1. Startseite
  2. Technologie
  3. Forschung
  4. Bakterien fressen Schmutz: Superpflanzen sollen Kläranlagen entgiften

Bakterien fressen SchmutzSuperpflanzen sollen Kläranlagen entgiften

Gegen fast alles ist ein Kraut gewachsen. Der Franzose Thierry Jacquet reinigt Industrieabwässer mit Pflanzen. Mit beachtlichem Erfolg.Karin Finkenzeller 02.08.2014 - 06:00 Uhr

Entsorgungspark: Unternehmer Jacquet in einer Pflanzen-Kläranlage.

Foto: Laif

Skeptische Blicke ist Thierry Jacquet gewöhnt. „Es klingt ja auch ein bisschen seltsam, wenn einer behauptet, er würde Abwässer mithilfe von Pflanzen so sauber kriegen, dass man darin baden kann“, sagt der 49-jährige Franzose und zwinkert vergnügt durch die runde Brille.

Umwelt-Restaurator nennt er als Berufsbezeichnung, seit er vor zehn Jahren seine Firma Phytorestore gründete. „Phyto“ wie das griechische Wort für „pflanzlich“ und „restore“ für „wieder herstellen“. „In 50 Jahren wird das völlig normal sein. Aber es braucht eben jemanden, der damit anfängt und die Überzeugungsarbeit leistet.“

Jacquet, ursprünglich Städteplaner und Landschaftsarchitekt, wirbt für das Potenzial einer Technik, die bisher vor allem in Naturschwimmbädern zum Einsatz kommt. Dort reinigen Pflanzen das verschmutzte Wasser. Der Ökopionier aber geht noch einen Schritt weiter. Er will beweisen, dass es Pflanzen – bis auf wenige hochgiftige Substanzen – sogar mit stark belasteten Industrieabwässern aufnehmen können, dazu gehören die von Kosmetik- und Waschmittelherstellern. Sogar mit den verseuchten Böden von Tankstellen oder Reinigungsfirmen sollen die Pflanzen zurecht kommen.

Waten im Filtergarten

Wie das funktioniert, zeigt er eine gute Stunde Fahrt südlich von Paris: In La Brosse-Montceaux, einem Ort nahe der Grenze zur Bourgogne, wiegt sich Schilfrohr im Wind, so weit das Auge reicht. Frösche quaken, Vögel zwitschern, ein Biotop, könnte man vermuten. Doch unter dem Pflanzenteppich wabert eine dunkelgraue Brühe.

Blick aus der Röhre

Viele Bergfans wollen am liebsten im Einklang mit der Natur wandern. Wenn es aber im Hochgebirge abends kalt wird, benötigen sie nicht nur Schutz, sondern sie verbrauchen oft auch Kerosin, Gas oder Batterien für ihre Kocher. Eine überlebenssichernde und umweltfreundliche Übernachtungsmöglichkeit bietet jetzt die italienische Designfirma Leap-Factory. Ihre röhrenartige, schnee- und sturmsichere Mini-Lodge ist im Schnitt 3,5 Meter breit, acht Meter lang und 2,80 Meter hoch. In ihr sind Tische, Stühle, Toiletten und Waschbecken installiert. Nach Bedarf gibt es Kojenplatz für zwei bis zwölf Personen. Dafür dass es bei traumhafter Aussicht auf Himmel und Berge warm bleibt, sorgt die Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Das Handicap: Mindestens 200 000 Euro kostet die 2500 Kilogramm schwere und mehrmodulige Schlafkapsel. Damit sich der Aufwand rechnet, bleibt das Biwak mehrere Wochen auf dem Berg und kann von verschiedenen Wanderern benutzt werden.

Foto: PR

Sonnengrill statt Feuerstelle

Studenten des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA wollen den ultimativen Traum aller grünen Barbecue-Fans Realität werden lassen: Sie entwickeln einen Grill, der Hitze mithilfe von Sonnenenergie erzeugt, Wärme speichern kann und dadurch sogar nachts funktioniert. Ihr Prototyp baut auf einer Technologie von MIT-Professor David Wilson auf: eine spezielle, besonders leichte Linse bündelt das Sonnenlicht, das in Lithiumnitrat-Zellen gespeichert wird. Mit der Hitze der Wärmespeicher lassen sich dann Steak und Wurst grillen. Vor allem aber ist der „Cooker“ laut Wilson als umweltfreundliche und energiesparende Alternative zu den offenen Holzfeuern gedacht, die die Menschen in Entwicklungsländern als Kochstelle nutzen. Jeden Tag verbrennen weltweit mehr als drei Millionen Tonnen Feuerholz unter Töpfen und Pfannen. Vor allem in afrikanischen Regionen wird das Holz knapp. Wilsons Grill speichert Sonnenenergie für 25 Stunden und heizt auf über 230 Grad hoch. Solargrills mit derartiger Kapazität gab es zuvor nicht.

Foto: PR

Wirbel-Säule

Frischer Wind aus Bayern: Das Unternehmen MRT Wind hat eine neues Minikraftwerk für den Zuhause-Gebrauch entwickelt. Das Besondere: Das 2,50 Meter hohe Windrad dreht sich nicht wie die üblichen Propeller-Systeme um die Horizontalachse, sondern um die Vertikalachse. „Dadurch kann man unabhängig von der Windrichtung Strom erzeugen“, erklärt Geschäftsführer Neil Cook. Ab einer Windgeschwindigkeit von 1,5 Metern pro Sekunde gewinne die Anlage Energie. Die Miniwindräder sind nach Herstellerangaben lautlos und lassen sich genehmigungsfrei installieren. Die ersten Testgeräte sind in Betrieb. Preis: ab 7000 Euro pro Stück.

Foto: PR

Leselicht in Hülle und Fülle

Der US-Hersteller SolarFocus bringt Licht ins Dunkle des E-Readers von Amazon: Mit einer leuchtenden Hülle namens Solar Kindle Lighted Cover. Sie schützt das Gerät nicht nur vor Kratzern, sondern bietet dem E-Reader auch eine netzunabhängige Notstromversorgung sowie eine LED-Leselampe. Damit lässt sich der Kindle nun auch in absoluter Dunkelheit nutzen. Gespeist wird das Licht aus einem eingebauten Akku, der über die Solarzellen auf der Außenseite der Hülle geladen wird. Auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, eine der weltweit größten Messen für Unterhaltungselektronik, ist die Hülle als eine der besten Innovationen 2012 in der Kategorie nachhaltige Technologien ausgezeichnet worden. Schon nach acht Stunden Sonnenlicht, so verspricht der Hersteller, habe die Batterie genug Saft, um dem Kindle drei Tage Strom zu liefern. Kosten: rund 80 Dollar.

Foto: PR

Insel-Lösung in der Südsee

Es könnte ein Entwurf des US-Verpackungskünstlers Christo sein. Tatsächlich haben sich japanische Architekten der Shimizu Corporation diese überdimensionale Seerosenstadt ausgedacht – mit kompletter Infrastruktur und üppiger Vegetation. In der Südsee auf der Höhe des Äquators soll die klimafreundliche, selbstversorgende Trauminsel schwimmen. Dort gibt es viel Sonne und kaum Taifune. Das Fundament soll aus wabenförmigen, mit Wasser und Luft gefüllten Betonröhren bestehen, um so der Insel Auftrieb und Stabilität zu verschaffen. Die Technik haben die Japaner bereits bei schwimmenden Bohrinseln erprobt. Jede ihrer sogenannten grünen Flossen hat einen Durchmesser von drei Kilometern und einen Hauptwohnbezirk mit einem kelchartigen, 1000 Meter hohen Wohn- und Arbeitsturm, in und um den herum 40.000 Menschen wohnen sollen. 350 Hektar Nutzfläche bleiben den Bewohner, um ihre Lebensmittel zu produzieren. Baubeginn soll 2050 sein.

Foto: PR

Stadt-Tomaten

Weil es Kosten und Energie spart, erobert die Landwirtschaft die Innenstädte. In Deutschland soll nun „inFarming“ beginnen, ein Erntesystem fürs Büro, in dem Pflanzen vom gereinigten Abwasser und der Abwärme der Gebäude gedeihen. „Wir wollen Dächer für den Anbau von Gemüse nutzen“, sagt Volkmar Keuter, der verantwortliche Leiter am Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik. Die Idee: Nach dem Job erntet der Angestellte noch im Gewächshaus auf dem Bürodach sein Gemüse. Auf einem Viertel der 1200 Millionen Quadratmeter deutschen Büroflachdächer könnten die Pflanzen gedeihen, rechnet Keuter vor. Sie würden in Städten jährlich rund 28 Millionen Tonnen CO2 binden. Das entspreche 80 Prozent der CO2-Emissionen von industriellen Betrieben in Deutschland. Erste Versuche laufen derzeit im Fraunhofer-Testhaus für neue Gebäudesysteme in Duisburg.

Foto: dpa

Superunkräuter und Powerwanzen

Gentechnisch veränderte Pflanzen schaden Bauern mehr als sie nutzen. Das ist das Fazit einer Studie von 20 führenden Umwelt- und Verbraucherschutzvereinigungen aus aller Welt, die auch Regierungen beraten. Dabei waren die Verheißungen groß: schmackhaftere Erdbeeren, weniger Unkrautvernichtungsmittel und höhere Erträge für Raps, Mais, Soja und Baumwolle. Sogar Welthunger, Klima- wandel und Bodenerosion sollten die Pflanzen zurückdrängen, deren Erbgut Biologen im Labor gezielt verändert haben. „Doch keines der Versprechen, das die Hersteller vor 20 Jahren zur Einführung der vermeintlichen Wunderpflanzen gaben, haben sie erfüllt“, heißt es in der Studie.

Stattdessen leiden Bauern unter negativen Auswirkungen: In Brasilien und Argentinien setzen sie auf ihren Feldern heute doppelt so viel Unkrautvernichtungsmittel ein wie auf konventionellen Feldern; auf Indiens Baumwollfeldern ist der Einsatz von Pestiziden sogar um das 13-Fache gestiegen. In China hat sich durch den Anbau von gentechnisch veränderter Baumwolle eine an sich harmlose Population von Wanzen verzwölffacht und bedroht jetzt die Pflanzen. In den USA, wo die meisten genmanipulierten Pflanzen wachsen, fördert ihr Anbau die Ausbreitung von Superun-kräutern, die Unkrautvernichtungsmitteln widerstehen.

Die drei großen Saatgutunternehmen Monsanto, Dupont und Syngenta kontrollieren heute mehr als zwei Drittel der weltweiten Saatgutverkäufe. Monsanto hat zudem 95 Prozent des indischen Saatgutmarktes für Baumwolle im Griff. Die Folge: Die Preise steigen stetig.

Foto: dpa/dpaweb

Erneuerbare Energien

11 Milliarden Euro haben die Deutschen beim Import von Brennstoffen wie Öl und Gas durch erneuerbare Energien 2011 eingespart. Ihr Anteil an der Stromversorgung lag im Jahr 2011 bei rund 20 Prozent. Das ergab eine Studie des Bundesverbandes Erneuerbare Energie.

Foto: dpa

Jacquet hat sich Gummistiefel über die Anzughose gezogen. Er watet durch einen Tümpel, greift sich eines der Gewächse und zieht es samt Wurzel heraus. „Die Pflanzen sind nur Mittel zum Zweck. Die Arbeit machen Bakterien, die an den Wurzeln leben und den Schmutz fressen“, erklärt er die biologische Abwasserreinigung.

Das Prinzip, Chemikalien mit Bakterien zu knacken, ist nicht neu. Heute kommt es in modernen Kläranlagen zum Einsatz. Dort werden die Mikroorganismen den Abwässern beigemischt. Sie brechen unter anderem Kohlenwasserstoffketten auf.

Doch wie sich das auch mit Pflanzen realisieren lässt, das hat Jacquet – bisher weltweit einzigartig – umgesetzt: Bei ihm vertilgen Farne Zyanid und Arsen, der breitblättrige Rohrkolben und Ölweiden Salze. Gewöhnlicher Gilbweiderich mag Zucker und Stärke, Miscanthus Schwermetalle. Seggen nehmen sich infektiöser Keime an, Zuckerrohre Pestiziden und Düngemitteln. Sogar gegen radioaktiv belastete Böden sei ein Kraut gewachsen: Wiesenklee.

Und als reiche das nicht, will der Unternehmer mit seinen Filtergärten selbst kommunale Kläranlagen in Naherholungsparks verwandeln. „Die Technik ist absolut vielversprechend“, urteilt Jean-Louis Ducreux, Direktor der Beratungsfirma Atelier d’Ecologie Urbaine (AEU) in Paris.

Auf seiner Biofarm in La Brosse-Montceaux hat Jacquet 24 Becken ausgehoben. Er hat sie mit einer Geomembrane ausgelegt, um zu verhindern, dass Abwässer ins Grundwasser versickern. Dann folgen je eine Schicht Schlacke, Kalksteine und Kompost, in die er die Pflanzen setzt. Anschließend leitet er die Abwässer in die Becken.

Zwei bis drei Jahre dauert es, bis aus Abwässern und belasteten Böden Kompost wird, aus dem die Pflanzen 99 Prozent der Schadstoffe abgebaut haben. „Labortests der Unternehmen SGS, Wessling, Eurofins und SAS Laboratoire haben das bewiesen“, versichert der Franzose. Aus den Pflanzen wird am Ende Dämmmaterial oder Substrat für Biogasanlagen. Er wolle nicht behaupten, dass er „für alles eine Zauberformel“ habe. „Es gibt Stoffe, die Pflanzen nicht verarbeiten können.“ Daher lande, was die Bakterien an Gift übrig lassen – etwa die Schwermetalle Quecksilber oder Cadmium –, in einem separaten Becken. Dort sei die Konzentration der Stoffe so hoch, dass Spezialfirmen sie als Ressource herausfiltern und weiter verwenden könnten, erklärt AEU-Berater Ducreux.

„Gute ökologische Lösungen müssen auch finanziell interessant sein“, sagt Jacquet. Bereits als selbstständiger Umweltberater hatte er für Kommunen Konzepte entwickelt, die günstiger waren als das übliche Verbrennen oder Vergraben von Industrieschlämmen. „Was aber fehlte, waren Unternehmen, die solche Lösungen hätten umsetzen können.“ Also gründete Jacquet diese Firma schließlich selbst.

Trotzdem tat sich der Umwelt-Unternehmer mit der Verbreitung seiner Filtergärten lange schwer. Unter anderem, weil die Reinigung so zeitaufwendig ist: „Bauträger etwa, die belastete Böden entgiften müssen, haben selten so viel Zeit“, sagt AEU-Experte Ducreux. Vor allem aber sieht er Phytorestore im Konflikt mit einer Lobby, die wenig Interesse an alternativen Konzepten zur Abwasseraufbereitung habe.

Tatsächlich teilen sich in Frankreich heute zwei große Unternehmen im Wesentlichen den Entsorgungsmarkt – Veolia und Suez Environnement. Deren Angebote würden von Kommunen und Industriekunden praktisch nie in Zweifel gezogen, sagt Jacquet seufzend. In so einem Szenario mit neuen Ideen durchzudringen sei am Anfang extrem schwer gewesen. „Man hat mich angeschaut wie einen Alt-68er und gefragt, ob ich was geraucht habe.“

In Schwellenländern mit weniger starren Strukturen sei der Markteintritt viel einfacher. Der Erfolg von Jacquets Filialen in Brasilien und China weckte schließlich auch das Interesse heimischer Auftraggeber; so etwa beim Kosmetikriesen L’Oréal oder der Lederwarensparte von Louis Vuitton. Auch die Ferienanlage des Club Med auf Mauritius und die zum Hermès-Konzern gehörende Kristallmanufaktur Saint-Louis-lès-Bitche gehören heute zu Jacquets Klärtechnik-Kunden. Inzwischen arbeite sein Unternehmen mit allen Großunternehmen des französischen Aktienindex CAC40 zusammen, berichtet der Pionier stolz. Sie liefern ihre Schmutzwässer nach La Brosse-Montceaux oder geben bei den inzwischen 40 Spezialisten von Phytorestore hauseigene Pflanzenkläranlagen in Auftrag.

Nun nimmt sich Jacquet die Städtebauer vor: Beim Entwurf neuer Quartiere sollten sie 20 Prozent der Fläche für Filtergärten reservieren, fordert er. „Damit können sie 100 Prozent der Abwässer behandeln. Das ist viel billiger als eine herkömmliche Kläranlage – und sieht zudem schön aus.“

Auch das ist längst mehr als eine Vision: Ein Ecoquartier sorgt bereits vor den Toren von Paris für Aufsehen – direkt neben dem Eurodisney-Park.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick