Altersvorsorge: Tschüss, Lebensversicherung!

Eine Person füllt mit einem Kugelschreiber einen Antrag für das Abschließen einer Lebensversicherung aus.
Foto: Jonas Walzberg/Deutsche Presse-AÜber Jahrzehnte waren sie der Altersvorsorge-Klassiker: Kapital-Lebensversicherungen. Doch dann gerieten die Verträge zunehmend in Kritik: unflexibel, renditeschwach, überteuert. Die Versicherer und ihre Lobby wiesen die Kritik vehement zurück: Kein anderer privater Anbieter könne eine garantiert lebenslange Zusatzrente anbieten. Und natürlich lohnten sich die Verträge für die Kunden, wider aller Kritik. Wer anderes behaupte, der könne nicht rechnen und habe die Produkte nicht verstanden.
Das war und ist Unsinn. Der Boom bei Sparplänen auf meist kostengünstige Aktien-Indexfonds (Aktien-ETFs) zeigt, dass viele das verstanden haben. Sie sorgen auf eigene Faust vor, flexibel und renditestark. Und wie richtig sie mit der Abkehr von den Lebensversicherern liegen, zeigen nun auch die Befunde der Finanz- und Versicherungsaufsicht BaFin.
Schon 2022 hatte die angekündigt, den Kundennutzen vor allem bei fondsgebundenen Lebensversicherungen und Rentenversicherungen genau zu prüfen. Und schon damals machte die BaFin deutlich, dass sie bei einigen Verträgen mehr als große Zweifel daran habe.
Nun liegen erste Ergebnisse für 13 besonders auffällige Lebensversicherer vor, was mehr als 20 Prozent des Marktes entspricht. „Was wir da bislang herausgefunden haben, gefällt uns überhaupt nicht“, kommentiert Julia Wiens, Exekutivdirektorin der Versicherungsaufsicht, beim Handelsblatt Strategiemeeting Lebensversicherung. „Lebensversicherungen sollen den Absicherungsbedürfnissen und den Renditeerwartungen der Kundinnen und Kunden gerecht werden. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber leider nicht.“
„Würden Sie solche Produkte guten Freunden empfehlen?“
Vor allem die oft überhöhten Kosten stehen im Fokus. Üblicherweise müssen Kunden bei Lebensversicherungen für Abschluss und Vertrieb einen Prozentsatz auf die Summe all ihrer Beiträge zahlen, über die ganze Vertragslaufzeit von oft mehreren Jahrzehnten. Fällig und in Rechnung gestellt werden diese Kosten aber gleich in den Anfangsjahren.
Je kürzer Kunden ihre Verträge wirklich durchhalten, desto mehr schlagen diese Kosten durch. Bei den bei Fondspolicen ermittelten Stornoquoten von über drei Prozent pro Jahr bliebe schon nach 22 Jahren nicht mal die Hälfte der Kunden übrig. Zu diesem Zeitpunkt habe die Effektivkostenquote bei vier Prozent oder mehr gelegen, teilt die BaFin mit. Das heißt: Die Kapitalanlage im Vertrag muss schon wenigstens vier Prozent Rendite abwerfen, um auch nur die Kosten des Vertrags auszugleichen. BaFin-Chefaufseherin Wiens legte mit Blick ins Fachpublikum den Finger in die Wunde: „Würden Sie solche Produkte guten Freunden empfehlen?“
Natürlich nicht! Auch von den Lebensversicherern an Vertriebspartner gezahlte Rückvergütungen seien „mehr als fragwürdig“. Nur gut, dass diese harschen Worte von Taten begleitet werden. So hat die BaFin nach eigenen Angaben „einige Produkte, die keinen angemessenen Kundennutzen bieten“, vom Markt genommen. Sie habe zudem Kostensenkungen im Bestand sowie rückwirkende Erstattungen für überhöhte Kosten durchgesetzt. Davon betroffen war etwa der Lebensversicherer Generali. Der entschied sich, den Kunden nachträglich mehr Rendite zu zahlen – auf eigene Kosten. Immerhin sollte das einem niedrigen einstelligen Millionenbetrag pro Jahr entsprechen.
Doch solche Aktionen können allenfalls übertünchen, dass zahlreiche Angebote der Lebensversicherer schlicht ungeeignet sind. Der Druck der BaFin dürfte jedenfalls noch zunehmen. So könne die BaFin den Versicherern auch den weiteren Vertrieb von Produkten untersagen oder anordnen, „dass Unternehmen einzelne Vertriebswege oder die Zusammenarbeit mit einzelnen Versicherungsvermittlern einstellen“. Und dabei will sie sich nicht nur auf fondsgebundene Rentenversicherungen beschränken. „Perspektivisch werden wir auch andere Produkte und Sparten auf ihren Kundennutzen hin untersuchen.“
Kunden können das nur gutheißen. Und derweil ihre eigenen Schlüsse ziehen, mit einer Altersvorsorge auf eigene Faust – fernab der Lebensversicherer.
Dieser Beitrag entstammt dem WiWo-Newsletter Daily Punch. Der Newsletter liefert Ihnen den täglichen Kommentar aus der WiWo-Redaktion ins Postfach. Immer auf den Punkt, immer mit Punch. Außerdem im Punch: der Überblick über die fünf wichtigsten Themen des Tages. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.