Harald Welzer : "Das Menschenbild der Ökonomen ist Quatsch"

InterviewHarald Welzer : "Das Menschenbild der Ökonomen ist Quatsch"

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Der Soziologe Harald Welzer ist Direktor von Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg.

von Ferdinand Knauß

In seinem neuen Buch "Selbst Denken" geht der Soziologe Harald Welzer radikal mit der Wachstumskultur ins Gericht. Sein Gegenmittel: Widerstand gegen sich selbst, die Verlockungen des Konsums und das "ekelhafte Geduze" bei Ikea.

WirtschaftsWoche: Herr Welzer, ich habe Sie gerade auf dem Mobiltelefon angerufen. Es wird doch nicht etwa eines von Samsung sein? Deren Model Galaxy SIII bezeichnen Sie in Ihrem aktuellen Buch als „Verkörperung objektiver Sinnlosigkeit“.

Welzer: Nein, ich habe ein – lassen Sie mich mal sehen – ein Sony-Ericsson Cybershot. Schon an der Bezeichnung merken Sie, dass das ein paar Jahre alt ist.

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Und stehen in Ihrer Wohnung Möbel von Ikea? Den Möbel-Konzern kritisieren Sie im Buch als Treiber der Wegwerfgesellschaft, der „mit seinem ekelhaften Geduze“ den Kunden in „genau dem infantilen Zustand anspricht, in den es ihn zu versetzen beabsichtigt.

Ich habe noch ein paar alte Billy-Regale aus meiner Studentenzeit. Und die sind ja auch gut, die halten lange.

„Selbst Denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ heißt ihr Buch. Von Samsung und Ikea mal abgesehen, gegen wen genau soll man denn Widerstand leisten?

Zuerst mal gegen sich selbst. Weil die Verlockung, nicht selbst zu denken, sondern sich denken zu lassen und das zu denken, was alle denken, groß und kontinuierlich ist. Da ist die Verlockung, an der Konsumkultur teilzunehmen, obwohl es einem eigentlich nicht gut tut. Wenn man mit dem Widerstand gegen sich selbst einmal angefangen hat, hat man eine Basis für den Widerstand gegen die Zumutungen von Politik, von Infrastrukturplanungen, von Missmanagement und so weiter. Kurz und gut: Es geht darum, das Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen.

Harald Welzer, Selbst Denken. Eine Anleitung zum Widerstand, S.Fischer 2013 Quelle: PR

Harald Welzer, Selbst Denken. Eine Anleitung zum Widerstand, S.Fischer 2013

Bild: PR

Kein Widerstand gegen Goldman Sachs oder die Deutsche Bank?

Gern auch das, wenn man sich vorher über die eigene Rolle Rechenschaft abgelegt hat. Interessant wird Widerstand ja erst, wenn man nicht gegen einen Flughafen, sondern gegen das Fliegen ist. Solange die Leute bei Amazon ihre Bücher bestellen, weil es so praktisch ist, und solange sie sich keine Gedanken machen, was mit dem Geld passiert, das sie bei der Deutschen Bank anlegen, oder sich über BP und Deepwater Horizon aufregen, aber sich keine Gedanken machen, wo der Stoff herkommt, mit dem sie gerade ihr Auto betankt haben, solange ist es sehr wohlfeil zu demonstrieren. Also muss die Schleife erst über die eigene Lebenspraxis gehen, und dann erst kann man überlegen, wo es sinnvoll ist, Widerspruch einzulegen und zu demonstrieren.

Also steckt der von Ihnen beklagte expandierende und Ressourcen verbrauchende, extraktive Kapitalismus vor allem in uns selbst?

Ja, wir alle sind diejenigen, für die expandiert und extrahiert wird. Der durchschnittliche Bundesbürger besitzt etwa 10.000 Dinge. Das ganze Zeug wird ja nicht zum Selbstzweck hergestellt und um die Welt transportiert. Da sitzt am Ende jemand, der die Dinge kauft. Und das sind Sie und ich.

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10 Kommentare zu Harald Welzer : "Das Menschenbild der Ökonomen ist Quatsch"

  • Der Interviewte gibt kluge Ratschläge und spricht darüber, was andere alles machen sollten, um Selbstdenken zu üben und was sie alles mutig in die Tat umzusetzen könnten.

    Für Ihn selbst gilt das ganze aber nicht: Der Interviewte denkt selbst nämlich überhaupt nicht eigenständig, sondern macht exakt das, was er bei anderen kritisiert: Er degradiert seine eigenen Studenten zum Gerundium (Studierende) und tituliert sie ebenso peinlich und lächerlich, wie es die Mainstream-Figuren verlangen: Die Leute heißen nirgendwo auf der Welt 'Studierende', sondern Studenten, wobei unter den Studenten dann junge Damen und Herren vertreten sind. Die Begriffe 'Auszubildende' oder 'Studierende' sind schäbige Titulierungen von den noch schäbigeren 68ern, die junge Menschen ab Ende der 70er Jahre mit dieser häßlichen Grammatikform, dem Gerundium, geringschätzig belegt und damit abqualifiziert haben.

    Zum Selbstdenken gehört, daß man all diesen Unfug und die endlos lange Liste anderen Unfugs in unserer Gesellschaft offen und mutig ablehnt und nicht auch noch mitmacht, wie er es praktiziert. Man könnte ganze Bibliotheken mit 68er-Unfug füllen beginnend mit dem 15-jährigen Schulmädchen, das mit 'Frau' angesprochen werden soll [weltweit ist 'Fräulein' üblich !!] über die vorgeschriebene Anrede 'Herr Professorin' an der Uni (besser Dummschule) Leipzig bis hin zur neuen Orthographie, die zu primitiv ist für den Unterschied, ob ein Mann eine Frau 'sitzenläßt' oder 'sitzen läßt'.

    Der Interviewte will nur ein Buch verkaufen, folgt ansonsten aber der verklemmten kleinen Soziologenwelt. Wäre er wirklich mutig, käme er in seiner Fraktion am nächsten Morgen auf den politischen Scheiterhaufen, und sein Name hätte nur noch 4 Buchstaben.

  • Das "Menschenbild der Ökonomen" ist derselbe Unsinn wie das "Menschenbild der Soziologen". Was lerne ich aus seinem Beitrag? Die "Verkörperung objektiver Sinnlosigkeit“ greift um sich.

  • Schön,dass auch mal jemand wie Welser hier zu Wort kommt.
    Dass er vor den "Ökonomen" hier kein Verständnis finden wird,ist klar,aber wenigstens lässt man mal jemanden zu Worte kommen,der nicht nur in Zahlen denkt.

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