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Zum Tode Karl AlbrechtsDer stille Milliardär

Der reichste Deutsche ist tot: Aldi-Mitgründer Karl Albrecht verstarb im Alter von 94 Jahren. Sein Tod wird kaum Auswirkungen auf das Unternehmen haben - doch Albrecht hat den Einzelhandel für immer verändert.Mario Brück 21.07.2014 - 16:00 Uhr

Karl Albrecht ist tot.

Foto: Foto Aldi Süd/dpa

Anfang April hatte der malerisch gelegene Öschberghof wieder mal hohen Besuch: Karl Albrecht hatte sich zum jährlichen Familientreffen angekündigt. Chauffiert, so jedenfalls wird berichtet, wurde der 94-jährige Patriarch von seinem vertrauten Fahrer im S-Klasse-Mercedes mit langem Radstand, aber sparsamen Dieselmotor. Der seit 2013 verwitwete Multi-Milliardär wohnte wie immer abgeschirmt in einer Villa, die mit einem Tunnel mit dem Öschberghof verbunden sein soll. Der Öschberghof wiederum, ein Wellnesshotel mit 27-Loch-Golfanlage in der Nähe von Donauschingen, gehört zum Immobilienbestand des Aldi-Mitgründers.

Vermögen von 18 Milliarden Euro

Im Schlepptau bei diesen Treffen hatte Karl Albrecht seine engsten Familienmitglieder. Den kinderlosen Sohn Karl junior (66), die Tochter Beate Heister (62) mit ihrem Ehemann Peter Heister (66) und deren Kinder, allen voran Peter Max Heister, der als neuer Hoffnungsträger im Albrecht-Clan gilt. Mehr noch als Karl junior bestimmen die Heisters schon seit längerem über die Stiftungen des Vaters die Geschicke und das beträchtliche Vermögen des Billig-Konzerns. Auf 18 Milliarden Euro wird allein der Teil geschätzt, den Karl Albrecht aufgebaut hat, sprich Aldi Süd.

Wann immer diese Ranglisten über die vermögendsten Deutschen publiziert werden, steht der Gewinner eigentlich schon vorher fest: Aldi-Süd-Patron Karl Albrecht führt die Reichenriege regelmäßig an. Auf den Plätzen folgen mit Lidl-Gründer Dieter Schwarz und der Familie des verstorbenen Aldi-Nord-Gründers Theo Albrecht ebenfalls Discounter. Wie hoch ihre Vermögen exakt ausfallen - und welche Beträge alljährlich hinzukommen -, ist indes eher Glaubensfrage als lösbare Gleichung.

Der Tod des Aldi-Mitgründers dürfte kaum Auswirkungen auf das Unternehmen haben. Schon seit Jahrzehnten steuerte er nicht mehr die Geschicke des Unternehmens. Sein Erbe ist geregelt, und auch im operativen Geschäft wird sich auf absehbare Zeit wenig ändern, zumal die Unternehmensstruktur per Stiftungskonstruktion in Stein gemeißelt scheint.

Das Unternehmen teilt dazu mit: „Karl Albrecht blieb dem Unternehmen bis zu seinem 75. Lebensjahr in verantwortlicher Stellung verbunden, zog sich danach zurück und begleitete bis wenige Tage vor seinem Tod die Unternehmensgeschicke aufmerksam und wohlwollend. Bereits im Jahre 1973 schuf Karl Albrecht die Voraussetzungen für eine unternehmerische Kontinuität über seinen Tod hinaus: Das Vermögen der Unternehmensgruppe Aldi Süd wird von zwei Stiftungen kontrolliert, die eine erfolgreiche Fortführung seines Lebenswerks gewährleisten. Durch eine stets ausreichende Ertragslage konnte die Unabhängigkeit bewahrt werden; wir sehen es als ein Vermächtnis an, dies auch zukünftig zu gewährleisten.“

Wenig Informationen

Karl Albrecht wurde am 20. Februar 1920 in Essen als Sohn eines Bergarbeiters und gelernten Bäckers geboren. Das Munzinger-Archiv merkt dazu an: „Der Geburtsort und das Geburtsdatum ist, wie viele andere Informationen aus dem persönlichen Leben Albrechts, nicht bestätigt“.

Der Vater muss wegen einer Staublunge die Arbeit im Bergbau aufgeben und eine schlecht bezahlte Arbeit in einer Brotfabrik annehmen, die Mutter eröffnet daraufhin im Essener Bergarbeitervorort Schonebeck einen kleinen Lebensmittelladen, um die Familie über Wasser zu halten.

Am 10. April 1913 eröffnete Karl Albrecht sen. in der Essener Huestraße 89 einen Tante-Emma-Laden. Im Sortiment die Dinge des täglichen Bedarfs wie Mehl, Zucker und Brot. Und diese erste Filiale steht bis heute - wenn auch mit einem größeren Angebot.

Foto: Gemeinfrei

Den heutigen Namen bekam der Discounter von den Albrecht-Söhnen Karl († 94) und Theo († 88), die das Geschäft ihres Vaters nach Kriegsende ausbauten. Wegen ihres Preiskonzepts nannten sie die 30 Filialen "Albrecht Discount" - kurz Aldi.

Foto: dpa

Die ersten Geschäfte der Albrecht-Brüder waren klein und im Stile eines Tante-Emma eingerichtet. Die Konkurrenzen durch Supermärkte zwang die Unternehmer zu Beginn der 1960er-Jahre zum Umdenken. Sie setzten zunehmend auf eine Niedrigpreis-Strategie. Um Kosten zu sparen, wurden in den Filialen zum Beispiel keine verderbliche Frischwaren mehr angeboten. Auch an der Einrichtung der Filialen und dem Personal wurde stark gespart.

Foto: AP

Um sich nicht in die Quere zu kommen, teilten die Aldi-Brüder ihr Geschäft in Nord (Theo) und Süd (Karl) auf. Nur in Gummersbach und Siegen gibt es Filialen von Aldi Nord und Aldi Süd.

Foto: Creative Commons, Gemeinfrei

Aldi gehört heute zu den bekanntesten Marken Deutschland. Jeder dritte Deutsche kauft regelmäßig dort ein.

Foto: dpa

Bundesweit erreicht Aldi einen Umsatz von mehr als 26 Milliarden Euro. Außerdem gehört der Discounter zu Deutschlands zehn größten Textilhändlern.

Foto: dpa

Jedes sechste in Deutschland verkaufte Stück Obst kommt aus den Regalen von Aldi.

Foto: dpa

1986 verkaufte Aldi erstmals einen Computer. Der „Aldi-C16“ kostete damals 149 D-Mark.

Foto: WirtschaftsWoche

Welche Produkte neu ins Sortiment genommen werden, entscheiden letztlich die Kunden. Neue Artikel werden zunächst in drei Filialen getestet. Kommen sie dort gut an, werden sie bundesweit in die Regale geräumt.

Foto: dpa

Die Filialleiter bei Aldi müssen jede Ware umtauschen - und das ohne Einwände. Das steht so im Aldi-Regelwerk „Standards im Verkauf“, das jeder Filialleiter bekommt.

Foto: dpa

Nach dem Besuch der Mittelschule absolviert Karl eine Lehre in dem angesehenen Essener Feinkostgeschäft Weiler, sein Bruder Theo erhält seine Ausbildung im mütterlichen Geschäft. Beide Brüder nehmen als Soldaten am Zweiten Weltkrieg teil. Während des Ostfeldzugs soll Karl Albrecht verwundet worden sein.

1946 übernehmen die Brüder das im Krieg unbeschädigt gebliebene Lebensmittelgeschäft ihrer Mutter Anna und bauen nach und nach eine kleine Ladenkette auf, die bereits 1950 13 Lebensmittelgeschäfte alten Stils umfasst und deren Filialen sich 1955 auf das ganze Ruhrgebiet ausdehnen. In den Jahren danach wagen sich die geschäftstüchtigen Jungunternehmer dann an eine Vertriebsform heran, die später unter dem Schlagwort „Discount“ berühmt, ja sogar weltberühmt, wird. Sie zeichnet sich durch ein straff geführtes Sortiment sowie durch weitgehenden Verzicht auf Dekoration, Werbung und aufwendige Ladeneinrichtungen aus.

Chronologie: Der Aufstieg von Aldi
Der Bäcker Karl Albrecht startet am 10. April 1913 den Verkauf von Backwaren im heutigen Essener Stadtteil Schonnebeck. Quelle: dpa
Karl Albrecht und seine Frau Anna eröffnen im Essener Stadtteil Schonnebeck ein „Kaufhaus für Lebensmittel“.
Nachdem Eltern das Geschäft um weitere Filialen erweitert haben, übernehmen die Söhne Karl und Theo Albrecht 1945 den Betrieb.
Die Brüder entwickeln das Geschäftsmodell weiter. Das Stammgeschäft in Essen-Schonnebeck wird zum Selbstbedienungsladen. Die Kette wächst zudem weiter. 1960 hat das Unternehmen mehr als 300 Filialen.
Die Brüder teilen das Filialnetz auf. Karl konzentriert sich auf den südlichen Teil (Aldi Süd) und Theo auf den nördlichen, Aldi Nord. Sie arbeiten aber weiter eng zusammen.
Die erste Aldi-Filiale im Discount-Prinzip wird eröffnet.
1967 folgt der erste Schritt ins Ausland. Aldi Süd übernimmt das österreichische Handelsunternehmen Hofer. 1976 startet Aldi Süd in den USA. Wenige Jahre später steigt auch Aldi Nord mit der Übernahme von Trader Joe's in den US-Markt ein.
Einführung der Aktionstage. Aldi Süd führt Kühltheken für den Verkauf von Frischprodukten ein.
Aldi Süd nimmt u.a. Tiefkühlprodukte ins Sortiment auf.
Aldi Süd beginnt mit der Aufstellung von Backstationen.
Aldi-Mitbegründer Theo Albrecht (Aldi Nord) stirbt im Alter von 88 Jahren.
Aldi Nord führt ein neues Laden-Konzept mit Backstationen ein. Beginn der europaweiten Modernisierung des Filialnetzes.
Aldi-Mitbegründer Karl Albrecht stirbt mit 94 Jahren.
Mit ihrem Discount-Prinzip haben die Gebrüder Albrecht den Lebensmittehandel revolutioniert und ihre Unternehmen einen enormen Erfolg beschert. Das Forschungsinstitut EHI schätzt den Nettoumsatz von Aldi Süd im Jahr 2013 auf 13, 8 Milliarden Euro, den von Aldi Nord auf 10 Milliarden. Aldi Süd verfügt allein in Deutschland über rund 1830 Filialen, Aldi Nord über mehr als 2400. Weltweit kommen Aldi Nord und Aldi Süd zusammen auf insgesamt über 10.000 Filialen und rund 66,8 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Trotz niedriger Preise sprudeln die Gewinne. Die Preiswürdigkeit der Albrecht-Läden spricht sich per Mundpropaganda herum und wird zur besten Werbung für das kleine Filialunternehmen. Flugs werden die Gewinne in neue Geschäfte gesteckt. Das Unternehmen wächst und wächst: von 31 Filialen in 1953, auf 100 zwei Jahre später und 170 im Jahre 1958. 1960 machen die Albrechts mit 300 Geschäften einen Gesamtumsatz von 90 Millionen DM.

„In den 330 Albrecht-Läden zwischen Aachen und Dortmund", so hieß es in einer Werbeanzeige von 1961, würde „ausgesuchte Qualitätsware“ zu günstigen Preisen „den ungeteilten Beifall von Tausenden treuen Albrecht-Kunden finden“.

Mit dem Erstarken der Supermärkte werden die Nachbarschaftsläden jedoch zum Auslaufmodell. Kaiser’s und Deutscher Supermarkt machen sich breit, setzen auf Selbstbedienung (SB) und bauen ihre Fleisch- und Gemüseabteilungen aus. Die Albrecht-Kundschaft wendet sich ab. Die Handelsbrüder scheitern mit dem Versuch, eigene SB-Supermärkte zu betreiben. Die Konkurrenz ist enteilt.

Auch die Idee, Großmärkte für Gewerbetreibende aufzumachen - das spätere Geschäftsmodell der Metro -, verfolgen die Albrechts. Unter dem Namen Alio wagen sie den Aufbau eines Cash & Carry-Marktes - und scheitern erneut.

Der dritte Anlauf ist schließlich der Volltreffer. Statt üppig bestückter Regale gibt es in den Läden fortan ein karges Produktangebot, allerdings zu unschlagbar günstigen Preisen. Die Albrechts entdeckten den Discount. Von der ersten Filiale in Dinslaken aus revolutionierte das neue Verkaufsformat ab Ende 1961 im Sturm die Handelswelt. Knapp zehn Jahre später werden schon über 600 Filialen in mehr als 300 Städten der Bundesrepublik gezählt.

Erfolgreiche Notlösung

Dabei war das Erfolgskonzept anfangs eine reine Notlösung, erinnert sich Walther Vieth. Der Handelsveteran hatte im Januar 1961 eine Zeitungsannonce des "Lebensmittel-Filialbetriebs" Albrecht gelesen und sich als Filial-Revisor beworben. Die Stellung verlangte einen „fleißigen, charakterfesten Mann“. Geboten wurden "Dauerstellung, gutes Gehalt" und ein Volkswagen. Vieth hatte Erfolg und bekam den Vertrag von Karl Albrecht, dem Älteren der Brüder.

Kurz zuvor hatten die Albrechts die Republik unter sich aufgeteilt. Sie sollen sich nicht darüber einig geworden sein, ob Zigaretten ins Sortiment gehören. Also bekommt Karl den Süden und schlägt sein Hauptquartier in Mülheim auf, Theo beackert fortan von Essen aus den Norden. Die Demarkationslinie, der sogenannte Aldi-Äquator, verläuft mitten durch Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Dem Siegeszug tut die Grenzziehung keinen Abbruch. Die Brüder Karl und Theodor Albrecht werden Multimilliardäre - und Aldi zu einer der größten Erfolgsgeschichten im deutschen Handel.

Im Jahr 2000 dehnt das Süd-Reich von Karl Albrecht seine Geschäftstätigkeit sogar bis nach Australien aus. Zu dieser Zeit hat sich Karl schon längst aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Das Firmenimperium wird seitdem ausschließlich von familienfremden Managern geführt.

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