Unsicherheit im Job: Angst vor Vorgesetzten: Was hilft?
Schon am Vorabend regt sich Unbehagen: Morgen ein Meeting mit dem Vorgesetzten. Morgens bekommt man keinen Bissen runter und hetzt ins Unternehmen, um noch genügend Zeit für eine akribische Vorbereitung zu haben. Beim Treffen selbst erstarrt man. Und traut sich wieder nicht, Nein zu sagen. Oder darum zu bitten, beim anstehenden Innovations-Projekt berücksichtigt zu werden. Aus Angst vor Chefin oder Chef.
Auf lange Sicht kann das dazu führen, dass man übersehen wird und „karrieremäßig unter seinen Möglichkeiten bleibt“ – oder über die eigenen Grenzen geht, sich überarbeitet und im schlimmsten Fall im Burn-out landet, sagt Diplom-Psychologin Elke Overdick. Es könne auch passieren, dass Menschen ihre Angst überspielen und der Führungskraft gegenüber unwirsch, laut oder provozierend auftreten. Auch das ist nicht förderlich für die Karriere. Wie kommt man also aus dieser Angst wieder raus?
Warum Angst vor dem Chef oft ganz normal ist
„Angst vor dem Vorgesetzten zu haben ist grundsätzlich normal“, sagt Beate Muschalla, Professorin und Leiterin der Abteilung Klinische Psychologie an der Technischen Universität Braunschweig.
Dazu müsse der nicht einmal „besonders bedrohlich“ sein. „Chefs haben allein durch ihre Rolle Bedrohungspotenzial“, so die Verhaltenstherapeutin, die sich viel mit arbeitsbezogenen Ängsten beschäftigt. Das liege in der Natur ihrer Aufgaben: Führungskräfte überwachen, kontrollieren, stellen Forderungen und erteilen Anweisungen – notfalls auch unter Androhung von Sanktionen.
Wann Angst bei der Arbeit problematisch wird
Angst sei eigentlich „eine nützliche, wichtige Emotion“, sagt Elke Overdick. Sie schütze uns davor, Dinge zu tun, die uns in Gefahr bringen oder Dinge zu sagen, die uns negative Konsequenzen bescheren - sodass wir zum Beispiel unsere Chefin nicht anschreien, obwohl wir wütend sind.
Problematisch wird Angst im Job, wenn sie dazu führt, dass man sich nicht mehr traut, also „wenn die Angst so groß wird, dass sie uns blockiert und uns davon abhält, notwendige Dinge zu tun, die uns zu überleben helfen und die uns unseren Zielen näher bringen“, so Overdick. Beispiel: der Führungskraft in Bezug auf die Arbeitsbelastung Grenzen mitzuteilen.
Beate Muschalla sieht einen kritischen Punkt, wenn man Situationen mit dem Chef oder der Chefin vermeidet und dadurch Probleme bekommt, etwa weil man bei der Konferenz zu häufig fehlt, einem Informationen entgehen oder man sich ständig ängstlich absichert und sich deshalb nicht mehr auf die Arbeitsinhalte konzentrieren kann.
In dem Fall rät die Psychologin dazu, sich Hilfe zu suchen, entweder im betrieblichen Umfeld oder bei Beratungsstellen. Auch der Arzt oder die Ärztin des Vertrauens können eine Anlaufstelle sein.
Was steckt hinter der Bedrohung von Chef oder Chefin?
Es gibt aber auch Wege, die Furcht vor der Führungskraft zu überwinden. Muschalla zufolge kann es hilfreich sein, „sich einmal grundsätzlich einige Ideen über den Chef zu machen und sich darauf einzustellen, was kommt.“
Etwa, indem man sich bewusst macht, dass ...
- ... es gute und schlechte Chefinnen und Chefs gibt. „Man kann mit einem Chef Glück oder Pech haben. In den seltensten Fällen kann man ihn ändern“, so Muschalla.
- ... Vorgesetzte selbst wieder Vorgesetzte haben – und letztlich auch nur Menschen sind, mit guten und schlechten Tagen.
- ... Vorgesetzte auch ihre spezifischen Eigenarten haben. Muschalla beschreibt exemplarisch drei Typen: „Der regt sich immer auf, meint es aber nicht so. Der sagt heute das und morgen das, also erst mal abwarten und Tee trinken. Mein Chef ist sachlich. Mit dem kann man reden, und so weiter ...“
Auch Elke Overdick plädiert dafür, der eigenen Angst auf den Grund zu gehen. „Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf? Was genau stelle ich mir Negatives vor, das passieren könnte?“, so die Coachin. Sind meine Gedanken hilfreich? Sind meine Gedanken realistisch? Was hilfreich ist: Die eigenen Angstgedanken gemeinsam mit anderen überprüfen.
Auch Selbstwert und Selbstwirksamkeit spielen der Psychologin zufolge eine große Rolle: „Menschen, die mit den Hierarchie-Stufen auch Wertigkeiten der Menschen verbinden, sehen sich als weniger wert als Führungskräfte.“ Das sei ein Nährboden für Angst.
Wer aber die Erfahrung macht, dass kommunizierte Grenzen von der Führungskraft respektiert und beachtet werden, also Selbstwirksamkeit erlebt, hat künftig weniger Angst und sieht sich gestärkt, sich weiter offen mitzuteilen.
Üben, üben, üben
„Verhalten kann man üben“, sagt Psychotherapeutin Muschalla. Etwa, indem man mit Freundinnen oder guten Kollegen Situationen mit dem Vorgesetzten nachspielt und dabei Verhaltensvarianten ausprobiert oder neues Verhalten einübt. So lässt sich testen, wie man künftig reagieren kann, wenn zum Beispiel Chefin oder Chef Kritik äußern. Wichtig sei, sich aktiv mit den typischen Situationen zu beschäftigen und sie nicht nur allein im Kopf zu durchdenken.
Elke Overdick rät zudem, dem (körperlichen) Stress zu begegnen, den Angst bei genügend Intensität auslösen kann. „Auf der Ebene hilft alles, was zur Entspannung und inneren Ruhe beisteuern kann“, sagt sie. Dazu zählen Atem- und Achtsamkeitsübungen, Entspannungsmethoden sowie die beschriebene bewusste Überprüfung eigener Gedanken.
Nicht zuletzt kann das Arbeiten mit inneren Bildern ein effektiver Ansatz sein. Overdick schlägt zum Beispiel vor, den inneren Film vom Mitarbeitergespräch kreativ zu verändern, etwa „indem ich mal ausprobiere, wie sich meine Angst verändert, wenn ich das Bild von farbig auf Schwarz-Weiß einstelle oder von einem Film auf ein Bild umschwenke.“