Werner knallhart: Phänomen Hotel-Bettdecke: der viel zu dicke, stickige Urlaubs-Albtraum
Was soll eine verdammte Bettdecke?
Sie soll uns erstens ein wenig unserer eigenen Körperwärme bewahren, so dass wir ruhen können in einem mild-warmen Kokon aus Luft und zartem Textil.
Zweitens: Sie soll uns das Gefühl von Geborgenheit schenken. Das urige vorgeburtliche Gefühl, sicher weil umschlossen zu sein.
Drittens: Sie soll bei Bedarf an den richtigen Stellen stützen, also etwa zwischen den Knien, damit die Gelenkknochen nicht aneinander drücken.
Fertig. Mit mehr muss eine Decke nicht aufwarten können.
Und jetzt kommt das, was uns niemand bei Booking.com, Tui oder HRS vorab verrät: Hotelbettdecken können all dies nicht. WARUM NICHT?
Hotelbettdecken sind ganz offensichtlich dafür gemacht, dass man derart schwer in den Schlaf findet, dass man am nächsten Morgen das Frühstück verpennt.
Der Einstieg ins Bett: nur mit roher Gewalt
Es geht ja alles schon mit dem Bettgang los! Dieser Moment, wenn man die Bettdecke lüpft, um erschöpft von Strand, Bummeln und vier Bier auf die Kaltschaummatratze niederzusinken. Und dann bleiben die Füße an der Decke hängen. Weil die so stramm am Fußende unter die Matratze gestopft wurde, dass es zumindest mir mitunter nicht gelingt, sie rein mit der Kraft meiner Beine herauszureißen. Herauszureißen! Wie mit den zwei Spritzen eines Zimmermannshammer einen krummen Nagel zerre ich jedes Mal mit Schenkeln und Füßen am strammen Tuch. Um einfach nur das Bett nutzen zu können, müssen wir Gäste es erst mit aller Kraft umbauen.
Diese Sekunden, in denen man nach unten überdehnten Füßen zieht und zieht und nicht aufgeben will, noch Ruckbewegungen einbaut und ruft „GNAAAAA!“. Nicht selten stehe ich wieder auf und fetze das durchgestrampelte Geraffel fluchend und mit Klauenhänden aus der Verankerung. Danach bin ich wach und setze mich auf den Balkon. Ja, eine verzurrte Decke sieht schön aus. Wenn es jedoch allein um Optik geht, könnte man auch das WC weglassen.
Immer zu dick, immer zu heiß, fast immer aus Polyester
Es ist ja nicht so, dass die Qualität der Decke mit dem Preis für das Hotelzimmer steigt. Nein, es bleibt oft bei popligem Polyester. Die Decken werden nur dicker. Hotelbettdecken sind immer zu dick!
Und Polyester ist in Bettdecken ein fürchterlich menschenfeindliches Material. Man fühlt sich wie eingesponnen in einen Sarg aus Toppits-Frischhaltefolie. Es staut sich alles zu einer stickigen, brennenden Hitze.
Und achten Sie mal darauf: Wenn Sie im Dunkeln zu sehr wühlen, fliegen je nach Hersteller in Ihrer Decke sogar elektrische Funken. Ohne Witz! Da blitzt es blauweiß. Sie können das billige Knistern sehen. Da legen die Leute ihr Handy weit von sich, um sich nachts vor Elektrosmog zu schützen, und erzeugen dann beim Kuscheln elektrischen Strom direkt am ganzen Leib.
Und so gibt es nur zwei Wege, die Nacht gesund zu überstehen. Entweder dreht man die Klimaanlage auf 8 Grad und das Piktogramm auf vier von vier Ventilator-Blättern. Dann hat man morgens um 7 allerdings vereiterte Mandeln.
Oder man fummelt den Deckenbezug auf und schüttelt die knisternde Polyesterfüllung heraus.
Dabei dürfen Sie die Füllung aber niemals berühren, denn die Plastikwolle hat schon literweise den Schweiß hunderter wildfremder Vormieter aufgenommen und ausgedünstet. Und womöglich nicht nur Schweiß. Machen wir uns nichts vor, Kinners! Die Vorstellung allein ist allerdings schon ein Urlaubspreis-Minderungsgrund.
Aber schütteln Sie mal eine Decke direkt in den Kleiderschrank neben das Bügelbrett, ohne dabei Kontakt zu Händen oder Füßen zu haben! Am Ende stehen Sie doch wieder vorm Waschbecken und seifen sich ein…
Eine Decke für zwei: Das ist wider die Natur!
Aber eigentlich fängt alles schon beim Zuschnitt der Bettdecken an. In jedem Gefängnis gölte es als menschenrechtswidrig, zwei Menschen nur eine einzige gemeinsame Bettdecke zur Verfügung zu stellen. Warum aber erlauben wir es Hotels?
Es soll schon vorgekommen sein, dass der eine sich gerne in Richtung seines Nachtkästchens einkuscheln wollte, der andere in die Richtung des seinen. Ergebnis: prall aufgespanntes Textil in der Mitte wie bei einem Fallschirm. Wozu?
Ist daran irgendetwas romantisch oder gar erotisch, wenn sich nachts die beiden Körperwärmen vermischen? Ist es heutzutage schon zu viel verlangt, beim sich anbahnenden Beischlaf zwei, statt nur einer Decke beiseite zu schieben?
Beweist man seinem Matratzenpartner irgendwie seine unerschütterliche Liebe, wenn man tapfer im Dunkeln an die Zimmerdecke lächelnd über sich ergehen lässt, dass einem der andere plötzlich herumjuckelnd die Decke vom Leib reißt, um sich darin im Halbschlaf einzurollen, während einem selber die Klimaanlage die Stauwärme von der von Polyesterschweiß überzogenen nackten Haut pustet?
Des anderen Schnarchen lässt sich mit Ohropax aushalten. Der faire 50-Prozent-Anteil der zu 100 Prozent weggezogenen Decke lässt sich nur mit Muskelkraft erstreiten. Mir reißen dabei häufig die Fingernägel ein. Es ist einfach zu viel Aufhebens mitten in der Nacht. Da geht der Ruhepuls hoch. Und es kann nicht sein, dass es anderen anders geht.
Egal ob Kingsize oder Queensize oder sonst eine Size: Wird das Zimmer als Doppelzimmer vermietet, gehören da zwei Decken rein. Wir teilen uns auch nicht den Bademantel.
Ich brauche keinen Begrüßungssekt beim Einchecken, keine Pancake-Livebrat-Station am Frühstücksbüffet und keine changierenden Meditationsblinklichter unten in der Wellnessdusche. Schnickschnack. Ich will im Hotel einfach eine zivilisierte Decke. Wie zuhause! Es muss künftig bitte vom Hotelier vor der Buchung angegeben werden – direkt über „seitlicher Meerblick“: „zivilisierte Decke“. Finden Sie, ich stelle mich an?
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