Benzinmarkt: „Höhere Preise zu Urlaubszeiten? Das ist nur ein Gerücht“
Tank schon wieder fast leer – und Preisschock an der Tankstelle. Wie weit werden die Spritpreise noch klettern?
Foto: imago imagesAndreas Mundt, Jahrgang 1960, ist Jurist und seit 2009 Präsident des Bundeskartellamts in Bonn.
WirtschaftsWoche: Herr Mundt, die Sommerferien stehen vor der Tür, viele Menschen fahren in Urlaub. Auf welchen neuerlichen Preissprung beim Sprit müssen sich Autofahrer einstellen?
Andreas Mundt: Womöglich auf gar keinen. Es zählt zu den hartnäckigen Gerüchten zum Benzinmarkt, dass in Urlaubszeiten die Preise hochgehen. Die wahren Zahlen geben das aber schlicht nicht her. Auch zu Ostern und an Weihnachten steigen die Benzin- und Dieselpreise entgegen der landläufigen Meinung nicht automatisch.
Aber es ließe sich ökonomisch plausibel ableiten: Wenn zu Ferienbeginn alle auf die Autobahn drängen oder an Feiertagen die Oma besuchen fahren, steigt bei gegebenem Angebot die Spritnachfrage.
Das stimmt – aber dafür fahren die Leute eben nicht mehr ins Büro oder zu Geschäftsterminen. Die Fahrleistung insgesamt geht daher nicht unbedingt nach oben. Die Entwicklung der Nachfrage ist zudem relativ gut vorhersehbar und kann bei der Beschaffungsplanung entsprechend berücksichtigt werden. Es ist für die Tankrechnung ebenfalls egal, ob man an Werktagen oder am Wochenende zur Zapfsäule fährt. Die Daten der beim Kartellamt angesiedelten Markttransparenzstelle für Kraftstoffe zeigen, dass es auch dann im Schnitt nicht teurer ist. Höhere Preise am Wochenende – das ist also ebenfalls ein hartnäckiges Gerücht.
Gleichwohl ist der oligopolistische Kraftstoffmarkt kein Musterbeispiel für knallharten Wettbewerb…
…ok, das ist kein Gerücht …
…und immer stärker rücken auch die Raffinerien in den Fokus. Was weiß das Kartellamt über diesen Teil der Wertschöpfungskette?
Wir wissen über die Raffinerien zwar einiges, weil wir immer mal wieder Fusionen auf diesem Markt prüfen. Uns fehlt aber noch der vollständige und systematische Einblick. Vor dem Ukraine-Krieg war dieser Bereich aus unserer Sicht wettbewerbsrechtlich nicht auffällig. Zuletzt aber hat es eine erstaunliche Entkopplung der Kraftstoffpreise vom Ölpreis gegeben, sowohl bei den Tankstellen als auch bei den Raffinerien. Das Bundeskartellamt hat daher eine Sektoruntersuchung mit Schwerpunkt auf Raffinerien und Großhandel eingeleitet. Wir wollen das volle Bild haben.
Eine persönliche Frage: Wann tankt der Präsident des Bundeskartellamts?
Möglichst nach 18 Uhr. Dann ist es nachweislich fast immer billiger. Erst gegen 22 Uhr ziehen die Preise wieder an. Wenn ich aus irgendwelchen Gründen außerhalb dieser Zeitspanne tanken muss, tanke ich nur so viel wie gerade nötig. Und ich vermeide die Zeit zwischen 5 und 8 Uhr morgens – dann nämlich ist der Sprit statistisch gesehen am teuersten.
Und noch ein Tipp: Die Erfahrung zeigt, dass die Kraftstoffpreise im Tagesverlauf zwar stark schwanken, die Spanne liegt normalerweise an einer Tankstelle zwischen acht bis 13 Cent pro Liter. Doch günstige Tankstellen bleiben trotzdem günstig – und teure bleiben meistens teuer.
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