30 bis 2030 | Philipp Strack: Der Shootingstar der VWL
Philipp Strack
Foto: Allie BartonEs ist in diesen Tagen nicht ganz einfach, Philipp Strack zu erreichen. Der Ökonomie-Professor von der Universität Yale ist in Elternzeit und wer ihm eine Mail schreibt, erhält die Botschaft: „If you need to reach me, please resend and put URGENT in the subject”. Dass er sich gerade rar macht, ändert freilich nichts daran, dass er in den kommenden Jahren weiter für Furore in den Wirtschaftswissenschaften sorgen dürfte.
Der 1985 geborene und an der Universität Bonn ausgebildete Volkswirt gilt als Shootingstar seiner Zunft – spätestens seitdem ihm die American Economic Association, die wichtigste wirtschaftswissenschaftliche Vereinigung der Welt, im Frühjahr ihre seit 1947 vergebene John-Bates-Clark-Medaille verliehen hat. Die Auszeichnung wird für einen „signifikanten Beitrag zum ökonomischen Denken und Wissen“ vergeben und gilt als Ritterschlag für den volkswirtschaftlichen Nachwuchs.
Die Geschichte zeigt: Wer sich diese Medaille umhängen darf, hat im späteren Berufsleben eine realistische Chance, den Ökonomie-Nobelpreis zu erhalten. So wie etwa Milton Friedman, Gary Becker, James Heckman, David Card oder Esther Duflo. Es ist mithin eine illustre Gesellschaft von Medaillen-Empfängern, in der sich Philipp Strack nun befindet.
Strack arbeitet hoch mathematisch (er hat auch ein Diplom in Mathematik). Zuletzt konnte er gleich mehrere neue Arbeiten in so genannten Top-Five-Journals unterbringen, den fünf weltweit führenden Fachzeitschriften der VWL, die höchste Maßstäbe bei ihren Autoren anlegen. Das Journal „Econometrica“ etwa hat gleich zwei Arbeiten angenommen, etwa zum Thema Datenschutz, Preisdiskriminierung und Offenlegung sensibler Informationen bei Auktionen. In „American Economic Review Insights“ wird ein Beitrag zum Thema Risikoaversion erscheinen, den Strack zusammen mit drei Co-Autoren geschrieben hat.
Wie tickt der Jungstar der Ökonomie, der – by the way – im Dezember 2023 von der WirtschaftsWoche im Rahmen eines exklusiven VWL-Rankings zum aktuell forschungsstärksten Volkswirt unter 40 Jahren im deutschsprachigen Raum gekürt wurde? Es war gegen Ende seines Promotionsstudiums an der Universität Bonn, als sich Philipp Strack vermehrt Gedanken über ein ganz spezielles Thema machte: Wie lässt sich beeinflussen, wann Menschen bestimmte Verhaltensweisen beenden? Woran erkennt man den idealen Schlusspunkt?
Das Thema ließ ihn nicht mehr los, und Strack begann, es als Forscher wissenschaftlich zu durchpflügen. Damit fiel er in der Community schnell auf – auch an der volkswirtschaftlichen Fakultät der University of California in Berkeley. Die bot dem jungen Doktor der Wirtschafts- und Geisteswissenschaften eine Assistenzprofessur an. 2014, nach einem Jahr in der Forschungsabteilung von Microsoft, bezog Strack ein Büro in Evans Hall – dem VWL-Turm auf dem malerischen Campus der Eliteuniversität mit Blick über die Bucht von San Francisco. „Es war ein unglaubliches Privileg“, erinnert sich Strack. Fünf Jahre blieb er in Berkeley, 2019 wechselte er dann an die Ostküste – in die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Kaderschmiede Yale in Connecticut.
Es ist ein rasanter Aufstieg, den Strack da hingelegt hat; nur sechs Jahre nach der Doktorarbeit forschen nicht viele deutsche Volkswirte an einer der bekanntesten Hochschulen der Welt. Eingeschüchtert war der junge Ökonom von großen Namen wie Berkeley oder Yale nie, auch weil er sich gut vorbereitet fühlte: „Das Promotionsprogramm Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn ist einfach herausragend“, lobt Strack, „das hat mir gute Startbedingungen verschafft – auch für die USA.“
Hier sucht der Ökonom nun weiter nach Mustern in einer unübersichtlichen Welt, nach Mechanismen, mit denen schwer zu erfassende Phänomene zu greifen sind. Unter anderem hat er geforscht, wie sich mathematisch erkennen lässt, ob Unternehmen bestimmte gesellschaftliche Gruppen diskriminieren. Andere Projekte gehen der Frage nach, wie Steuern auf umweltschädliche Güter wie Flugtickets gestaltet sein müssten, ohne dass sie überproportional Menschen mit geringen Einkommen belasten. Oder wie lange Lockdowns während der Covidpandemie optimalerweise hätten dauern sollen.
Kann sich Strack vorstellen, irgendwann zurück an eine deutsche Hochschule zu gehen? Unmittelbare Pläne gibt es nicht, der Ökonom hat sich in New Haven gut eingerichtet und mag die überschaubare Stadt. „Aber ich hänge natürlich sehr an Deutschland“, sagte er im vergangenen Jahr im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Völlig ausgeschlossen ist eine Rückkehr also nicht. Zumal Strack immer noch die Kontakte zu seiner Heimatuniversität Bonn pflegt: Auf seiner aktuellen Publikationsliste stehen gleich sieben Working Paper und veröffentlichte Studien, die er zusammen mit dem Bonner Spieltheoretiker Benny Moldovanu geschrieben hat.
Der letzte und bisher einzige Deutsche, der den Ökonomie-Nobelpreis erhielt, war übrigens vor 30 Jahren der Spieltheoretiker Reinhard Selten (1930 bis 2016). Er kam von der Universität Bonn.
Erstmals kürt die WirtschaftsWoche 30 Köpfe aus Deutschland, die unser Land bis Ende dieses Jahrzehnts prägen, verändern und nach vorn bringen werden. Denn es gibt viele Menschen und Projekte, die Mut machen. Eine Übersicht aller Preisträger finden Sie hier