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Medikamentenmangel„Wenn eine hohe Infektionswelle kommt, weiß ich nicht, ob wir lieferfähig sind“

Etwa 500 verschiedene rezeptpflichtige Medikamente sind von Lieferengpässen betroffen. Warum wiederholt sich dieses Problem jedes Jahr?Angelika Melcher 08.10.2024 - 10:45 Uhr

502 Medikamente weisen aktuell einen Lieferengpass auf

Foto: imago images

Regelmäßig warnen Ärzte und Apotheker vor Lieferengpässen bei Medikamenten. Allein im September 2024 wurden 93 neue Engpässe gemeldet. Im Oktober wurde bekannt, dass ein Engpass bei Kochsalzlösungen zum Problem für Kliniken und Arztpraxen wird.

Dokumentiert werden diese Versorgungsprobleme von Pharmaunternehmen in einer Liste vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Derzeit werden hier insgesamt 502 Medikamente aufgeführt, die einen Lieferengpass aufweisen (Stand Ende September). Bei über 300 davon ist angegeben, dass der Engpass noch mindestens bis November 2024 dauern wird.

Die Liste stellt jedoch nur eine Momentaufnahme dar: Jeden Tag kommen neue Medikamente hinzu oder werden wieder entfernt, während andere überhaupt nicht gemeldet werden. Die Hersteller können selbst entscheiden, ob sie ihr Medikament in die Liste eintragen möchten oder nicht.

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Anke Rüdinger ist stellvertretene Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands (ABDA) und betreibt eine eigene Apotheke in Berlin-Lichtenberg. Sie erzählt von den Belastungen und dem erheblichen Mehraufwand, den Lieferengpässe im Arbeitsalltag in Apotheken verursachen. „Für das alles ist sehr viel Zeit notwendig“, sagt die Apothekerin. „Wir müssen sehr viel mehr mit Herstellern, Großhandel, Ärzten und natürlich Patientinnen kommunizieren“. Aktuell betroffen seien vor allem Wirkstoffe wie Blutdruckmittel, Cholesterinsenker, Antidiabetika, Antibiotika und Augenarzneimittel.

Wenn ein Medikament fehlt, muss zunächst geprüft werden, ob es sich nur um einen vorübergehenden Engpass handelt und der Patient möglicherweise nur zwei Wochen länger auf sein Medikament warten muss. „Ist der Engpass aber auf unbestimmte Dauer, versuchen wir andere Lösungen zu finden“, sagt die Rüdinger, „zum Beispiel bekommen die Patienten die Medikamente dann von einem anderen Hersteller oder in einer anderen Dosierung.“

Lieferprobleme bei Ozempic

Aber nicht alle Patientinnen und Patienten möchten ein ihnen unbekanntes Medikament nehmen. „Wir müssen dann Vertrauen schaffen: Patientinnen und Patienten sind an ihre Medikamente gewöhnt und wollen möglichst auch das nehmen, was sie bisher immer genommen haben“.



Aber was, wenn ein Präparat nicht ersetzbar ist? Aktuell gibt es zum Beispiel große Lieferprobleme bei GLP-1-Analoga, die zur Behandlung von Diabetes eingesetzt werden, wie etwa Ozempic. „Die können nicht so einfach ersetzt werden“, sagt Rüdinger, „Hier müssen die Patienten ihre Rezepte teilweise Wochen im Voraus einreichen, um dann versorgt zu werden.“

Hergestellt wird Ozempic von Novo Nordisk. Das dänische Pharmaunternehmen zählte im September zu den Herstellern, die die meisten Engpässe neu angemeldet haben. An erster Stelle steht aktuell 1 A Pharma mit elf Meldungen. Das Unternehmen hat zum Beispiel Ausfälle bei Medikamenten mit dem Wirkstoff Amoxicillin gemeldet, einem Antibiotikum, das bei bakteriellen Infektionen, unter anderem der Atemwege sowie des Magen-Darm-Trakts, angewendet wird.

Die gute Nachricht: Bei einigen Medikamenten gibt es tatsächlich eine Entspannung. Vor zwei Jahren etwa gab es große Lieferengpässe bei Fieber- und Antibiotikasäften. „Das sieht momentan relativ stabil aus“, sagt Rüdinger. „Wenn jetzt aber eine hohe Infektionswelle kommt, weiß ich nicht, ob wir tatsächlich die ganze Zeit lieferfähig sind.“

Wieso kommt es zu Arzneimittelenpässen?

Die Liste zeigt auch, warum es zu Lieferproblemen kommt. Abgesehen von den „sonstigen“ Gründen entstehen die meisten Engpässe offenbar durch eine erhöhte Nachfrage. Aber auch unzureichende Produktionskapazitäten und Probleme bei der Herstellung werden als Ursachen genannt.

Anke Rüdinger glaubt jedoch nicht, dass allein die steigende Nachfrage in den kälteren Monaten zu den Engpässen führt. „Nicht alle Medikamente sind saisonabhängig, Blutdruckmittel und Cholesterinsenker werden das ganze Jahr über gebraucht.“ Außerdem würden viele Menschen in Deutschland gerade mit viralen Infekten kämpfen. „Für die braucht man aber in der Regel keine Antibiotika.“

Das größere Problem sei viel eher, dass es kaum noch Wirkstoffproduktion in Deutschland oder in Europa gebe. Etwa 80 Prozent stammen inzwischen laut Schätzungen aus Drittländern, vor allem aus Indien und China. Dort kostet die Produktion weniger als hier – auch wegen des niedrigeren Lohnniveaus und geringerer Umweltstandards. „Als Einkäuferland konkurrieren wir hier mit vielen anderen Ländern“, sagt Rüdinger, „außerdem entstehen Schwierigkeiten, wenn eine Charge nicht unseren Qualitätskriterien entspricht“.

Die Lösung dafür, dass in Deutschland eben nicht mehr jedes Jahr Engpässe entstehen, sei Unabhängigkeit. „Wir müssen die Wirkstoffproduktion dringend wieder nach Europa holen“, sagt die Apothekerin. Das sei eine gesamteuropäische Aufgabe.

Lesen Sie auch: Darum sind Antibiotika so günstig

Hinweis: Dieser Artikel ist erstmals am 30. September 2024 erschienen. Wir haben ihn aktualisiert und zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.

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