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Yvonne Hofstetter über Künstliche Intelligenz „Wir haben eine neue Form des Kapitalismus“

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Was passiert eigentlich in der KI-Forschung?


Muss die Politik eingreifen und Regeln festlegen, was Künstlicher Intelligenz erlaubt sein darf und was nicht?
Sie sollte sich definitiv langsam mal darüber Gedanken machen. Selbst Elon Musk ist für eine Regulierung solcher Technologien und argumentiert für proaktives statt reaktives Handeln. Nur ist das schwierig, weil man gar nicht weiß, was in der KI-Forschung noch passiert. Das liegt daran, dass wir das System, in dem wir leben, sehr komplex machen. Dennoch haben wir aktuell schon Herausforderungen, die zu meistern sind.


Zum Beispiel?
Das Profiling von Menschen: Das ist nicht verboten, führt aber teilweise zu technologischem Rassismus, zu Diskriminierung. Die Politik sollte den Schutz des Menschen in den virtuellen Bereich ausdehnen, so wie sich der Mensch selbst mit Smartphones und Chips unter der Haut selbst ausdehnt. Wir brauchen Grundrechte für die digitale Ära.

Warum tut sich denn der Staat so schwer damit, seine Bürger zu schützen?
Nun ja, man könnte sagen, parlamentarische Demokratie agiert einfach schwerfällig. Das mag einerseits stimmen, andererseits ist die Digitalisierung aber auch Hoffnungsträger für das Wirtschaftswachstum. Die Politik fragt sich also, wie viel einerseits reguliert werden kann, und wie viel sie andererseits überhaupt regulieren möchte. Von Unternehmensseite wiederum wird sehr stark Lobbyarbeit betrieben.


Welche Forderungen richten Sie an die Gesellschaft und an die Unternehmen?
Die Gesellschaft muss besser wahrnehmen, was hier passiert. Dazu braucht es eine breite Debatte darüber, was Digitalisierung und KI für uns bedeutet. Ich finde es schon schizophren: Gegen TTIP haben die Menschen sich gewehrt, haben gegen aufgeweichte Umweltstandards und Ernährungsregeln protestiert und dagegen, dass die Konzerne das Sagen haben. In der digitalisierten Gesellschaft ist das durch die Technologiekonzerne längst passiert. Damit haben wir aber überhaupt kein Problem, weil uns das als bequem verkauft wird. Das Wissen um die Digitalisierung ist jetzt gerade in Deutschland nach wie vor sehr oberflächlich.

Was steckt dahinter?
Die Unternehmen wollen Profite machen. Das ist ihr Sinn und Zweck und auch nicht verwerflich. Aber die Digitalisierung, so wie sie gerade abläuft, fällt nicht vom Himmel, sondern ist von ebendiesen Unternehmen gemacht. Und zwar von den fünf wertvollsten der Welt, unseren digitalen Lieblingsmarken. Dort geht man den einfachsten und profitabelsten Weg. Aber den Wert schaffen wir mit unseren Rechten. Freiwillig werden die Unternehmen diese Profitabilität nicht einschränken. Ich meine, man kann aber auch digitalisieren, ohne dass man die Rechte des Menschen so stark verletzt, wie es jetzt gerade der Fall ist.

Letztlich geht es aber um Kapitalismus?
Ja, wir haben eine neue Form des Kapitalismus. Ich nenne ihn Informations-Kapitalismus. Es wird Geld verdient mit den Freiheitsrechten des Menschen, damit, dass in seine Souveränität eingegriffen wird, dass er zu einem bestimmten Verhalten veranlasst wird.


Sie selbst leiten ein Unternehmen, das mit Hilfe Künstlicher Intelligenz Profit macht. Sind sie trotzdem oder gerade deswegen so kritisch?
Ich arbeite jetzt schon seit fast 20 Jahren im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Damals gab es sie schon im Bereich des Militärs. Daher stammt auch mein Team. Wenn dort neue Technologien in die Welt gesetzt werden, dann gehört dazu auch unweigerlich eine Risiko- und Gefährdungsanalyse. Heute macht das kaum noch jemand. Produkte müssen schließlich schnell auf den Markt gebracht werden. Deswegen kann ich aber nicht raus aus meiner Haut. Ich überlege mir sehr genau, in welchen Projekten ich mich engagiere. Wenn das moralisch für mich nicht vertretbar ist, lasse ich es – selbst wenn ich mir das immer wieder vorhalten lassen muss. Denn mein Kühlschrank ist voll genug und goldene Schnitzel kann man nicht essen.

Frau Hofstetter, vielen Dank für das Gespräch.

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