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Diese Rhetorik-Tipps helfen bei Ironie-Attacken

Meint mein Gegenüber das ernst? Und wenn nein, warum nicht? Und wie ist es denn dann gemeint? Ironiker können uns ganz schön verunsichern. Drehen Sie den Spieß sofort um. So geht ’s.

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Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

„Na, das kriegen Sie schon hin, Sie sind doch so schlau.“

Wie fühlt sich dieses Lob für Sie an?

Es ist das Wörtchen „so“, das das Kompliment vergiftet. Denn schlau zu sein, das hört man gerne, aber „so schlau“ zu sein, das ist ein Tick zu viel und klingt, als würde uns vorgehalten, wir sprächen für gewöhnlich selbst von unserer eigenen Cleverness in höchsten Tönen.

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    Was soll das „so“? Wir können uns vorstellen, was dem Satz vorangegangen ist. Wahrscheinlich ein Gespräch, in dem der Andere die Bedenken geäußert hat, der vor ihm liegenden Aufgabe nicht gewachsen zu sein.

    Ohne „so“ hätte das Lob ironiefrei als moralische Stärkung getaugt. Das „so“ aber verdreht es ins Gegenteil. Offenbar ärgert sich das Gegenüber darüber, dass hier jemand Bedenken äußert und bremst.

    Ein offener, fairer Hinweis darauf hätte etwa so gelautet: „Dass Sie sich die Aufgabe nicht zutrauen, enttäuscht mich ehrlich gesagt ein wenig. Sonst treten Sie deutlich selbstbewusster auf. Was müsste denn passieren, dass Sie sich dem Job gewachsen sähen?“

    Klingt gut, oder? Aber so lieb und nett ist die Welt nun einmal nicht immer zu uns. Stattdessen also: „Sie sind doch so schlau.“ Die Enttäuschung entlädt sich hier in einem Seitenhieb.

    Was macht die darin steckende Ironie so fies? Antwort: Sie bürdet dem Empfänger die Herausforderung auf zu entschlüsseln, was warum wie wirklich gemeint war. Also: Trainieren Sie, den jeweiligen Zweck der Ironie schnell zu entlarven, dann können Sie souverän reagieren:
    1. War das ironisch gemeint? In unserem Beispiel haben wir uns entschieden: ja.
    2. Warum hier Ironie? Ironie ist salonfähig, weil sie subtilen Humor erlaubt. Wer zum Salat Brot bestellt, dann eine kleine Scheibe Baguette gereicht bekommt, und anmerkt: „Wer soll das alles essen?“, der wird im Zweifel mehr Eindruck hinterlassen als jemand, der sagt: „Nur so eine kleine Scheibe? Naja, egal.“ Wäre Ironie durchweg verpönt, der Redner würde sich mit jeder ironischen Bemerkung selbst diskreditieren. Aber so ist es eben nicht. Deshalb sind unsere feinen Antennen gefragt:

    a. „War doch gar nicht ironisch!“ Kann sich der Redner dank der Ironie anschließend aus der Affäre ziehen?
    Beispiel: Ein schlanker Mensch möchte auf der Rolltreppe an einem stark übergewichtigen Menschen vorbeilaufen. Es wird ziemlich eng. Der Übergewichtige sagt: „Hee, das ist keine Lauftreppe, sondern eine Rolltreppe.“
    Der Schlanke sagt: „Tut mir leid, ich merke gerade, ich muss echt mal wieder abspecken.“
    Hier scheint offensichtlich, dass dies eine fiese Anspielung auf die Leibesfülle des Anderen war. Dennoch kann der Schlanke zu seiner Verteidigung vorbringen: „Es war nicht ironisch gemeint. Ich habe einfach zwei Kilo zu viel drauf und wollte den Fehler nicht beim anderen suchen.“
    Eine unironische Bemerkung (zum Beispiel „Laufen täte Ihnen auch mal gut!“) hätte hingegen keine Ausflucht zugelassen.

    b. „Beleidigte Leberwürste“: Ironiker umschiffen den Konflikt.
    „Habe ich dich gerade gekränkt? Du guckst so traurig.“
    „Ich? Nein, nein. Alles gut. Wie könntest du mich denn jemals kränken?“
    Das lässt sich ironiefrei lesen. Aber alle von uns kennen solche Szenen aus Job und Privatleben. Hier positioniert sich jemand als Opfer, bietet aber durch die Ironie keinen Ansatz für eine Diskussion.

    3. Was soll die ironische Bemerkung eigentlich aussagen?

    Manchmal ist es einfach. Da türmen sich in der Büroküche die schmutzigen Teller und Tassen, der Müll quillt über und jemand sagt: „Richtig gemütlich hier.“

    Noch kompakter: Es regnet in Strömen und jemand ohne Schirm sagt: „Toll!“
    Das Komplizierte an Ironie ist aber, dass sie nicht immer das Gegenteil von dem aussagt, wonach es klingt. In unserem Beispiel „Sie sind doch so schlau“, steckt nicht unbedingt das Gegenteil im Sinne von „Sie sind ziemlich dämlich“. Sondern vielleicht auch die Kritik am sonst sehr selbstbewussten Auftreten des Adressaten, im Sinne von: „Beweisen Sie uns, dass Sie Recht haben.“
    Die „Ironie der Eingeschnappten“ hingegen ist oft ein Ausdruck von Schwäche. „Nein, nein, alles gut“ mit einer Flunsch vorgetragen wird wohl heißen: „Ich möchte dir zeigen, dass ich mich von dir falsch behandelt fühle, will aber keine Diskussion eröffnen.“

    Fazit: In vielen Fällen lädt der Ironiker die Verantwortung für den Fortgang des Gesprächs beim Gegenüber ab: 1. Ironie erkennen, 2. Grund dafür verstehen, 3. Aussage interpretieren. Fehlt noch 4.: reagieren. Also:

    4. Wie souverän reagieren?

    Es gibt im Wesentlichen zwei Wege. Der dritten Weg möchte ich nicht empfehlen und ihn genau deshalb zur Abgrenzung als erstes trotzdem vorstellen:

    a. Ironie mitspielen (heikel!)
    Diese Variante funktioniert meist nur dann gut, wenn mehrere einander wohlgesonnene Leute sich gegenseitig die Pointen wie Bälle zuspielen wollen. Motto: Wer setzt noch einen drauf?
    „Wer soll das alles essen?“ (Brot)
    „Habe ich der Kollegin auch gesagt. Aber sie meinte, das Baguette muss weg.“
    „Richtig gemütlich hier.“ (Küche)
    „Finde ich nicht. Der Müll stinkt mir noch nicht genug.“

    In konfliktträchtigen Situationen heizt diese Mitmach-Methode die schlechte Laune aber eher noch an:

    „Sie sind doch so schlau.“
    „Oh, danke. Nichts auf der Welt bedeutet mir mehr als ein Kompliment ausgerechnet aus Ihrem Mund.“

    „Alles gut. Wie könntest du mich denn jemals kränken?“
    „Sicherlich mit Bemerkungen über deine Kinder.“

    Sie merken schon: Der rhetorische Machtkampf heizt den Konflikt im Zweifel eher noch an. Anders aber:

    b. Ironie abtropfen lassen

    Wenn Harald Schmidt einen seiner Showgäste nicht sonderlich mochte, hat er sie im Gespräch verhungern lassen, indem er jede ironisch überhöhte Bemerkung gespielt für bare Münze genommen hat. So als wäre keine Ironie im Spiel. Auf diese Weise ruiniert man im Zweifel jeden Gag des Anderen. Das können Sie auch, wenn die Pointe auf ihre Kosten geht:

    „Sie sind doch so schlau.“
    „Danke, das ist nett.“

    „Wer soll das alles essen?“ (Das Brot)
    „Finden Sie diese eine kleine Scheibe noch zu viel?“



    „Ich muss echt mal wieder abspecken.“ (Rolltreppe)
    „Wenn Sie das sagen, wird es stimmen.“
    „Wie könntest du mich denn jemals kränken?“
    „Schön, dass du das so siehst. Dann ist ja wirklich alles gut.“

    „Richtig gemütlich hier.“ (Küche)
    „Ich finde es hier total schmuddelig.“

    Was wird stets die Reaktion des Ironikers sein? Klar: „Das war doch ironisch gemeint.“ Wenn sich jemand aber erst erklären muss, büßt dessen Auftritt an Eleganz ein.
    Gönnen Sie dem Anderen seinen Gag. Aber nur, solange er damit nicht gegen Sie austeilt.

    c. Die wahre Botschaft hinter der Ironie-Fassade aufgreifen

    Der souveränste Move, wenn Sie Konflikten auf den Grund gehen wollen. Und nebenbei übernehmen Sie so die Gesprächsführung in Ihrem Sinne.

    „Wer soll das alles essen?“
    „Oh, Sie finden die eine Scheibe zu wenig, richtig?“
    Was wird wohl die Antwort sein?
    „Ja, natürlich.“
    Und schon haben Sie sämtliche Ironie aus dem Gespräch gebürstet und den Kern der Aussage freigelegt.

    „Sie sind doch so schlau.“
    „Ich höre da einen ironischen Unterton. Finden Sie mich in Wirklichkeit nicht clever genug oder wollen Sie mir eigentlich sagen, dass Sie mich angeberisch finden?“
    Aus dieser punktgenauen „Ironie-Zerstörung“ kommt keiner mehr ohne klärende Worte raus.

    „Habe ich dich gerade gekränkt? Du guckst so traurig.“
    „Ich? Nein, nein. Alles gut. Wie könntest du mich denn jemals kränken?“
    „Ich glaube, das meinst du ironisch. Sag mir bitte, wenn du dich durch mich herabgesetzt fühlst. Damit es künftig besser läuft zwischen uns.“
    Fangen Sie den Anderen in seinen schwachen Momenten auf. Und holen Sie ihn und sich aus der Schmollecke.

    „Ich muss echt mal wieder abspecken.“
    „Sie spielen damit eigentlich auf meinen Körperbau an. Das macht die Lücke zwischen mir und der Treppe jetzt und hier nicht weniger eng.“

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    Also, fragen Sie sich:
    1. War das Ironie?
    2. Warum hier Ironie (zum Beispiel Wunsch nach Rausrede-Hintertür oder Schmollen ohne Kraft zur Konfliktbewältigung)?
    3. Was war in Wirklichkeit gemeint?
    4. Wie reagiere ich am besten? Abtropfen lassen oder wahre Botschaft hinter der Ironie-Fassade zur Grundlage für das weitere Gespräch machen.

    So holen Sie sich Ihren Teil der Macht über das Gespräch zurück. Mindestens. Ohne Witz.

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    Mehr zum Thema: „Höttges spricht, wie man spricht – nicht wie man schreibt“ Überzeugend Reden lernen vom Telekom-Chef.

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