Bambus-Klopapier: Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Bambus-Klopapier: Gut gemeint ist nicht gut gemacht

von Jonas Gerding

Crowdfunding soll das angeblich ressourcenschonende Produkt nach Deutschland holen. Doch es gibt Kritik an der Bambus-Rolle.

Toilettenpapier taugt nicht gerade als Thema für den lockeren Smalltalk. Doch nun soll eine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext dem drögen Hygieneprodukt zu neuer Aufmerksamkeit verhelfen - mit einer Portion Selbstironie: Karsten Lutz, einer der drei Köpfe des Projekts, ist sich in einem Werbevideo nicht zu schade, auf dem stillen Örtchen die Hose herunterzulassen und geistesabwesend auf seinem Smartphone zu daddeln.

Er kann sich sein Lachen nicht verkneifen, als ihm bewusst wird, dass er gerade vor laufender Kamera davon erzählt, wie ihm die Idee für ihr Produkt auf einer asiatischen Toilette gekommen ist. Auf einer Reise durch Thailand hielt er ein sonderbar gelbes und robustes Klopapier in den Händen, das sich auf Nachfrage als Bambuspapier herausstellte.

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Zu seiner Verblüffung sei die Produktion mit den riesigen Gräsern viel ressourcenschonender als die herkömmliche Variante, bei der Bäume gefällt werden müssen. „Diese Power wollen wir nutzen, um damit den Urwald zu retten“, sagt der gelernte Industriekaufmann über „Smooth Panda“. Unter diesem Namen wollen er und sein Team das Bambus-Klopapier nun durch eine Schwarmfinanzierung in Höhe von 16.000 Euro auch in Deutschland auf den Markt bringen.

Die Chancen stehen gut. Rund 11.000 Euro (Stand 2. Juli) haben sie schon beieinander und es verbleibt noch Zeit bis zum 8. Juli. Mit Humor, authentischen Videos, einem süßen Panda-Logo und lockerer Nachhaltigkeits-Rhetorik scheinen sie den richtigen Ton getroffen zu haben. Und sie meinen es gut mit ihrer Idee.

Gefährliche Gier nach PapierDennoch zeigen sie eindrucksvoll, wie sich Gründer verrennen können, wenn sie auf allen Ebenen ökologischen Ansprüchen gerecht werden wollen. Denn: Wie ressourceneffizient Bambus auch sein mag, so hat sich bereits eine bessere, wenn auch etwas angestaubte Lösung etabliert: das klassische Recycling-Toilettenpapier. Und ausgerechnet dem könnte die Kampagne sogar schaden.

Die Belege sind erdrückend, die die Umweltschäden der Herstellung von Hygienepapier dokumentieren. Für 17 Prozent der weltweiten Papierproduktion werden die Bäume natürlicher Wälder gefällt, schreiben die Macher der Kampagne auf ihrer Internetseite. Für Hygienepapiere würden weltweit täglich 270.000 Bäume abgeholzt, zitieren sie den World Wide Fund For Nature (WWF). So weiß wie hier wird das Bambus-Toilettenpapier nicht - sondern gelb (Copyright: Smooth Panda)[/caption]

Weitere Verkaufsargumente: eine erdölfreie Verpackung aus biologisch abbaubaren Materialien und die Garantie, „vegan mit Sternchen“ zu sein. Das Produkt sei frei von tierischen Bestandteilen - beispielsweise hinsichtlich der Klebstoffe. Das könnte zwar auf die klassischen Toilettenpapiere auch zutreffen. Mangels detaillierter Kennzeichnung werden Verbraucher darüber aber meist im Unklaren gelassen.

So soll sie aussehen, die selbsterklärte „Restroom Revolution“.

Rudolf Fenner hält überhaupt nichts von der angeblichen Ökoalternative. Er ist Papierexperte bei Robin Wood, einer Umwelt-Organisation, die sich für den Schutz der Wälder einsetzt. „Es gibt keine Wunderpflanze“, äußert er sich skeptisch über die angeblichen Vorteile des Grases. „Bambus ist ein genauso wertvoller Rohstoff, wie jeder andere auch“, sagt er und fordert: „Daraus sollte man kein Wegwerfprodukt machen!“

An den Probleme vor Ort würde sich auch trotz der möglichen Effizienzvorteile von Bambus gegenüber Holz nicht viel ändern: „Bambus wächst vor allem in den Subtropen und Tropen und somit im gleichen Lebensraum wie die Regenwälder“, beschreibt Fenner seine Sorge vor einer Konkurrenz um Flächen.

Die Lösung gibt es längstNachdem Regenwälder für die Holzproduktion gerodet worden sind, werden oft Akazien-Plantagen gepflanzt, um Holz zu liefern. Ähnliches sei auch beim Anbau von Bambus-Plantagen denkbar.

„Holz gibt es wenigstens auch aus regionalen Quellen“, sagt der Papierexperte. Er verweist dabei auf Produkte, die das FSC-Zertifikat tragen, das auch in Deutschland Forstwirten die Einhaltung von ökologischen und sozialen Standards bescheinigt. Und auch das für das Recycling verwendete Altpapier muss nicht aus fernen Ländern importiert werden, sondern kommt aus Deutschland und den umliegenden Staaten. Es hat zudem einen geringen Wasser- und Energieverbrauch.

Wenn es das Siegel des „Blauen Engels“ trägt, besteht es zu 100 Prozent aus Altpapier und somit ist „der Druck von den Wäldern genommen“, wie es der Fachmann von Robin Wood formuliert: Kein einziger Baum muss direkt für die Herstellung des Papiers geschlagen werden. Deshalb gilt für Fenner: „Recyclingpapier ist immer die bessere Lösung.“

Eine, die leider an Attraktivität verloren hat: In den letzten zehn Jahren ist die Nachfrage nach Hygienepapieren in Deutschland von einer Millionen auf eineinhalb Millionen Tonnen gestiegen. Gleichzeitig sank der Altpapieranteil von 75 auf 50 Prozent.

Recylcingpapier als Rechtfertigung?Die Zahlen kennt auch Simon Jost, einer der beiden Geschäftsführer von „Smooth Panda“. Gerade dadurch sieht er sich bestärkt darin, auf dem Markt eine Alternative anzubieten. Und die würde die Bambus-Rolle liefern, auch wenn dafür ein weiter Transport auf Containerschiffen zurückgelegt werden müsse.

Denn ihr Produkt soll in China gefertigt werden. Klar, das sei ein Nachteil für die Ökobilanz. „Aber des Problems sind wir uns bewusst“, sagt Jost, der bereits die Unternehmen Veggie Jobs und VeggieSweets gestartet hat.

Sehen Sie hier das Video, in dem Jost und seine Kollegen humorvoll für ihr Bambus-Klopapier werben

Für den Transport wäre ihm ein Segelschiff lieber, aber erst einmal ist er froh darüber, ein verlässliches Unternehmen in China gefunden zu haben. Die Bedenken an heiklen Anbaumethoden will er zerstreuen. Ihm wurde versichert, dass der Bambus-Wald eine natürliche Monokultur sei: „Die Hänge sind so schroff und bergig, dass andere Pflanzen dort gar nicht wachsen können“, sagt er. Und immerhin würde die Firma für die Weiterverarbeitung nur 60 Kilometer davon entfernt liegen.

Jost geht Recyclingpapier nicht weit genug. „Wieso sollten wir überhaupt Papier von Bäumen verwenden?“, fragt er sich und führt seine eigene Interpretation des gigantischen Papierverbrauch aus. Recyclingpapier diene als „Alibi“, als Rechtfertigung für viele Verbraucher, massenhaft Papier aus Frischholz zu kaufen - in Form von Hochglanz-Magazinen, Notizblöcken oder Nachschub für den Drucker.

Umweltbilanz mit UnklarheitenSie würden es mit dem guten Gewissen erwerben, dass es ja nicht endgültig vernichtet, sondern noch ein langes Leben als Recyclingpapier vor sich haben würde. In einer Ökobilanz will der Unternehmensgründer daher das Recycling-Toilettenpapier und seine Bambus-Alternative wissenschaftlich gegenüber stellen.

„Es wäre zu eindimensional gedacht, sich nur die Bilanz des Recyclings anzuschauen“, sagt er. Er will daher, dass das Vorleben des Recyclingpapiers ebenfalls mit einberechnet wird. Sprich: der Anbau, die Verarbeitung und der Transport des Holzes, das am Anfang der Entstehungsgeschichte des neu gewonnen Papiers steht. „Je komplexer die ist, desto besser sieht es für uns aus“, sagt er.

Eine gewagte These sei das, findet Rudolf Fenner: „Ökobilanzen gehen immer vom Rohstoff aus“, sagt der Experte von Robin Wood: „Und der Rohstoff ist das Altpapier.“ Ohnehin wird es in den wenigen verbleibenden Tagen der Kampagne  keine Antwort geben. Und somit sähen Jost und seine Kollegen Zweifel am Sinn von Recyclingpapier, diskreditieren es teilweise sogar. Ihre Argumentation suggeriert, dass Recyclingpapier Schuld an der Rodung von Regenwälder habe.

„Was uns am Recyclingpapier stört“, lautet eine der Überschriften auf ihrer Internetseite. Sie spielen mit den alten Vorurteilen, dass Recyclingpapier hart und kratzig sei, und behaupten, dass es umweltschädliche Substanzen enthalte.

Kampf um die gleichen KundenAn derlei Seitenhieben ändern auch Josts Beteuerungen am Telefon nicht viel. Nein, man wolle keine Konkurrenz zum Recyclingpapier sein. Das sei ein „Superprodukt“, eine „feine Sache“, sagt er.

Die Werbebotschaft auf der Kampagnenseite spricht dagegen eine andere Sprache: Die Kernzielgruppe sehen sie in „Idealisten und Weltverbesserern, Veganern und Vegetariern, Ökos und Rebellen“ oder etwas abgewandelt: „For those who care about nature“. Für diejenigen, denen die Umwelt am Herzen liegt.

Na, wenn das mal nicht die gewöhnlichen Käufer von Recycling-Toilettenpapier sind.

 

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