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LebensarbeitszeitkontenWir brauchen die Work-Life-Integration

Die Debatte um unser Arbeitsleben hat viele Facetten: Sollen wir acht Stunden pro Tag, oder 40 Stunden pro Woche arbeiten? Büro, Home-Office, Coworking? Warum wir letzten Endes Lebensarbeitszeitkonten brauchen.Kerstin Dämon 01.10.2015 - 11:00 Uhr

Alle wollen Feierabend. Wenn es eine Lebensarbeitszeit gäbe, könnte man Arbeitszeiten individuell planen.

Foto: Getty Images

Und jährlich grüßt das Murmeltier: Gefühlt einmal pro Jahr fordert eine der zahlreichen Gewerkschaften, dass die Arbeitsbelastung ihrer Mitglieder drastisch reduziert werden müsse. Zum zweiten Mal in Folge kommt die Forderung von der Chemie-Gewerkschaft IG BCE. Anlässlich des 125. Jahrestags des Bestehens forderte deren Chef Michael Vassiliadis die Drei-Tage-Woche für ältere Chemikanten. "Mit unserer Tarifpolitik sind wir in Vorleistung gegangen, jetzt muss der Staat seinen Beitrag leisten." Der Staat müsse Arbeitnehmern eine Teilrente anbieten, die die Unternehmen mit Teilzeit verknüpfen können. Gerade im Schichtsystem halte es sonst niemand bis zur Rente durch.

Die Büro- und Kopfarbeiter wollen dagegen volle Flexibilität. Ihr Kopf funktioniert schließlich zu Hause oder im Park genauso gut wie im stickigen Büro. Nebenher tobt noch – geführt von Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und den Arbeitnehmern daheim am Abendbrottisch – die Debatte, wie viele Stunden wir denn nun eigentlich arbeiten sollen. Acht pro Tag? Zehn? Jeder so viel er, sie oder der Vorgesetzte will? Maximal 40 Stunden pro Woche?

Die Typologie der Arbeitnehmer: Wer wie lange arbeitet und wie viel verdient
Im Rahmen der Xing-Arbeitsmarktstudie wurden unterschiedliche Arbeitnehmer-Typen definiert und fünf relevante Segmente gebildet. Eine der Gruppen sind die "Flexiblen", also beispielsweise Teilzeitkräfte oder Projektarbeiter. Zu dieser Gruppe gehören überwiegend jüngere Frauen mit einer durchschnittlichen Ausbildung, einem meist festen Einkommen von unter 2.000 Euro (brutto), in deren Berufsfeld Home Office oft möglich ist. Ihre Arbeitszeit beträgt zwischen 30 und 40 Stunden in der Woche.
Die Wissensarbeiter sind Befragte mit akademischem Abschluss, einem überdurchschnittlichen Verdienst von 3.000 Euro (brutto) und mehr, die in der Kreativwirtschaft, höheren Verwaltung oder Wissenschaft arbeiten. Die Arbeitszeit beträgt selten exakt 40 Stunden in der Woche.
Die "Gehaltsoptimierer" sind überwiegend jüngere Männer mit Berufsausbildung, die selten nach Tarifvertrag beschäftigt sind und in den Bereichen Produktion, Finanzen oder Handel arbeiten. Ihre wöchentliche Arbeitszeit beträgt 40 Stunden oder mehr.
In den sozialen Berufen arbeiten Menschen mit Berufsausbildung und einem oft variablen Gehalt zwischen 2.000 und 3.000 Euro (brutto). Sie arbeiten in den Berufsfeldern Gesundheit, Soziales und Lehre und sind oft in Schichtarbeit tätig.
Blue Collar-Worker sind Arbeitnehmer mit Ausbildung, die oft nach Tarifvertrag beschäftigt sind und auf dem Bau, im KFZ- oder Gastgewerbe arbeiten. Viele von ihnen haben Kinder und arbeiten unter 40 Stunden in der Woche.

Hinzu kommt berufsbedingt Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) mit ihren Grünbuch Arbeit 4.0 und der Frage, wie wir in Zukunft arbeiten wollen und sollen und was die Digitalisierung mit uns, unseren Jobs und unserer Arbeitswelt macht. Über all dem kreist drohend der Begriff Work-Life-Balance.

Der Kompromiss muss her

Cristina Riesen, Europa-Chefin des virtuellen Notizbuchs Evernote, spricht in diesem Zusammenhang lieber von Work-Life-Integration. „Work-Life-Balance ist der falsche Ausdruck: Wieso sollten wir denn leben und arbeiten trennen?“ Auch die Balance sei nicht machbar: „Das Leben ist nicht ausgeglichen“, sagt sie. Berufstätige müssten sich von der Vorstellung verabschieden, den perfekten Spagat zwischen dem perfekten Job und dem perfekten Familienleben machen zu wollen. „Perfektion ist unrealistisch“, sagt sie. Unternehmen und Beschäftigte müssten bereit sein, Kompromisse zu finden.

Welche Arbeitszeitmodelle deutsche Unternehmen Familien anbieten
Die Teilzeit ist bei deutschen Firmen das beliebteste Arbeitszeitmodell, immerhin 79,2 % aller Unternehmen bieten sie ihren Angestellten an.
Das zweitbeliebteste Arbeitszeitmodell deutscher Unternehmen sind mit 72,8 % Individuelle Arbeitszeiten.
Die Flexible Tages- oder Wochenarbeitszeit bieten 70,2 % der deutschen Unternehmen an.
46,2 % der Firmen führen keine Arbeitszeitkontrolle durch, wenn ihre Angestellten familienbedingt kürzer treten müssen.
Nur 28,3 % der deutschen Unternehmen räumen ihren Mitarbeitern eine Flexible Jahres- oder Lebensarbeitszeit ein.
Gerade einmal 21,9 % der deutschen Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit der Telearbeit an.
Mit 20,4 % ist das Arbeitszeitmodell des Jobsharings in Deutschland äußerst begrenzt.
Ein Sabbatical kommt nur bei 16,1 % der deutschen Unternehmen als Arbeitszeitmodell in Frage.

Das Problem: Alle haben Recht. Dass Schichtarbeit nicht nur ungesund, sondern auf Dauer lebensverkürzend ist, ist nachgewiesen. Dass kein Mensch acht Stunden am Stück Top-Leistungen vollbringt, auch wenn er dazwischen für 30 Minuten in der Kantine sitzt, ist klar. Von zehn oder mehr Stunden braucht man deshalb eigentlich gar nicht zu reden.

Dass es der Performance schadet, wenn der Mitarbeiter mit 20 anderen auf engstem Raum zusammenarbeitet, ist ebenso bewiesen wie dass sich 60-Stunden-Wochen schlecht mit einem erfüllendem Familienleben vereinen lassen. Wer dagegen jeden Tag um zwölf Uhr mittags Feierabend macht, um sich den Rest des Tages vollumfänglich Haushalt und Kindern zu widmen, wird es nicht zum Vorstandsvorsitzenden eines Dax-30-Konzerns bringen, sondern eben nur zur Büroteilzeitkraft oder zum Supermarktkassierer. Wer dann noch vorzeitig aufhört zu arbeiten, der guckt bei den Altersbezügen in die Röhre.

Deutschland

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind in Deutschland immer mehr Menschen über 60 auf dem Arbeitsmarkt aktiv, um ihre Rente aufzubessern - vor allem Frauen. Im Jahre 2012 waren es 2,35 Millionen Erwerbstätige über 60. Zehn Jahre zuvor lediglich 1,39 Millionen. Grund für diese Entwicklung sei, dass der Gesetzgeber die Möglichkeiten für den Vorruhestand eingeschränkt habe. Die Erwerbslosenquote der Älteren verringerte sich von 9,5 auf 6,4 Prozent.

Die Arbeitnehmer in Deutschland sind nach Informationen der „Bild-Zeitung“ im vergangenen Jahr so spät in Rente gegangen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Gleichzeitig sanken die Abschläge wegen vorgezogenen Renteneintritts auf den niedrigsten Wert seit 2003, berichtet die Zeitung unter Berufung auf eine Rentenzugangsstatistik der Deutschen Rentenversicherung.

Danach stieg das durchschnittliche Renteneintrittsalter der Männer 2012 von 60,9 auf 61,2 Jahre. Frauen gingen mit 61 (2011: 60,8) Jahren in Rente. Das waren die höchsten Werte seit mehr als 20 Jahren. Im Jahr 2000 wechselten Männer noch im Schnitt mit 59,8 Jahren aufs Altenteil, Frauen mit 60,5 Jahren.

Foto: dpa

Frankreich

Auch in Frankreich ist das Renteneintrittsalter gestiegen: 2009 - vor der Anhebung der Altersgrenze - gingen die Franzosen noch mit durchschnittlich 59,3 Jahren in Pension, 2012 waren sie im Schnitt 62 Jahre und 2 Monate alt (2011: 61 Jahre und 11 Monate). Wer vor seinem 20 Lebensjahr angefangen hat zu arbeiten und in die Rentenkasse einzuzahlen, darf bereits mit 60 Jahren aufs Altenteil wechseln, ohne Abschläge befürchten zu müssen.

Foto: AP

Griechenland

2012 haben sich die griechische Regierung und die Troika aus Europäischer Zentralbank, Europäischer Union und Internationalem Währungsfondsdarauf geeinigt, das Renteneintrittsalter in dem Schuldenstaat anzuheben. Seit dem gehen die Griechen - zumindest nach Plan - mit 67 statt wie zuvor mit 65 Jahren in den Ruhestand. 2011 betrug das durchschnittliche Renteneintrittsalter in Griechenland 61,4 Jahre.

Foto: dpa

Italien

Italienische Frauen verbringen inzwischen durchschnittlich 27,3 Jahre im Ruhestand, Männer knapp 23. In Rente gehen die Italiener im Schnitt mit 60,8 Jahren. Wenn sie keine Abschläge hinnehmen wollen, müssten sie eigentlich bis 62 arbeiten.

Foto: AP

Spanien

2011 hat sich auch die spanische Regierung angesichts eines gigantischen Schuldenberges dazu entschlossen, die Altersgrenze anzuheben: Wie auch in Deutschland und Griechenland soll das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre angehoben werden. Zuvor gingen die Spanier im Schnitt mit 62,6 statt 65 Jahren in Rente. Beschäftigte, die bereits 38,5 Jahre gearbeitet haben, haben allerdings weiterhin ab dem 65 Lebensjahr einen Anspruch auf volle Rentenbezüge.

Foto: dapd

Großbritannien

Seit 2011 gibt es in Großbritannien kein offizielles Rentenalter mehr. Die Briten können also selbst entscheiden, wann sie in den Ruhestand gehen. Zuvor konnten die Briten mit 60 Jahren (Frauen) beziehungsweise 65 Jahren (Männer) die Arbeit Arbeit sein lassen. Das tatsächliche Eintrittsalter lag vor der Abschaffung des Rentenalters bei 63,1 Jahren.

Foto: AP

Irland

Die Iren arbeiten am längsten: So müssen auf der grünen Insel Männer und Frauen noch bis 65 arbeiten und tun es auch - zumindest bis sie (im Durchschnitt) 64,1 Jahre alt werden. Wegen des Schuldenberges der grünen Insel erhöht die irische Regierung nun schrittweise das Rentenalter von 65 auf 68 Jahre.

Foto: AP

Schweden

In Schweden betrug das gesetzliche Rentenalter bisher für Männer und Frauen gleichermaßen 61 Jahre. Wer darüber hinaus länger arbeitete, wurde über einen Sonderzuschlag entlohnt, der bis zum 70. Lebensjahr kontinuierlich steigt. Tatsächlich aber arbeiten die Schweden nicht ganz so lange und treten im Durchschnitt mit 63,8 die Rente an.

Vergangenes Jahr hat der schwedische Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt die Rente mit 75 gefordert und damit bei seinen Landsleuten einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Foto: AP

Niederlande

In den Niederlanden sollten Männer und Frauen bislang mit 65 den gesetzlichen Ruhestand antreten - im Durchschnitt arbeiteten sie allerdings etwas weniger und gingen mit 63,2 Jahren in Rente. 2012 beschloss jedoch die Erste Kammer des Parlaments in Den Haag, das Rentenalter stufenweise auf 67 anzuheben.

Foto: REUTERS

Rumänien

Ein ganz anderes Bild zeigt sich in Osteuropa: Im Jahr 2010 hat das rumänische Parlament das Rentenalter auf 65 Jahre erhöht. Die Rente mit 65 soll schrittweise bis 2030 eingeführt werden. Derzeit liegt das gesetzliche Rentenalter in Rumänien bei 63,5 Jahren für Männer und 59,5 Jahren für Frauen. Vorruhestandsregelungen haben jedoch dazu geführt, dass das tatsächliche Renteneintrittsalter bei 55,5 Jahren liegt. In dem Balkanland stehen rund sechs Millionen Rentner 4,9 Millionen Beschäftigten gegenüber.

Foto: REUTERS

Polen

Auch in Polen lagen zwischen gesetzlichem und tatsächlichem Renteneintrittsalter jahrelang Welten: So betrug das gesetzliche Rentenalter für Männer im Jahre 2009 für Männer 65 und für Frauen 60 Jahre - das tatsächliche Rentenalter jedoch lag mit 56,6 Jahren weit darunter. Im Juni 2012 unterzeichnete der polnische Präsident Bronislaw Komorowski dann ein entsprechendes Gesetz, das die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre vorsieht.

Foto: AP

Obwohl all das bekannt ist, passiert außer Flickschusterei eigentlich nichts. Nach Dienstschluss sollen Angestellte keine beruflichen Mails mehr lesen. Und länger als acht Stunden pro Tag soll auch niemand arbeiten, rät die Politik. Mehr Kitaplätze und Elternzeit sollen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern. Nur: offenbar hilft das alles wenig. Weder erhöht es die Belastbarkeit, noch schont es die Beschäftigten, noch bekommen mehr Menschen Kinder oder machen wenigstens Karriere.

Die Mehrheit arbeitet weiter so vor sich hin, bespaßt nach 17 Uhr die Familie, bekommt den einen oder anderen Burnout, geht vorzeitig wegen Rückenleiden oder psychischer Probleme in den Ruhestand und hat dann zu wenig Geld, um die Miete zu bezahlen. Zumindest hat davor die Mehrheit Angst. Eine Studie der Gothaer Versicherung unter mehr als 1000 Berufstätigen im Alter zwischen 16 und 60 Jahren zeigt, dass 61 Prozent davon ausgehen, dass die gesetzliche Rentenversicherung und ihre private Altersvorsorge nicht ausreichen werden, um im Alter einen zufriedenstellenden Lebensstandard genießen zu können. Bei den unter-30-Jährigen glaubt außerdem fast die Hälfte, auch mit über 70 noch zu arbeiten zu müssen. Und diese Vorstellung begeistert weder Büroangestellte noch Handwerker.

Auf welche Bereiche wirkt sich die Digitalisierung im Arbeitsalltag aus?
47 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, dass sich die Digitalisierung positiv auf das eigenständige Arbeiten auswirkt. 37 Prozent spüren keine Auswirkung, zehn Prozent beklagen negative Einflüsse. Quelle: Edenred-Ipsos-Barometer 2015, "Wohlbefinden & Motivation der Arbeitnehmer"
45 Prozent sagen, dass die Digitalisierung die Zusammenarbeit verbessert, 13 Prozent sehen eine Verschlechterung.
43 Prozent spüren einen positiven Einfluss der Digitalisierung auf ihre Lebensqualität im Job, 36 Prozent merken gar keine Veränderung und 15 Prozent spüren negative Einflüsse auf die Teamarbeit.
Die Zusammenarbeit mit Kunden verbessert sich laut 42 Prozent der Befragten. Neun Prozent sehen hier eine Verschlechterung.
Eine Verbesserung durch die Digitalisierung erleben 41 Prozent, elf Prozent beklagen negative Einflüsse.
43 Prozent sagen, dass die Digitalisierung an den Kompetenzen nichts verändert hat. 40 Prozent sehen einen positiven Einfluss und acht Prozent einen negativen.
40 Prozent fühlen sich durch die Digitalisierung bei der Arbeit motivierter, bei elf Prozent sehe es durch die Digitalisierung schlechter aus mit ihrer Motivation. Für 43 Prozent hat sich durch die Digitalisierung nichts an ihrer Motivation verändert.
Dank der Digitalisierung können 34 Prozent der Befragten berufliches und privates leichter vereinen. Bei 16 Prozent ist es dagegen schwieriger geworden, beides unter einen Hut zu bekommen. 42 Prozent spüren keine Veränderung.
Bessere Chefs dank Digitalisierung? Keine Veränderung bemerkten 42 Prozent. Einen positiven Einfluss glauben 28 Prozent bei ihren Vorgesetzten bemerkt zu haben, eine Verschlechterung beklagten 28 Prozent.

Damit alle alles unter einen Hut bekommen, was sie darunter packen wollen, und so lange arbeiten gehen, wie sie können und wollen, braucht es also mehr als das Grünbuch, die x-te Podiumsdiskussion über dauerhafte Erreichbarkeit oder die tausendste Talkrunde über Work-Life-Balance und die (Un-) Vereinbarkeit von ertragsreichem Berufs- und erfüllendem Familienleben. Es braucht tatsächlich die von Riesen geforderte Work-Life-Integration. Das eine darf nicht mehr das Gegenteil des anderen sein. Das Lebensarbeitszeitkonto wäre eine denkbare Option, um Leben und Arbeiten besser zusammenzubringen, als es bisher der Fall ist. Zur Not auch als Interimslösung, bis irgendwem etwas Neues, noch nie Dagewesenes einfällt, das auf einen Schlag alle Probleme löst.

Einen Gang zurückschalten, ist kaum möglich

„Es gibt Phasen, wo einem die 60-Stunden-Woche nichts ausmacht und man für die Karriere alles gibt. Und dann gibt es Phasen, wo vielleicht Familie, Kinder und Hausbau im Vordergrund stehen und der Berufstätige nur noch 35 Stunden pro Woche arbeiten will“, sagt Sascha Grosskopf,  Demand Generation Manager bei Cornerstone OnDemand, einem amerikanischen Anbieter von Talent Management Software.

Digitalisierung

Jobs der Zukunft

Die nächste Generation der Industrie wird den Arbeitsmarkt umkrempeln. Skeptiker fürchten Stellenstreichungen, doch tatsächlich entstehen mit der Digitalisierung völlig neue Beschäftigungsbereiche. Die Jobs der Zukunft.

Bei vielen US-Unternehmen ist es keine große Sache, wenn Mitarbeiter die verschiedenen Arbeitsphasen wechseln. „Die Flexibilität muss möglich sein, dass man im Unternehmen bleiben, aber die Positionen und Aufgaben wechseln kann, ohne dass es einer Degradierung gleich kommt, wenn man einen Gang zurück schaltet“, sagt Grosskopf. Ein entsprechendes Zeitkonto könnte das in Deutschland möglich machen – ohne Jobwechsel.

Das Zeitkonto hat den Vorteil, dass sowohl Betriebe, Mitarbeiter als auch Politik schon Erfahrungen damit gemacht haben. Die Angst vor dem Neuen entfällt hier also. Unternehmen müssten dieses Instrument allerdings ein bisschen anders einsetzen, als es bislang der Fall ist.

Tendenz zur 30 Stunden-Woche

Bei der Bahn stehen die Signale wieder auf Streik. Die GDL verlangt fünf Prozent mehr Geld und eine Stunde weniger Arbeitszeit pro Woche. Tatsächlich arbeiten die Deutschen im Schnitt in der Woche immer weniger Stunden. Das zeigen Daten des Statistischen Bundesamtes. 1991 arbeiteten Angestellte noch 35,7 und Beamte 37,6 Stunden. 2003 hatte sich die Wochenarbeitszeit schon reduziert. Angestellte arbeiteten nur noch 33,4 Stunden pro Woche, Beamte 37,2 Stunden. Im Jahr 2013 waren es noch 29,7 Stunden bei Angestellten und 32,6 Stunden pro Woche bei den Staatsdienern.

Foto: dpa

Selbstständige arbeiten immer weniger

Der Begriff "Selbstständig" kommt von selbst und ständig - zumindest beim "selbst" stimmt das noch. Allerdings ist es kaum noch so, dass der Selbstständige 70 Stunden am Stück arbeitet und kaum schläft. Die Wochenarbeitszeiten von Angestellten und Selbstständigen gleichen sich immer mehr an. 1991 arbeiteten Selbstständige noch 51,1 Stunden in der Woche, 2003 waren es nur noch 46,1 Stunden in der Woche um im Jahr 2013 rund 39,1 Stunden. Demgegenüber stehen 29,7 Wochenstunden bei Angestellten.

Foto: dpa

Arbeitszeiten bei Vätern

Deutlich verändern sich die Arbeitszeiten, wenn aus dem "Double Income no Kids-Pärchen" Eltern werden. Mehr als 90 Prozent der Väter stürzen sich laut den Statista-Zahlen in die Arbeit und verbringen 37 und mehr Stunden im Beruf. Nur 1,9 Prozent der Väter arbeitete weniger als 20 Stunden, um Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen.

Foto: dpa

Arbeitszeiten bei Müttern

Rund 12,6 Prozent der befragten Mütter gaben an, dass sie im Schnitt zwischen 20 und 30 Stunden pro Woche arbeiten. 19,ß Prozent arbeiten zwischen 30 und 37 Stunden. 31,6 Prozent der Mamas sind weniger als 20 Stunden pro Woche berufstätig. 35,9 Prozent gaben dagegen an, 37 und mehr Stunden in der Woche zu arbeiten.

Foto: dpa

Wer Nachtschicht arbeiten muss
Im produzierenden Gewerbe oder in der Gastronomie sind Nachtschichten keine Seltenheit. Im Schnitt arbeiten 14 Prozent der Deutschen zumindest gelegentlich oder ständig nachts. Den größten Anteil gibt es in der Altersklasse der 25 bis 30-Jährigen. Hier gehen rund 17 Prozent zumindest gelegentlich nachts arbeiten. Bei den 60-65 Jährigen sind es nur noch 8,3 Prozent. Allerdings: Der Anteil derjenigen, die ständig nachts arbeiten, ist in fast allen Altersschichten mit um die 1,5 Prozent nahezu identisch. Den höchsten Anteil der ständig nachts arbeitenden Personen gibt es sogar bei den Menschen ab dem Rentenalter.

Foto: dpa

Wie es um die Kurzarbeit bestellt ist

Ebenfalls ein Phänomen aus dem produzierenden Gewerbe ist - in Zeiten wirtschaftlicher Flaute - die Kurzarbeit. Im Jahr 2014 lag der durchschnittliche Bestand an Kurzarbeitern bei 99.818 Personen. Im Krisenjahr 2009 waren es 1,14 Millionen Betroffene. Am höchsten war der Bestand der Kurzarbeiter in Deutschland allerdings zu Zeiten des zweiten Golfkrieges: 1991 waren 1,76 Millionen Deutsche in Kurzarbeit beschäftigt.

Foto: dpa

Anteil der Zeitarbeiter in Deutschland
Der Anteil von Zeitarbeit in Deutschland ist zwar zurückgegangen, aber immer noch höher als in anderen europäischen Staaten. Der Gesamtanteil liegt bei rund drei Prozent, von den 15- bis 24-Jähringen sind 4,5 Prozent in Zeitarbeit beschäftigt. Nur in Frankreich gibt es noch mehr junge Menschen, die über eine Zeitarbeitsfirma den Einstieg ins Berufsleben versuchen.

Foto: Fotolia

Zeitarbeitnehmer sind zufrieden

Übrigens: Das Personalunternehmen Orizon hat über eintausend Zeitarbeitnehmer zu verschiedenen Aspekten ihres Jobs befragt. Demnach fühlen sich die Zeitarbeitnehmer überwiegend gut in die Belegschaft der Einsatzbetriebe integriert (91,3 Prozent), sie sind zufrieden mit der Betreuung durch ihre Personalberater (84,4 Prozent) und bewerten das Verhältnis zu ihren Vorgesetzten als gegenseitig respektvoll (80,4 Prozent). Auch mit der Bezahlung sind 55,5 Prozent der Befragten zufrieden.

Foto: CLARK/obs

Immer mehr atypische Beschäftigung

Immer mehr Menschen in Deutschland arbeiten nicht in regulären Jobs: Die Zahl der betroffenen Arbeitnehmer stieg binnen 20 Jahren um mehr als 70 Prozent. Sie sind befristet, in Teilzeit mit 20 oder weniger Wochenstunden, Zeitarbeit oder geringfügig beschäftigt. 1993 waren noch 4,4 Millionen Arbeitnehmer atypisch beschäftigt - 2013 bereits 7,6 Millionen.

Demgegenüber ist der Anteil der Normalarbeitnehmer an den Erwerbstätigen in dem Zeitraum von 76,8 auf 67,5 Prozent gesunken. So waren es 1993 noch 25,9 Millionen Arbeitnehmer in Vollzeit oder Teilzeit mit einer Wochenarbeitszeit von mindestens 21 Stunden, einem unbefristeten Job sowie einer vollen sozialen Absicherung. Die Zahl sank bis 2005 auf 22,1 Millionen. In dem Jahr trat die Hartz-IV-Reform in Kraft. Bis 2013 stieg die Zahl der Normalarbeitnehmer wieder auf 24,06 Millionen - binnen 20 Jahren ist das aber immer noch ein Rückgang um 7,2 Prozent.

Foto: dpa

Das Arbeitszeitkonto taucht gerne in der Debatte um den vorzeitigen Ruhestand auf und auch in einigen Tarifverträgen gibt es Zeitkonten. Die Studie der Gothaer zu Zeitwertkonten hat ermittelt, dass fünf Prozent der Unternehmen Arbeitszeitkonten anbieten. Dagegen stehen allerdings 41 Prozent der Mitarbeiter, die sofort auf ein solches Konto Zeit einzahlen würden und 35,3 Prozent, die an dem Modell zumindest interessiert sind. Klingt ja auch gut: Angestellte arbeiten quasi im Voraus und wer in jungen Jahren viel arbeitet, kann früher in Rente gehen.

Im sogenannten Flexi II-Gesetz  von 1998 (aktualisiert am 1. Januar 2009) wurden Lebensarbeitszeitkonten erstmals schriftlich festgehalten. Arbeitnehmer können demnach Geld oder Zeit auf einem Guthabenkonto ansparen: Weihnachtsgeld, ein Teil des Gehalts oder nicht genommener Urlaub und Überstunden werden angesammelt und entweder für ein Sabbatical, den früheren Ruhestand oder den Traum vom Ferrari angespart. Während Geld allerdings verzinst wird, gibt es die Zeit brutto für netto.

Wer zum Beispiel laut Arbeitsvertrag pro Woche 39 Stunden arbeitet und später gerne ein Jahr früher in Rente gehen möchte, muss dafür 2028 Überstunden ansammeln. Das kann dauern. „Wenn ich jemanden nehme, der drei Stunden wöchentlich auf sein Wertguthaben spart, ergibt das unter Berücksichtigung von Urlaub und Fehlzeiten 45 Wochen im Jahr. Dann sind für ein Jahr Freistellung 15 Jahre Ansparzeit nötig. Wenn ich vier Stunden wöchentlich anspare, dann brauche ich nur elf Jahre für ein Jahr Freistellung“, rechnete Judith Kerschbaumer, Verdi-Bereichsleiterin für Sozialpolitik, einmal vor. Der Haken: Falls der Mitarbeiter die Firma wechselt, kann der neue Arbeitgeber das Guthaben übernehmen, muss es aber nicht. Hier gibt es also Optimierungsbedarf.

Zeitkonten gibt's bislang nur für Überstunden

Das Zeitkonto an sich gibt es dennoch in so gut wie jedem Unternehmen – aber in der Regel nur für ein Jahr, wie es in einer Untersuchung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales heißt. „Die überwiegende Mehrzahl der in den Betrieben genutzten Arbeitszeitkonten sind Gleitzeit-,Überstunden- oder Flexikonten mit einem Ausgleichszeitraum von bis zu einem Jahr: Dabei dürfte es sich mehrheitlich um Konten handeln, die dem Ausgleich von Auslastungsschwankungen und/oder der flexiblen Gestaltung der werktäglichen und wöchentlichen Arbeitszeit dienen.“

„Echte“ Langzeitkonten, auf denen Mitarbeiter über ihr gesamtes Berufsleben hinweg Stunden ansammeln, werden dagegen nur von insgesamt zwei Prozent der Betriebe in Deutschland praktiziert, wie die Studie des Arbeitsministeriums zeigt. Und wie bei so vielem, was mit Flexibilisierung oder Neuerung zu tun hat, gilt auch hier: große Betriebe trauen sich, kleine Unternehmen nicht. Hinzu kommt: Langzeitkonten stehen in einem beträchtlichen Teil der Betriebe gar nicht allen Mitarbeitern offen. „60 Prozent der Betriebe, die über ein Langzeitkonto verfügen, schränken den Nutzerkreis ein“, heißt es in der Untersuchung. 

Es bedarf also einer gründlichen Überholung des Instruments. Trotzdem könnte dieses Krisen-Ruhestands-Überstunden-Tool helfen, damit Menschen nicht ihr Leben der Arbeit anpassen, sondern umgekehrt. Wer als Global Sales Manager um den Globus hechtet, aus dem Koffer lebt und 70 Stunden pro Woche für den Kunden da ist, sollte weder den Arbeitgeber wechseln müssen, noch als Loser gelten, wenn er nach drei oder fünf Jahren lieber einen Job im Heimatmarkt annehmen und normale Arbeitszeiten haben möchte. Ganz zu schweigen davon, dass dieser Global Sales Manager gut begründen müsste, warum er nun in die örtliche Filiale will. Stichwort: Überqualifiziert.

 

Aber nicht nur der Manager, auch der Büroangestellte oder der Handwerker haben Phasen, in denen Überstunden und Top-Leistungen überhaupt kein Problem sind und solche, in denen sie gerne im gleichen Betrieb eine ruhigere Kugel schieben würden. Aber wer geht schon zum Chef und sagt: Mir ist das grade alles zu viel, ich möchte weniger arbeiten? “In Deutschland heißt es dann schnell ‘der hat es nicht geschafft‘”, bestätigt Grosskopf. Downshifting ist hier ein Synonym für „zu wenig Biss“ beziehungsweise „den Mund zu voll genommen“. Dass die Interessen sich gewandelt haben und die Sturm-und-Drang-Zeit vorbei sein könnte, ist in der klassischen Karrierebiografie nicht vorgesehen.

Mit einem Zeitkonto könnte jeder Beschäftigte sowohl sich als auch dem Vorgesetzten beweisen, dass er die ruhige Kugel verdient hat. Alternativ müsste der nach Perfektion strebende Homo laborans seine Einstellung ändern. Da dürfte das Lebensarbeitszeitkonto der deutlich einfachere Weg sein.

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