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PersonalentscheidungWer ist noch die ThyssenKrupp AG?

Der Rausschmiss von drei Vorständen innerhalb von vier Tagen ist einzigartig in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Alle drei waren Repräsentanten des Konzerns mit verschiedenen Profilen und Rollen. Mit ihrem Weggang wird das Unternehmen von Fremdlingen gesteuert. Das ist so gewollt.KOMMENTAR von Andreas Wildhagen 06.12.2012 - 15:23 Uhr

Das gab es noch nie. Der Rausschmiss von drei Vorständen innerhalb von vier Tagen ist einzigartig in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Foto: dapd

Das gab es noch nie: Drei Vorstände müssen gehen, zwei davon verantworteten Kerngeschäfte von ThyssenKrupp, einer war ein Major Domus von Stiftungschef Berthold Beitz, ein Lordsiegelbewahrer und das Gedächtnis von Krupp und ThyssenKrupp in einem.

Zunächst zu den ersten zweien:  Ex-Stahlchef Edwin Eichler und Ex-Technologiechef Olaf Berlien standen vor zehn Jahren, als sie der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme zu ThyssenKrupp holte, für einen bahnbrechenden Neuanfang im Fusionskonzern. Denn gerade war die alte Garde der einst verfeindeten Ruhrgebietskonzerne Krupp und Thyssen abgetreten, da holte Cromme, der Anstifter und Antreiber der ungeliebten Fusion, zwei junge Männer, so um die vierzig, ins Haus. Keiner von ihnen kam von Krupp oder Thyssen, keiner stammt aus dem Ruhrgebiet. Das war Absicht und Kalkül von Cromme und Berthold Beitz, Chef der Stiftung, die als größter Aktionär 25.3 Prozent am Unternehmen hält und dort den Takt vorgibt.

Stärke 1: Das Unternehmen besitzt ein solides Liquiditätspolster. Zwar hat Thyssen-Krupp gerade den zweiten Milliardenverlust in drei Jahren eingefahren. Dennoch ist der Konzern, dank eines sehr konservativen Finanzengagements, erstaunlich gut bei Kasse. Im vierten Quartal gelang es Finanzchef Guido Kerkhoff, die liquiden Mittel auf 3,6 Milliarden Euro zu erhöhen. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Verkauf eigener Aktien, die ursprünglich als strategische Reserve für Übernahmen gedacht waren. Der Verkauf brachte einen Erlös von 1,6 Milliarden Euro.

Foto: dpa

Das aktuelle Liquiditätspolster reicht – abzüglich einer halben Milliarde Euro, die fest im operativen Geschäft gebunden sind – aus, um die in wenigen Monaten fälligen Finanzschulden von 0,6 Milliarden Euro abzulösen. Außerdem kann Thyssen-Krupp auf nicht gezogene Kreditlinien zurückgreifen, um sich bei Bedarf weitere 4,7 Milliarden Euro bei seinen Hausbanken zu borgen. Dank der hohen Liquidität sind die Anleihen von Thyssen-Krupp sogar für einen kleinen Kreis institutioneller Investoren interessant, die ihr Geld auch bei Unternehmen mit einer schlechten Bonitätsnote anlegen. Thyssen-Krupp gibt überwiegend Anleihen mit einem Nennwert von 1.000 Euro aus , wendet sich also gezielt an Privatanleger. Der Ruhrkonzern steht für Seriosität und finanzielle Solidität. Die Sorge, das Unternehmen könne pleitegehen, haben viele Privatanleger nicht. Bei den meisten Dax-Konzernen ist eine Mindeststückelung von 50.000 Euro üblich.

Foto: dapd

Stärke 2: Innovative Ingenieure sichern Vorsprung gegenüber den Konkurrenten. Der Investitionsgüter- und Stahlkonzern Thyssen-Krupp ist überwiegend auf bereits entwickelten Märkten tätig – und trifft dabei auf Konkurrenten mit günstigeren Kostenstrukturen. Um gegen sie zu bestehen, setzt der Konzern auf die innovative Kompetenz seiner Ingenieure. Denn erfahrungsgemäß sind die Kunden bereit, für bessere Qualität, größere Zuverlässigkeit und längere Lebensdauer eines Produktes einen Aufpreis zu bezahlen.

Foto: dapd

Auch im Geschäft mit seinen wichtigsten Kunden, den deutschen Autokonzernen, folgt Thyssen-Krupp diesem Prinzip. Und bei der wichtigsten Kennzahl, dem operativen Gewinn vor Abschreibungen pro Tonne Stahl, liegt der Konzern mit 124 Euro vor der Konkurrenz: Voestalpine verdient 105, Weltmarktführer Arcelor-Mittal sogar nur 44 Euro.

Foto: dpa

Allerdings musste Thyssen-Krupp auch lernen, dass ein vermeintlich günstiges Angebot am Ende richtig teuer werden kann: Um das Budget für das neue Stahlwerk in Brasilien nicht zu überziehen, hatte der Vorstand entschieden, die für das Milliardenprojekt wichtige neue Kokerei von einem chinesischen Anbieter bauen zu lassen. Der Experte im eigenen Haus, der Anlagenbauer Uhde, kam nicht zum Zug. Das Ergebnis ist bekannt: Die Chinesen lieferten Schrott, und jetzt muss Uhde für viel Geld die Kokerei ans Laufen bringen.

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Stärke 3: Führende Marktposition in den meisten Geschäftsbereichen. Für einige Experten ist Thyssen-Krupp ein Paradebeispiel für einen Mischkonzern. Für andere ist der Essener Konzern ein unübersichtliches Industriekonglomerat. Tatsächlich zählt das Essener Traditionsunternehmen allein 636 Tochtergesellschaften in mehr als 80 Ländern, deren Geschäftszahlen, also Umsätze und Ergebnisse, voll in die Konzernbilanz einfließen.

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Viele dieser Unternehmen sind in ihren Märkten tonangebend. Die Tochter Thyssen-Krupp Steel Europe beispielsweise ist nach Umsatz gemessen der zweitgrößte Anbieter auf dem Kontinent – hinter dem Branchenprimus Arcelor-Mittal. Weltweit belegt Thyssen-Krupp mit sämtlichen Stahlaktivitäten in Europa, Nord- und Südamerika sowie der Edelstahlstahlsparte nach Umsatz den siebten Rang. Nach Produktionsmenge zählt der Konzern nicht zu den Top 15.

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Bei der Planung und dem Bau von Düngemittelfabriken ist die Konzerntochter Uhde weltweit die Nummer eins, ebenso in der Kokereitechnik, der Bergbauausrüstung und bei Elektrolyseanlagen. Bei Zementanlagen und dem Bau von Aufzügen belegt Thyssen-Krupp rund um den Globus den dritten Platz. Vor allem bei den Aktivitäten, die nicht zur Stahlproduktion oder zum Stahlhandel gehören, zahlt sich das auch in hohen Gewinnen und hohen Cash-Flows für den Gesamtkonzern aus.

Foto: ZB

Schwäche 1: Konjunkturanfälliges Geschäftsmodell. Thyssen-Krupp ist überwiegend in Märkten aktiv, die den zyklischen Schwankungen der Weltkonjunktur stark ausgesetzt sind. Deshalb schlägt auch das Konzernergebnis heftig aus: In guten Jahren mit hoher Nachfrage und steigenden Verkaufspreisen geht es steil nach oben, in schwachen Jahren dann aber ebenso rasant nach unten. Das Resultat sind Ergebnisschwankungen von mehr als vier Milliarden Euro, wie zuletzt in den Geschäftsjahren 2007/08 und 2008/09. Auf einen Gewinn von 2,3 Milliarden folgte da ein Verlust von 1,9 Milliarden Euro.

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Dem Konzernvorstand ist es trotz umfangreicher Bereinigungen des Portfolios in den vergangenen Jahren auch nicht annähernd gelungen, diese Schwäche zu überwinden. Dabei hat sich das Management redlich bemüht, sich von Aktivitäten mit einer unbefriedigenden Rendite zu trennen. Das Ziel, die beiden Sparten Stahl und Edelstahl so weit zu optimieren, dass sie auch in einer Flaute nicht unter die Nulllinie rutschen, wurde verfehlt.

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Vor allem im Edelstahl liegt das aber auch an den weltweiten Überkapazitäten. Diese verhindern, dass die Werke auch im Boom zu mehr als 75 Prozent auslastet sind. Was die Edelstahlaktivitäten angeht, hat sich Thyssen-Krupp zu einem radikalen Schnitt entschlossen – die Sparte soll verkauft oder über den Weg eines sogenannten Spin-offs an die eigenen Aktionäre abgegeben werden. Ein großes Problem wäre der Konzern dann los.

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Schwäche 2: Hohe Pensionszusagen treiben die Schulden nach oben. Die internationalen Ratingagenturen haben ein Problem mit den deutschen Pensionsrückstellungen. Aus Sicht der angelsächsischen Bonitätswächter handelt es sich bei Betriebsrentenzusagen um finanzielle Verpflichtungen ähnlich einem Bankkredit oder einer Unternehmensanleihe. Und Thyssen-Krupp hat mit 7,3 Milliarden Euro vergleichsweise hohe Pensionsverpflichtungen – zum größten Teil eine Erblast aus der Fusion der beiden einstigen Rivalen Thyssen und Krupp im Jahr 1999.

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Außerdem lasten auf dem Konzern Finanzschulden von 3,6 Milliarden Euro. Insgesamt beträgt die Schuldenlast somit fast elf Milliarden Euro. Um von Standard & Poor’s (S&P) ein besseres Rating zu erhalten – derzeit liegt es mit der Note BB+ auf Ramschniveau –, müsste Thyssen-Krupp entweder seine Schulden kräftig abbauen oder das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, das Ebitda, deutlich verbessern.

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Denn S&P leitet die Bonität auch aus dem Verhältnis von Nettofinanzschulden inklusive Pensionsverpflichtungen zum Ebitda ab; der Wert weist den Verschuldungsgrad aus. Thyssen-Krupp hat zuletzt ein Ebitda von 3,4 Milliarden Euro erwirtschaftet, mithin beträgt der Verschuldungsgrad 3,2. Das reicht noch nicht für ein besseres Rating, zumal das Ebitda in diesem Geschäftsjahr voraussichtlich wieder sinken wird, schätzen Analysten.

Foto: dpa

Schwäche 3: Die fehlende eigene Rohstoffbasis. Bis Ende der 90er-Jahre waren die für Stahlherstellung benötigten wichtigsten Rohstoffe Eisenerz und Kokskohle im Überfluss vorhanden und entsprechend günstig. Doch mit dem Wirtschaftsboom in China änderte sich die Lage. Die Rohstoffe verteuerten sich, und die Stahlhersteller mussten enorme Kostensteigerungen verkraften.

Foto: dapd

Lakshmi Mittal, Großaktionär des weltgrößten Stahlproduzenten Arcelor-Mittal, zog daraus die einzig richtige Konsequenz: Er investierte konsequent in den Aufbau einer eigenen Rohstoffbasis. Und deshalb ist sein Konzern heute im Vorteil: Arcelor-Mittal kann, inzwischen weitgehend Selbstversorger, einen Teil der Rohstoffverteuerung auffangen.

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Thyssen-Krupp dagegen verkaufte seine Minen frühzeitig und muss sich deshalb nun dem Preisdiktat der großen Rohstoffkonzerne Vale, Rio Tinto und BHP Billiton beugen. Diese kontrollieren zusammen etwa zwei Drittel des weltweiten Angebots an Eisenerz. Die mächtigen Rohstoffgiganten setzten außerdem neue, für sie günstigere Lieferkonditionen durch: Die Preise für Eisenerz werden nun monatlich und nicht mehr jährlich festgelegt. Abzulesen ist dies auch an der Materialaufwandsquote der Stahlsparte von Thyssen-Krupp: Mit fast 67 Prozent war sie nie höher als heute. Von 100 Euro Umsatz bleiben nach Abzug der Materialkosten nur noch 33 Euro übrig.

Foto: Reuters

Den Neuen wurde eine klar definierte Rolle zugewiesen: Eichler und Berlien sollten als Frischlinge, ungeachtet der Intrigen und Flügelkämpfe zwischen Thyssen- und Kruppfraktion, den Fusionskonzern in eine neue Zukunft als Technologieunternehmen von Weltrang führen und sich um Geschäft draußen auf den Märkten kümmern und nicht um intern verkämpfte Seilschaften und alte Rechnungen. Sie sollen ihr Geschäftsbereiche umbauen, als unbelastete Freidenker, objektiv und schmerzfrei, weil sie kein Herzblut verschwendeten beim Gedanken an Stahlwerke oder liebgewonnene Traditionen auf dem Essener Hügel, dem Sitz der Stiftung.

Sie waren auch Kandidaten für die Nachfolge von Ekkehard Schulz, dem früheren Vorstandschef von ThyssenKrupp, der als Hütteningenieur und mit lebenslanger Biographie beim Arbeitgeber Thyssen versehen, entsprechend betriebsblind war, aber auch kernig und zuverlässig. Und als der Stahl Konjunktur hatte, fielen die Fehler im Stahl zunächst nicht auf, man investierte, als der Höhepunkt der Stahlkonjunktur längst überschritten war. Das führt zu einem finanziellen Engpass bei ThyssenKrupp. Folge: Eichler und Berlien haben ihre Schuldigkeit als Outsider getan, sie müssen gehen. Cromme hat genug von ihnen.

Die Aktionärsstruktur von ThyssenKrupp
Die Stiftung hält mit 23,03 Prozent den Großteil aller Aktien.
Der schwedische Finanzinvestor hält 15,08 Prozent der Aktien.
51,89 Prozent der Aktien werden von internationalen institutionellen Anlegern gehalten.
Privatanleger halten zehn Prozent der ThyssenKrupp-Papiere.

Gehen musste auch der Kruppianer Jürgen Claassen, der zusammen mit Cromme die Idee hatte, mit Eichler und Berlien ein ganz neues personelles Fundament bei ThyssenKrupp zu legen. Claassen war Intimus von Beitz, Helfer von Cromme, Claassen kennt die Gedankengänge von Beitz und seinen Reminiszenzen an Alfried Krupp, der 1967 verstarb und einen historisch schwer belasteten Konzern, der früher Rüstungsgüter herstellte, dem Testamentsvollstrecker Beitz hinterließ. Nicht dass Eichler und Berlien nun entlassen werden, zeigt die Kühle der Entscheidung von Cromme und Beitz, sondern der Rauswurf von Claassen, einem alten Freund. Doch diese nur freundschaftlich wirkende Bande zerreißen innerhalb weniger Stunden, wenn das Management der „Firma“, wie Beitz den Konzern nennt, in Hotelzimmern auf Spesen nächtigt, die sich sonst nur Lakshmi Mittal leistet, wenn er auf Tour geht. Es gibt da auch keine Entschuldigung gegenüber dem Aufsichtsrat. Ein „Sorry“ wird natürlich gern gehört, ist aber unerheblich für den Auflösungsvertrag, der auch mit einem "Sorry" überreicht wird.

Wer ist jetzt eigentlich ThyssenKrupp? Wer steht für den Technologiekonzern? Es ist Konzernchef Heinrich Hiesinger, der vor zweieinhalb Jahren noch bei Siemens arbeitete und Guido Kerkhoff, der Finanzchef, der vor einem Jahr noch bei der Telekom als Leiter des Finanzressorts fungierte. Es sind nach zehn Jahren wieder Fremdlinge, unbelastete Outsider mit objektivem Blick auf das Biotop ThyssenKrupp, auf die Beitz und Cromme mal wieder setzen.

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