Darüber solltet ihr mal schreiben: Verzerren Dividenden alle Aussagen über den Dax?
Der deutsche Aktien-Leitindex Dax ist ein Performanceindex: Anders als bei den meisten weltweit bekannten Aktienindizes – wie Dow Jones, S&P 500 oder Nikkei – fließen nicht nur die Kursentwicklungen der 40 gelisteten Unternehmen ein, sondern auch Dividenden. Es wird rechnerisch davon ausgegangen, dass diese Ausschüttungen sofort in die Aktien des gleichen Unternehmens reinvestiert werden.
Ein Leser sorgt sich, dass alle Aussagen über den Dax dadurch verzerrt seien: In Wirklichkeit steige und falle der Dax nicht mit Unternehmensgewinnen oder Konjunkturverlauf, sondern allein durch Dividendeneffekte. Eigentlich seien fast alle Börsenkommentare daher sinnlos, schreibt er uns, weil versucht werde, Kursentwicklungen durch bestimmte reale Faktoren zu erklären – obwohl die Entwicklung in Wirklichkeit nur durch die Reinvestition von Dividenden entstanden sei.
160 statt 30 Prozent Gewinn – nur wegen der Dividenden
Ist da etwas dran? Tatsächlich haben die Dividenden beim Dax einen gewaltigen Effekt: Ohne Berücksichtigung von Dividenden ist der Index seit Anfang 2000 nur um knapp 30 Prozent gestiegen (Kursindex), mit Dividenden hingegen um rund 160 Prozent. Langfristig lässt die beim Dax genutzte Methodik den Index gegenüber den als Kursindizes berechneten internationalen Börsenbarometern also deutlich besser aussehen.
Und doch ist die Sorge des Lesers mit Blick auf die kurzfristigen Dax-Entwicklungen unbegründet. Diese werden durch die Dividendenausschüttungen nicht verzerrt. Denn wenn ein Unternehmen Dividenden ausschüttet, fällt sein Kurs theoretisch exakt um diesen Betrag. Wird die Dividende dann rechnerisch reinvestiert, also mit der Ausschüttung Aktien gekauft, gleichen sich beide Effekte aus.
Beispiel Mercedes: Der Autohersteller zahlte im Mai 2024 5,30 Euro Dividende pro Aktie. Blenden wir andere Faktoren aus, sinkt der Kurs dann von einem Tag auf den anderen um diesen Betrag. Denn wer die Aktie am 8. Mai gekauft hat, sicherte sich damit noch den Dividendenanspruch. Wer sie hingegen erst einen Tag später, am 9. Mai, kaufte, bekommt diese Dividende nicht ausgezahlt. Die Aktie ist insofern kurzfristig betrachtet 5,30 Euro weniger wert, weil ihr Kurs um den Wert der Ausschüttung gesunken ist (auch „ex-Dividende“ genannt). Werden dann theoretisch wieder 5,30 Euro in die Aktie investiert, ist die Position genauso viel wert wie vorher.
In der Realität können andere Nachrichten oder auch die allgemeine Börsenentwicklung die Kursentwicklung parallel beeinflussen. So fiel der Mercedes-Kurs vom 8. auf den 9. Mai beispielsweise nur um knapp vier Euro und nicht um die vollen 5,30 Euro. Außerdem spielen bei der realen Geldanlage steuerliche Effekte eine Rolle: So kommt bei Anlegern normalerweise nicht die Bruttorendite an, sondern nur die um Abgeltungsteuer geminderte Ausschüttung. Selbst wenn Anleger dieses Geld dann wieder sofort reinvestieren würden, wäre ihre Aktienposition durch den Steuerabzug etwas weniger wert als vorher.
Um das abzubilden, werden Aktienindizes wie der Dax auch in einer bereinigten Variante berechnet, die nur die Nettodividenden (nach Steuerabzug) bei der Wiederanlage berücksichtigt. Am meisten Beachtung findet aber die unbereinigte Dax-Variante, inklusive der Bruttodividenden.
Dividenden sorgen für Verwirrung
Dennoch ist es zulässig, das Auf und Ab des Dax zu interpretieren. Die Dividenden können zwar am Tag der Ausschüttung die Kurse einzelner Unternehmen kurzfristig deutlich beeinflussen, ohne dass sich die Lage des Unternehmens verändert hat – so wie bei Mercedes im Mai 2024. Der Dax selbst wird dadurch jedoch nicht bewegt. Schließlich ist nach der Ausschüttung für ihn wieder allein entscheidend, wie sich der Kurs des jeweiligen Unternehmens entwickelt, und damit, wie viel Wert Anleger ihm zubilligen. Dabei orientieren sich Anleger beispielsweise an den erwarteten Gewinnen des Unternehmens, am Konjunkturverlauf oder auch an der Zinspolitik der Notenbanken. Genau solche Faktoren haben auch Börsenkommentatoren und Analysten im Blick.
Die Rolle der Dividenden sorgt allerdings häufig für Verwirrung. So hieß es beispielsweise in einem Börsennewsletter im März 2020, mitten im Coronacrash, der Dax-Performanceindex hätte aufgrund der Dividenden einen „theoretischen Mindestkurs“ von etwas weniger als 5000 Punkten: „Schließlich handelt es sich um einen Performanceindex. Ein Teil des Index besteht also aus bereits gezahlten Dividenden. Und unter das Niveau, welches die Summe dieser Dividenden ausmacht, kann er eigentlich nicht fallen.“
Diese Erklärung greift jedoch zu kurz. Gerade weil die Dividenden im Dax rechnerisch reinvestiert werden, steigt und fällt er allein mit den Aktienkursen. Es gibt bei der Dax-Berechnung kein Bankkonto, auf dem die Dividenden rechnerisch geparkt werden. Fielen morgen die Kurse aller Dax-Aktien auf null, läge auch der Performance-Index bei null. Wenigstens das wäre beim Kursindex nicht anders. Nur gut, dass das ein rein theoretisches Szenario ist.
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