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Tech-Investor Rob Kniaz im Interview „Wir suchen nach potenziellen globalen Gewinnern“

Von Kapitalgebern von Interesse: Start-ups rund um digitale Technologien. Quelle: Fotolia.com/ Redpixel

Im zweiten Quartal 2016 floss eine Milliarde Dollar Risikokapital an Start-ups, die sich mit künstlicher Intelligenz befassen – ein Rekordbetrag. Gerade europäische Start-ups werden für Investoren immer interessanter.

2016 war ein Rekordjahr für Risikokapitalgeber. Eine Milliarde Dollar investierten sie in Start-ups, die auf künstliche Intelligenz (AI) und maschinelles Lernen setzen, berichtet CB Insights. Dieses Jahr könnten die Investitionen in diese Technologien weiter nach oben schießen, denn sie werden in Bereichen wie der Gesundheitsbranche, der Cybersicherheit und im Personalmanagement immer wichtiger. Manche sprechen sogar von einer technologischen Revolution.

Große Mengen Risikokapital konkurrieren dabei um eine begrenzte Zahl von Start-ups, und das auf einem riskanten Gebiet. Es dauert oft lange, bis ein Produkt aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz einsatzbereit ist und Geld einspielen kann.

Investoren haben daher nicht nur das Silicon Valley, sondern auch Europa immer genauer im Auge: Vergangenes Jahr etwa kaufte Twitter für 150 Millionen Dollar die Londoner Firma Magic Pony Technology, die Bilder und Videos von lernenden Maschinen und neuronalen Netzwerken analysieren lässt.

Risikokapitalgeber Rob Kniaz: „Wir suchen nach potenziellen globalen Gewinnern, die eine massive Rendite versprechen.“ Quelle: PR

Rob Kniaz, Mitgründer von Hoxton Ventures, berichtet im Interview, auf welche Start-ups er 2017 setzen würde und warum Osteuropäer womöglich die besseren Gründer sind.

Warum wurde 2016 so viel Risikokapital in künstliche Intelligenz investiert? Und wird dieser Trend in diesem Jahr noch anhalten?
Wir hatten ein Jahr des atemberaubend schnellen Fortschritts, und es gibt noch keine Anzeichen dafür, dass diese Dynamik abklingt. Jeder Investor und jedes Unternehmen braucht eine AI-Strategie. Dabei haben ältere Unternehmen noch nicht einmal angefangen, diese Technologien einzusetzen.

Welche Anwendungen der künstlichen Intelligenz begeistern Sie ganz besonders?
Wir stehen mit der künstlichen Intelligenz noch ganz am Anfang. Das finden wir sehr spannend: Wir haben ein Unternehmen, Babylon Health, das im Prinzip ein AI-Arzt ist. Die Firma analysiert historische Gesundheitsdaten und unterstützt bei der Initialdiagnose. Wir kratzen aber gerade erst an der Oberfläche der Anwendungsgebiete für maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz. Ich glaube, dass das ähnlich wie bei der mobilen Technologie verlaufen wird – heute ist es selbstverständlich, dass etwas mobil ist. Die künstliche Intelligenz steht noch am Anfang, aber es ist klar, dass sie allgegenwärtig sein wird.

Welche Tech-Bereiche sind für Investoren neben AI und maschinellem Lernen gerade auch noch interessant?
Die generellen Trends sind Miniaturisierung und bessere Software. Auf der Hardware-Seite ist die Batterietechnologie interessant – Batterien werden immer kleiner. Was heute so groß ist wie eine Autobatterie wird in fünf oder zehn Jahren so groß wie eine Uhrenbatterie sein. Auf der anderen Seite sind Software-Unternehmen ein spannender Bereich. Das betrifft auch das Thema „Software as a Service“ (SaaS): Viele ältere Unternehmen erkennen, dass eigene Serverräume und Mitarbeiter zur Software-Verwaltung für sie nicht sinnvoll sind. Software ist grenzenlos.
Außerdem ist der Bereich Cybersicherheit sehr aktiv. Unternehmen, die nie über Sicherheit nachdenken mussten, müssen jetzt ihre Computer schützen. Oft denken sie darüber aber erst nach, wenn etwas passiert ist.

Welche Start-ups können Ihrer Ansicht nach 2017 auf große Kapitalspritzen hoffen?
Ich glaube, dass 2017 das Jahr von Snapchat sein wird, da dort der IPO ansteht. Sie sind innerhalb kurzer Zeit immens gewachsen. Dieser Börsengang wird einer der größten aller Zeiten sein. Darktrace ist außerdem ein sehr interessantes Unternehmen für Cybersicherheit. Den Namen kennt man im Silicon Valley bereits.

Wie schätzt man Tech-Start-ups richtig ein, und worauf achten Investoren?
Wir schauen uns vor allem das Team und das Produkt genau an. Im Silicon Valley konzentriert man sich darauf, eine fantastische User Experience zu erarbeiten – etwas, das die Nutzer zufriedenstellt, sodass sie täglich wiederkommen. Wenn es sich um ein Produkt für Verbraucher dreht, fragen wir: Deckt es ein bestimmtes Bedürfnis ab? Steckt dahinter das richtige Team, das etwas Reizvolles bauen will? Hinter einem erfolgreichen Technologieprodukt stehen immer Menschen, die von der Idee begeistert sind. Man findet Leute, die der nächste Mark Zuckerberg aus London oder Manchester oder Berlin sein wollen. Aber wollen die wirklich die Welt erobern? Das sind wichtige Fragen.

Wie entscheidet Hoxton Ventures, wo investiert wird?
Wir investieren ziemlich breit. Wir suchen nach potenziellen globalen Gewinnern, die eine massive Rendite versprechen. Und wir schauen uns an, ob es um einen neuen Markt geht oder um einen bestehenden, der sich verändert.

„Jeder Investor und jedes Unternehmen braucht eine AI-Strategie.“  

In welchem Stadium sollten Investoren bei einem Start-up einsteigen?
Wir steigen meist bei der Serie-A-Finanzierungsrunde ein. Dann gibt es in der Regel ein greifbares Produkt, eine funktionierende Version der Software, zwischen vier und zehn Mitarbeitern bei der Firma. Es muss dann noch viel getan werden, aber wir erkennen bis dahin den Funken. Dann wollen wir ein Teil davon sein.

Aus welchen Städten und Regionen in Europa kommen aktuell die besonders vielversprechenden Tech-Start-ups?
London ist die wichtigste Stadt, Berlin war immer Nummer zwei. Wir verbringen auch recht viel Zeit in Städten wie Barcelona, Lissabon und Stockholm. Über die wird nicht ganz so viel berichtet wie über Berlin, aber pro Kopf sind diese Orte wohl noch stärker. Es hängt immer davon ab, ob es qualifizierte Ingenieure gibt, ob die Menschen motiviert sind, und ob die Kommunikationskosten im Rahmen sind.

Wir sind auch regelmäßig im kroatischen Zagreb und in Tallinn. Viele ehemals sowjetische Länder haben zwei Vorteile: Die Ingenieurskultur ist sehr stark, da Mathematik und Naturwissenschaften im Fokus stehen. Es gibt mindestens eine nationale Universität, die herausragende Talente hervorbringt. Und es arbeiten dort oft mehr Frauen im Ingenieursbereich, was positiv ist. Da diese Länder historisch keine kapitalistische Kultur hatten, orientiert sich die junge Generation an den USA. Sie sehen sich Filme über Mark Zuckerberg an, und man ist weniger negativ eingestellt. In Westeuropa herrscht in einigen Ländern noch die Ansicht, dass es riskant sei, Unternehmer zu sein, oder dass man lieber einen festen Job annehmen sollte.

Über den Interviewpartner:
Rob Kniaz ist ein US-amerikanischer Risikokapitalgeber. Er ist Mitbegründer der Londoner Firma Hoxton Ventures, die in europäische Technologie-Unternehmen in frühen Entwicklungsphasen investiert. Nach seinem Studium in Maryland und Stanford arbeitete er für den Chip-Hersteller Intel, bevor er zu Google wechselte und dort im Produktmanagement tätig war.

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