Kinder, Küche, Karriere #16: „Den typischen Mental-Load-Konflikt gibt es bei uns nicht“
In unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie und ihr Partner sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren.
Laura ist 30 Jahre und arbeitet als Sounddesignerin. Ihre Frau Alina (31) ist Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin. Gemeinsam mit ihrem einjährigen Kind leben die beiden in Köln.
WirtschaftsWoche: Laura, du bist nach der Geburt eures Kindes fast ein Jahr lang zusammen mit deiner Frau zu Hause geblieben. Warum habt ihr euch dafür entschieden? Viele Paare sagen ja, sie könnten sich das nicht leisten.
Laura: Für uns war es eigentlich von Anfang an klar, dass wir das so machen möchten. Die Kostenfrage war für uns dabei nie entscheidend. Ein homosexuelles Paar muss ohnehin schon viel Geld aufbringen, um überhaupt ein Kind zu bekommen. Deshalb haben wir gespart. Wir wussten ja nicht, wie viele Versuche wir brauchen würden, bis ich schwanger werde. Es hat zum Glück schnell geklappt und wir hatten noch einen finanziellen Puffer. Uns war es wichtig, zu gleichen Teilen Ansprechpersonen für unser Kind zu sein. In unserer Gesellschaft ist es ja meistens noch so, dass das Kind auf eine Bezugsperson – in heterosexuellen Beziehungen oft die Mutter – fixiert ist. Und diese Person trägt dann auch die größte Last in Sachen Carearbeit und Mental Load. Das sollte bei uns nicht so sein – egal, wer das Kind austrägt. Man muss sich ja auch auf das neue Leben einstellen und möchte sein Kind in Ruhe kennenlernen. Ich glaube, das funktioniert am besten, wenn beide Eltern zu Hause sind.
Hattet ihr andere Paare als Vorbilder, die es auch so gehandhabt haben?
Wir kennen niemanden, der so lange wie wir gemeinsam Elternzeit hatte. Viele fragen uns tatsächlich: Ach cool, wie macht ihr das? Ich finde das immer komisch: Menschen nehmen Kredite auf, um sich ein Auto zu kaufen, sich ein Handy zu leisten oder andere Luxusgüter zu genehmigen. Aber wenn es um ein Kind geht, kommt es schnell zu einer Verantwortungsdiffusion. Und oft trägt die Verantwortung dann nur eine Person. Meistens die, die weniger verdient. Natürlich verstehe ich, dass man sich seinen bisherigen hohen Lebensstandard nicht mehr leisten kann, wenn ein Teil des Geldes wegfällt. Und dass es Menschen gibt, die wirklich sehr wenig verdienen, deshalb nichts sparen und es sich nicht leisten können, lange auf ihr volles Gehalt – geschweige denn auf zwei gleichzeitig – zu verzichten. Aber wenn dem nicht so ist und man ein Modell fahren möchte wie wir, muss man eben vorher etwas zurücklegen. Die Prioritäten wundern mich. Man ist nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich. Wenn ich an mein Wochenbett denke: Das hätte ich ohne meine Frau einfach nicht geschafft. Man durchlebt ja einen Heilungsprozess – körperlich, aber auch psychisch. Ich finde es krass, wie Mütter das durchstehen, wenn sie niemanden haben, der sich um sie kümmert. Man ist ja so vulnerabel.
Wann habt ihr denn angefangen, Geld für diese Zeit zurückzulegen?
Wir waren schon immer sparsame Typen. In der Coronazeit hat sich herauskristallisiert, dass wir nach Köln ziehen, ich dort Sounddesign und Tontechnik studiere und alles, was wir nicht ausgeben müssen, auf ein Konto zurückgelegt wird, damit wir uns ein Kind leisten können. Das ist organisch gewachsen. Wir hatten nie getrennte Geldbeutel und es war immer klar, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Durch ein Praktikum bin ich dann an meinen jetzigen Job gekommen. Und so richtig ging das Sparen los, als ich schwanger war. Dann konnte man ja auch richtig rechnen, wann man wie viel Geld zur Verfügung haben wird und wie viel man vielleicht noch dazu sparen sollte. Das kann man alles googeln. Es ist wirklich nur ein Abend Arbeit. Und es muss ja auch kein endgültiger Plan sein. Wenn man merkt, dass das Geld nicht reicht, kann man zwei Monate vorher der Elterngeldstelle sagen, dass man den Antrag ändern und wieder arbeiten gehen möchte. Wenn man flexibel im Kopf bleibt und sich das immer vor Augen führt, dann ist das eigentlich alles nicht schwer.
Hattet ihr denn manchmal Bedenken, was eure Herangehensweise angeht?
Unsere Prämisse war immer: Wir verlieren uns dabei jetzt nicht. Wir wollten nicht, dass Geld die ganze Zeit Thema Nummer eins ist. Es kann ja nicht sein, dass wir auf alles verzichten, weil wir ein Kind planen. Wenn man es so eng sieht, wird man unglücklich, glaube ich. Natürlich spielt Geld auch jetzt, wo das Kind da ist, eine große Rolle – aber wenn man sich da zusammen drum kümmert und der Druck nicht auf einer Person lastet, dann geht das auch. Ich finde, es ist wichtig, darüber zu sprechen. Man ist zusammen verantwortlich und sollte auch von Anfang an an einem Strang ziehen. Gleichberechtigung ist da der Dreh- und Angelpunkt.
Hat euer Kinderwunsch auch bei der Entscheidung, zu heiraten, eine Rolle gespielt?
Ja. Natürlich haben wir geheiratet, weil wir uns lieben – das ist keine Frage. Aber es war klar, dass wir es auch für das Kind machen müssen, weil sonst eine Adoption sehr schwierig wird. Meine Frau musste das Kind nämlich adoptieren.
Bei heterosexuellen Paaren ist der Ehemann laut Gesetz automatisch der Vater des Kindes, das seine Frau bekommt …
Genau, aber meine Frau musste unser Kind adoptieren. Das heißt, du bekommst ein Baby und dann kommt erstmal direkt das Jugendamt zu dir nach Hause. Wir hatten zum Glück einen super coolen Mitarbeiter hier in Köln, der direkt zum Einstieg ins Vorgespräch klar gemacht hat, dass er weiß, wie doof das für uns ist und dass er auf unserer Seite steht. Aber er musste uns trotzdem besuchen. Wir mussten auch ein Gericht kontaktieren und zum Beispiel unsere Finanzen offenlegen und Alinas Fitness von einem Arzt bescheinigen lassen. Notarielle Kosten hatten wir auch. Bei uns ist alles super gelaufen, aber es gibt auch viele Horrorgeschichten. Es ist eine Diskriminierung von homosexuellen Paaren. Eigentlich wollte die Politik das Thema auch angehen, aber ich fürchte, es wird mit der neuen Regierung nicht besser…
Durch den Bruch der Ampel kam es nicht mehr zur Reform des Abstammungsrechtes. Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD bleibt es nun eher vage …
Ich würde mir wünschen, dass es mehr Menschen auf dem Schirm haben, die meinen, gleichberechtigt zu denken und für Gleichberechtigung zu kämpfen.
Mit Kosten in welcher Höhe musstet ihr denn allein für die Erfüllung eures Kinderwunsches rechnen?
Wir haben insgesamt wohl so rund 8000 Euro ausgegeben. Es gibt viele Samenspendebanken, oft dänische. Da kannst du dir die Spender ansehen, findest Kinderfotos, psychische und gesundheitliche Gutachten, Infos dazu, was für ein Typ Mensch sie sind. Wir haben uns direkt ein Depot angelegt, also von Anfang an vier Versuche von einem Spender gekauft und das für zwei Jahre gehalten. Das kann man sich wie ein Sparbuch vorstellen. Bei uns hat es dann in vier Versuchen geklappt, beziehungsweise drei Versuchen, aber einmal hatte ich eine Fehlgeburt. Das Depot hat uns auf jeden Fall finanziellen Druck genommen, weil dann das Geld erstmal ausgegeben war und wir nicht weiter darüber nachdenken mussten.
Und die Krankenkasse schießt nichts zu?
Nein, man wird benachteiligt. Wir zahlen genau wie heterosexuelle Paare in die Krankenkasse ein, finanzieren ihnen damit teilweise ihren Kinderwunsch, aber bekommen nichts.
Euer Kind ist jetzt 14 Monate alt. Wie sieht euer Alltag inzwischen aus?
Ich gehe seit Dezember vergangenen Jahres wieder arbeiten. Das haben wir so entschieden, weil Alina im Schichtdienst arbeitet. Das wäre etwas schwieriger zu organisieren, aber ich habe einen Nine-to-five-Job und kann Homeoffice machen. Ich arbeite 24 Stunden pro Woche. Alina bekommt weiterhin Elterngeld. Wir haben uns für das Elterngeld-Plus-Modell entschieden. Das heißt ja eigentlich 28 Monate, 14 Monate pro Partner, aber wenn eine Person früher aus der Elternzeit wiederkommt, dann bekommt die andere Person die Monate noch on top. Wir möchten unser Kind so spät in die Kita geben wie möglich.
Was genau bedeutet das?
Alina hat wahrscheinlich noch bis Januar nächsten Jahres Elternzeit. Dann war sie 17 Monate lang zu Hause und arbeitet in Teilzeit. Wir teilen uns die Tage so auf, dass unser Kind erst im August 2026 in die Kita muss – dann ist es zweieinhalb Jahre alt.
War das erste Jahr mit Kind so, wie ihr euch das vorher vorgestellt habt?
Besser! Ich würde sagen, es war wie ein ewig langer Urlaub. Wir haben Glück, dass unser Kind so einfach ist. Wir haben auch noch nie so gut geschlafen wie mit Kind. Das darf man eigentlich keinem erzählen (lacht), aber es ist ja auch wichtig, um zu verstehen, wieso es uns so gut geht. Jeder Tag ist entspannt, man hat Freizeit und unternimmt Dinge. Wir waren in vielen kleinen Urlauben in Holland und Deutschland. Ich verstehe nicht, wieso Eltern sagen, arbeiten gehen sei für sie wie Urlaub. Vielleicht lieben sie ihren Job so sehr und vielleicht ist das auch eine Typfrage. Aber wir sind Fans von unserem Kind und finden das Leben mit ihm einfach supercool. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir uns aufopfern, sondern, dass wir ganz viel zurückbekommen. Aber da wir zu zweit sind, haben wir auch nie krasse Stresssituationen. Ein Gefühl der Überforderung gibt es nie. Dass es für eine übermüdete Mutter alleine heftig ist, ist natürlich klar. Aber es entspannt das Gehirn, ein Backup zu haben.
Und wie findest du dein Leben jetzt, wo du wieder arbeiten gehst?
Um ehrlich zu sein, ist es weiterhin toll. Ich arbeite drei Tage die Woche von zu Hause aus, bekomme unser Kind also immer noch mit und kann auch mal eine Windel wechseln. Aber auch, wenn ich mal ins Büro muss, ist das gar kein Problem. Das war nie eine Frage, da es nicht nur auf mich fixiert ist.
Teilt ihr auch die Aufgaben im Haushalt und Mental Load komplett gleichberechtigt unter euch auf?
Natürlich gibt es auch bei uns eine gewisse Rollenverteilung. Zum Beispiel hat meine Frau die Finanzen mehr auf dem Schirm und kocht einfach gerne, ich fahre dafür mit dem Auto einkaufen und finde putzen nicht schlimm. Wäsche haben wir beide auf dem Schirm. Ich glaube, das ist bei uns einfach so gewachsen. Diesen typischen heteronormativen Mental-Load-Konflikt gibt es bei uns wohl nicht, weil wir beide Frauen sind. Wir wissen beide, wie man putzt, wie man einkauft, wie man Carearbeit erledigt. Und wir wiegen selten Dinge gegeneinander auf. Es ist dann eher so, dass wir Dinge füreinander machen. Ich weiß, dass Alina nicht gerne die Spülmaschine ausräumt, also mache ich es. Weil unser Kind auf meiner Seite im Bett liegt, mache ich morgens oft die erste Windel. Wenn ich einen Termin habe und die Nacht kurz war, macht meine Frau das. Über vieles müssen wir gar nicht sprechen. Natürlich geraten wir auch mal aneinander, aber nie aus Missgunst.
Hast du auch mal Zeit für dich oder deine Frau für sich?
Meine Frau macht zum Beispiel abends Sport, während ich unser Kind ins Bett bringe. Das fing so nach vier, fünf Monaten an. Sie hatte das Bedürfnis und ich habe gesagt, dann mach das doch, ich stille ja eh, lass dir Zeit. Jeder kann sein Ding machen, während das Kind schläft. Oft schauen wir danach noch eine Serie zusammen. Insgesamt genießen wir das Familienleben sehr und finden gemeinsame Zeit einfach gut.
Hast du auch mal das Bedürfnis, abends alleine mit Freunden ins Kino oder in eine Bar zu gehen?
Nein. Wir sprechen da oft drüber, sagen: Ey, du kannst ruhig mal abends weggehen. Aber das Coole ist, dass unser Freundinnenkreis auch Bock auf das Kind hat. Also treffen wir uns alle zusammen und es ist ein Teil davon. Wir gehen dann in den Park, machen Picknick, waren auch auf dem CO-Pop-Festival. Aber so war unsere Beziehung schon immer, wir hatten nie viele Freunde oder Freundinnen alleine. Wenn mal das Bedürfnis da ist, was alleine zu machen, gibt es immer Raum, es anzusprechen. Zum Beispiel war meine Frau neulich auf einem Geburtstag von einer sehr guten Freundin, da habe ich gesagt: Ich glaube, mir ist das mit Kind zu anstrengend, ich bleibe mit ihm zu Hause – bleib so lange dort, wie du willst. Aber oft wollen wir einfach zusammen sein, weil wir mit Kind so coole Momente erleben und nichts davon verpassen möchten. Für mich ist es schon Me Time, wenn ich die Küche alleine aufräume, nachdem meine Frau gekocht hat. Aber ich war auch noch nie jemand, der viel Zeit für sich braucht. Ich denke, das muss jedes Paar für sich selbst entscheiden und miteinander besprechen. Seid lieb zueinander, schaut aufeinander. Was das angeht, kann ich mir wirklich keine bessere Person als meine Frau vorstellen. Ich glaube, es ist wichtig, ein Gespür für die andere Person, für das Kind und auch für das Leben, das man gemeinsam führen möchte, zu haben.
Hinweis: Dieses Interview erschien erstmals im Mai 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen es aufgrund des Leserinteresses erneut.
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