Werner knallhart: Indiskretion bei Arzt und Apotheke: „Kommen Sie wegen Ihrer Hämorrhoiden?“
Ich bin immer fürchterlich nervös bei Blutabnahmen. Nicht wegen der Nadel. Sondern wegen der Finger des mein Blut abzapfenden Personals. Eigentlich darf ich gar nicht hingucken. Aber ich muss einfach. Und dann sehe ich, wie die medizinische Fachkraft zunächst meinen Arm abbindet, zur Desinfektion Alkohol auf meine Armbeuge spritzt, den dann mit einem Papierchen abwischt, dann mit der Kuppe des Zeigefingers auf die hervorgequollene Vene pocht, um dann an genau dieser Stelle die Nadel reindrücken zu können.
„MOMENT!“, rufe ich.
Sie zieht die Spritze kurz vor dem Einstich zurück: „Was denn?“
„Warum haben Sie da denn gerade nach dem Desinfizieren meines Arms mit dem Zeigefinger auf meine Vene getippt?“
„Mache ich immer.“
„Aber dann ist die Haut nicht mehr steril!“
„Ich habe mir doch vorher die Hände desinfiziert.“
„Ja, aber danach haben Sie noch etwas auf der Computertastatur getippt, und da haben Sie und Ihre Kollegin auch schon getippt, bevor Sie sich die Hände desinfiziert haben.“
Antwort der Frau: „Meine Güte, Sie sind aber pingelig.“
Verstehen Sie? Also, das kommt nicht immer vor, aber so in der Art manchmal. Ein gefährlicher Schlendrian mit Schulterzucken. In diesem Fall aus hygienischen Gründen. Viel häufiger fliegen einem ja die persönlichen Daten um die Ohren. Und als Patient, der das bemängelt, kommt man sich wie ein Pendant vor, der zuhause seine Joghurtbecher mit Seife spült, bevor er sie in die gelbe Tonne wirft.
Kennen Sie den Bilderwitz, bei dem eine Arzthelferin den Kopf ins voll besetzte Wartezimmer streckt und sagt: „Der Patient mit dem pickelig eitrigen Furunkel am Hintern bitte als nächster!“?
Leider ist das im realen Alltag oft nicht viel anders.
Vor einiger Zeit habe ich eine Apotheke betreten, da ruft mir der Apotheker vor allen Kunden entgegen: „Ach, Herr Werner, heute Abend wieder auf Sendung?“
Zum Glück wollte ich nur ein Nasenspray. Stellen Sie sich jetzt bitte Medikamente vor, die Sie peinlich gefunden hätten.
Jüngst höre ich im Wartezimmer sitzend, wie die Mitarbeiterin der Arztpraxis einem jungen Mann die Frage entgegenkräht: „Wie viele Feigwarzen kommen heute weg?“
Sie wissen schon: Geschlechtskrankheit.
Oder sonst regelmäßig Telefongespräche mit Patienten und alle darum herum hören mit: „Herr Schneider, ja, wie war der Vorname? Carsten mit C? Ah, hier: Geburtsdatum 23.08.1987. Alles klar. Ja, die Ergebnisse vom HIV-Test sind da, aber die darf ich Ihnen nicht sagen. Die Frau Doktor ruft Sie dann an. Die Nummer ist die 0123-45678? Ja? Jou, alles klar.“
Ich habe schon erlebt, dass ich ins leere Behandlungszimmer geschickt werde, mich wartend an den Tisch setze und dort mutterseelenallein die noch geöffnete Krankenakte des zuvor behandelten Patienten auf dem PC-Monitor studieren kann. Name, Adresse, Befund.
In Apotheken verlaufen Beratungsgespräche oft so offenherzig, dass alle wartenden Kunden am Ende die Lebenserwartung des Ersten in der Schlange grob abschätzen können:
Laut: „Und wie lange haben Sie den Durchfall schon?“
Gemurmel: „Öhm, seit vorgestern.“
Laut: „Und ist der Stuhl denn richtig wässrig oder noch formbar?“
Gemurmel: „Also schon ziemlich…“
„BITTE?“
„Also schon ziemlich WÄSSRIG eigentlich.“
Wäre Ihnen das egal? Also, ich finde, das wirkt alles immer ziemlich nach Feldlazarett. Da sorgen wir uns um unsere medizinischen Daten wegen Digitalisierung und so und dann werden sie zum Mitschreiben und Mitschneiden vor zehn Leuten völlig hemmungslos rausposaunt.
Wie lässt sich das verhindern? Da gibt es ja die gängige Methode mit dem Teppich. Dieser Teppich liegt vor dem Beratungstresen und auf dem steht über einer roten Linie Richtung Zweitem in der Schlange: Bitte Abstand. Diskretion.
So macht man Datenschutz in Deutschland. Man verlängert den Abstand um etwa 80 Zentimeter zum Vordermann mit einem großen Fußabtreter. Wenn wir das so hinnehmen, dann kann auch die Elektronische Patientenakte ohne Vorbehalte flott eingeführt werden.
Kassen in schallgeschützten Besprechungsbereichen wie in jedem zweiten Großraumbüro sind offenbar nicht en vogue in der Medizin. Oder Musikbedudelung für die Wartenden mit gehörigem Abstand.
Aber es gibt ja auch Profis. Neulich erklärt der Apotheker einem Patienten, wie er sein Präparat einzunehmen hat:
„Oh, da werden Sie viele Pillen schlucken müssen. Damit die, ne, Sie wissen schon, dann bald weg sind. Immer nach dem Essen und keine Milchprodukte.“
Immerhin.
Oder wenn Arzthelferinnen fragen: „Die Nummer auf dem Display mit der 0171 stimmt?“
Oder wenn einfach mal GEFLÜSTERT WIRD, HIMMELHERRGOTT!
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