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Studie „Gesellschaft 5.0“ Eine To-do-Liste für Deutschland

Eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung: Bei der Digitalisierung müssen alle an einem Strang ziehen. Das gilt nicht nur – wie im Bild – für den Breitbandausbau, sondern für verschiedenste Lebensbereiche. Quelle: dpa/Picture Alliance

Digitalisierung ist das große Zukunftsthema. Ihre Ausmaße fasst die Studie „Gesellschaft 5.0“ von Capgemini und Prognos erstmals zusammen. Die Botschaft ist eindeutig: Nicht nur Wirtschaft und Industrie, sondern auch Politik und Zivilgesellschaft müssen ihre Hausaufgaben machen, damit die Herausforderung Digitalisierung zur Chance wird.

Nach der Industrie 4.0 kommt die Gesellschaft 5.0. In dieser vernetzen sich nicht nur smarte Maschinen, werden Prozessabläufe digital und Geschäftsmodelle neu gedacht; in der ultrasmarten Gesellschaft wandelt die Digitalisierung verschiedenste Lebensbereiche. Diese Umbrüche sind längst nicht mehr bloß futuristische Prognosen, sondern in Realität und Alltag angekommen. Jedoch fehlt in der öffentlichen Debatte ein allumfassender Blick auf das Thema. Vielmehr beschränken sich Erhebungen, Kommentare, Konzepte oder Lösungsansätze immer auf nur einzelne Aspekte. Diese Lücke schließt die Studie „Gesellschaft 5.0“, die Capgemini und das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos vorlegen.

Die Studie trägt der Digitalisierung als großes Zukunftsthema Rechnung und bildet ihre zentralen Aspekte ab. Sie zeigt die Möglichkeiten auf, die sich mit digitalen Trends eröffnen. Um diese Chancen zu ergreifen, bedarf es der Bemühungen verschiedenster Akteure. So mündet die Studie in einer To-do-Liste für das Ökosystem Gesellschaft 5.0. Diese richtet sich nicht nur an Wirtschaft und Industrie. Die Politik muss die Rahmenbedingungen für den digitalen Wandel schaffen.

Exemplarisch ist der physische Zugang zum Internet als Voraussetzung für digitale Teilhabe. Die Gesellschaftsstudie D21 Digital-Index bescheinigt Deutschland über die vergangenen Jahre eine kontinuierliche Verbesserung der Internetabdeckung und der Nutzung digitaler Geräte. Die jüngeren Generationen sind bereits nahezu vollständig online; auch die sogenannte Generation 50+ hat zuletzt etwas aufgeholt.

Diese Ergebnisse seien erfreulich, der Ausbau der digitalen Infrastruktur sei damit aber noch lange nicht am Ziel, betont Marc Reinhardt, Leiter des Public Sector bei Capgemini. Er ist als Vizepräsident im D21-Vorstand vertreten und sagt: „Hochwertige digitale Infrastrukturen und Digitalkompetenz sind die Voraussetzungen für die erfolgreiche Entwicklung unseres Landes. Die entsprechenden Programme und ihre Finanzierung halten mit dieser Erkenntnis aber noch nicht immer Schritt. Dabei ist Digitalkompetenz eine wichtige Voraussetzung für das zentrale Ziel der digitalen Selbstbestimmung: Jeder Bürger muss effektiv über seine Daten verfügen können – neben Transparenz und Fähigkeiten braucht er dazu aber auch technische Assistenzsysteme, mit Hilfe derer er seinen Aufwand zur Ausübung seiner digitalen Souveränität minimieren kann.“

Aus der Studie „Gesellschaft 5.0“ ergeben sich weitere Forderungen. Dr. Michael Schulte, Sprecher der Geschäftsführung von Capgemini Deutschland, und Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff erläutern im Interview, welche das sind.

Dr. Michael Schulte, Sprecher der Geschäftsführung Capgemini Deutschland Quelle: Capgemini/ Hoffotografen

Die Rede war bisher vor allem von der Industrie 4.0. Herr Dr. Schulte, Herr Böllhoff, Sie legen nun eine Studie vor, die „Gesellschaft 5.0“ getitelt ist. Sind Sie der Aktualität einen Schritt voraus?

Dr. Michael Schulte: Der digitale Wandel ist keine rein technologische oder ökonomische Transformation abseits der Gesellschaft, sondern verändert grundlegend die Rahmenbedingungen für unser Zusammenleben.  Somit beeinflusst er ganz maßgeblich das Gemeinwohl einer Gesellschaft und all ihre Lebensbereiche. Insofern bildet die Studie ab, was längst Realität ist. Bei Capgemini begleiten und verknüpfen wir verschiedene Partner schon seit inzwischen einem Jahrzehnt rund um die Veränderung, die wir Digitale Transformation nennen. Dazu gehören Unternehmen vom Start-up bis zum Weltkonzern aus Wirtschaft und Industrie, aber auch gemeinnützige Netzwerkinitiativen, Wirtschaftsforscher, soziale Netzwerke und Bundesämter. Genau diese Vielfalt spiegelt sich auch in der Studie wider.

An welche gesellschaftlichen Bereiche denken Sie da vor allem?

Schulte: Wir haben in unserer Studie vier identifiziert: Arbeit und Einkommen, Migration und Integration, Mobilität und Urbanisierung sowie Alter und Gesundheit. Als Mensch in einer Gesellschaft 5.0 verändere ich mein Kommunikationsverhalten, nutze neue Mobilitätsangebote, arbeite flexibler und auch internationaler und ändere mein Verhalten als Konsument. Digitale Werkzeuge werden beispielsweise als Schlüssel zur Erfüllung von Kundenerwartungen betrachtet. Aber die Mehrheit an Kunden werfen Sicherheitsbedenken nicht leichtfertig zugunsten eines erweiterten Servicegedankens über Bord, weshalb Sicherheitsthemen im Kontext von Cloud und Cybersecurity derzeit die Technologie-Trends 2018 prägen. Zudem zeigt die General Data Protection Regulation GDPR - hierzulande EU-Datenschutzgrundverordnung DSGVO - , dass der Digitale Wandel zunehmend durch Regulatorik gelenkt wird, was für die IT-Industrie noch eine neue Erfahrung ist.

Welche Veränderung beobachten Sie denn in Ihrem Unternehmen?

Schulte: Nun, aus der Perspektive des Managers im Unternehmen erlebe ich derzeit zunächst einmal, dass der Digitale Wandel die Nachfrage nach den Angeboten eines Management- und IT-Dienstleisters erheblich steigen lässt. Die zur Erfüllung benötigten Qualifikationen sind ein sehr knappes Gut auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Die Frage nach dem Zugriff auf Talente am externen und internen Arbeitsmarkt ist zu einem ganz wesentlichen Wettbewerbsfaktor geworden. Zudem bedarf es der beherzten und kontinuierlichen Weiterentwicklung unseres Pools an Talenten in Richtung der Leistungsangebote, die unsere Kunden im Kontext der Digitalen Transformation nachfragen.

Welcher Art sind diese Leistungsangebote?

Schulte: Künstliche Intelligenz schafft zum Beispiel neue Aufgaben, wirft aber auch Fragen zur Datenethik auf. Über das Internet der Dinge, Big-Data-Analytics, Automatisierung und Augmented Reality sowie Cloud Technologien helfen wir unseren Kunden, die Ansprache ihrer Kunden individueller auszugestalten sowie Produktivität, Qualität und Flexibilität in der Produktion sowie in der Logistik zu steigern. Den Stand der Entwicklung zu Industrie 4.0 können Sie auf der diesjährigen Hannover Messe nachvollziehen. Wir als Capgemini beispielsweise zeigen Ihnen dort vor Ort Paradebeispiele für Smart Products und Smart Services, so wie sie die intelligente Fabrik charakterisieren. Was uns vor besondere Herausforderungen stellt: Der Wandel vollzieht sich mit sehr hoher Dynamik, wir als Dienstleister müssen die Auswirkungen von Trends frühzeitig antizipieren und zudem sicherstellen, in unserem Unternehmen niemanden zu verlieren.

Überblick Gesellschaft 5.0: Trends und Lebensfelder Quelle: Capgemini & Prognos 2018

Prognos wie Capgemini beschäftigen sich schon lange mit der Digitalisierung und treiben digitale Innovation voran. Herr Böllhoff, Sie waren bei Prognos für die Studie verantwortlich. Bringt diese noch Überraschungen zu Tage?

Christian Böllhoff: Wie Herr Schulte schon sagte: Zentrale Stärke der Studie ist, dass sie die Auswirkungen von Digitalisierung und Vernetzung in neuem Ausmaß und auf einen Blick abbildet. Wir betrachten das Thema aus verschiedenen Perspektiven und zeigen auch Wechselwirkungen auf. Einerseits bedingen digitale Trends gesellschaftliche Entwicklungen, andererseits bieten sie innovative Lösungsansätze. In diesem Sinne kommt der Digitalisierung eine Doppelrolle zu.

Japan macht vor, wie es geht

Christian Böllhoff ist Geschäftsführender Gesellschafter von Prognos. Quelle: Prognos AG - FOTOS Koroll

Könnten Sie diese Doppelrolle an einem Beispiel veranschaulichen?

Böllhoff: Nehmen wir das Beispiel Migration und Integration: Deutschland ist ein Einwanderungsland und wird es amtlichen Prognosen zufolge bleiben. Das ist ein zentraler Bestimmungsfaktor für die demografische Entwicklung hierzulande, denn Migration kann die Alterung der Bevölkerung und Engpässe auf dem Arbeitsmarkt abfedern. Die Digitalisierung ist neben wirtschaftlichen, politischen und sozialen Ursachen eine Triebfeder globaler Mobilität. Smartphones und andere digitale Endgeräte eröffnen für viele Migranten neue Möglichkeiten und Perspektiven – vor, während und nach der Reise. Genauso bietet sie enorme Chancen für die Integration. Das gilt sowohl für den Informationsaustausch zwischen Zuwanderern und der öffentlichen Verwaltung als auch für die Einbindung der Zuwanderer in Gesellschaft und Arbeitsmarkt. Im digitalen Zeitalter eröffnen sich enorme Chancen, deutsche Arbeitgeber und wanderungswillige Fachkräfte zusammenzuführen.

Schulte: Die digitale Inklusion in den Arbeitsmarkt ist aber nicht nur bei der Zuwanderung von Bedeutung. Die Veränderungen der Arbeitswelt sind tiefgreifend und beeinflussen zwangsläufig, wie die Menschen in der Gesellschaft 5.0 ihren Lebensunterhalt finanzieren. Die Anforderungen an die Kompetenzen der Arbeitnehmer verändern sich rasant und kontinuierlich. Das Bildungssystem muss diesen Weg proaktiv mitgehen und den frühen Aufbau von Digitalkompetenz und lebenslanges Lernen erlauben.

Was bedeutet das konkret?

Schulte: Was die Erstausbildung betrifft, so müssen in Schulen moderne IT-Infrastruktur und gemeinsame Cloud-Lösungen eingerichtet werden, wie der entsprechende Digitalpakt es erfordert. Auf den Lehrplänen müssen sich zu Mathematik und Sprachen Fächer wie Informatik und Digitale Wirtschaft und Gesellschaft gesellen, so dass Schüler frühzeitig digitale Eigenverantwortlichkeit entwickeln. Jedoch nochmals: Es geht nicht nur um die Erstausbildung - sondern auch darum, den im Erwerbsleben Stehenden zu helfen, auf dem jeweils aktuellen Stand der Digitalen Technologien und Leistungsangebote zu verbleiben. Ein funktionierendes Bildungskonzept ist nötig, damit sich die Gesellschaft nicht in Onliner und Nonliner aufspaltet.

Was macht die Digitalisierung aus Ihrer Sicht erfolgreich?

Schulte: Zunächst einmal bedarf es Zugriff auf die Technologien, die für den Digitalen Wandel stehen. Die Diskussionen rund um die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Regionen in Deutschland bedingt durch unzureichende Zugriffe auf schnelle Internetverbindungen zeigt dies sehr anschaulich auf. Für den Erfolg der Digitalisierung sind Menschen jedoch wichtiger als Technologien. Das zeigt die Arbeit im Unternehmen und das unterstreichen auch die Ergebnisse der Studie. Hier geht es um den Zugriff auf Talente und deren kontinuierliche Weiterentwicklung – qualitativ und quantitativ. Und: Es geht um die Adaption einer digitalen Kultur.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Schulte: Ein wesentliches Versprechen der Digitalisierung ist, dass angebotene Produkte und Dienstleistungen fehlerfrei funktionieren – wir sprechen von einer Fehlertoleranz von Null. Am Beispiel autonomes Fahren wird dies sehr anschaulich. Während diese Fehlertoleranz Voraussetzung für die weiter zunehmende Digitalisierung und das Vertrauen in neue Produkte ist, muss sie jedoch direkt verknüpft sein mit einer Fehlerkultur in einem Unternehmen oder einer Behörde, die das Experimentieren mit dem Ziel der Innovation fördert. Diese Kultur auszugestalten und vorzuleben ist Aufgabe des Managements. Digitalisierung und der damit eng verknüpfte Umbruch der Arbeitskultur ersetzen somit nicht Führung – ganz im Gegenteil: Digitale Führung ist Voraussetzung für einen erfolgreichen Digitalen Wandel.

Wie zuvor andere industrielle Revolutionen, begleiten auch die Digitalisierung diffuse Ängste und Befürchtungen. Das betrifft ganz besonders die digitale Transformation des Arbeitsmarktes. Welche Schlüsse können Zweifler aus der Studie ziehen?

Schulte: Wir brauchen zunächst einen chancenorientierten Ansatz und dazu gehört auch eine Risikoabwägung. Erkennen wir die Möglichkeiten und den konkreten Nutzen der Digitalisierung, sind wir auch bereit, den Aufwand zur Risikominimierung zu tragen. Aspekte wie Datenschutz, Datensouveränität und eine gesicherte Infrastruktur sind entscheidende Parameter für den digitalen Wandel. Jedoch nochmals zurück zu dem Thema lebenslanges Lernen: Studien zeigen, dass das Risiko der Erhöhung der strukturellen Arbeitslosigkeit nicht durch einen Rückgang an Nachfrage begründet ist, sondern vielmehr dadurch, dass Arbeitnehmer nicht mehr über die aktuell notwendigen Fähigkeiten verfügen – und hierauf muss unsere Aufmerksamkeit beim Umgang mit Risiken liegen.

Böllhoff: Ein chancenorientierter Blick auf die Veränderungen ist notwendig und wichtig. Struktureller Wandel ist ein normaler Prozess, verläuft durch die Digitalisierung allerdings schneller und umfassender, als wir es in der Vergangenheit erlebt haben. Das verlangt die Bereitschaft zur Anpassung und fordert alle Akteure am Arbeitsmarkt heraus, ständig Neues zu lernen. Die positive Botschaft ist, die Arbeit wird uns nicht ausgehen und neue Technologien helfen, die Arbeit effizienter und sicherer zu machen.

Wer ist für diese Parameter verantwortlich? Müssen die, die Anwendungen entwickeln, auch die Rahmenbedingungen schaffen?

Böllhoff: Nein. Die Digitalisierung ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und die richtigen Weichen muss die Politik stellen. Andere Länder machen vor, wie das funktionieren kann. Japan etwa hat ein Regierungsprogramm, das die Haltung gegenüber der Digitalisierung grundlegend umkehrt: Digitalisierung wird als Chance begriffen. Daraus resultieren konkrete Anforderungen an die Regierung, die gewährleisten sollen, dass Wirtschaft und Gesellschaft aktuelle und künftige Herausforderungen bewältigen können. In Japan läuft das Programm übrigens unter der Überschrift „Society 5.0“, das englische Pendant zu unserem Studien-Titel „Gesellschaft 5.0“.

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