Finanzmärkte und die Frankreich-Wahl: „Die große Unbekannte“
An den Finanzmärkten dürfte es auch nach dem zweiten Wahlgang in Frankreich am Sonntag spannend bleiben. Denn so oder so dürfte der Wahlausgang ein Novum sein, ein Ergebnis, welches es Europas zweitgrößter Volkswirtschaft so noch nicht gab. Eine extrem rechte oder extrem linke Regierung sei „eine große Unbekannte“, sagt Erick Muller. Muller ist oberster Investmentstratege beim privaten Vermögensverwalter Muzinich und Co. und selbst Franzose. Deshalb sei die Situation auch so herausfordernd, erklärt Muller.
Das war sie bisher auch an den Finanzmärkten. Zwar haben die sich zwischenzeitlich etwas erholt. Die Zinsdifferenz – der sogenannte Spread – zwischen zehnjährigen französischen Staatsanleihen und den als sicher geltenden deutschen Bundesanleihen hat sich bis auf knapp 70 Basispunkte eingeengt. Zwischenzeitlich lag der Aufschlag bei über 80 Basispunkten, so hoch wie seit der Euro-Schuldenkrise 2012 nicht mehr. „Die Zinsaufschläge haben sich wieder verengt, weil die Wahrscheinlichkeit eines von den Linken dominierten Parlaments geringer ist“, sagt Muller.
Auch der Leitindex CAC 40 hat sich von seinem Tief nach Emmanuel Macrons Wahlankündigung deutlich erholt. Dennoch dürfte es insbesondere am Montag nach der Wahl volatil werden. Auch nach der Wahl werde es wohl eine Risikoprämie auf französische Staatsanleihen geben, konstatiert Muller. „Die Spreads werden wahrscheinlich in naher Zukunft nicht auf das Niveau von vor der Wahl sinken.“ Für Anleger muss das aber nichts Schlechtes heißen.
Angesichts der hohen Staatsverschuldung in Ländern wie Italien oder Frankreich scheint es für Investoren sinnvoll, sich nicht nur nach Staatsanleihen umzusehen, sondern auch in Bonds solider Unternehmen zu investieren. Anlagestratege Muller sieht hier Chancen in einigen Branchen. „Das derzeitige Umfeld ist weiterhin grundsätzlich positiv“, sagt Muller.
Viele institutionelle Investoren setzen – nicht nur in Frankreich – auf Anleihen von Unternehmen im Investmentgrade-Bereich mit einer kurzen oder mittleren Laufzeit. „Wir sind bei europäischen Banken strukturell übergewichtet“, sagt Muller. Gegenüber anderen Branchen seien die Spreads positiv. Zwischendurch nutzte der Muzinich-Investor die niedrigen Kurse der Anleihen von Immobilienunternehmen zum Einstieg, hat den Bestand im Portfolio „angesichts der Performance“ aber wieder zurückgefahren.
Jetzt, da das Rezessionsrisiko etwas zurückgegangen ist und die Zinsen langsam sinken erwäge man laut Muller, „in zyklische Sektoren zu investieren“. Gerade nach der Frankreich-Wahl dürfte es interessant werden zu sehen, wie sich Sektoren wie die französischen Banken entwickeln werden. Während einige Marktbeobachter mit weiteren Kursverlusten rechnen, sehen andere die niedrigen Kurse und Bewertungen als Einstiegsgelegenheit.
Für viele Privatanleger dürfte sich diese Frage bei Papieren wie den Anleihen von BNP Paribas allerdings leider gar nicht erst stellen. Mit einer Mindeststückelung von oft 100.000 Euro sind für private Investoren die meisten Unternehmensbonds gar nicht mehr handelbar. Selbst wenn die Stückelung kleiner ausfällt, fehlt bei vielen Papieren das Produktinformationsblatt (PRIIPs), welches für den Verkauf an Privatanleger nötig ist. Den meisten bleibt in Sachen Unternehmensanleihen also nur der Kauf von günstigen Indexfonds (ETFs) oder verwalteten Fonds.
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