Verkehrte (Finanz-)Welt: Das Erfolgsgeheimnis der Geldanlage? Vermeiden Sie Fehler!
Spielt man Tennis als Amateur gewinnt die, die Fehler vermeidet. Ähnlich verhält es sich in der Investmentwelt.
Foto: imago imagesTennis wird von Profis und Amateuren gespielt. Meist schlagen Amateure nicht ihre Gegner, sondern sich selbst – indem der Ball ins Netz oder ins Aus geht. In diesem Spiel gewinnt also derjenige, der am wenigsten Fehler macht.
Bereits in den 1970er Jahren nutzte der US-amerikanische Finanzexperte Charles Ellis, CFA, dieses Bild, um eine zentrale Veränderung in der Investmentwelt zu veranschaulichen. In seinem lesenswerten Essay „The Loser’s Game“ im Financial Analyst Journal beschreibt er, wie die Professionalisierung der Finanzmärkte dazu führte, dass die Vermeidung von Fehlern wichtiger wurde als das Erzielen außergewöhnlicher Gewinne. Was damals galt, gilt heute mehr denn je.
Der Zeitschriftenartikel entstand in einer Zeit des Wandels, als die Finanzmärkte durch neue technologische Möglichkeiten und akademische Ansätze – wie die der Chicagoer Schule – geprägt wurden. Diese Schule betonte eine informationsbasierte und wissenschaftliche Herangehensweise an das Investieren. Eine wegweisende Innovation aus dieser Ära war die Idee, in den breiten Markt selbst zu investieren. So führte Wells Fargo 1971 das erste Indexprodukt für den Samsonite Pension Fund ein und legte damit den Grundstein für den heutigen Erfolg passiver Fonds. Heute machen Indexfonds je nach Schätzung zwischen 15 und 20 Prozent des globalen Aktienmarktes aus.
Strikte Vermeidung von Fehlern
Viele Privatanleger setzen heute auf Indexprodukte, um mögliche Fehler zu minimieren und dennoch von der Marktentwicklung zu profitieren. Produkte wie ein MSCI Welt ETF stehen bei vielen Privatanlegern mittlerweile häufig als Synonym für ein Engagement am Aktienmarkt. Das ist auch gut so. Denn eine breite Streuung bietet eine solide Basis, besonders in relativ effizienten und großen Aktienmärkten wie den USA oder Europa.
Neben dem richtigen Marktzugang ist langfristig das Beimischungsverhältnis risikobehafteter Anlagen – in erster Linie Aktien – in einem Portfolio entscheidend. Wie die Arbeiten des emeritierten Yale-Professors Roger Ibbotson zeigen, sind bis zu 90 Prozent der Schwankungen in der Portfolioperformance auf die strategische Ausrichtung (gemeint ist: die Gewichtung der einzelnen Vermögensklassen) zurückzuführen. Die Auswahl einzelner Titel und das Markt Timing tragen hingegen nur zu einem kleineren Teil zum langfristigen Anlageerfolg bei.
Realistische Selbsteinschätzung
Zurück zur Tennis-Analogie. Bei den Profis bringen präzise Spielzüge den Erfolg. Bezogen auf die private Geldanlage heißt dies: Wenn sich Privatanleger trotz des oben skizzierten sicherheitsorientierten Ansatzes zusätzlich von Markt Timing und Einzeltiteln verlocken lassen, dann braucht es eine gesunde Selbsteinschätzung. Denn: In der Finanzwelt dauert es lange, um „Können“ von „Glück“ zu trennen.
Im Fondsmanagement gilt eine Erfolgsquote von 60 Prozent in der Regel als sehr gut. Je niedriger die Quote, desto mehr „Spielzüge“ sind erforderlich, um statistisch eine zuverlässige Aussage über die Qualität der gewünschten Entscheidungen zu treffen. Am Beispiel eines Münzwurfs, bei dem Kopf oder Zahl vorherzusagen sind, wären beispielsweise etwa 150 Würfe nötig, um sein Können – die Erfolgsquote – zuverlässig zu bestätigen. Das liegt deutlich über der typischen Aktivität von Privatanlegern.
Natürlich macht es beim Tennis-Match Spaß, hin und wieder einen riskanten Spielzug zu wagen. Doch diese sollten nicht so häufig sein, dass man deswegen das Spiel verliert. Im Portfoliokontext bedeutet das: Setze ich neben der langfristigen Ausrichtung (etwa mittels Indexfonds) auch auf aktive Strategien, so sollten diese in angemessener Zahl und Größe umgesetzt sowie auf ausreichend Diversifikation geachtet werden. Es ist letztlich die Kombination aus dem Gesetz der großen Zahlen und der Diversifikation, die den langfristigen Anlageerfolg sichert.
Ausblick: Mischung der Anlagestile
Für Privatanleger, die über indexnahe Fonds hinaus einen aktiveren Ansatz suchen, bietet eine Mischung verschiedener Anlagestile entsprechende Chancen. Gerade in weniger effizienten Märkten wie Entwicklungsländern und Nebenwerten können aktive Strategien Mehrwerte schaffen, da hier oft höhere Informationsbarrieren und ineffiziente Indexstrukturen bestehen. Der norwegische Ölfonds (der größte Pensions- bzw. Staatsfonds der Welt, gemanagt von der norwegischen Zentralbanktochter Norges Bank Investment Management), der gezielt auf aktive Ansätze in diesen Märkten setzt, sei hier als eine mögliche Fallstudie genannt.
Ich halte es gern mit der Empfehlung von André Kostolany: „Kaufen Sie Aktien, gehen Sie schlafen und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich.“ Diversifikation bildet dafür die Basis. Wer zusätzlich aktiv Chancen sucht, sollte auf eine ausreichende Anzahl von aktiven (kleinen) Positionen achten und Märkte sowie Anlagestrategien gezielt mischen.
Am Ende sind es vor allem Geduld, diszipliniertes Vorgehen und die Fähigkeit, Fehler zu vermeiden, die den Anlageerfolg sichern.
Die Kolumne „Verkehrte Finanzwelt“ entsteht in Zusammenarbeit mit der CFA Society Germany.