Ocean Grabbing: Wie Verbraucher in Europa Fischern in Afrika schaden

Ocean Grabbing: Wie Verbraucher in Europa Fischern in Afrika schaden

von Jonas Gerding

Trawler fischen das Meer vor Afrika leer und stürzen die lokale Bevölkerung ins Elend. Doch es gäbe eine Lösung.

Einen besseren Ort als Senegal dürfte es für Issa Fall eigentlich nicht geben, um Fischer zu sein. Nur wenige Meeresgründe der Welt sind mit so viel Tierreichtum gesegnet. Sardinen, Garnelen, Makrelen, Zacken- und Rotbarsche bevölkern das Gewässer vor der westafrikanischen Küste.

"Jahrzehntelang haben unsere Familien vom Fisch gelebt", erklärt Fall, der sich in der Fischerei-Gewerkschaft engangiert. Mit seiner Piroge, einem handgefertigten Holzkanu, sticht er jeden morgen in See. "Aber die Fischbestände sind zurückgegangen und die Erträge eingebrochen", klagt er. Der Grund: Internationale Großschiffe, die vor Senegals Küste auf Fischjagd gehen.

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Als Ocean Grabbing bezeichnen Experten die Ausbeutung der Meere, die die Lebensgrundlage von Issa Fall und 52.000 weiteren Fischern in Senegal bedroht.

Als Handel maskierter Diebstahl

Den Ernst der Lage dokumentiert der aktuelle Africa Progress Report. Jedes Jahr im Mai stellt der Bericht das Potential und die Hindernisse der Entwicklung Afrikas dar - veröffentlicht von einer Gruppe Afrika-Experten rund um Kofi Annan, den ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen. Der Titel: "Getreide, Fisch, Geld: Die Finanzierung Afrikas grüner und blauer Revolution".

Ocean Grabbing in Afrika ist in seiner Auswirkung nichts anderes als sogenanntes Land Grabbing, dem Kauf großer Ackerflächen durch ausländische Investoren. Die Bevölkerung vor Ort verliert so Anbauflächen und Ressourcen.

"Die Plünderung natürlicher Ressourcen ist organisierter Diebstahl, maskiert als Handel", kritisiert Kofi Annan die illegale, unregulierte oder unregistrierte Ausbeutung der Meere - meist durch große Schleppnetzfischer aus den Industrienationen.

Allein in Westafrika entgehen den Ländern etwa 1,3 Milliarden Dollar jährlich durch Boote, die ihren Fang nicht an der Küste selbst anlanden. Hinzu kommen die Schäden, die der Zerfall der lokalen Strukturen der Fischerdörfer mit sich bringt. In Senegal beispielsweise kommen auf jeden Fischer etwa zwölf Menschen, die direkt oder indirekt ihren Lebensunterhalt durch den Fang verdienen.

Jobs, Ernährung und Umwelt in Gefahr

Die schrumpfenden Fischbestände bringen das ökologische Gleichgewicht in den Meeren durcheinander und zwingen die Menschen auf dem Festland dazu, sich von ihrer traditionellen Ernährung zu verabschieden, die ihnen bisher wichtige Proteine lieferte.

Die großen Trawler, die ihre Netze durch die Gewässer vor dem afrikanischen Festland ziehen, fangen bis zu 250 Tonnen Fisch – jeden Tag. So viel schaffen 50 senegalesische Pirogen in einem Jahr. Schätzungen gehen davon aus, dass die meisten dieser gigantischen, illegal oder halblegal arbeitenden Schiffe aus Ostasien und Russland kommen.

Hauptsächlich beliefern die Trawler aber Länder der Europäischen Union – so landen die Meerestiere, die die Lebensgrundlage von Issa Fall und anderen afrikanischen Fischern bilden, auf den Tellern der Europäer.

"Ausflaggung" - die Steueroase der Überfischung

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisiation (FAO) der UN hat bereits vor mehr als zehn Jahren einen Aktionsplan erstellt, um das Ocean Grabbing einzudämmen. Daran anknüpfend fordert der Africa Progress Report, dass sich Trawler, wie auch schon Passagierschiffe, registrieren müssen - und ihr Standort auf den Gewässer stets nachverfolgbar ist.

Aber ähnlich wie bei Steueroasen, gibt es auch auf den Meeren eine Möglichkeit, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen: dem Fahren unter "Ausflaggung". Sprich: Ein Schiffsbesitzer, der auf die strikten Regeln seines Heimatlandes pfeifen möchte, fährt offiziell als Schiff eines Landes mit laschen Vorschriften. Transparente Registrierungen sieht auch hier der Report als Ausweg. Außerdem sei eine strenge Überwachung der Küsten wichtig.

Island als Vorbild

"Es ist an der Zeit, zu fragen, warum ein so großer Teil des afrikanischen Reichtums an Ressourcen durch Korruption und skrupelloses Investment vergeudet wird", sagt Koffi Annan und appelliert damit auch an die Verantwortung der betroffenen Länder selbst. Island könne ein Beispiel für sie sein: Seit der Erfindung der Dampfmaschine wurden die Gewässer vor dessen Küste rigoros ausgebeutet - bis die Isländer in den 1970er Jahren das Problem selbst in die Hand nahmen.

In einem langen Rechtsstreit dehnten die Insulaner ihr Seerecht aus - auf eine bis zu 270 Kilometer von der Küste entfernte Zone. Sie erstellten außerdem eine Bestandsaufnahme der Fischvorkommen und legten fest, wie viel davon die jeweiligen Schiffe fischen dürfen. Die Mengen wiederum werden beim Abladen in den Häfen kontrolliert. Dieses Vorgehen sollte sich Afrika zu Herzen nehmen, mahnt der Report.

Die folgende Grafik veranschaulicht den Ressourcenverlust in Afrika:

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