Management-Moment der Woche: Mercedes ändert Nachhaltigkeitsziele bei Managerboni – was das für die Transformation bedeutet
Das ist passiert
Die deutsche Autoindustrie steht wirtschaftlich unter Druck, auch Mercedes-Benz. Bei der Elektromobilität hakt es, jetzt kommt der Handelskonflikt hinzu. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Mercedes-Aktie mehr als ein Drittel ihres Wertes verloren. Auch die Bonuszahlungen für Manager sind zuletzt deutlich gesunken.
Bislang spielten dabei auch Transformationsziele eine Rolle: Je niedriger der CO2-Ausstoß, desto höher der Bonus. Damit soll nun Schluss sein. Wie das Handelsblatt berichtet, will Mercedes die Transformationsziele streichen. Das aktuelle Vergütungssystem solle nicht zuletzt „im Hinblick auf das schwierige Marktumfeld“ angepasst werden, schreibt Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller in einem Brief an die Aktionäre.
Das können Sie daraus lernen
„Wir stehen am Kipppunkt der Nachhaltigkeitstransformation“, sagt Laura Marie Edinger-Schons, Professorin für Nachhaltiges Wirtschaften an der Universität Hamburg. Der Gegenwind, den die Idee einer grünen Wirtschaft aktuell erfahre, sei „heftig“. Die Streichung der Transformationsziele aus der variablen Vergütung bei Mercedes hält Edinger-Schons für einen weiteren Rückschritt – aus zwei Gründen.
1. Glaubwürdigkeit in Gefahr
Nach außen gibt sich Mercedes höchst engagiert, wenn es um den Klimaschutz geht: Laut der selbst ausgerufenen „Ambition 2039“ soll bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts die gesamte Neufahrzeugflotte „bilanziell CO2-neutral“ sein – über alle Wertschöpfungsstufen und den gesamten Lebenszyklus hinweg. Durch die geplante Anpassung der Managerboni stehe die Glaubwürdigkeit der Transformation auf dem Spiel, befürchtet Edinger-Schons. „Wenn ausgerechnet Vorzeigeunternehmen wie Mercedes Nachhaltigkeitskriterien aus der Steuerung herausnehmen, konterkariert das alle Aussagen zur Bedeutung von Transformation und Zukunftsfähigkeit“, sagt sie.
Das könnte sich auch auf das Image von Mercedes als Arbeitgeber auswirken: Befragungen der Jobplattform Stepstone zeigten im vergangenen Jahr, dass vier von fünf Beschäftigten bei einem Jobwechsel gezielt nach einem nachhaltigen Unternehmen suchen. 34 Prozent würden kündigen, wenn sich ihr Arbeitgeber in einem umweltschädlichen Projekt engagiert.
2. Anreize wirken
Es geht aber nicht nur um die Außendarstellung. Bonuszahlungen wirken sich auch auf das Bemühen um Nachhaltigkeit aus. Das hat der Mannheimer Wirtschaftswissenschaftler Stefan Reichelstein mit einem internationalen Forscherteam herausgefunden. Für ihre Studie haben sie mehr als 9000 Unternehmen aus verschiedenen Ländern untersucht. Das Ergebnis: Wenn die Gehälter von Managern an ESG-Kriterien (also Umwelt-, Sozial- und Governance-Standards) geknüpft sind, verbessern sich auch die Ergebnisse in diesen Bereichen signifikant.
Auf diesen Effekt haben bis zuletzt immer mehr Unternehmen gesetzt: Zwischen 2010 und 2021 stieg der Anteil der Firmen mit ESG-bezogenen Zielvorgaben von 3 auf gut 30 Prozent. Angesichts der wirtschaftlich angespannten Lage scheint es nun eine Gegenbewegung zu geben. Wirtschaftsprofessorin Edinger-Schons sieht darin ein Warnzeichen: Transformation brauche Verbindlichkeit, auch in der Vergütung. „Solange ökologische und soziale Kriterien nicht verbindlich in Anreizstrukturen verankert sind, bleiben sie nachrangig“, betont sie. Mercedes muss nun den Gegenbeweis antreten, wenn sich die „Mission 2039“ noch erfüllen soll.
Nachtrag: Mercedes legt Wert auf die Feststellung, dass die Dekarbonisierung als Leistungskriterium im Vergütungssystem erhalten bleibe. Zwar werde beim Jahresbonus ab 2026 nicht mehr explizit der CO2-Ausstoß betrachtet, dafür aber der Absatz von elektrischen und Hybrid-Fahrzeugen. Zudem sei der CO2-Ausstoß künftig ein Kriterium im langfristigen Anreizsystem, das die Entwicklung verschiedener Kennzahlen innerhalb von drei Jahren berücksichtigt.