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FamilienunternehmenWie der Freudenberg-Chef 320 Erben bei Laune hält

Dichtungen, Innenraumfilter für Autos oder Trennmittel für Gummibären. 320 Erben gehört der Mischkonzern Freudenberg. Ständige Information auf allen Kanälen hält die weitverzweigte Familie auf Linie.Annina Reimann 10.01.2017 - 16:20 Uhr

Ein Erbe, das verpflichtet: Freudenberg-Chef Mohsen Sohi leitet den Konzern im Sinne der Ahnen.

Foto: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Zwischen den tristen Werkshallen und Bürogebäuden ist es kalt und ungemütlich, doch Mohsen Sohi schafft zumindest menschliche Wärme. Einer Mitarbeiterin streckt der Chef des Familienkonzerns Freudenberg die Hand zum Gruß entgegen, freundlich fragt er: „Wie geht’s?“ So geht es weiter beim Gang über das Firmengelände in Weinheim bei Mannheim. Sohi winkt, grüßt, nickt, lächelt. Dabei wirkt der Amerikaner wie einer, der dazugehört, der ein Teil der großen Familie Freudenberg ist.

Der Geist der Eigentümer ist in Weinheim allgegenwärtig. Sohi sagt, dass er als von der Familie eingesetzter persönlich haftender Gesellschafter noch „einen Tick umsichtiger“ handle denn zuvor als angestellter Manager. In Büros und Fabrikhallen des Freudenberg-Reichs hängen die Grundsätze, nach denen die Mitarbeiter handeln sollen, jeder bekommt sie am ersten Arbeitstag.

Auf Bescheidenheit, Ehrlichkeit, ein solides finanzielles Fundament und die Fähigkeit, sich Veränderungen anzupassen, hat Gründer Carl Johann Freudenberg seine Söhne schon 1887 verpflichtet. 1849 hatte er mit einer Gerberei mit 50 Mitarbeitern losgelegt, aus ihr ist ein weltweit aktiver Mischkonzern geworden, mit 7,6 Milliarden Euro Umsatz und 48.000 Mitarbeitern.

Die Erfolgsfaktoren der Familie Freudenberg
Schon Kinder lernen das Unternehmen spielerisch kennen, später gibt es regelmäßige Informationstreffen.
Persönliche Treffen und ein Internetportal halten die Familie auf dem Laufenden.
Eine lautet: „Wer in der Firma arbeiten will, muss sich erst extern beweisen“.
Solide Finanzen und Anpassungsfähigkeit forderte der Gründer schon 1887.

Etwa 40 Prozent der Erlöse stammen aus dem Geschäft mit der Autoindustrie, zwei Drittel aller Autos auf der Welt fahren mit Innenraumfiltern von Freudenberg, der Konzern ist Weltmarktführer bei Dichtungen für Autos. Dichtungen liefert er auch für die Öl- und Gasindustrie, zudem produziert er Trennmittel für Gummibären, Medizinprodukte und Spezialschmierstoffe; auch der Haushaltswarenhersteller Vileda gehört zum Konzern.

Mit dem Unternehmen ist auch die Zahl der Eigentümer gewachsen. Freudenberg gehört heute 320 Erben – vom Biologen über Anwälte und Banker bis zum Künstler. Und doch soll die Familie mit einer Stimme sprechen; Streit zwischen Gesellschaftern soll niemals die Zukunft des Konzerns gefährden.

Alles zu tun, damit das funktioniert, ist die Aufgabe von Martin Wentzler. Der Rechtsanwalt ist mit dem Unternehmen aufgewachsen, sein Vater war persönlich haftender Gesellschafter, seine Mutter Mitglied des Gesellschafterausschusses, sein Großvater Richard Freudenberg führte den Konzern fast vier Jahrzehnte. „Das Unternehmen war permanent Gesprächsthema in der Familie, wir Kinder sind sehr früh damit in Berührung gekommen“, sagt Wentzler. Praktika haben die Beziehung intensiviert.

Heute ist der Ururenkel des Firmengründers der wichtigste Vertreter der Familie in zwei mächtigen Gremien. Er leitet den Aufsichtsrat und sitzt dem Gesellschafterausschuss vor. Mindestens sieben der zwölf Mitglieder des Ausschusses müssen aus der Familie stammen, sie überwachen, beraten und pflegen den Kontakt zum Unternehmen. Wichtige strategische Entscheidungen müssen den Ausschuss passieren. Konzernchef Sohi muss ihn etwa dann befragen, wenn er mehr als 15 Millionen Euro für einen Zukauf ausgeben oder mehr als zehn Millionen Euro in eine der weltweit 200 Freudenberg-Fabriken investieren will.

Feste Regeln sind wichtig, um die weitverzweigte Familie im Sinne des Unternehmens zu organisieren. Einmal im Jahr trifft sich der ganze Clan zur Gesellschafterversammlung, sie beginnt immer freitags um zwölf Uhr und endet sonntags um die gleiche Zeit. Sohi und Wentzler informieren dann über die Entwicklung des Unternehmens und beantworten Fragen zu dessen Strategie, der sozialen Verantwortung und – nicht ganz unwichtig – zur Höhe der nächsten Ausschüttung. Traditionell trifft sich die Familie zum Brunch im Hermannshof, dem Haus des Sohnes des Gründers, sie besichtigt Fabriken, und für die Kinder gibt es eine Abenteuertour.

Platz 10: Familie Röchling

Es ist Georg Duffner zu verdanken, dass die Röchling SE & Co. KG heute so sicher und breit im globalen Markt etabliert ist. Der bis zum Mai amtierende Geschäftsführer sorgte maßgeblich für den Umbau vom Mischkonzern zum Kunststoffverarbeiter. Das Unternehmen meldete zuletzt einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro. Der Gewinn des Betriebs, der rund 8.400 Mitarbeiter beschäftigt, beläuft sich auf 136 Millionen Euro. Das Vermögen der Familie Röchling wird auf 3,4 Milliarden Euro geschätzt – 100 Millionen mehr als im vergangenen Jahr.

Quellen: Bilanz, Unternehmen

Foto: obs

Platz 9: Familie Werhahn

Vom „Bilanz“-Magazin als „rheinisches Syndikat“ betitelt, befinden sich rund 200 Unternehmen im Besitz der Wilh. Werhahn KG. Zu den stärksten Mitgliedern der Gruppe zählen der Baustoffkonzern Basalt AG , der Finanzdienstleister Abcfinance und der Messerhersteller Zwilling J. A. Henckels, der auch die Hersteller für Friseurbedarf Jaguar und Tondeo in sich vereint. Mit Anton Werhahn (rechts) steht seit 2005 als Vorstandssprecher wieder ein Repräsentant der drei Werhahn-Stämme an der Spitze des Mischkonzerns. Das Vermögen der 420 Werhahns legte im Vergleich zum vergangenen Jahr (3,1 Mrd.) kräftig zu und steht nun bei circa 4,5 Milliarden Euro.

Foto: dpa - picture-alliance

Platz 8: Familie Haniel

Nicht nur dem Aufsichtsratsvorsitzenden Franz Markus Haniel (rechts), sondern der gesamten Franz Haniel & Cie. GmbH, fehlt seit Jahren die zündende Idee. Die Investmentholding befindet sich auf dem absteigenden Ast, das Vermögen der Großfamilie schmälerte sich seit 2007 um rund 10 Milliarden Euro auf heute 5,0 Milliarden Euro. Das liegt vor allem an der geplanten Ausrichtung zum Handels- und Dienstleistungskonzern, an der bis heute festgehalten wird und durch welche man sich 2007 endgültig aus dem produzierenden Geschäftsbereich zurückzog.

Foto: dpa

Platz 7: Familie Siemens

Die Großfamilie Siemens umfasst mittlerweile zwar 300 Mitglieder, sie ist trotz ihres geschätzten Vermögens von rund 6,2 Milliarden Euro (plus 0,2 Mrd. Euro im Vergleich zum Vorjahr) aber eher zurückhaltend und medienscheu. Einzig Nathalie von Siemens scheint den Weg in die Öffentlichkeit für sich entdeckt zu haben. Die Ururenkelin des Begründers der modernen Elektrotechnik und Gründers der heutigen Siemens AG, Werner von Siemens, ist seit 2015 Mitglied des Aufsichtsrates des Technologiekonzerns und wird bereits als Kandidatin für die leitende Position gehandelt.

Foto: dpa

Platz 6: Familie Heraeus

Die Reorganisation der Geschäftsbereiche der Heraeus Holding im vergangenen Jahr scheint sich für den Technologiekonzern bereits ausgezahlt zu haben. Das Unternehmen mit Schwerpunkt auf den Edel- und Sondermetallen erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Handelsumsatz von 12,9 Milliarden Euro – ein Plus von 0,7 Milliarden Euro zum Vorjahr. An der Spitze des Konzerns steht Jan Rinnert, der Schwiegersohn vom Aufsichtsratsvorsitzenden und Unicef-Deutschland-Vorsitzenden Jürgen Heraeus (im Bild). Zusammen mit seinen beiden Geschwistern hält der 80-Jährige 25 Prozent der Anteile. Das Vermögen der 200 Köpfe umfassenden Familie beläuft sich wie schon im Vorjahr auf 6,3 Milliarden Euro.

Foto: dpa

Platz 5: Familie Freudenberg

Die einstige Handelsgesellschaft und Gerberei ist heute unter dem Namen Freudenberg & Co. KG vor allem für ihre Dichtungs- und Schwingungstechnik sowie für die Produktion von Vliesstoffen und Filtrationen bekannt und beliefert vornehmlich die Automobilindustrie. Von den 8,4 Milliarden Euro Umsatz bleiben nach allen Abzügen immer noch vortreffliche 521 Millionen Euro Gewinn. Ein gutes Fünftel davon beansprucht die 320-köpfige Gesellschafterfamilie für sich, dessen Vermögen bei 7,15 Milliarden Euro steht.

Foto: picture alliance

Platz 4: Familie Merck

Auch das älteste Pharmaunternehmen der Welt befindet sich im überwiegenden Familienbesitz. Die Merck KGaA konnte in ihrer 348-jährigen Geschichte noch nie einen so hohen Umsatz wie im vergangenen Jahr erwirtschaften. 12,8 Milliarden Euro bedeuten ein Plus von satten 13 Prozent zum Vorjahr. Die rund 200 Mercks sehen dem vorliegenden Wachstum mit Wohlwollen zu. Sie halten über die E. Merck KG circa 70 Prozent der Anteile am Unternehmen. Im „Bilanz“-Magazin wird das Vermögen der Familie nun erstmals auf 8,5 Milliarden Euro geschätzt.

Foto: Reuters

Platz 3: Familie Porsche

Für Wolfgang Porsche, seines Zeichens Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche AG und Porsche SE sowie Aufsichtsratsmitglied bei Volkswagen und Audi, liegen turbulente Zeiten zurück. Aufgrund des Diesel-Betrugsskandal verlor die Volkswagen AG rund ein Drittel ihres Börsenwertes. Eine Katastrophe für den Porsche-Clan, der zusammen mit den Piëchs 52,2 Prozent der Anteile an VW hält. In der Folge legte auch das Vermögen der 80-köpfigen Verwandtschaft einen Sinkflug hin: Um sieben Milliarden Euro schmälerte sich die Summe auf nunmehr 20 Milliarden Euro.

Foto: dpa

Platz 2: Familie Henkel

Wasch- und Reinigungsmittel, Schönheitspflegeprodukte und Klebstoffe sind die drei Geschäftsfelder, die in der Henkel AG vereinigt werden. Vorsitzende des Aufsichtsrates ist mit Simone Bagel-Trah, die Ururenkelin des Henkel-Gründers Fritz Henkel. Nicht nur sie, sondern das gesamte Unternehmen schauten ab Mitte des Jahres auf den neuen Mann an der Spitze, Hans Van Bylen. Die 121 Familienmitglieder halten derweil rund 61 Prozent der Firmenanteile. Aus dem rund 28 Milliarden Euro umfassenden Vermögen aus dem letzten Jahr wurden nun circa 30.

Foto: obs

Platz 1: Familie Boehringer und von Baumbach

Auf den Namen Boehringer Ingelheim hört einer der wachstumsstärksten Arzneimittelkonzerne der Welt. In Deutschland steht der Hersteller zwar noch auf Platz zwei, doch anders als die Bayer AG befindet sich der Konzern zur Gänze im Familienbesitz. Und mit Hubertus von Baumbach steht auch ein Mitglied der Eignerfamilie an der Spitze des Unternehmens – erstmals seit einem Vierteljahrhundert. Die beiden Familien hinter dem Konzern kommen zusammen auf ein gemeinsames Vermögen von rund 38 Milliarden Euro.

Foto: dpa

Viele Erben leben in der Welt verstreut, etliche wohnen in den USA und Großbritannien, einzelne hat es aber auch nach Kanada, Kenia, Schweden, Hongkong und Vietnam verschlagen. Um die Bindung aufrechtzuhalten, gibt es regionale Treffen, Wentzler selbst hat zuletzt mit 70 Gesellschaftern Standorte rund um Boston besichtigt.

Platz 15: Lamilux

Hauptsitz: Rehau (Bayern)
Produkt: Lichttechnologie
Umsatz: 187 Millionen Euro
Innovationsscore: 169

Wer zu Deutschlands innovativsten Mittelständlern gehören will, muss ein mehrstufiges Auswahlverfahren durchlaufen. Die Münchner Unternehmensberatung Munich Strategy Group (MSG) wertete im Auftrag der WirtschaftsWoche zunächst die Daten von 3500 deutschen Unternehmen aus, die zwischen zehn Millionen und einer Milliarde Euro Umsatz erwirtschaften: Sie analysierten Jahresabschlüsse und Präsentationen, sprachen mit Kunden, Branchenexperten, Geschäftsführern, Inhabern und Beiräten.

Danach nahm MSG 400 Unternehmen in die engere Wahl. Für jedes errechnete die Beratung einen eigenen Innovations-Score. Dabei achteten die Berater darauf, dass sich das Unternehmen durch ständige Neuheiten auszeichnet, von Wettbewerbern als innovativ angesehen wird und eine ideenfördernde Kultur etabliert hat. Zudem flossen zu einem Drittel auch wirtschaftliche Indikatoren wie Umsatz- und Gewinnwachstum in die Bewertung ein. „Ein innovatives Unternehmen zeichnet sich dadurch aus, dass es mehr als 25 Prozent seines Umsatzes mit Produkten macht, die erst in den vergangenen vier Jahren entstanden sind“, sagt MSG-Gründer und Studienleiter Sebastian Theopold.

Die MSG-Berater analysierten bereits zum dritten Mal für die WirtschaftsWoche die Innovationskraft deutscher Mittelständler (Heft 15/2014 und Heft 42/2015). Während beim ersten Ranking noch Maschinenbauer dominierten, sind nun mehr Konsumgüterhersteller unter den Siegern. Die meisten innovativen Unternehmen kommen aus Baden-Württemberg.

Foto: Presse

Platz 14: Windmöller Holding

Hauptsitz: Augustdorf (Nordrhein-Westfalen)
Produkt: Bodenbeläge
Umsatz: 120 Millionen Euro
Innovationsscore: 170

Foto: Presse

Platz 13: Maja-Maschinenfabrik

Hauptsitz: Kehl (Baden-Württemberg)
Produkt: Lebensmittelverarbeitung
Umsatz: 23 Millionen Euro
Innovationsscore: 171

Foto: PR

Platz 12: Mekra Lang

Hauptsitz: Ergersheim (Bayern)
Produkt: Spiegel für Nutzfahrzeuge
Umsatz: 260 Millionen Euro
Innovationsscore: 172

Foto: Presse

Platz 11: Brandt Zwieback

Hauptsitz: Hagen (Nordrhein-Westfalen)
Produkt: Zwieback
Umsatz: 189 Millionen Euro
Innovationsscore: 175

Foto: Presse

Platz 10: Edelmann

Hauptsitz: Heidenheim (Baden-Württemberg)
Produkt: Verpackungslösungen
Umsatz: 235 Millionen Euro
Innovationsscore: 177

Foto: Presse

Platz 9: Insiders Technologies

Hauptsitz: Kaiserslautern (Rheinland-Pfalz)
Produkt: Software
Umsatz: 18 Millionen Euro
Innovationsscore: 178

Foto: Dominik Butzmann für WirtschaftsWoche

Platz 8: Arburg

Hauptsitz: Loßburg (Baden-Württemberg)
Produkt: Spritzgießmaschinen
Umsatz: 548 Millionen Euro
Innovationsscore: 181

Foto: Presse

Platz 7: Aquaterm

Hauptsitz: Attendorn (Nordrhein-Westfalen)
Produkt: Rohrleitungssysteme
Umsatz: 91 Millionen Euro
Innovationsscore: 182

Foto: Presse

Platz 6: Fischerwerke

Hauptsitz: Waldachtal (Baden-Württemberg)
Produkt: Befestigungssysteme
Umsatz: 625 Millionen Euro
Innovationsscore: 185

Foto: Presse

Platz 5: C. Josef Lamy

Hauptsitz: Heidelberg (Baden-Württemberg)
Produkt: Schreibgeräte
Umsatz: 71 Millionen Euro
Innovationsscore: 186

Foto: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Platz 4: Leica Camera

Hauptsitz: Wetzlar (Hessen)
Produkt: Kameras
Umsatz: 276 Millionen Euro
Innovationsscore: 189

Foto: Presse

Platz 3: Gebr. Kemper

Hauptsitz: Olpe (Nordrhein-Westfalen)
Produkt: Gebäudetechnik
Umsatz: 270 Millionen Euro
Innovationsscore: 190

Foto: Presse

Platz 2: Bahlsen

Hauptsitz: Hannover (Niedersachsen)
Produkt: Süßgebäck
Umsatz: 515 Millionen Euro
Innovationsscore: 194

Foto: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche

Platz 1: Rimowa

Hauptsitz: Köln (Nordrhein-Westfalen)
Produkt: Koffer
Umsatz: 273 Millionen Euro
Innovationsscore: 197

Foto: PR

Für den Nachwuchs gibt es eigene Treffen: Bei den Zusammenkünften im Zwei-Jahres-Rhythmus lernen die Junioren ihre Rolle als Gesellschafter kennen, beschäftigen sich mit Strategiefragen und Innovationen. Das Programm Freudenberg Inside vermittelt Praktika im Unternehmen. Wer dauerhaft im Unternehmen arbeiten will, muss sich jedoch zuvor extern beweisen. „Familienmitglieder müssen erst in anderen Unternehmen Karriere machen und sich dann für die erste oder zweite Führungsebene bewerben“, sagt Wentzler.

Serie
Was zeichnet sie aus, was können wir von den großen deutschen Unternehmern lernen? Im kommenden Teil: Werhahn.

Um die Gesellschafter auch abseits des persönlichen Austauschs zu informieren, schreibt Wentzler Briefe, organisiert Telefonkonferenzen, verschickt Newsletter. Eigens für die Familie betreibt der Konzern zudem ein Onlineportal. Es gibt sogar eine eigene Zeitung, die halbjährlich erscheint und von Familienmitgliedern für die Familie herausgegeben wird.

Umfassende Informationen sind eine gute Grundlage für den konstruktiven Umgang mit Konflikten. Meinungsverschiedenheiten seien kein Tabu. Freudenberg pflege „eine offene Diskussionskultur“, sagt Wentzler, im Zweifel müsse die Familie „mehrheitlich zu einem Ergebnis“ kommen. Den Rahmen gibt der Gesellschaftervertrag vor, er regelt den Erhalt des Unternehmens als Familienunternehmen und wurde gerade erst bis 2045 verlängert. Einen teilweisen Börsengang schließt die Familie aber nicht aus, zuletzt prüfte Freudenberg die Option für den Schwingungstechnikkonzern Vibracoustic. Der Konzern als Ganzes soll aber in Familienhand bleiben.

Die innovativsten deutschen Mittelständler
LamiluxHauptsitz: Rehau (BY)Produkt: Lichttechnologie Umsatz: 187 Mio EuroInnovationsscore: 169
Windmöller HoldingHauptsitz: Augustdorf (NRW)Produkt: Bodenbeläge Umsatz: 120 Mio EuroInnovationsscore: 170
Maja-MaschinenfabrikHauptsitz: Kehl (BW)Produkt: LebensmittelverarbeitungUmsatz: 23 Mio EuroInnovationsscore: 171
Mekra LangHauptsitz: Ergersheim (BY)Produkt: Spiegel für NutzfahrzeugeUmsatz: 260 Mio EuroInnovationsscore: 172
Brandt ZwiebackHauptsitz: Hagen (NRW)Produkt: ZwiebackUmsatz: 189 Mio EuroInnovationsscore: 175
EdelmannHauptsitz: Heidenheim (BW)Produkt: VerpackungslösungenUmsatz: 235 Mio EuroInnovationsscore: 177
Insiders TechnologiesHauptsitz: Kaiserslautern (RP)Produkt: Software Umsatz: 18 Mio EuroInnovationsscore: 178
ArburgHauptsitz: Loßburg (BW)Produkt: SpritzgießmaschinenUmsatz: 548 Mio EuroInnovationsscore: 181
FischerwerkeHauptsitz: Waldachtal (BW)Produkt: BefestigungssystemeUmsatz: 625 Mio EuroInnovationsscore: 185
AquathermHauptsitz: Attendorn (NRW)Produkt: Rohrleitungssysteme Umsatz: 91 Mio EuroInnovationsscore: 182
C. Josef LamyHauptsitz: Heidelberg (BW)Produkt: SchreibgeräteUmsatz: 71 Mio EuroInnovationsscore: 186
Leica CameraHauptsitz: Wetzlar (HE)Produkt: Kameras Umsatz: 276 Mio EuroInnovationsscore: 189
Gebr. KemperHauptsitz: Olpe (NRW)Produkt: GebäudetechnikUmsatz: 270 Mio EuroInnovationsscore: 190
BahlsenHauptsitz: Hannover (NI)Produkt: SüßgebäckUmsatz: 515 Mio. EuroInnovationsscore: 194
RimowaHauptsitz: Köln (NRW)Produkt: Koffer Umsatz: 273 Mio. EuroInnovationsscore: 197
Wer zu Deutschlands innovativsten Mittelständlern gehören will, muss ein mehrstufiges Auswahlverfahren durchlaufen. Die Münchner Unternehmensberatung Munich Strategy Group (MSG) wertete im Auftrag der WirtschaftsWoche zunächst die Daten von 3500 deutschen Unternehmen aus, die zwischen zehn Millionen und einer Milliarde Euro Umsatz erwirtschaften: Sie analysierten Jahresabschlüsse und Präsentationen, sprachen mit Kunden, Branchenexperten, Geschäftsführern, Inhabern und Beiräten. Danach nahm MSG 400 Unternehmen in die engere Wahl. Für jedes einzelne errechneten die Berater einen eigenen Innovationsscore. „Dabei achten wir darauf, dass sich das Unternehmen durch ständige Neuerungen auszeichnet, von Wettbewerbern als innovativ angesehen wird und eine ideenfördernde Kultur etabliert hat“, erklärt MSG-Gründer und Studienleiter Sebastian Theopold die Kriterien. Zudem flossen auch wirtschaftliche Indikatoren wie Umsatzwachstum und Ertragskraft in die Bewertung ein. Theopolds Fazit: „Wer innovativ ist, wächst auch schneller und erzielt nachhaltigere Erträge.“ Die MSG-Berater analysierten bereits um dritten Mal für die WirtschaftsWoche die Innovationskraft deutscher Mittelständler (Heft 15/2014 und Heft 42/2015). Während beim ersten Ranking noch Maschinenbauer dominierten, sind nun mehr Konsumgüterhersteller unter den Siegern. Die meisten innovativen Unternehmen kommen aus Baden-Württemberg. Den ersten Platz belegt der Kölner Kofferhersteller Rimowa. Rang zwei nimmt der Keksbäcker Bahlsen ein. „Die beiden Vertreter der ,Old Economy’ sind Vorreiter bei der Digitalisierung“, sagt Studienleiter Theopold.

Geld ist in vielen Familien ein Streitthema. Um das in den Griff zu bekommen, gilt bei Freudenberg die klare Regel, dass jedes Familienmitglied von seinem Beruf leben und nicht auf die Dividende des Unternehmens angewiesen sein soll. Nur wenige Gesellschafter halten mehr als ein Prozent der Anteile, zwei Prozent sind in einer Stiftung gebündelt. 2015 schüttete der Konzern vor Steuern insgesamt 132 Millionen Euro aus.

„Wir verfolgen eine Politik einer moderat wachsenden Dividende“, sagt Konzernchef Sohi. Die genaue Höhe der Ausschüttung bespricht er mit dem Gesellschafterausschuss. 2016 könnte sie leicht steigen, das Jahr ist gut gelaufen. Wie viel Geld letztlich fließt, hängt aber vor allem von der Strategie ab. Stehen Zukäufe oder größere Investitionen an, geht das Wohl des Unternehmens vor. „Der größte Teil der Gewinne verbleibt dort“, sagt Sohi.

Schließlich lebt Freudenberg von Innovationen. „Unser Ziel ist es, eines der innovativsten und am breitesten diversifizierten Technologieunternehmen und dabei langfristig orientiert zu sein. Das schließt die Möglichkeit ein, neue Geschäftsfelder zu entwickeln“, sagt Wentzler.

Das ist dem Konzern schon oft gelungen, und das selbst in Krisenjahren. Als die Nazis Lederimporte für die Gerberei erschwerten, gründete das Unternehmen ein Labor, das nach Ersatzstoffen suchen sollte. Die Forscher entwickelten den Kunststoff Perbunan – und erfanden so die Gummidichtung. Auch heute entwickelt der Konzern fortschrittliche Lösungen. Die Dichtung Levitex baut ein Luftkissen auf, das den Motorraum im Auto praktisch reibungsfrei abdichtet und so Kohlendioxid spart.

In Details des Tagesgeschäfts mischen sich die Familienmitglieder kaum ein. Wentzlers Bruder Hanno ist momentan der Einzige in der Sippe, der mit Freudenberg Chemical Specialities eine der Geschäftsgruppen leitet. Konzernchef Sohi hat operativ weitgehend freie Hand. „Da mischt sich die Familie nicht ein, null“, sagt der Maschinenbau-Ingenieur und formt einen Kreis aus Daumen und Zeigefinger. Aber: Einfluss der Familie würde über den Gesellschafterausschuss ausgeübt.

Trotzdem ist der Austausch wichtig. Sohi und Wentzler kommunizieren per SMS, am Telefon, per Mail oder persönlich. Einmal im Monat treffen sich beide zum Jour fixe. „Herr Wentzler hat eine wesentliche Rolle bei der Weiterentwicklung des Unternehmens“, sagt Sohi. Vorschriften mache er ihm jedoch keine, es gebe keine Person, die das letzte Wort habe, Einigkeit käme durch Diskussionen zustande. Und das sei auch gut so. Schließlich gehe es nicht um Macht, sondern um „die gute Entscheidung und das Ergebnis“. Und von dem profitieren letztlich alle.

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