WiWo History Durchbruch: Bertha Benz zeigte ihrem Mann, wo’s lang geht
Mehr als ein Jahrzehnt lang hat Berthas Mann Carl in seiner Werkstatt in Mannheim getüftelt. Das Paar hat jeden Pfennig in Carls Arbeit gesteckt. Bertha ließ sich schon vor der gemeinsamen Hochzeit ihre Mitgift auszahlen, um die Firma am Leben zu halten. 1879 dann der Durchbruch: Ihr Gatte bringt den von ihm erfundenen Motor zum ersten Mal ans Laufen. Er tüftelt weiter und erhält 1886 schließlich das Patent für sein pferdeloses Fahrzeug. Es ist die Geburtsstunde des Automobils, das damals noch drei Räder hat und mit dem sich etwa 20 Kilometer pro Stunde zurücklegen lassen.
Doch die Menschen reagieren skeptisch und spöttisch auf den lauten Wagen, der die Pferde auf der Straße ängstigt. Bertha ist verärgert über diese Engstirnigkeit und will beweisen, was das Fahrzeug leisten kann.
Also macht sich die 39-Jährige am 5. August 1888 in aller Frühe mit ihren zwei Söhnen Eugen und Richard (15 und 13 Jahre alt) auf, um mit dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 3 – eine Weiterentwicklung des ersten Modells – von Mannheim nach Pforzheim zu fahren und dort ihre Verwandtschaft zu besuchen. Carl weiß nichts davon, er würde es für zu gefährlich befinden, glaubt Bertha. Schließlich ist es die allererste längere Autofahrt, die jemals unternommen wurde.
Es geht ziemlich holprig zu auf der 106 Kilometer langen Strecke, denn die unbefestigten Wege sind eigentlich für Postkutschen mit vier Rädern gedacht. Als der Tank des Motorwagens zum ersten Mal leer ist, geht Bertha in eine Apotheke und besorgt Waschbenzin. Auch Kühlwasser muss alle paar Kilometer geschöpft und nachgefüllt werden.
Einmal verstopft der Benzinzufluss, und Bertha säubert ihn mit einer Hutnadel. Ein anderes Mal muss ihr Strumpfband als Isolierband herhalten. Ein Schuster nagelt neue Lederkappen auf die Bremsklötze, ein Dorfschmied hilft beim Flicken der Fahrzeugkette. Bergauf muss die Reisegruppe schieben. Nach 13 Stunden erreicht sie endlich Pforzheim.
„So habe ich als Erste gezeigt, dass dem Papa sein Automobil auch für weite Strecken gut ist“, soll Bertha später gesagt haben – und Carl räumte ein, dass sie „wagemutiger“ als er gewesen sei und „eine für die Weiterentwicklung des Motorwagens entscheidende Fahrt unternommen“ habe.
Bertha regte nach dem Abenteuer die Einführung eines dritten Ganges an, was Carl tatsächlich berücksichtigte. Im September 1888 präsentierte er seine Erfindung auf der Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung in München vor einem größeren Publikum und erhielt dafür die „Große Goldene Medaille“. Im Jahr darauf zeigte er auf der Pariser Weltausstellung mehrere Modelle. Das Benz Velociped von 1894 war das erste in Großserie hergestellte Automobil und das Benz-Werk in Mannheim zeitweise die größte Autofabrik der Welt.
Bertha Benz, die 1888 ohne amtliche Fahrerlaubnis fuhr – die gab es erst seit wenigen Tagen und hatte nur ihr Mann –, soll sich nach ihrem Abenteuer nie wieder hinter das Steuer gesetzt haben. Und appellierte Zeit ihres Lebens an Autofahrer, nicht zu rasen.