Forschung der Nobelpreisträger: Wie ein Leben gegen die Innere Uhr krank macht
06.00 bis 08.00 Uhr: In die Gänge kommen
Sobald der Morgen dämmert, Licht in unsere Augen dringt, wird die Produktion des Gute-Nacht-Hormons Melatonin gedrosselt. Herzschlag, Blutdruck und Adrenalinspiegel steigen an. Und katapultieren den Morgentyp aus den Federn. In dieser Zeit ist das Risiko höher, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden, weil das Blut noch dickflüssig ist und die Gefäße eng sind.
Quelle: Lothar Seiwert, Zeit ist Leben, Leben ist Zeit
Foto: Fotolia08.00 bis 10.00 Uhr: Nur keinen Stress
Der Geist wacht langsam auf. Bestimmte Medikamente und Alkohol wirken drei- bis fünfmal so stark wie abends. Um diese Zeit ist die Körperabwehr geschwächt. Und die Schmerzempfindlichkeit am höchsten. Wenn Sie nun schon in der Arbeit sitzen, dann erledigen Sie erst Aufgaben, die nicht Ihre ganze Geisteskraft verlangen.
10.00 bis 12.00 Uhr: Hochzeit für das Gehirn
Die Leistungsfähigkeit erreicht zwischen 10 und 11 Uhr das Maximum, hält sich eine Weile und beginnt ab halb 12 langsam abzuflauen. Zu keiner Zeit des Tages arbeitet das Kurzzeitgedächtnis so gut. Die Gute-Laune-Hormone sind aktiv, die Kreativität sprudelt. Knacken Sie komplizierte theoretische Probleme in den späten Vormittagsstunden, melden Sie sich für diese Zeit zu Prüfungen an.
12.00 bis 15.00 Uhr: Zeit für eine Pause
Die Leistungskurve fällt stark ab. Der Körper braucht nun Energie - in Form von leichter Nahrung und einer kleinen Pause. Falls Sie nur eine kurze Pause haben und weiterarbeiten müssen: Legen Sie sich in diese Zeit Routineaufgaben und erledigen Sie diese ohne Hast.
15.00 bis 17.00 Uhr: Das zweite Tageshoch
Die Leistungskurve steigt wieder an. Atem und Puls erreichen Spitzenwerte. Manuelle Tätigkeiten, die Geschicklichkeit und Tempo erfordern, gehen nun am leichtesten von der Hand. Nun sollten Sie wichtige Arbeiten erledigen, Vokabeln pauken oder einen Vortrag halten.
17.00 bis 19.00 Uhr Hochzeit für Fitness
Eine neue Spitzenzeit für Ausdauertraining: Jetzt müssten Sie die Stresshormone des Tages abjoggen. Wer nun Zeit und Schweiß ins Fitness-Studio investiert, erntet das höchste Muskelwachstum.
19.00 bis 21.00 Uhr: Die Stunden der Sinne
Während die Denkleistung nachlässt, erreichen die Sinnesorgane Augen, Ohren und Nase ihr Leistungsmaximum. Die beste Zeit für Musik, Theater - oder ein anregendes Gespräch.
21.00 bis 23.00 Uhr: Die Stunden der Angst
Der Adrenalinspiegel sinkt. Der Melatonin-Spiegel steigt an. Das Gute-Nacht-Hormon signalisiert dem Körper: Aktivitäten reduzieren. Die Infektabwehr ist nun besonders aktiv. Dagegen arbeitet die Verdauung auf Sparflamme. Um diese Zeit sinkt die Laune, Gefühle wie Aggressivität und Angst stellen sich verstärkt ein. Einsamkeit ist in diesen Stunden am schwersten zu ertragen.
23.00 bis 01.00 Uhr: Murmeltierzeit
Die Zeit des tiefsten Schlafs. Wer jetzt gut schläft, erholt sich doppelt. Und schläft sich jung. Wer wach bleibt: Die Reaktionsfähigkeit sinkt stark ab. Um 24 Uhr macht sich die Ur-Furcht bemerkbar - nun ist man besonders schreckhaft.
01.00 bis 03.00 Uhr: Ab ins Land der Träume
Nach der Tiefschlafphase folgt die Traumphase. Wer in dieser Zeit wach wird, hat oft größere Schwierigkeiten, wieder einzuschlafen, als zu einer früheren oder späteren Stunde.
Foto: Fotolia03.00 bis 06.00 Uhr: Die Stunde des Wolfs
Etwa um vier Uhr schlägt die Stunde des Wolfs. Schmerzen empfinden wir stärker, die Gedanken sind schwarz. Nur nicht grübeln, lieber aufstehen und ablenken. Körper und Geist haben ihren biologischen Tiefpunkt erreicht.
Foto: FotoliaDer Jetlag nach einer langen Flugreise kann eine echte Qual sein. Mitten am Tag fühlt man sich elend müde, nachts hingegen kann man trotz tiefster Dunkelheit nicht schlafen. Es dauert Tage, bis sich der Körper an den veränderten Tag-Nacht-Rhythmus der neuen Zeitzone angepasst hat - und der Jetlag langsam schwindet.
Schuld ist die Trägheit unserer Inneren Uhr. Dieser biologische Taktgeber steuert zahlreiche Körperfunktionen und beeinflusst neben dem Schlaf-Wach-Zustand auch Körpertemperatur, Blutdruck und Immunsystem. Wie diese Uhr auf molekularer Ebene gestellt und gesteuert wird, haben Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young maßgeblich miterforscht. Für ihre Entdeckungen bekommen die drei US-Forscher den Nobelpreis für Medizin.
„Wir wissen heute, dass praktisch alle Zellen in unserem Körper eine Innere Uhr haben. Die steuert viele Funktionen von der Zellteilung bis zum Schlaf. Es gibt keinen physiologischen Prozess, der nicht von der Inneren Uhr beeinflusst wird“, erläutert der Chronobiologe Henrik Oster vom Institut für Neurobiologie der Uni Lübeck.
Nicht nur der Mensch, auch Pflanzen und Tiere haben einen inneren Taktgeber, der zentrale Lebensprozesse steuert. Welche Gene ihm zugrunde liegen, wird seit den 1970er Jahren erforscht. Die drei Nobelpreisträger brachten die Erkenntnisse maßgeblich voran. „Es war klar, dass bei einem Nobelpreis für die Innere Uhr die drei den Preis bekommen würden“, sagt Achim Kramer, Chronobiologe an der Berliner Charité.
Eine der wichtigsten Funktionen der Inneren Uhr ist die Aufrechterhaltung eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus. Einige Menschen macht die Innere Uhr zu sogenannten Lerchen, die früh in den Tag starten und abends zeitig ins Bett fallen. Andere kommen als Eulen erst spät in die Federn - und morgens umso schwerer wieder heraus. Ändern kann man daran nur wenig, im Gegenteil: Forscher betonen, wie wichtig es ist, seinem natürlichen Rhythmus zu folgen.
Gerate die Innere Uhr aus dem Takt, etwa durch Schichtarbeit, zu frühen Schulbeginn oder häufige lange Flugreisen, könnten erhebliche gesundheitliche Probleme folgen, sagt etwa Chronobiologe Kramer. Bei Übergewicht, Depressionen, Herz-Kreislauf-, neurologischen und Magen-Darm-Erkrankungen wird demnach ein Einfluss gestörter biologischer Rhythmen diskutiert. Selbst die Schwere einer Infektion hängt mit dem Zeitpunkt der Ansteckung zusammen, fanden Forscher in einer Studie mit Mäusen: Gibt die Innere Uhr dem Körper gerade eine Ruhephase vor, können sich Viren erheblich schneller vermehren.
Um die Innere Uhr nicht zu stören, empfehlen Schlafforscher auch, auf weitgehende Dunkelheit im Schlafzimmer zu achten. Straßenlaternen können den Mechanismus genauso beeinflussen wie das Licht eines E-Readers, Tablet-PCs oder Smartphones. Das kann nicht nur krank machen, sondern auch Alterungsprozesse beschleunigen, wie Untersuchungen an Mäusen nahelegen.
Forscher weisen auch darauf hin, dass die Leistungsfähigkeit von Kindern von der Inneren Uhr mitbestimmt wird. Viele Schüler entwickelten sich in der Pubertät von Lerchen zu Eulen - für sie beginne die Schule vielfach zu früh.
Auf die Innere Uhr der Preisträger nahm die Nobelpreis-Jury übrigens keine Rücksicht. Die Schweden klingelten zumindest zwei der drei US-Amerikaner nachts aus ihren Betten. „Ich habe fest geschlafen, es war 5.10 Uhr morgens hier“, sagte Michael Rosbash. „Was für eine Art, aufzuwachen!“