Karriere: Die Kraft des Egos

Vor einiger Zeit erzählte mir mal eine Kollegin von dem Tabubruch, den sie begangen hatte: Sie schaute mit einigen Kollegen abends auf die Überschriften in der eigenen Zeitung des nächsten Tages. Offiziell ging es in der Runde um die Kür der besten Schlagzeile. Inoffiziell um Eitelkeiten. Irgendwann fiel einem der älteren Herren auf, dass die Kollegin sich stärker der offiziellen als der inoffiziellen Aufgabe widmete. Und er kokettierte: Ob sie den von ihm ersonnenen Zeilen nicht etwas mehr Bewunderung schenken wolle? Ihre Bewunderung, entgegnete sie, sei einem einzigen Mann vorbehalten: ihrem Ehemann.
Die Kollegin merkte bald, dass diese Bemerkung ein Fehler war. An der frostigen Art, mit der ihr die anderen nun oft begegneten. Und daran, dass den Posten, auf den sie lange hingearbeitet hatte, ein anderer bekam.
Ich musste daran wieder denken in diesen Tagen, in denen die Eitelkeiten von ein paar Herren im Weißen Haus das globale Wirtschaftsgeschehen bestimmen. Denn was wir derzeit mit Entsetzen auf der großen Bühne beobachten, vollzieht sich ganz ähnlich auch im Kleinen, jeden Tag, in unzähligen Büros.
Putzig, wie genial sich die Männer finden!
Klar gibt es auch eitle Frauen. Aber sie finden sich an den Unternehmensspitzen eben immer noch deutlich seltener als eitle Männer.
Und ich gebe zu: Ich bin ein bisschen neidisch. Inzwischen finde ich es zwar durchaus putzig, mit welcher Naivität manche Männer davon ausgehen, dass sie das, was sie erreicht haben, vor allem deshalb erreicht haben, weil sie so genial sind. Aber zu Beginn meiner Karriere, die ich antrat in dem Glauben, dass am weitesten kommt, wer sich am meisten reinhängt, habe ich den Verlust meiner Illusionen als äußerst schmerzhaft erlebt. Ich fand es nicht nur unfair, dass mancher Kollege, der nur halb so viel (und halb so klug) schrieb wie ich, an mir vorbeizog. Ich war auch fasziniert von der Selbstverständlichkeit, mit der er seinen Platz einforderte. Und überzeugt, dass er gerade deshalb so schnell aufstieg. Manch einer, der so selbstüberzeugt agiert und sich auf Deals in eigener Sache versteht, gilt dann eines Tages als Wirtschaftsexperte – und ist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Um Karriere zu machen, muss man sich gelegentlich aufplustern. Wer weder kompetent noch konstruktiv ist, wird es zwar nie bis ganz an die Spitze schaffen. Aber wer nur kompetent und konstruktiv ist, eben auch nicht, genauer: erst recht nicht. Vor allem aber gilt: Wer etwas erreichen will, muss auch die Egos anderer streicheln. Sonst dringt er (oder sie) einfach nicht durch.
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