"Vision Zero": Schwedisches Konzept sorgt für Sicherheit im Verkehr

"Vision Zero": Schwedisches Konzept sorgt für Sicherheit im Verkehr

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Menschen machen Fehler - Schweden will deshalb Rahmenbedingungen schaffen, unter welchen diese nicht tödlich enden. (Foto: obs/ADAC/Dirk Bruniecki)

von Kathrin Zeller

Tausende Menschen sterben jährlich auf Deutschlands Straßen. Von Schweden könnte man sich abschauen, wie es anders geht.

Etwa 1,2 Millionen Menschen weltweit verlieren laut der Weltgesundheitsorganisation WHO jedes Jahr ihr Leben im Straßenverkehr. Diese Zahl entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Köln. Besonders fatal ist der Verkehr in Schwellenländern, in denen Infrastruktur und gesetzliche Rahmenbedingungen nur schwer mit der rapiden Motorisierung mithalten können. Straßenverkehr ist heute die neunhäufigste Todesursache, und wird nach Annahme der WHO bis zum Jahr 2030 auf den siebten Platz steigen.

In vielen Industrieländern ist inzwischen die Entkoppelung des Verkehrsaufkommens von der Zahl der Verkehrstoten gelungen, womit die Zahl der Fatalitäten trotz des steigenden Gesamtverkehrsaufkommens sinkt. So auch in Deutschland: Vom Jahr 2010 stieg die Gesamtzahl von Kraftfahrzeugen laut DESTATIS von rund 50 Millionen auf knapp 54 Millionen im Jahr 2015. Im selben Zeitraum fiel die Anzahl der tödlich verunglückten Verkehrsteilnehmer von 3648 auf 3459. Der Trend hat sich in den vergangenen zwei Jahren jedoch umgekehrt, und steigt nun wieder leicht an.

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Deutschland verfehlt sein Sicherheitsziel

Die Entwicklung läuft entgegen des Ziels der Bundesregierung, bis zum Jahr 2020 die Zahl der Verkehrstoten um 40 Prozent zum Basisjahr 2010 zu senken. Jürgen Gerlach, Professor an der Bergischen Universität Wuppertal, schätzt das Ziel bereits als verfehlt ein. Den Hauptgrund sieht er in der fehlenden Sensibilität für das Thema: "Die Menschen fühlen sich nicht persönlich betroffen und schätzen das Risiko im Straßenverkehr vollkommen falsch ein."

Entsprechend gering ist daher auch der Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung, in der weit mehr Toleranz für Todesfälle besteht, als dies in anderen Bereichen der Fall ist. Entsprechend weit unten steht das Thema auf der Agenda vieler Politiker - Sicherheitspolitik bezieht sich nur selten auf den Verkehr. Und selbst wenn Präventionsmaßnahmen im Straßenverkehr fruchten, sind sie kaum sichtbar und entsprechend auch kaum politisch verwertbar.

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Die häufigsten Unfallursachen würden sich teils durch eine andere Infrastruktur entschärfen lassen. (Zum Vergrößern klicken, Grafik: obs/ADAC-Grafik)

Um die Zahl der Unfallopfer zu senken, sind Maßnahmen nötig, die eben nicht attraktiv klingen: Eine Auditierung von neuen Straßen auf ihre Sicherheit hin, zum Beispiel. Laut Gerlach ist dies bisher jedoch nur auf den relativ sicheren Bundesstraßen und Autobahnen Pflicht. Freiwillig führen laut Gerlach bisher nur rund 20 Kommunen in Deutschland solche Audits durch, obwohl der städtische Verkehr weit mehr Risiken birgt. Dabei könnten beispielsweise Sichtbehinderungen an Kreuzungen schon in der Planung vermieden werden.

Schweden steckt ambitionierte Ziele

Wie es geht, zeigt Schweden seit knapp zwei Jahrzehnten mit seiner Vision Zero. Es geht dabei um eine Null-Toleranz-Politik für Tote und Verletzte im Verkehr. Die Fehlbarkeit des Menschen wird dabei als gegeben genommen und die Infrastruktur entsprechend angepasst. Getrennte Fahrstreifen oder mehr Kreisverkehre etwa senken das Unfallrisiko.

Die Tatsache, dass in Schweden nur 2,8 Verkehrstote auf 100.000 Einwohner, im Gegensatz zu 4,3 in Deutschland, kommen, ist für Gerlach nicht die Hauptsache. Er sieht den Namen, und damit die Strategie, sehr gut gewählt. Es gehe vor allem um die Sensibilisierung für das Thema, und damit die Priorisierung. Sicherheit steht an oberster Stelle und Unfälle gelten als vermeidbar.

Vision Zero ist ein holistisches Konzept, das verschiedene Unfallursachen analysiert. Zur Strategie gehört den gesamten schwedischen Straßenverkehr auf Sicherheitsmängel zu durchleuchten. Maßnahmen sind daher auch Tempolimits oder Bildungskampagnen. Bis Schweden sein Ziel eines Straßenverkehrs ohne Opfer erreicht hat, mag noch einige Zeit vergehen. Dass der Weg in die richtige Richtung führt, steht jedoch bereits jetzt außer Frage.

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