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Elektroauto als DienstwagenWenn der Chef sein E-Auto mit den Mitarbeitern teilt

Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp hat sein privates E-Auto zum Dienstwagen seiner Mitarbeiter gemacht. Sie können den Wagen per App dienstlich nutzen. Zukunftsmusik oder die verrückte Idee eines Einzelnen?Katja Joho 14.07.2017 - 15:24 Uhr

Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp in seinem privaten Elektroauto.

Foto: Stadt Aachen/Andreas Schmitter

Mit dem Elektroauto quer durch Aachen – für Oberbürgermeister Marcel Philipp ist das die ideale Fortbewegung. Dafür setzt er sich ein – und nutzt dazu selbst private Mittel. Der Dienstwagen Philipps, der seit 2009 im Aachener Rathaus regiert, ist zwar „nur“ ein Plug-in-Hybrid. Doch die Zukunftsvision Philipps ist klar: ein emissionsfreier Dienstwagen soll folgen. Privat ist der CDU-Politiker schon so weit. Sein eigenes Auto hat einen reinen Elektroantrieb.

Als Oberbürgermeister hat er sich zum Ziel gesetzt, dass in der Aachener Innenstadt ausschließlich elektrische Fahrzeuge unterwegs sind. Und das lieber heute als morgen. Dafür will er Vorbild sein – und die Aachener Stadtverwaltung soll mitziehen. Für sie hat er ein Sharing- und Elektromobilitätskonzept entwickeln lassen, dass die Dienstwagen reduzieren und emissionsfrei machen soll. Dazu gehört, dass er sein privates E-Auto den Mitarbeitern der Aachener Verwaltung als Dienstwagen zur Verfügung stellt. Im Interview spricht der Rathaus-Chef über seine Motivation, die Erfahrungen und Herausforderungen des Projekts.

WirtschaftsWoche Online: Herr Philipp, Sie sind als Oberbürgermeister sowohl in Ihrem Plug-in-Hybrid-Dienstwagen als auch einem reinen E-Auto, das Sie privat fahren, unterwegs – wieso?
Marcel Philipp: Zunächst einmal ist Aachen eine Stadt der kurzen Wege. Es macht hier nicht allzu großen Sinn, Fahrzeuge zu nutzen, die für große Reichweiten ausgelegt sind, wenn man nur kurze Strecken fährt. Und da wir aufgrund der Talkessel-Lage Aachens eine große Diskussion über die Luftverschmutzung in unserer Stadt haben, will ich hier ein Vorbild sein. Mir ist es sehr wichtig dazu beizutragen, die bestmögliche – emissionsarme, wenn nicht sogar emissionsfreie – Fortbewegung zu organisieren.

Zur Person
Marcel Philipp (CDU) ist seit 2009 Oberbürgermeister der Stadt Aachen. Der Restaurator und Malermeister sitzt bereits seit 1999 für die CDU im Stadtrat Aachen und war lange wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion.

Ein Plug-in-Hybrid als Dienstwagen des Oberbürgermeisters ist noch nicht alltäglich – war es leicht, den als Dienstwagen durchzusetzen?
Das war überhaupt kein Problem! Das Problem ist eher, dass wir uns eigentlich eine bessere Elektro-Reichweite gewünscht hätten, als wir sie bekommen haben. Immerhin kann mein Dienstwagen in der Stadt 30 bis 40 Kilometer elektrisch gefahren werden, aber wenn ich den ganzen Tag in der Stadt mehrere Termine habe, dann stößt der Wagen schnell an seine Grenzen. Da würde ich mir mehr Flexibilität beim rein elektrischen Antrieb wünschen. So weit sind wir noch nicht, ich denke aber dass die Autoindustrie in den nächsten Monaten bis Jahren diese Nachfrage erfüllen können wird.

Ist das auch der Grund, warum Ihnen der reine Stromer als Dienstwagen noch nicht reicht?
Genau. Als Oberbürgermeister muss ich viele Termine in der Region Aachen-Maastricht-Lüttich wie auch Termine im Rheinland wahrnehmen. Dann geht es auch bis nach Köln, Bonn oder Düsseldorf und darüber hinaus. Für diese Strecken gibt es faktisch noch keinen adäquaten elektrischen Wagen, der diese Aufgabe übernehmen könnte.

Fakten zu Aachen
Aachen ist seit 1890 die westlichste deutsche Großstadt. Mehr als 253.000 Menschen leben heute in Aachen (Stand 2015). Das Durchschnittsalter in der Stadt liegt – aufgrund der vielen Studenten – bei 40 Jahren. In der Stadt wohnen deshalb auch überdurchschnittlich viele Menschen im Alter zwischen 20 und 26 Jahren.
Aachen wird seit 2009 von Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) regiert. Seit der Kommunalwahl im September 2014 regiert eine Koalition aus CDU und SPD.Derzeit sind im Aachener Stadtrat die CDU (28 Mitglieder), SPD (20), Die Grünen (13), Die Linke (5), die FDP (3), die Piratenpartei (3), die AfD (2) sowie die Unabhängige Wähler Gemeinschaft (1) und pro NRW (1) vertreten.
Die letzte große Verkehrserhebung zur Werktagsmobilität fand in Aachen im Sommer 2011 statt. Sie zeigte, dass jeder dritte Aachener Haushalt keinen Pkw besitzt – unter anderem wohl auf den hohen Studentenanteil in der Stadt zurückzuführen. Trotzdem sind 41 Prozent der Aachener Stadtbewohner mit dem Pkw unterwegs, weitere zehn Prozent als Mitfahrer im Pkw. Nur zehn Prozent nutzten laut der Erhebung den öffentlichen Nahverkehr. Weitere zehn Prozent sind per Rad unterwegs. 28 Prozent der Aachener legen im Schnitt ihre täglichen Wege zu Fuß zurück.
Die Stadt Aachen kämpft schon länger mit dicker Luft. Auch eine im Februar 2016 eingeführte Umweltzone konnte nicht viel ausrichten – die Stickstoffdioxidwerte in Aachen liegen deutlich höher als die erlaubten 40 Milligramm pro Kubikmeter Luft im Jahresdurchschnitt. Etwa an der Aachener Wilhelmstraße werden regelmäßig 50 Milligramm gemessen. Deshalb verklagte im Herbst 2016 die Umwelthilfe die Bezirksregierung Köln wegen der Luftverschmutzung in Aachen. Die Verhandlung steht noch aus.
Aachen hat im Rahmen der Verkehrsentwicklungsplanung 2014 ein Wunschbild für die städtische Elektromobilität bis zum Jahr 2050 formuliert: „Es wird angestrebt, das 2011 von der EU formulierte Ziel, dass 2050 in Stadtgebieten alle PKW lokal emissionsfrei fahren, in Aachen bereits früher zu erreichen.“Erste Schritte, dieses Ziel zu erreichen, zeigen sich etwa in den Maßnahmen der Aachener Stadtwerke (STAWAG), die seit 2009 ein Netz öffentlich nutzbarer Ladestationen aufbaut, das beim Aachener Car-Sharing-Anbieter Cambio etwa zehn Prozent der Flotte elektrisch fahren und die Stadtverwaltung Aachen seit Februar 2016 Dienstfahrten mehrheitlich mithilfe der elektrischen Fahrzeugflotte erledigen soll.
Der mit Abstand größte Arbeitgeber Aachens ist die Universität. An der Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule – kurz RWTH – arbeiten fast 10.000 Menschen. Zu den größten Arbeitgebern in Aachen gehören zudem neben der Aachener Stadtverwaltung und der Aachener Sparkasse die Versicherung Generali Deutschland, das Pharmaunternehmen Grünenthal und die Lambertz-Gruppe mit ihrer Aachener Printen- und Schokoladenfabrik.
Mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH), der FH Aachen und verschiedenen Abteilungen des Fraunhofer-Instituts gilt Aachen als deutsche Forschungshochburg – insbesondere für Elektrotechnik, Maschinenbau und weitere naturwissenschaftlich-technische Fächer. Die RWTH Aachen ist zudem die größte Universität für technische Studiengänge in Deutschland.
Speziell in der Auto-Forschung hat sich Aachen als Forschungsstandort hervorgetan. So befindet sich etwa das europäische Forschungszentrum des US-Autokonzerns Ford in Aachen und der Streetscooter, der Elektro-Lieferwagen, den sich die Deutsche Post einverleibt hat, wurde in Aachen entwickelt. Die Erfindung und Entwicklung des Streescooters geht auf eine privatwirtschaftlich organisierte Forschungsinitiative der Aachener RWTH-Professoren Achim Kampker und Günter Schuh zurück. Mittlerweile arbeiten sie nach Verkauf der Streetscooter GmbH an die Deutsche Post an einem neuen Projekt: dem massentauglichen Elektroauto. Die Erwartungen an die Elektromobilitätsforschung aus Aachen sind in der Branche sehr groß.

Nun greifen Sie an anderer Stelle aber auf Ihr Privatfahrzeug zurück, der wiederum ein reines Elektroauto ist...
Richtig. Für die kurzen Strecken innerhalb der Stadt ist das tatsächlich die angenehmste, günstigste und für die Luftreinhaltung beste Möglichkeit, sich fortzubewegen. Auch das ist natürlich für mich auf den Vorbildcharakter ausgelegt. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Lebensqualität in großen Städten massiv verbessern können, indem wir einen hohen Anteil rein elektrischer und damit emissionsfreier Fahrzeuge nutzen. Damit reduzieren wir sowohl den Lärm, als auch den Schadstoffausstoß und beides zusammen genommen macht einen erheblichen Effekt in der Innenstadt aus.

Begründet sich in dieser Vorbildrolle Ihre ganz persönliche Motivation?
In erster Linie ja. Hier in Aachen haben wir aber im Bereich der Forschung auch eigene gute Projekte, in denen die Elektromobilität neu gedacht, entwickelt und inzwischen auch produziert wird. Damit steckt für mich als Oberbürgermeister natürlich auch ein wirtschaftliches Interesse dahinter, wenn ich die Elektromobilität forciere.

Dossier

Was Sie über Firmenwagen wissen müssen

Ein Hybrid oder E-Auto als Dienstwagen – sind Sie damit eine seltene Ausnahme oder einfach ein Mann der ersten Stunde?
Ich erlebe es im Gespräch mit Kollegen aus anderen Städten so, dass jeder über das Thema nachdenkt, spricht und versucht, Konzepte zu entwickeln. Zugleich nehme ich aber auch wahr, dass wir am Forschungsstandort Aachen einen gewissen Vorsprung haben – sowohl bei der Entwicklung von Fahrzeugen, als auch bei der Entwicklung von Digitalisierungskonzepten.

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Ist es denn grundsätzlich ein schwieriger Schritt, die Nutzung von Hybrid- und Elektrofahrzeugen zu verwirklichen?
Ein Effekt, wenn jemand ein Elektroauto zum ersten Mal fährt, ist die Begeisterung von der Art des Fahrens. Ich glaube, diese Begeisterung entsteht sehr schnell und steckt an. Viel mehr Überzeugung bedarf es dabei dann nicht mehr. Das Ganze muss allerdings auch wirtschaftlich sein und wenn ein Elektroauto viele tausend Euro teurer ist als ein Wagen mit Verbrennungsmotor, dann ist die Argumentation zugunsten des E-Autos häufig schwierig. Ich glaube jedoch, dass wir gerade die Schwelle erreichen, an der Elektromobilität wirtschaftlich wird. Wenn die Deutsche Post ein Fahrzeug hier in Aachen produzieren lässt, dass rein elektrisch fährt und wirtschaftlicher ist als Diesel und Benziner, dann glaube ich, wird jedem deutlich, dass die Preisunterschiede langsam zerfallen und man sich demnächst auch aus Wirtschaftlichkeit mit Elektromobilität beschäftigen sollte.

Nun sorgen Sie als Chef im Rathaus auch dafür, dass sich Ihre Mitarbeiter in der Verwaltung mit Elektromobilität beschäftigen, indem Sie Ihnen Ihr privates Elektroauto als Dienstfahrzeug tagsüber zur Verfügung stellen. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Mein privates Elektrofahrzeug würde tagsüber überwiegend im Parkhaus stehen, wenn ich es nicht selber benötige. Insofern stelle ich es zu bestimmten Zeiten den Mitarbeitern zur Verfügung. Dafür trage ich es in ein Buchungssystem ein. Mithilfe der Software kann sich jeder Mitarbeiter über das Smartphone so unter anderem mein Elektroauto oder ein Elektrofahrrad individuell für Dienstfahrten buchen. Das sind wenige Klicks, geht ganz unkompliziert und einfach – und mein Privatwagen steht weniger rum.

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Viele dürften sich fragen, warum gibt ein Oberbürgermeister sein privates E-Auto für solche Zwecke her...
Eine Grundsatzfrage für mich ist: Wie können wir die Innenstadt vor der Überlastung durch zu viele Fahrzeuge schützen? Eine Antwort darauf ist die Sharing-Economy. Sie bietet viele Konzepte. Wenden wir einige in der Verwaltung an, können wir die Anzahl der Fahrzeuge in der Aachener Innenstadt halbieren. Die Mitarbeiter müssen nicht mit dem eigenen Pkw Dienstfahrten erledigen, können das Privatauto also im besten Fall sogar zu Hause stehen lassen und den öffentlichen Nahverkehr nutzen, denn vom Büro aus können sie mit den Dienstwagen unterwegs sein. Das verbessert die Situation in unserer Innenstadt immens – sowohl Verkehrsaufkommen als auch die Luftqualität.

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Wie sind die Reaktionen auf Ihr Sharing- und E-Mobilitätskonzept?
Wir hatten eine sehr lange Vorbereitungszeit mit verschiedenen Testphasen, mit denen wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Zum einen zeigte sich, dass das Sharing-Konzept mit Elektromobilität wirtschaftlich sinnvoll ist. Zum anderen ist es eine komfortable Art, Dienstfahrten zu organisieren. Natürlich greifen wir auch in Besitzstände ein – und hier gibt es auch immer wieder Unstimmigkeiten. Die gehören meiner Meinung nach aber zum Wandlungsprozess dazu.

Und wie ist es für Sie, wenn Sie nach der Arbeit zu Ihrem Privatwagen kommen...
Dann ist manchmal der Sitz anders eingestellt oder die Spiegel verändert. Dann merke ich, dass mein Auto heute von jemand anderem benutzt worden ist, der nicht meine Körpergröße hat. Das ist schon erst einmal merkwürdig. Wenn man aber einmal den Schalter im Kopf umgelegt hat, dass man ein Auto nicht nur für sich besitzen muss, dann klappt das ganz gut.

Ich glaube, dass es sich in den großen Städten ohnehin etabliert, dass man auf Autos zugreift, die einem nicht selber gehören – warum sollte ich das nicht auch mit dem eigenen Fahrzeug tun. Und das hat zudem den Vorteil, dass man sich dazu zwingt, den eigenen Wagen immer aufgeräumt zu halten.

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