Klimaschutz in Südamerika: "Die Erwartungen an den Westen sind hoch"

Klimaschutz in Südamerika: "Die Erwartungen an den Westen sind hoch"

von Nora Marie Zaremba

Umwelt- und Energiepolitik: Ein Interview mit dem Projektleiter für Energiesicherheit und Klimawandel der KAS in Lateinamerika.

In kaum einer anderen Region finden sich so unterschiedliche Ansätze zum Thema Klimaschutz wie in Südamerika: Mexiko und Brasilien sind reich an fossilen Brennstoffen. Costa Rica und Uruguay wiederum steuern eine ambitionierte 100-Prozent saubere Energieversorgung an.

Aus der peruanischen Hauptstadt Lima leitet Dr. Christian Hübner das Regionalprogramm Energiesicherheit und Klimawandel Lateinamerika für die Konrad-Adenauer-Stiftung. Derzeit beobachtet er in Paris die Klimaschutzverhandlungen. Im Interview spricht er über die Erwartungen Südamerikas an die westlichen Industriestaaten, den Einfluss des Ölpreis auf die Klimapolitik der Region und darüber, wie die Länder diese ganz unterschiedlich umsetzen.

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Herr Hübner, gerade verhandeln mehr als 190 Staaten ein neues Klimaabkommen. Ist das in der Öffentlichkeit Südamerikas ein Thema?

Ja, unbedingt. Dazu beigetragen hat natürlich, dass die Klimaverhandlungen im vergangenen Jahr in Lima, der Hauptstadt Perus, stattgefunden haben. Hinzu kommt, dass der aus Argentinien stammende Papst erst vor ein paar Monaten seine Umwelt-Enzyklika veröffentlicht hat. Und die lateinamerikanischen Staaten haben im Laufe des Jahres ihre nationalen Beiträge (INDCs) veröffentlicht, so dass man eigentlich immer ein klimapolitisches Grundrauschen wahrnehmen konnte.

Südamerika hat vergleichsweise geringe CO2-Emissionen. Was erwartet die Region in Paris von den westlichen Industriestaaten?

Das Thema Klimagerechtigkeit ist in Lateinamerika ein zentrales Thema. Allerdings fallen die Erwartungen mit Blick auf Paris innerhalb Lateinamerikas sehr verschieden aus. Manche Regionen erwarten, dass die westlichen Industriestaaten ehrgeizigere Verpflichtungen eingehen. Ökonomisch stärkere Länder wie Mexiko nehmen sich beim Klimaschutz hingegen selbst stärker in die Pflicht.

Welche Unterschiede gibt es genau?

Die ALBA-Länder, mit Bolivien, Ecuador und Venezuela, sehen die westlichen Industriestaaten in der Hauptpflicht. Die sogenannte AILAC-Gruppe (mit Kolumbien, Peru, Chile, Costa-Rica, Panama und Guatemala) hingegen plant, sich beispielsweise auch finanziell am Green Climate Fund zu beteiligen.

Brasilien als großes Schwellenland wirkt vor allem im Rahmen der BASIC-Gruppe mit China, Südafrika und Indien. Dort wird ebenfalls die Verantwortung vor allem bei den westlichen Industrieländern gesehen, allerdings setzen sie auch auf freiwillige eigene Verpflichtungen. Brasilien verweist zum Beispiel auf den Rückgang der Neurodungsrate im Amazonasgebiet.

Derzeit trifft der Klimawandel weltweit jene Menschen am schlimmsten, die kaum zur Erwärmung der Erde beigeragen haben. Welche Regionen Südamerikas sind schon konkret betroffen?

Stark bedroht sind die Andenregionen. Dort schmelzen die Gletscher sehr schnell. Langfristig geht dadurch eine wichtige Wasserressource sowohl für Trinkwasser als auch für die in Lateinamerika so wichtigen Wasserkraftwerke verloren.

Insgesamt fallen natürliche Wetterphänomene wie Hurrikans, Überschwemmungen oder Dürren extremer aus. Insbesondere die Trockenheit kann schmerzhafte Konsequenzen haben. In Brasilien herrscht momentan zum Beispiel eine extreme Trockenheit. Dadurch entsteht Energieknappheit mangels Nutzung der Wasserkraftwerke und die Landwirtschaft wird in Mitleidenschaft gezogen.

Die Region ist reich an fossilen Brennstoffen. Wie schwer ist es da, ambitionierte Klimapolitik umzusetzen?

Lateinamerika ist zwar reich an fossilen Brennstoffen, aber genauso besteht eine lange Tradition in der Nutzung von erneuerbaren Energien, beispielsweise Biomasse wie Ethanol in Brasilien oder Wasserkraft für die Stromgewinnung. Zudem kann man heute beobachten, dass auch Wind- und Sonnenenergie vermehrt genutzt werden.

Wie verhalten sich denn die besonders ölstoffreichen Länder wie Brasilien oder Mexiko?

Ich sehe gegenwärtig nicht, dass die ressourcenreichen Staaten ihre fossilen Brennstoffe aus klimapolitischen Gründen im Boden lassen. Im Gegenteil: Mexiko und Brasilien investieren in die Ausbeutung dieser Ressourcen und wollen dabei langfristig auch auf die Unterseevorkommen vor ihren Küsten zugreifen. Allerdings finden in diesen Ländern gegenwärtig auch erste Schritte in der Nutzung von Instrumenten zur Regulierung des CO2-Ausstoßes statt und Erneuerbare Energien sollen ebenfalls eine stärkere Rolle einnehmen.

Auf der anderen Seite setzen diejenigen Staaten, die wenig eigene fossile Energieressourcen besitzen, verstärkt auf regenerative Energien. Dadurch werden sie unabhängiger von Energieimporten. Hier sind schon heute u.a. in Chile, Uruguay oder Costa Rica sehr interessante politische Entwicklungen zu beobachten.

Können Sie ein Beispiel geben?

Costa Rica hat immerhin die vollständige Energieversorgung aus regenerativen Quellen angekündigt. Dabei möchte das Land auch auf Windkraft setzen sowie seinen CO2-Ausstoß durch Aufforstung begleichen. Aber auch Uruguay und Chile nehmen meiner Meinung nach einen wichtigen Platz im Klimaschutz ein. Beide haben ambitionierte Pläne für den Ausbau der Erneuerbaren Energien.

Beeinflusst denn der niedrige Ölpreis die Klimaschutzbemühungen der ölreichen Länder?

Die Vermutung liegt natürlich nahe, dass billiges Öl die regenerativen Energien und damit den Klimaschutz relativ teurer macht. Allerdings kann Öl regenerative Energien nicht unmittelbar ersetzen. Dafür sind die Verwendungszwecke zu unterschiedlich. Ich sehe da gegenwärtig eher geringe Auswirkung auf den Klimaschutz. Allerdings lohnt sich auch der Export fossiler Energieressourcen nicht mehr. Für Staaten wie Venezuela, die sehr stark von diesen Einnahmen abhängig sind, entstehen daraus ernsthafte ökonomische Verwerfungen.

Wie wirkt sich die angespannte wirtschaftliche Situation, wie wir sie derzeit beispielsweise in Brasilien erleben, auf Umwelt- und Klimaschutz aus?

Mein Eindruck ist negativ. Der Umwelt- und Klimaschutz gilt schnell als nachrangiges Politikfeld, wenn sich ökonomische Krisen anbahnen. In so einer Situation werden auch Investitionen zurückgehalten, die sonst in den Ausbau der Erneuerbaren Energien fließen könnten.

Allerdings hat die brasilianische Präsidentin Dilema Rousseff auf der internationalen Bühne der Klimapolitik eine wichtige Rolle eingeräumt. Im Juni traf sie den US-Präsidenten Obama in Washington. Beide beschlossen ihre Erneuerbaren Energien auszubauen. Im September gab es deutsch-brasilianische Regierungskonsultationen. Ein wichtiges Thema war dabei die Positionierung für den Klimagipfel und die Zusammenarbeit im Bereich des Umwelt- und Klimaschutzes. Es bleibt jetzt abzuwarten, ob Brasilien sein politisches Gewicht für den globalen Klimaschutz einsetzen wird.

Viel Sonne, viel Wasser. Die Region hat insgesamt ein hohes Potential für Erneuerbare Energien. Wie kommen solche Projekte zustande und wer investiert?

Die geografischen Voraussetzungen zur Nutzung Erneuerbarer Energien sind sehr gut. Viele Staaten wie Argentinien, Chile, Peru oder Mexiko haben sich selbst Ziele für den Ausbau von Erneuerbaren Energien gesetzt und nutzen dafür u.a. auch Instrumente wie das aus Deutschland bekannte Erneuerbaren-Energien-Gesetz. In Brasilien wird hingegen mit Auktionen für Energie aus Windkraft und Photovoltaik ein Investitionsanreiz gesetzt.

Was muss zusätzlich von der Politik kommen?

Was fehlt sind Visionen für den Ausbau der Erneuerbaren Energien, die gleichzeitig mit glaubwürdigen und langfristigen Rahmenbedingungen flankiert werden. Oft mangelt es dann auch an einer verbindlichen und transparenten Regulierung. Ein anderes Thema ist die mangelnde Effizienz und Transparenz bürokratischer Entscheidungen, die sich negativ auf Investitionen auswirken kann. Zudem werden die fossilen Energieträger hier auch zum Teil massiv subventioniert, was den Erneuerbaren Energien einen ökonomischen Nachteil einbringt.

Auf finanzieller Seite fehlen oft auch die notwendigen Kredite, um Investitionen in Erneuerbare Energien zu tätigen. Hier können multilaterale Institutionen, wie die Weltbank oder die für Lateinamerika besonders wichtige inter-amerikanischen Entwicklungsbank, zwar temporär Risiken im Bereich politischer Stabilität oder Wechselkursschwankungen mit speziellen Finanzprodukten begegnen. Letztlich müssen aber die Staaten diese Voraussetzungen langfristig selbst schaffen. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Verfügbarkeit über Erneuerbaren Energien-Technologie.

Einige südamerikanische Staaten bringen auch energiepolitische Integration voran. Ist das mit der Vision einer Energieunion vergleichbar, wie wir sie hier in Europa derzeit haben?

Die energiepolitische Integration ist in Lateinamerika ein Dauerthema. Allerdings fallen tatsächliche Fortschritte, die sich in überregionalen Netzen oder gemeinsamen Standards niederschlagen müssten, nur gering aus. Die Situation ist auch nicht vergleichbar mit Europa, wo das Hauptmotiv für die energiepolitische Integration die Energieversorgungssicherheit ist.

Hier wird dieses Argument zwar auch angeführt aber faktisch ist es ja so, dass zahlreiche lateinamerikanische Staaten eigene Energieressourcen besitzen, wodurch der politische Druck auf die Energieintegration vielleicht nicht groß genug ist, um den großen Wurf zu schaffen. Energiepolitische Integration wird hier eher in den zahlreichen überregionalen Organisationen und Staatenverbünden diskutiert. Es gibt jedoch Regionen wie Zentralamerika, wo es im Netzausbau bereits eine gute energiepolitische Integration gibt.

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