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Den Erfolg im Blick Was Sie sich von Sportlern abgucken können

Heike Henkel Quelle: REUTERS

Die Hochspringerin Heike Henkel schreibt 1992 mit ihrem Olympiasieg Geschichte. Er ist der Lohn für jahrelanges Training. Heute berät Henkel Berufstätige. Denn was für Sportler gilt, gilt auch in anderen Branchen.

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Barcelona, Sommer 1992: Die Hochsprungstange fest im Blick schaut Heike Henkel nach vorne. Einatmen, ausatmen und wieder einatmen – um sie herum schwirren tausende Stimmen und Rufe aus den Stadionreihen, doch nichts lenkt die Sportlerin ab. Acht Sekunden steht sie so da, den Mund zum Atmen geöffnet, den Blick gerade nach vorne, die Arme rechts und links ausgestreckt neben ihrem Körper. Dann läuft Heike Henkel los, überspringt die Latte, die auf 2,02 Meter liegt, und gewinnt olympisches Gold.

Dass sie damals die Medaille gewann, verdankte Heike Henkel ihren über lange Zeit erarbeiteten Routinen. Heute, 27 Jahre später, gibt sie diese als Mentaltrainerin weiter. Gemeinsam mit der Potenzialentwicklerin Anke Precht hat sie ihr Wissen im Buch „Entfessele dich“ aufgeschrieben. In den folgenden Tipps erklärt sie, wie jeder – egal in welchem Beruf er oder sie arbeitet – Ziele leichter erreichen kann. 

Mach große Ziele klein

Schon in jungen Jahren wollte Henkel irgendwann eine olympische Medaille gewinnen. Doch niemand wird von heute auf morgen Olympiasiegerin.

Intuitiv setzte Henkel sich Etappenziele für das eine, große Ziel: lokale, dann nationale und erst dann internationale Wettbewerbe gewinnen. „Durch die Erfahrung, etwas Neues geschafft zu haben, habe ich mich neu motiviert“, erzählt sie. Etappenziele sollten umsetzbar und erfolgversprechend sein, rät Henkel heute als Mentaltrainerin.

Ihre Co-Autorin Anke Precht hat schon viele Berufstätige beraten und weiß, wie sich die Tipps der Profisportlerin auf den Alltag in anderen Berufen übertragen lassen. Ein typisches Beispiel ist das Ziel, eine Niederlassung zu leiten. Auch das geht nicht von heute auf morgen. Auf dem Weg dahin gebe es viele mögliche Zwischenziele: den Aufbau von Wissen oder den Aufbau von Beziehungsnetzwerken. „Sind Ziele zu hoch, kapitulieren wir unbewusst“, sagt sie. 

Passe Ziele den Umständen an

Als Heike Henkel ein Kind bekommen hatte, wollte sie am liebsten sofort wieder über zwei Meter hoch springen. Das Ergebnis war eine Verletzung. Daraus hat sie gelernt und rät, sich nicht mit Konkurrenten oder einer früheren Leistung zu vergleichen, wenn sich die Umstände geändert haben. „Sei fair mit dir und passe deine Ziele an“, sagt sie. Nach und nach folgen dann auch wieder die großen Erfolge.

Anke Precht überträgt die Situation auf Berufstätige, die kurz vor einem Burnout stehen, weil die letzten drei Jahre extrem fordernd waren. „In dem Fall sollte man keinen weiteren anstrengenden Karrieresprung anvisieren“, sagt sie. Im Gegenteil: genau dieser könne für die Gesundheit nämlich das endgültige Aus bedeuten. Ein gutes neues Ziel sei es dann,  Energie zurückzugewinnen. Helfen könnten eine Auszeit, Coaching, Yoga oder mehr Zeit für Musik statt zum Fernsehen zu nutzen.

Training bekämpft die Unsicherheit

Trotz aller Entspannungsübungen kann niemand Stresssituationen vollkommen vermeiden. Henkels Stresssituation war der Hochsprung vor vollen Zuschauerrängen. Ohne diese Situation einzugehen, konnte sie aber keine Olympiasiegerin werden. Sie hat gelernt, sich auf diese Situationen vorzubereiten. Denn Training schaffe Routine und Routine bringe Sicherheit.

Angenommen, eine Person fürchtet sich vor Verhandlungen mit Kunden. Potenzialentwicklerin Anke Precht empfiehlt, das Verhandeln mit weniger schwierigen Partnern vorab zu üben: im Internet bei einer Auktion oder im Urlaub auf einem Basar. Noch besser funktionieren Rollenspiele mit Kollegen, in denen beide gemeinsam die Verhandlungssituation nachstellen. So können alle Argumente besprochen und verschiedene Kundentypen imitiert werden. Dabei sollten beide Teilnehmer die Rollen auch mal tauschen. Denn gerade das Argumentieren aus Kundensicht verstärke die eigene Sicherheit enorm. Denn wer die Gegenargumente kennt, könne bessere Pro-Argumente finden.

Bequemlichkeit, Selbstgespräche, Beziehungspflege und Konkurrenz

Mach es dir unbequem

Wer sich also dazu überwindet, Stresssituationen einzugehen, gewinnt Vertrauen in sich selbst. Zur Vorbereitung könne es laut Precht helfen, vergleichbar unangenehme Situationen einzugehen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem unangenehmen Telefonat, einer auffälligen Krawatte oder einem frühen Feierabend trotz des vollen Schreibtisches? „Menschen, die regelmäßig aus der Komfortzone heraustreten, werden belastbarer“, erklärt Potenzialentwicklerin Precht. „Natürlich fühlt es sich anfangs nicht gut an“, ergänzt Sportlerin Henkel.

Mit Selbstgesprächen zum Erfolg

Wenn negative Gedanken die Vorherrschaft übernehmen, ist es wahrscheinlich, dass eine kommende Aufgabe nicht erfolgreich erledigt wird. Heike Henkel führt in Drucksituationen Selbstgespräche, um negative Gedanken auszublenden. „In dem Moment, in dem es darauf ankommt, also kurz bevor ich loslaufe, muss ich mir selbst Mut machen und negative Gedanken ausblenden“, sagt sie. Das schaffe sie mit positiven Glaubenssätzen wie „jetzt springst du darüber“, erzählt sie.

Gleiches gelte auch für alle anderen Lebenssituationen. Wer kurz vor einem wichtigen Meeting nur daran denkt, was passiert, wenn er eine schlechte Leistung abliefert, werde kaum Erfolg haben. Wer sich aber gut zuspricht – leise im Kopf oder flüsternd – der geht konzentrierter in die Situation.

Wer im Beruf eine wichtige Präsentation halten muss und zur Nervosität tendiert, könne sich sagen „tief durchatmen!“. „Die Sätze sollten kurz sein und emotional wirksam. Was für einen selbst der richtige Satz ist, spürt man, wenn man ihn sagt“, sagt Precht.

Pflege deine Beziehungen

Heike Henkel sagt, 50 Prozent ihres Erfolges habe sie ihrem Trainer Gerd Osenberg zu verdanken. Das Geheimnis ihrer guten Beziehung sei Vertrauen. Beide konnten sich immer aufeinander verlassen. Henkel rät jedem, einmal zu überlegen, welche Personen einem Mut machen, für einen da sind und einen fordern. „Nichts ist schlimmer als Zwietracht und Neid im direkten Umfeld“, sagt Henkel. Kollegen rät sie, ehrlich und vertrauensvoll miteinander umzugehen. „Feedback – auch in Form von Kritik – ist notwendig, um Verhaltensweisen aufzudecken, die die eigene Entwicklung stören könnten.“

Anke Precht weist darauf hin, dass auch private Beziehungen wichtig sind. Diese können unter einem fordernden Job auch leiden. Dann könne es sein, dass der mit dem fordernden Job Redebedarf hat, ihn im privaten Umfeld aber niemand versteht. Sie rät, die beruflichen Themen mit einem Coach zu besprechen, um den Kopf freizuhaben, um mit Freunden oder der Familie über Privates zu sprechen.

Lerne von der Konkurrenz

Wer dann nach einem entspannten Abend mit Freunden am nächsten Morgen zurück zur Arbeit kommt, kann sich wieder um seinen beruflichen Erfolg kümmern. Heike Henkel beobachtete stets ihre Konkurrenten, um sich etwas abzuschauen: wie trainieren sie und wie häufig? „So hart es klingt“, sagt Henkel, „es gibt immer ein paar Details, die ein anderer besser macht als du.“ Sie empfiehlt, Kollegen und Vorgesetzte einmal genau zu beobachten: ihre Routinen, ihre Art zu arbeiten und Konflikte zu lösen. Nach der Beobachtung hat Henkel die Methoden der Konkurrenz einmal selbst ausprobiert. Entweder konnte sie sich davon etwas annehmen oder hat gemerkt, dass es nichts für sie ist. „Dann hat mir das aber meist neue eigene Ideen gebracht“, erzählt sie. „Diese eigenen Ideen braucht jeder, der etwas erreichen möchte. Abschauen ist erlaubt.“

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