonomischen Denkens aus. Er forderte, der Staat solle in Krisensituationen die Nachfrage ankurbeln, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten. Seine Ideen bedeuteten eine radikale Abkehr von der bisherigen Wirtschaftlehre, die die Angebotsseite ins Zentrum allen wirtschaftlichen Handelns stellte, und beeinflussen bis auf den heutigen Tag Ökonomen, Zentralbanker und Finanzminister.
Foto: WirtschaftsWocheJoseph Schumpeter hat das Grundgesetz des Kapitalismus erforscht: ewiger Wandel durch „schöpferische Zerstörung“. Keiner sah so klar wie er, dass in seinen Krisen nicht nur der Kapitalismus selbst auf dem Spiel steht, sondern auch die Atmosphäre des Fortschritts. Schumpeter gilt als der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts. Er hat in zahlreichen Wirtschaftsdisziplinen deutliche Spuren hinterlassen und Begriffe wie „Wagniskapital“, „Firmenstrategie“ und den vierten Produktionsfaktor „Unternehmertum“ sowie das Kreativitätsprinzip eingeführt. Schumpeters Erkenntnisse machen den modernen Kapitalismus bis heute aktuell.
Foto: WirtschaftsWocheDer amerikanische Ökonom Milton Friedman hat die Geldtheorie revolutioniert und sein Leben lang für freie Märkte und weniger Staat gekämpft. Als intellektueller Gegenspieler von John Maynard Keynes spaltete er Wissenschaft und Politik gleichermaßen. Zwischenzeitlich galt er als widerlegt. Jetzt zeigt sich: Friedmans Erkenntnis, dass die Geldmenge die Konjunktur und die Inflation bestimmt, ist aktueller denn je. Die Steuerung der Geldmenge durch Staaten und Notenbanken sah er als eine der wenigen Stellgrößen einer Wirtschaft, in der staatliches Eingreifen sinnvoll und gegebenenfalls nötig war. Er entwickelte die Idee der Bildungsgutscheine, das Konzept der negativen Einkommensteuer und lieferte den Regierungen die Blaupause für flexible Wechselkurse.
Foto: APReinhard Selten ist Deutschlands bislang einziger Wirtschafts-Nobelpreisträger und ein Vorreiter volkswirtschaftlicher Laborversuche. Als Pionier der experimentellen Wirtschaftsforschung hat er die Spieltheorie verfeinert und damit etwa die Analyse von Verhandlungssituationen – etwa bei Lohnverhandlungen – deutlich weiterentwickelt. Selten erhielt den Nobelpreis für Wirtschaft 1994. Er begründete ein Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung in Bonn, dessen Koordinator er noch heute ist – im Alter von 81 Jahren..
Foto: dpaDer US-Ökonom Robert Shiller fordert eine neue Volkswirtschaftslehre, die sich der Psychologie von Menschen und Märkten öffnet. Lange war er ein Rufer in der Wüste – in der Finanzkrise ist er zum Massenprediger geworden. Bereits 2005 warnte er vor einer US-Immobilienkrise – die letztlich Auslöser der Finanz- und Schuldenkrise war. Seine Theorien zur Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) gelten als Gegenentwurf zur lange propagierten Rationalität der Märkte. In seinen Hauptwerken geht es um Herdentrieb und irrationale Übertreibungen.
Foto: WirtschaftsWochePaul Anthony Samuelson (1915-2009) wurde 1970 mit dem Ökonomie-Nobelpreis ausgezeichnet. Er zählte zu den vielseitigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, und prägte die Volkswirtschaftslehre wie kaum ein anderer. Samuelson modernisierte den Keynesianismus, indem er Keynes' sowie neoklassische Theorien zu einer Synthese verband, darüber hinaus forcierte er als erster Ökonom die systematische Mathematisierung seines Fachs. Sein in 19 Sprachen übersetztes Standartwerk "Economics" ist bis heute das meistverkaufte VWL-Lehrbuch aller Zeiten.
Foto: LaifDer schottische Ökonom Adam Smith (1723-1790) gilt als Urvater der Nationalökonomie. Er untersuchte als Erster systematisch die wohlstandsfördernde Wirkung von Arbeitsteilung und freien Märkten, und entwickelte die Ökonomie zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin, wo sie zuvor nur als wenig beachteter Teil anderer Fachrichtungen galt. Sein Hauptwerk "Der Wohlstand der Nationen" findet sich auch heute noch auf den Literaturlisten von Volkswirtschaftsstudenten wieder, er gilt als Begründer dessen, was heute als die klassische Nationalökonomie bezeichnet wird. Seine Ideen sind noch immer Basis jeder angebotsorientierten Wirtschaftspolitik.
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Ähnlich ist es beim EU-Zertifikatehandel: Die Erdatmosphäre steht für den Fluss in der Coase-Geschichte, die Schäden sind die steigende Menge Kohlenstoffdioxid und der Klimawandel. Unternehmen kaufen Verschmutzungsrechte und halten für jede Tonne CO₂, die sie in die Atmosphäre pusten, ein Zertifikat vor. In der Theorie soll der Ausstoß so auf eine klimafreundlichere Menge zurückgehen. Das Problem in der Realität: Weil zu viele Zertifikate zirkulieren, sind sie extrem billig: Emittieren ist günstiger, als CO₂ zu vermeiden.
Umweltschäden sind in der Gedankenwelt des Coase-Theorems nicht per se schlecht, sondern haben durchaus einen wirtschaftlichen Nutzen – den Output der Fabriken und den damit zusammenhängenden Wohlstand. Aus Umweltgründen geschlossene Fabriken kosten Umsatz und Arbeitsplätze – und die Technologie, die nötig ist, um CO₂ zu vermeiden, ist für das Unternehmen mit hohen Kosten verbunden.
Derartige Kosten-Nutzen-Rechnungen hatte vor Coase niemand so klar formuliert. Und sein Theorem geht über die Wirtschaftswissenschaften hinaus. In die Rechtswissenschaft etwa hat es das Forschungsfeld „Law and Economics“ mitgeprägt. Die provokante These: Es ist nicht optimal, alle Verbrecher zu schnappen, weil dies für den Steuerzahler viel zu teuer sei. Der Aufwand wäre größer als der Nutzen für die Gesellschaft. In der Versicherungsökonomik erklären die Ideen von Coase unter anderem, wieso eine verpflichtende Krankenversicherung gesellschaftlich sinnvoll ist: Wer sich unversichert behandeln lässt, zieht Nutzen aus den Beiträgen der Versicherten, ohne dafür im Zweifel zu zahlen.
Coase hat mit seinem Theorem ein ökonomisches Instrument für die goldene Mitte geliefert. Er macht freilich eine gewichtige Einschränkung für das reibungslose Funktionieren seiner Verhandlungslösung. Ein effizientes Ergebnis ist zum einen nur möglich, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen. Ökonomen nennen das vollständige Information. Erst dann führen Verhandlungen zu einem Ergebnis, das alle zufriedenstellt.
Doch vollständige Information ist eine ziemlich ambitionierte Annahme, und Kritiker von Coase sagen: Sie ist völlig unrealistisch. Das könnte auch erklären, wieso der Emissionshandel bisher nicht richtig funktioniert: Der Staat hat den CO₂-Ausstoß der Unternehmen überschätzt und deswegen zu viele Zertifikate ausgegeben. Deshalb sind sie jetzt so billig.
Zum anderen können bei den Verhandlungen hohe Transaktionskosten entstehen. Die Beteiligten müssen potenzielle Vertragspartner ausfindig machen, Rechtsanwälte einschalten, sie benötigen womöglich Dolmetscher und Techniker, sie müssen Verträge ausformulieren und später deren Einhaltung kontrollieren. „Das ist extrem teuer“, schreibt Coase in seinem Essay. Werden die Reibungsverluste zu hoch, übersteigen mithin die Kosten einer Verhandlungslösung deren Nutzen, funktioniert das Coase-Theorem nicht mehr.
Um die Transaktionskosten zu minimieren, rät Coase, bei Verhandlungen notfalls eine dritte Partei hinzuzuziehen. Beim umstrittenen Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 etwa war dies im Coase’schen Sinne der Vermittler Heiner Geißler, der die streitenden Parteien an einen Tisch brachte und am Ende einen Kompromissvorschlag unterbreitete. Die Rolle kann laut Coase aber notfalls auch der Staat erfüllen. Für Coase sind gleichwohl „permanente staatliche Eingriffe zur Regulierung beziehungsweise Internalisierung der externen Kosten der Umweltnutzung nicht notwendig“, schreiben die Ökonomen Hans Putnoki und Bodo Hilgers. Vielmehr würden sich „Verursacher und Geschädigter infolge gegenseitiger Gewinn- und Nutzeninteressen auf eine Lösung einigen – sodass letztlich derjenige die Kosten trägt, der damit den geringsten Aufwand hat.“
Trotz seines hohen Alters konnte Ronald Coase nie von den Wirtschaftswissenschaften lassen. Zuletzt beschäftigte er sich mit China und erforschte als emeritierter Professor den Kapitalismus im Reich der Mitte. Dort ist er auf dem besten Weg, einer der bekanntesten westlichen Ökonomen zu werden. Coase starb am Montag im Alter von 102 Jahren nach einer kurzen Krankheit in einem Krankenhaus.