Immobilienkauf: So übersteht Ihre Beziehung den Hauskauf
Der Altbau in Leipzig war schon lange Claudia Steinbachs Traumhaus gewesen. Immer wieder war sie als Kind daran vorbeigegangen und hatte sich gedacht: „Wenn ich groß bin, will ich dieses Haus.“ Groß ist Steinbach, die eigentlich anders heißt, längst. Und eines Tages stand ihr Traumhaus tatsächlich zum Verkauf. Die Gelegenheit für die 50-Jährige, sich ihren Kindheitswunsch zu erfüllen, war endlich gekommen.
Steinbachs Lebensgefährte Frank Reimers sah das allerdings anders. Ein Haus? Das kam für ihn nicht infrage. Reimers, der ebenfalls anders heißt, wollte mit den beiden gemeinsamen Kindern in der bisherigen Eigentumswohnung wohnen bleiben. Steinbachs Traum vom eigenen Haus wurde so zum Auslöser eines langwierigen Streits über Geld, Macht und Lebensentwürfe. Beinahe hätte sich das Paar darüber getrennt.
In Deutschland wird rund jede dritte Ehe geschieden. Oft spielt ein gemeinsamer Immobilienkauf eine Rolle bei der Scheidung. Die damit einhergehende finanzielle Belastung, die Aussicht auf weitere Verpflichtungen und der Druck, in kurzer Zeit viele Entscheidungen treffen zu müssen, führen oft zu Stress und Reibereien. Noch dazu kann ein Eigenheim viele verdrängte Differenzen ans Tageslicht bringen: unterschiedliche Zukunftsvorstellungen, eingefahrene Beziehungsmuster.
Garten oder kein Garten?
Claudia Steinbach versprach sich von ihrem Traumhaus mehr Ruhe, mehr Natur, mehr Lebensqualität. Sogar einen Garten gab es. Steinbachs Partner konnte damit aber so gar nichts anfangen – „null Interesse“, wie sie sagt. „Für ihn war seine Eigentumswohnung, die jetzt fast abbezahlt ist, völlig ausreichend.“ Aus Reimers' Sicht ist das nachvollziehbar: Warum sich mit Mitte 60 noch einmal verschulden für ein Haus, das er gar nicht wollte?
Unterschiedliche Vorstellungen seien ein typischer Konfliktherd, sagt Paartherapeutin Julia Karrasch. Sie berät immer wieder Paare, die mitten in einem Hauskaufprozess stecken. „Dabei werden viele Fragen aufgeworfen, die man sich sonst selten stellt: Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Möchte ich Eigentum, weil es mein Traum ist oder weil ich denke, dass es dazugehört?“ Oft stellten Paare erst bei der Immobiliensuche fest, wie weit ihre Vorstellungen von einem guten Leben voneinander abweichen.
Auch die Finanzierung kann zu Konflikten führen. Patricia Magalhaes vom Baufinanzierer Baufi24 erlebt das in Beratungsgesprächen: „Bisweilen beginnen die Diskussionen bei uns in der Beratung – etwa darüber, wie hoch die monatliche Rate sein darf oder wer was übernimmt.“ Seltener eskaliere der Streit schon im Beratungstermin. Wenn, dann ist das unangenehm für den Berater, vor allem aber ein Zeichen dafür, dass grundlegende Fragen im Vorfeld nicht geklärt wurden.
Immer realistisch bleiben
Ein weiteres Problem sei mangelnder Realismus, sagt Magalhaes. Viele Paare hätten zwar eine konkrete Immobilie im Blick, aber keine Vorstellung davon, wie sie diese finanzieren. „Manche kommen mit Luftschlössern und sind dann überrascht, dass man ein Haus für 600.000 Euro nicht für 1000 Euro im Monat finanzieren kann“, sagt Magalhaes.
Oft werde zudem der Aufwand einer Sanierung nicht ausreichend bedacht, vor allem, wenn vieles in Eigenleistung gestemmt werden solle. „Viele unterschätzen, wie viele Wochenenden und Feierabende dafür draufgehen“, sagt Magalhaes. Zugleich laufe oft die Kündigungsfrist der alten Mietwohnung. Das erhöht den Druck zusätzlich.
Paare sollten frühzeitig klären, in welchem Zustand eine Immobilie, welche Kosten und welcher Zeitaufwand realistisch und an welchen Stellen beide Partner zu Abstrichen bereit seien, rät Magalhaes. Doch auch dann bleibt die Frage: Wer finanziert wie viel?
Claudia Steinbach bekommt ihr Traumhaus – dafür stemmt sie die Finanzierung aber komplett allein. Ihr Lebensgefährte will das Haus nicht mitzahlen, schließlich sieht er keinen Grund zum Umzug. Um sich den Leipziger Altbau leisten zu können, verkaufte Steinbach eine andere Immobilie, die ursprünglich als Anlageobjekt gedacht war, und nahm zusätzlich einen Kredit auf. Das funktionierte nur, weil sie im Job befördert worden war und eine besser bezahlte Leitungsposition bekam. Vorher habe sie nicht gewusst, wie sie die Kreditraten abzahlen sollte, sagt sie. Ihr Partner habe nichts beisteuern wollen, sondern gemauert – eine Belastung für die Beziehung.
In Geld stecken viele Emotionen
Die Immobilienfinanzierung kann auch deshalb zum Problem werden, weil Geld ein emotionales Thema ist. Nicht jeder hat dieselbe Sichtweise darauf. „Wenn ich an Geld denke: Empfinde ich dann Fülle oder Mangel? Das hat viel mit der Herkunft, mit früheren Erfahrungen oder dem eigenen Umfeld zu tun“, erklärt Finanzpsychologin Monika Müller.
Es gibt Menschen mit hohem Einkommen, die sich trotzdem finanziell unsicher fühlen – und solche, die mit wenig auskommen und sich frei fühlen. Während der eine kein Problem mit einer hohen Verschuldung habe, fühle sich der andere von hohen Zahlen massiv unter Druck gesetzt, sagt Müller.
Auch bei Frank Reimers und Claudia Steinbach ist Geld emotional unterschiedlich verknüpft. Er ist schon einmal pleitegegangen, sie hat ihm damals geholfen – ihn „gerettet“, wie sie sagt. Diese Erfahrung hat beide geprägt. „Wir haben heute unterschiedliche Vorstellungen davon, wofür man Geld ausgeben sollte“, sagt Steinbach. Ihr Mann gehe mit Geld vorsichtig um und gebe es vor allem für Dinge aus, die ihm sehr wichtig sind. Steinbach hingegen ist offener für finanzielle Abenteuer.
Es muss nicht immer halbe-halbe sein
Dass Steinbach ihr Traumhaus ohne Beteiligung ihres Lebensgefährten finanziert, ist ein Extremfall. Es sei aber durchaus üblich, dass ein Partner bei Gemeinschaftsprojekten finanziell mehr leiste als der andere, sagt Finanzpsychologin Müller. Sie warnt davor, sich zu sehr an eine 50:50-Idee zu klammern: „Auf finanzieller Ebene ist echte Gleichverteilung in den meisten Fällen unrealistisch, schon allein, weil einer fast immer mehr verdient oder besitzt als der andere.“
Wichtiger sei, was dieses Ungleichgewicht emotional auslöse. Oft stehe hinter vermeintlichen Gerechtigkeitsdiskussionen eigentlich eine andere Frage: „Wenn ich mehr einbringe – habe ich dann auch mehr zu sagen? Und wenn ich weniger beisteuere, bin ich dann weniger wichtig?“ Werde Geld unbewusst mit Macht, Einfluss oder Anerkennung verknüpft, entstehe Konfliktpotenzial. Müller rät Paaren, zu klären, wie sich beide Partner mit der gewählten Verteilung fühlen. „Es geht darum, eine Balance zu finden, mit der sich beide wohl und sicher fühlen. Auch über die nächsten 20 Jahre hinweg.“
Was vielen Paaren zudem nicht klar ist: Wer jeden Monat eine hohe Kreditrate stemmen muss, muss an anderer Stelle Abstriche machen – etwa bei Reisen, spontanen Ausflügen oder Freizeitaktivitäten „Viele Menschen merken erst im Alltag, was sie aufgeben müssen, wenn sie sich für eine Immobilie entscheiden. Und nicht jeder kommt mit dieser Einschränkung gut klar“, sagt Paartherapeutin Julia Karrasch. Auch das könne zu Streit führen.
Karrasch rät Paaren, offen über ihre Vorstellungen und Erwartungen zu sprechen. „Die Beziehung sollte dabei im Zentrum stehen. Man muss sich bewusst Zeit füreinander nehmen und sich füreinander interessieren.“
Bei Steinbach und ihrem Mann funktionierte das lange nicht. Es gab kaum Gespräche, kaum gemeinsame Zeit. Doch mit dem Einzug in das neue Haus veränderte sich etwas: Reimers merkte, wie seine Frau und die Kinder in der neuen Umgebung aufblühten. Er selbst fand langsam Anschluss in der Nachbarschaft. Mit der Zeit begannen die beiden, über das Geschehene zu sprechen. Heute funktioniert ihre Beziehung wieder – auch, wenn Reimers das Haus bis heute nicht als sein eigenes empfindet.