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Traum vom ewigen Leben„Es ist leichter, die Hautalterung aufzuhalten als die Demenz“

10.000 Dollar für eine Blutwäsche, langes Leben per Stammzellen-Doping: Der Technik-Soziologe Thomas Ramge erklärt, welche Chancen und Risiken die Forschung für ein längeres Leben bereithält – und warum das endliche Leben doch so seine Vorteile hat.Volker ter Haseborg 28.08.2024 - 06:45 Uhr aktualisiert

Macht die Medizin den Traum vom unendlichen Leben wahr?

Foto: Getty Images

WirtschaftsWoche: Herr Ramge, der Mensch, der 1000 Jahre alt wird, ist schon geboren. Das behauptet zumindest der britische Longevity-Guru Aubrey de Grey. Hat er Recht?
Thomas Ramge: Das ist Marketing-Bullshit im Kampf um Aufmerksamkeit.

Warum?
Der menschliche Körper ist evolutionär so aufgebaut, dass er maximal bis rund 120 Jahre halten kann. Danach bricht das biologische System zusammen. Es ist natürlich denkbar, dass sich diese absolute Grenze in Zukunft schrittweise verschieben lässt. Aber die Behauptung von den 1000 Jahren gehört zu der Kategorie: Ultrasteile These, die aus wissenschaftlicher Sicht nicht plausibel ist, sich aber auch nicht widerlegen lässt.

Protagonisten wie de Grey setzen darauf, dass Gen-Editierung, Blutwäsche und Stammzellen-Umprogrammieren ein ewiges Leben möglich machen können.
Selbst wenn es gelingen sollte, den Zellalterungsprozess des Körpers vollständig anzuhalten oder umzukehren, müsste immer noch das Gehirn für 1000 Jahre funktionstüchtig bleiben. Es ist medizinisch gesehen unklar, ob und wie dies gelingen könnte. Es ist leichter, die Hautalterung aufzuhalten als die Demenz.

Thomas Ramge

Foto: Michael Hudler
Zur Person
Thomas Ramge ist Autor des Buchs „Wollt ihr ewig leben? Vom Fluch der Unsterblichkeit und Segen der Biotechnologie“.

Gehen wir mal einen Schritt zurück und versuchen die Langlebigkeitsbranche ein bisschen zu sortieren. Mit wem haben wir es hier eigentlich zu tun?
Es gibt zwei Lager. Den einen geht es um eine Verlängerung der gesunden Lebensspanne. Das ist totaler Konsens – und wäre auch für unsere teuren Gesundheitssysteme ein Segen. Ich habe mir hingegen den Bereich angeschaut, der nach technischen Möglichkeiten sucht, die Glasdecke des menschlichen Alters zu heben oder ganz aufzulösen.

Wo steht denn die Forschung?
In Kalifornien gibt es Zentren, in denen man für 10.000 Dollar eine Blutwäsche machen kann – mit Blut von jungen Menschen. Es gibt in Tierversuchen Hinweise darauf, dass es wirkt. Ebenso bei der Stammzellentherapie, der Gen-Editierung. Alle diese Methoden sind wissenschaftlich schon hinterlegt. Aber sie müssten für Menschen erst in klinischen Langzeitstudien nachgewiesen werden und sie haben ein Zulassungsproblem. Öffentliche Forschungsgelder gibt es nur wenig. Die würde es geben, wenn der Tod zu einer Krankheit erklärt werden würde – dann könnte man auch Medikamente dagegen zulassen.

In Longevity-Zentren werden die Kunden mit Kältekammern und Höhentraining behandelt. Ist das Hokuspokus?
Nein, das ist schon seriös. Aber auch nichts Neues: Dass Fasten, Schwitzen oder Frieren den Zellerneuerungsprozess stimuliert, ist lange erwiesen. Bei einer Maus kann man damit die Lebensspanne um 30 Prozent verlängern – den Nachweis bei Mäusen kann man binnen zwei bis drei Jahren erbringen. Beim Menschen hingegen müsste man 30 Jahre warten, um valide Testergebnisse zu bekommen.

Ist Longevity also nichts anderes als ein Lifestyle-Trend?
Ja, alter Wein in neuen Schläuchen, der mehr kostet als früher. Eigentlich fällt von der Kältekammer über die Schönheitsklinik bis hin zur Ernährungsberatung alles darunter. Reformhäuser gibt es auch schon lange, nur galten sie als Ökoläden mit verbiesterten Menschen drin. Dabei ist ein Reformhaus nichts anderes als ein Longevity-Center.

Foto: WirtschaftsWoche

Woher kommt der Trend – und wie macht er sich in Europa bemerkbar?
Das Thema kommt aus den USA. In Deutschland sind die Kunden eher zurückhaltend. Anders verhält es sich in der Schweiz, wo einige Longevity-Unternehmen entstanden sind. Die Schweiz war schon immer gut darin, reichen Leuten für viel Geld ein gutes Gefühl zu verkaufen. Die Schweizer sind allerdings auch ein gesundes Volk.

Wollen Sie selbst 150 Jahre alt werden?
Das kann ich mir einerseits gut vorstellen. Aber es ist sinnvoll, die Ambivalenzen auszuleuchten. Es ist denkbar, dass ein 150-Jähriger weiter ein tolles Leben hat. Die pessimistische Variante ist, dass wir uns unendlich langweilen und Altersdepression sehr stark zunimmt.

Also hat das endliche Leben doch seine Vorteile.
Die Tatsache, dass unser Leben endlich ist, gibt uns Motivation. „Carpe Diem“ ist zwar ein Klischee, hilft uns aber, unser Leben intensiver zu leben. Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat es so auf den Punkt gebracht: Die so oft beklagte Kürze des Lebens ist vielleicht gerade das Beste daran.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hätte es, wenn wir alle länger lebten?
Wir müssen uns fragen, was das für die Rente, die Lebensarbeitszeit bedeutet. Es droht die Übervölkerung – politische Fragen nach einer Ein-Kind-Politik würden sich stellen. Möchte ich in einer Welt ohne Kinder und mit vielen alten Menschen in jungen Körpern leben? Nein, auf so eine Welt hätte ich keine Lust.

Lesen Sie auch: Das Milliardengeschäft mit dem längeren Leben

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