Kommunikation: Telegramm-Versand: Wie ich 12,90 Euro für 160 Zeichen zahlte
Der WiWo-Selbstversuch: Versand eines Telegramms
Foto: WirtschaftsWocheKein berittener Bote, kein „Sir, eine eilige Nachricht für Sie!“. Am Ende ist da bloß eine digitale Nachricht: „Die Sendung wurde über den Briefkasten zugestellt, da eine persönliche Übergabe nicht möglich war.“ Stimmt nicht ganz, der Empfänger war zu Hause. Freudig wartend sogar. Aber sei’s drum, immerhin ist es angekommen – eines der wohl letzten Telegramme der Deutschen Post.
Rückblende: Als ich Donnerstagmorgen die Nachrichten lese, fällt mir zwischen Ukraine-Krieg, Getöse um Elon Musk und wie man seine Weihnachtsgeschenke wieder loswird eine Nachricht ins Auge: Die Deutsche Post stellt ihren Telegramm-Service zum Jahresende ein.
Ehrlich gesagt, wusste ich gar nicht, dass es Telegramme überhaupt noch gibt. Ich kenne sowas nur aus Filmen und historischen Romanen – in meinem Kosmos gibt es nur Telegram, den Instant-Messaging-Dienst. Im nächsten Moment überkommt mich aber eine Welle des Fomo (Fear of missing out): Das Telegramm wird abgeschafft und ich habe noch nie eins verschickt! Und ich habe nur noch zwei Tage Zeit!
Bevor ich herausfinde, wie sich so ein Telegramm-Versand gestaltet, habe ich aber noch eine wichtige Frage: Was ist ein Telegramm überhaupt genau?
Unter meinen Kolleginnen und Kollegen findet sich niemand, der oder die schon Erfahrungen mit Telegrammen sammeln konnte. Die WirtschaftsWoche gibt es zwar schon seit 1926, Leserbriefe wurden aber immer als normale Briefe zugestellt.
Ich greife zum Telefon: Meine Oma, Geburtsjahr 1949, erklärt mir, dass sie damals Telegramme nutzte, um schnell Nachrichten zu übermitteln. Zum Beispiel um anzukündigen, um wie viel Uhr ihr Zug irgendwo ankommt und wann sie abgeholt werden muss.
Erfunden wurden Telegramme schon im 19. Jahrhundert, bis weit ins 20. Jahrhundert war es eine der schnellsten Möglichkeiten, wichtige Informationen zu übermitteln. Dabei wurden Texte beim Post- oder Telegrafenamt persönlich oder telefonisch diktiert und meist per Fernschreiber zu einem Post- oder Telegrafenamt in der Nähe des Empfängers übermittelt und dann per Bote zugestellt. Lange Zeit war der Dienst aufgrund seiner Geschwindigkeit sehr erfolgreich. Zuletzt sei das Angebot von Privatkunden aber kaum noch genutzt worden, erklärt die Post. Warum bloß?
160 Zeichen, 13 Euro
Weil der Service der Deutschen Post am 31.12.2022 endet, bleibt mir noch ein wenig Zeit und ich mache den Versand meines ersten und wahrscheinlich letzten Telegramms im Leben zu meiner letzten Mission des Jahres.
Das Portal zum Telegramm-Versand auf der Website der Deutschen Post ist einfach zu finden, fast schon zu einfach dafür, dass es mir vorher nie aufgefallen war. Zum Glück muss die Nachricht heutzutage nicht mehr persönlich oder telefonisch übermittelt, sondern kann in ein Textfeld getippt werden.
Knapp 160 Zeichen für 12,90 Euro.
Foto: WirtschaftsWocheDas Prozedere scheint simpel: Ich tippe meinen Text ab, gebe die Adresse und das Zustelldatum ein und bezahle. Nachrichten, die bis 3 Uhr morgens verschickt werden, können noch am selben Tag zugestellt werden – das ist definitiv schneller als ein normaler Briefversand. Eine Uhrzeit kann leider nicht ausgewählt werden. Meine Testperson muss also den ganzen Tag zu Hause auf mein Telegramm warten.
Dann habe ich die Wahl zwischen einem Mini- oder einem Maxi-Telegramm. Die Preise haben es in sich: Das Mini-Format, mit lediglich 160 Zeichen (ein Tweet hat 280), kostet satte 12,90 Euro. Das Maxi-Telegramm umfasst 480 Zeichen und kostet 17,89 Euro – das sind ungefähr 75 Wörter. Kein Wunder, dass das niemand mehr macht.
Ich kann mein Telegramm außerdem mit einem „attraktiven, hochwertigen Schmuckblatt“, also einem „gelben, aufmerksamkeitsstarken Umschlag“ aufwerten, entscheide mich aber gegen die vier Euro Aufpreis.
Es fühlt sich ein bisschen falsch an, das Telegramm mit Paypal zu bezahlen, aber da verschwimmen wohl die Grenzen zwischen dieser veralteten Kommunikationsform und dem digitalen Zeitalter.
Die Zustellung kann ich online verfolgen. Theoretisch. Mehr Informationen als „Ihr Telegramm befindet sich in der Zustellung“ bekomme ich leider nicht. Nach 18 Stunden kommt es dann schließlich an und wird etwas unromantisch über den Briefkasten zugestellt – obwohl der Empfänger sehnsüchtig auf die persönliche Übergabe gewartet hat.
Ob sich fast 13 Euro für ein Stück Papier gelohnt haben? Wahrscheinlich nicht. Aber immerhin kann ich das von meiner Liste streichen.
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