Randstad-Deutschlandchef: „Die Gen Z will Erklärungen, warum sie tut, was sie tut“
WirtschaftsWoche: Herr Jager, viele Boomer gehen bald in Rente. Jüngere Menschen können somit früher in verantwortungsvolle Rollen schlüpfen. Zumindest theoretisch. Was ist Ihr Eindruck: Lassen die Unternehmen sie auch?
Richard Jager: Es gibt noch viel Zurückhaltung und die Ansicht: Der muss noch ein bisschen warten und reifen. Damit bin ich nicht ganz einverstanden. Denn je stärker sich die Demographie verändert, desto mehr wirkt sich das auch auf den Arbeitsmarkt aus. Darauf müssen Unternehmen reagieren.
Ist fehlende Erfahrung denn wirklich unproblematisch?
Wer denkt, dass junge Menschen erst mal warten müssen, bis sie führen können, steht mit einem Bein im Grab – und mit dem anderen auf einer Bananenschale. Ich bin selbst ein Dinosaurier und altersmäßig weit weg von der Generation. Aber mit jungen Leuten zu arbeiten, gibt unheimlich Energie. Alter ist kein Kriterium für Führungsqualität. Es muss vielmehr darum gehen: Wer zeigt Einsatz, wer hat die Energie und wer macht seinen Job einfach gut? Wer dringt bei den Kollegen mit den Zielen durch?
Wie genau gibt Ihnen denn die Arbeit mit der Gen Z Energie?
Der Austausch, die Perspektiven – und der Widerspruch. Wir hatten gerade ein Sommerfest mit gut 2000 Leuten. Viele davon sind 26, 27 Jahre und fragen mich, warum machen wir das so und nicht so.
Der Randstad-Geschäftsführer versucht, möglichst viel in Kontakt mit allen Mitarbeitern zu kommen. Doch manchmal überfordert ihn das.
Foto: PRSie lassen also zu, dass Mitarbeiter Ihnen ungefiltert ihre Meinung sagen.
Du musst erlauben, dass Leute widersprechen und Feedback geben können. Es ist unglaublich dumm, die Erfahrung der Mitarbeiter an der Basis, die täglich mit den Kunden zu tun haben, nicht zu nutzen, und stattdessen oben zu sagen: Ich weiß es besser.
Wie sorgen Sie und Ihre Führungskräfte dafür, dass alle ihre Gedanken mitteilen – und sich nicht zurückhalten?
Ich muss es fördern, dass Leute Fehler machen. Selber erzählen, welche komischen Fehler ich gemacht habe. Wenn du es hinkriegst, dass Leute auch über Fehler lachen dürfen, hast du eine Basis für natürliches Feedback. Niemand will mehr in einem Unternehmen arbeiten, in dem der Chef weit weg ist, ab und zu stundenlange Fidel-Castro-Reden hält und von einer Bühne herab erklärt, wie alles funktioniert.
Der nahbare CEO. Kostet es Sie nicht viele zusätzliche Ressourcen, so präsent, stets ansprechbar zu sein?
Ich höre auch oft: Komm doch mal häufiger vorbei. Aber wir haben über 500 Niederlassungen. Selbst wenn ich jeden Tag zwei besuchen würde, bräuchte ich zwei Jahre dafür. Früher habe ich mich einmal pro Monat im Intranet gemeldet. Jetzt bin ich immer häufiger im Video zu sehen oder im Chat erreichbar. Die Gen Z will Erklärungen, warum sie tut, was sie tut. Das kann ich nicht mit einer Broschüre beantworten, das muss ich selbst rüberbringen.
Wie nehmen Sie den Führungsanspruch der Gen Z wahr? Wollen junge Menschen noch Chef werden?
Zunächst einmal: Die eine Gen Z gibt es nicht. Der Wunsch, in eine Führungsrolle zu kommen, ist aber kleiner als früher. Die Gen Z macht sich viele Gedanken über die Work-Life-Balance und darüber, ob sie so eine Rolle übernehmen will. Viele wägen stärker ab, einen Job anzunehmen und dafür auf etwas anderes zu verzichten. Aber es ist eine gute Entwicklung, sich diese Freiheit zu nehmen.
Ist die Gen Z fauler?
Nein, ich sehe unglaublich viele junge Menschen, die sich reinhängen. Sie haben genauso viel Herzblut wie andere und denken mit. Früher hat man sich eben stärker über den Job definiert, heute schaut man nach dem Gesamtpaket. Wie lange fährt man zur Arbeit? Wie verbinde ich das mit meinem Leben?
Lesen Sie auch: Diese Grafiken zeigen, was den Deutschen ihre Arbeit wert ist