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Rohstoffe Strahlende Hausse mit Uran

Der Atomindustrie droht ein Versorgungsengpass bei ihrem wichtigsten Brennstoff. Wie Anleger daran verdienen können, auf welche Wertpapiere Investoren setzen können.

Brennelemente-Lagerbecken im Quelle: dpa

Herr Anton hat ein Häuschen mit einem Gartenzwerg, und davor, da steht ein Kernkraftwerk. Da gab es eines Tages eine kleine Havarie: Die Tomaten woarn so groß wie nie und a da Sellerie!“ Das sang die österreichische Kultband Erste Allgemeine Verunsicherung im Jahr 1988. Gut zwei Jahrzehnte später hat sich die Verunsicherung gelegt. Die Katastrophen in technisch minderwertigen Anlagen der Achtzigerjahre erscheinen weit weg – Kernenergie ist wieder gesellschaftsfähig, vor allem, weil sie hohe und konstante Strommengen liefert und keine Treibhausgase verursacht.

Uran ist der wichtigste Brennstoff für den Betrieb von Atomkraftwerken. Wegen des Ausbaus der Nuklearenergie im Zuge des weltweit weiter wachsenden Energiebedarfs wird der Uranbedarf zwangsläufig zunehmen – von heute rund 180 Millionen Pound (454 Gramm) Uranoxid (U3O8) pro Jahr auf 330 Millionen Pound im Jahr 2020, prognostiziert Adam Schatzker von der kanadischen Investmentbank RBC Capital Markets. Allerdings reicht das Minenangebot schon heute nicht aus, um den jährlichen Bedarf zu decken. Die Angebotslücke liegt derzeit bei etwa einem Viertel des Bedarfs. Noch lässt sich diese schließen, aus Lagerbeständen von Regierungen und Versorgern, aus Nuklearsprengköpfen und wiederaufbereiteten Brennstäben. Doch diese Quellen drohen rascher zu versiegen, als neue Uranminen für Nachschub sorgen können. Die logische Konsequenz: ein steigender Uranpreis.

Weltweit 441 Kernkraftwerke in Betrieb

Kraftwerksbetreiber können sich die Lieferung des Brennstoffs derzeit für gut 60 Dollar pro Pound Uranoxid langfristig sichern, 2001 waren es noch sieben Dollar. Im Gegensatz zu Rohöl wird Uran nicht über einen geregelten Markt gehandelt, sondern die Kraftwerksbetreiber schließen mit Uranproduzenten direkte Lieferkontrakte ab. Etwa 80 Prozent der Versorgung wird abgedeckt über langfristige Verträge mit Laufzeiten zwischen 3 und 15 Jahren. Für die Zeit nach 2015 haben die Betreiber der derzeit weltweit angeschalteten 441 Atomkraftwerke allerdings erst 60 bis 70 Prozent ihres Brennstoffbedarfs abgesichert. Zudem bedeutet Absicherung noch lange nicht, dass später tatsächlich geliefert werden kann. Engpässe, etwa durch Förderunterbrechungen in wichtigen Uranminen, müssten dann auf dem engen Spotmarkt, auf dem Uran mit Lieferzeiten von wenigen Monaten gehandelt wird, ausgeglichen werden.

Zwischen 2001 und Juni 2007 verteuerte sich ein Pound Uranoxid von 7 auf knapp 136 Dollar. Spekulative Hedgefonds hatten den Preis getrieben. Hinzu kamen Panikkäufe von Versorgern, hervorgerufen durch Produktionsunterbrechungen in wichtigen Uranminen. Die spekulative Blase platzte. Von seinem Hoch brach der Spotpreis um gut 70 Prozent auf 40 Dollar ein.

Russland blockt

Der steile Preisanstieg zuvor hatte für eine deutliche Ausweitung der weltweiten Minenproduktion gesorgt. Für 2010 rechnet die World Nuclear Association (WNA) mit einer globalen Jahresproduktion von 143 Millionen Pound, 2006 waren es noch gut 100 Millionen Pound Uranoxid. Allein in Kasachstan hat sich der Uranausstoß zwischen 2005 und 2009 mehr als verdreifacht auf zuletzt gut 36 Millionen Pound. Damit löste Kasachstan Kanada als weltgrößte Fördernation ab.

Doch auch das deutlich höhere Minenangebot reicht nicht aus, um den jährlichen Bedarf zu decken. Denn benötigt werden laut WNA in diesem Jahr rund 179 Millionen Pound. Wie lange lässt sich diese Lücke noch mühelos schließen aus überirdischen Beständen?

In den Neunzigerjahren stieg mit dem Zerfall der Sowjetunion das Angebot von Uran enorm. Abrüstungsabkommen machten weite Teile der Nuklearwaffenbestände der Roten Armee überflüssig. Russland begann in großem Stil, das angereicherte Uran der Atomwaffen in reaktorfähiges Uran zu verarbeiten und auf dem Weltmarkt zu verkaufen.

Auf Defizitkurs

Eine wichtige Rolle in der Uranversorgung spielt das 1993 zwischen den USA und Russland geschlossene Abkommen „Megatons to Megawatts“. Darin hat sich Russland zur Umwandlung von 500 Tonnen hochangereichertem Uran für Kernwaffen in kommerziell nutzbares Uran verpflichtet. Etwa 40 Prozent des Brennstoffbedarfs der US-Atomkraftwerke speisen sich seither aus ehemaligen russischen Atomwaffen. Doch das Abkommen läuft Ende 2013 aus. Kaum wahrscheinlich, dass es verlängert wird. Im August sagte Sergei Kirienko, Generaldirektor der russischen Atombehörde Rosatom, dass es nach 2013 keine Umwandlung mehr geben werde. Schätzungen zufolge sorgte das hochkomplexe Umwandlungsverfahren auf russischer Seite für jährliche Verluste von 750 Millionen Dollar.

Zwar wird auch künftig Uran aus staatlichen Quellen auf den Markt gelangen. So soll allein das US-Energieministerium noch über 100 Millionen Pound horten. Doch von 2014 an droht ein scharfer Einbruch des sekundären Angebots auf unter 15 Prozent des Gesamtangebots. Nervös könnte der Uranmarkt deshalb schon heute auf Produktionsausfälle in bestehenden Minen reagieren.

Ungenutzte Uranvorkommen

Der jahrelange Preisverfall seit Ende der Siebzigerjahre führte dazu, dass viele Vorkommen nicht mehr ausgebeutet wurden. Der Abbau konzentrierte sich auf die ergiebigsten Lagerstätten. Rund 60 Prozent der heutigen Produktion stammen aus nur zehn Minen. Der dringend benötigte Nachschub aus neuen Projekten verzögert sich immer wieder – wegen Wassereinbrüchen, Finanzierungsproblemen, Umweltauflagen und Blockaden aus der Politik.

Angebotsunterbrechungen treten plötzlich auf, der Uranbedarf dagegen verschwindet nicht über Nacht. Konjunkturzyklen berühren den Brennstoffbedarf eines Atomkraftwerks nicht. Die Urannachfrage ist rezessionsresistent. Ein Meiler wird bei weniger Stromverbrauch nicht einfach abgestellt. Abschalten kostet den Betreiber eines 1000-Megawatt-Reaktors etwa eine Million Dollar pro Tag. Auch ein steigender Uranpreis wird die Nachfrage kaum bremsen, weil der Anteil der Brennstoffkosten an den Betriebskosten eines Atomkraftwerks unter zehn Prozent liegt.

Derzeit sind weltweit 58 neue Reaktoren im Bau, allein 23 in China. In der Planungsphase stecken weitere 152 Reaktoren. Allein der jährliche Uranverbrauch Chinas wird sich bis 2020 versiebenfachen, von heute 9,5 Millionen auf 67 Millionen Pound Uranoxid, schätzt Schatzker von RBC Capital Markets.

China sorgt vor

Weil China keine eigene Uranproduktion besitzt, wird das Land langfristige Lieferkontrakte anstreben und große Mengen auf dem Spotmarkt einkaufen. Nach Schätzungen von Thomas Neff, Physiker am Massachusetts Institute of Technology, wird China in diesem Jahr bis zu 13 Millionen Pound ordern – fast 40 Prozent mehr, als die 13 bestehenden Atommeiler benötigen. Zusätzlich beteiligt sich China an Urangesellschaften und investiert in Uranprojekte.

Die kommende Uranhausse wird von steigender Nachfrage und einem unzureichenden Angebot gekennzeichnet sein, prophezeit Schatzker. Die neue Hausse werde deshalb tragfähiger und nachhaltiger sein als der eher spekulativ getriebene Aufschwung bis 2007. Der Terminpreis liegt aktuell über dem Spotpreis – das könnte auf künftige Lieferengpässe hindeuten. Ein steigender Spotpreis erscheint programmiert. Der jüngste Sprung auf 46,50 Dollar weist in diese Richtung. Direkt profitieren von Preissteigerungen am Spotmarkt werden die Aktien von Uranium Participation. Die kanadische Beteiligungsgesellschaft lagert Uran ein und bleibt der Anlagefavorit im Sektor. Als Ergänzung bietet sich der Kauf von Uranproduzenten und aussichtsreichen Explorationsunternehmen an.

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