Börsenwoche 467: Editorial: Aktienmärkte Frankreich und Großbritannien: Quo vadis?

Zwei große europäische Nationen haben in den letzten Wochen gewählt. Großbritannien hat nach 14 Jahren die Konservativen abgewählt und wird nun von einer Labour-Regierung mit starker Mehrheit angeführt. In Frankreich konnte sich überraschend ein Linksbündnis durchsetzen. Die Rechtspopulisten des Rassemblement National unter Marine Le Pen werden vorerst nicht regieren.
Für Anleger sind die politischen Geschehnisse in den beiden Ländern von besonderer Bedeutung. Ihre Aktienmärkte sind groß und vielfältig. Im Index MSCI Europe, der den europäischen Aktienmarkt abdeckt, hat Großbritannien mit einem Anteil von 23 Prozent das höchste Gewicht, Frankreich folgt mit 17 Prozent direkt dahinter. Deutschland landet nach der Schweiz erst auf Platz vier und hat einen Anteil von 13 Prozent. Im viel beachteten Index Euro Stoxx 50 ist die Lage noch extremer. Großbritannien wird darin außen vor gelassen, dafür macht Frankreich stolze 42 Prozent des Index aus.
Für Europas Aktienmärkte ist es wichtig, wie es in Großbritannien und Frankreich weitergeht. Der Blick in die Vergangenheit ist ernüchternd (siehe Grafik). Der britische Leitindex FTSE 100 ist kaum mehr wert als zur Jahrtausendwende. Im Jahr 2000 lag der Zählerstand ungefähr bei 7000, heute steht er bei knapp über 8000. Seit 1994 hat sich der FTSE 100 etwas mehr als verdoppelt. Der amerikanische Leitindex S&P 500 ist ihm davongeeilt: Er hat sich in den letzten dreißig Jahren hingegen mehr als verzehnfacht.
In Frankreich sieht es nicht viel besser aus. Nach der Jahrtausendwende nahm der Pariser Index CAC 40 Anlauf auf die 7000er-Marke. Seitdem geht es vor allem seitwärts. Dabei lief es vor dem Wahlschock auffallend gut, kurzzeitig waren sogar mehr als 8000 Punkte drin. Seit Mitte der 1990er-Jahre hatte sich der CAC 40 immerhin im Wert vervierfacht. Immerhin hat er damit dem britischen Pendant etwas voraus.
Trotzdem: Beide Aktienmärkte müssten dringend ihren Ruf aufpolieren. Man darf skeptisch bleiben, ob das gelingen kann. In Großbritannien wären zumindest die politischen Weichen gestellt. Labour gilt nun als wirtschaftsfreundlich und legt Wert auf Disziplin bei den Staatsfinanzen. Bloß kann keine Regierung der Welt Börsenstars aus dem Hut zaubern. Die Londoner Finanzbranche stagniert, die großen Pharmainnovationen kommen aus anderen Ländern und die Techbranche schielt nach Amerika. Der britische Chipdesigner Arm hatte letztes Jahr sein erfolgreiches Debüt an der Nasdaq-Börse in New York. Dass der kontroverse chinesische Modekonzern Shein mangels Alternativen an die Londoner Börse will, ist eher ein schwacher Trost.
In Frankreich ist die Situation spiegelverkehrt. Das Land hat einige überzeugende Industrieunternehmen und kann vor allem mit Luxusgütern (LVMH, Hermès) und Kosmetik (L’Oréal) punkten. Bloß bremst hier die Politik. Viele beliebte Parteien stehen der Privatwirtschaft skeptisch gegenüber und sind regulierungsfreudig. Außerdem versprechen sie teure Ausgaben, obwohl Frankreichs Schulden bereits hoch sind. Egal auf welche Seite des Ärmelkanals Anleger blicken, sie sollten keine Wunder erwarten.
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