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Quelle: imago images

Gegen Bühnen-Angst: Stellen Sie sich den Super-GAU vor

Wenn wir vor Menschen auftreten, geht uns oft aus vielen Gründen die Düse. Aber diese Gründe lassen sich ausschalten. Wenn Sie wissen, wie Sie selbst aus der peinlichsten Nummer wieder herauskommen. Denken Sie das gnadenlos durch.

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Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

WAR! DAS! SCHLIMM! Klar, jeder und jede, die regelmäßig vor Publikum auftritt, etwa für Vorträge, Fernsehmoderation, Produkt-Präsentationen oder so, weiß: Es lauern Fallstricke, Fettnäpfchen, Puls-Treiber und Pannen, an die wir noch Jahre später denken und dann durchzieht uns sofort ein Blitz: Oh Gott, war das PEEEEINLICH!

Was gibt es da alles?

- In den ersten Sekunden fällt allen die enorme Nervosität auf,
- den Namen vom Gesprächspartner falsch ausgesprochen oder sogar vergessen,
- die Karten mit dem Redemanuskript fallen runter und sind durcheinander,
- die mitgebrachte Präsentation lässt sich auf dem Laptop des Kunden nicht öffnen,
- der eigene Akzent kommt beim Sprechen plötzlich wieder total stark raus,
- die Mikrofon-Anlage fällt aus,
- Hosenstall ist offen,
- seit Kaffee-Pause prangt ein Fleck auf dem Hemd,
- die Gags zünden nicht,
- Fragen des Publikums lassen einen schlecht aussehen,
- Stimme und Hände zittern,
- eine Bemerkung zu einem Teilnehmer wirkt unabsichtlich kränkend,
- das Wasserglas fällt runter,
- das Publikum ist gelangweilt und wird unruhig,
- den Faden verloren,
- plötzlich ist der Kopf leer.

All das habe ich schon miterlebt und in den meisten Fällen war ich sogar der auf der Bühne. Und diejenigen unter uns, die noch nicht so oft vor Publikum vorgetragen haben, werden jetzt vielleicht erst recht das grüne Grausen bekommen: Was, das alles passiert wirklich?

Ja. Aber das Gute ist: Das macht alles nichts. Klar sind viele Dinge nach landläufiger Meinung eine Pleite oder eine Blamage. Aber in Wirklichkeit kommt es im Wesentlichen darauf an, wie Sie auf all das reagieren. Das ist wirklich so. Peinlich wird es erst, wenn allgemein das Gefühl von Beklommenheit im Saal aufkommt. Und wir als diejenigen auf der Bühne haben die Autorität, dieses Fremdscham-Gefühl im Keim zu ersticken. Indem wir souverän auf die Pannen reagieren.

Und hier kommt das Gute Nummer 2: Das kann jeder von uns vorbereiten. Nämlich im Kopf. Indem wir uns für jede für uns vorstellbare Situation, die uns im Vorfeld Angst einjagt, eine angemessene Reaktion vornehmen, die dem Ganzen das Drama nehmen würde. Eine Reaktion, von der wir sogar profitieren können. Weil die Anderen sagen: Kompliment, cool gemeistert.

Aber wie soll das gehen? Antwort: mit der richtigen Haltung. Machen wir uns klar: dass wir vor anderen auftreten, ist unsere eigene Entscheidung. Keiner hat uns mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen. Es gehört zu genau dem Berufsleben, das wir uns ausgesucht haben. Unser Auftritt ist sogar ein Privileg: Menschen hören dem zu, was wir zu sagen haben. Und: Letztendlich ist doch alles nur ein Spiel. Diese spielerische Haltung hilft mir persönlich sehr. Denn das Ganze als Spiel zu sehen, macht es einfacher zu akzeptieren, nicht immer auf Platz 1 zu landen. Es darf auch mal etwas nicht perfekt laufen. Das macht das Spiel und damit das Leben spannender. Und einen Moment erlebt zu haben, bei dem es uns bis ans Lebensende durchzuckt, wenn wir dran denken – naja, das hält uns immerhin wach.

Wenn wir das so sehen, werden wir so locker, dass wir Angst-Situationen zu Schmunzel-Situationen umbauen können. Und damit löst sich alles in Wohlgefallen auf.

Spielen wir es mal an einfach mal an ein paar Beispielen von oben durch.

Die Angst vorm Anfang

Stellen Sie sich vor, wie Sie in den ersten dreißig Sekunden Ihres Auftritts immer so nervös sind. Das nervt. Aber jetzt: Überlegen Sie sich eine Methode, damit umzugehen, mit der Sie sogar punkten. Zittert Ihre Stimme so sehr, dass Sie glauben, dass es alle merken? Sagen Sie: „Ich nehme an, Sie können schon an meiner Stimme hören, wie sehr ich für das brenne, was jetzt kommt.“ Oder schlicht: „Guten Tag zusammen, mein Gott, ich bin ganz aufgeregt, dass es jetzt losgeht. Und freue mich hier zu sein.“ Und schon öffnen sich die Herzen der Anderen. Weil Sie das Ganze als Spiel sehen. Merken Sie sich diese Einstiegssätze und Sie haben ein einfaches Werkzeug, um bei größtem Stress zu punkten. Vom Wissen gewappnet zu sein, geht die Angst weg.

Die Angst vor den Namen

Sie haben Angst, den Namen von Gästen auf der Bühne falsch auszusprechen oder sogar zu vergessen? Nun, mir sind Menschen mit schlechtem Namensgedächtnis sehr sympathisch. Da bin ich nicht so allein. Sollte es mir trotz guter Vorbereitung noch einmal passieren, dass mir ein falscher oder gar kein Name in den Sinn kommt, sage ich: „Nehmen Sie es bitte nicht persönlich. Ich weiß, wie Sie heißen, aber im Eifer des Gefechts konnte ich ihn nicht schnell genug abrufen.“ Oder: „Ich bin schon froh, dass ich mir meinen eigenen Namen merken kann.“ Oder: „Sie dürfen mich jetzt dreimal Werner Marcus nennen.“ Durch die Sicherheit, dass ich da irgendwie rauskomme, ist meine Befürchtung, ich könnte mich blamieren, wie weggeblasen. Und zusätzlich notiere ich mir Namen gerne auf jede einzelne Moderationskarte, damit ich im Zweifel nicht blättern muss.

Die Angst vor technischen Pannen

Die Mikrofon-Anlage fällt aus. Als Beispiel für das Versagen der Technik. Für viele ist das der absolute Horror, weil die ganze Veranstaltung zu scheitern droht. Stimmt, das wäre ärgerlich. Aber peinlich ist es nur, wenn das Ihrer schlechten Vorbereitung geschuldet ist – etwa, weil Sie einen Adapter vergessen haben oder sagen: „Hä? Ich dachte, ein Beamer mit Lautsprechern ist längst Standard.“

Sollte trotz perfekter Vorbereitung trotzdem die Technik streiken, dann ist das Ihre Chance, als Macherin und Macher darzustellen. Mikro kaputt? Versuchen Sie sofort, den Saal mit der Kraft Ihrer eigenen Stimme zu beschallen. Und lassen Sie das Publikum entscheiden, ob das funktioniert. Damit zeigen Sie: Ich gebe alles. Fällt der Beamer aus? Schalten Sie sofort um: „Gut, dann muss ich Ihnen beschreiben, was ich Ihnen zeigen wollte. Stellen Sie sich also jetzt bitte die gigantische Skyline von Bangkok bei Nacht vor. Und auf dem Fluss davor wippen kleine Holzbötchen...“ An Ihnen wird es nicht scheitern. Fällt der ganze Laptop aus? Greifen Sie auf ein Redemanuskript zurück, das Sie auf Ihrem Smartphone haben. Das sieht super flexibel aus. Was soll da noch schief gehen?

Die Angst vor peinlichem Aussehen

Sie machen eine Pause und merken im Waschraum: Deshalb das Getuschel. Die ganze Zeit war die Hose sperrangelweit auf und jeder muss es bemerkt haben. Treten Sie wieder auf, gucken Sie dezent an sich runter und sagen: „So, jetzt aber perfekt vorbereitet. Schauen Sie mir in die Augen.“ Wer’s vorher gesehen hat, wird Ihre Souveränität lieben. Alle anderen werden die Bemerkung als unwichtig durchwinken. So punkten Sie sogar mit dem Klassiker der Blamage. Sowas kann jedem passieren. Es kommt eben nur darauf an, wie souverän man das Ganze herunterspielt. Ein extremes Beispiel, ja. Aber es sorgt vor auch für Coolness beim Fleck auf der weißen Bluse.

Die Angst vorm verlorenen Faden

Sie führen gerade einen Punkt wie an der Perlenkette entlang aus, machen einen kleinen Gedankenschlenker und stutzen: „Was wollte ich gerade sagen?“ Anschluss verpasst. Das wird nur dann peinlich, wenn man Ihnen die aufkommende Nervosität anmerkt. Lieber direkt in die Offensive (ist ja nun ein Spiel!). Sprechen Sie es laut aus: „So und jetzt habe ich den Faden verloren. Wo war ich stehen geblieben?“ Sprechen Sie jemanden aus dem Publikum konkret an: „Was war mein Punkt davor?“ Entweder, derjenige hilft Ihnen auf die Sprünge oder weiß es selbst nicht mehr. Das kommt Ihnen dann auch zugute: „Ich bin ja froh, dass ich nicht der einzige bin, der nicht weiß, was ich hier gerade erzähle.“ Ein Gag, mit dem Sie an Respekt gewinnen. Und er gibt Ihnen Zeit, den Faden wiederzufinden. Zusätzlicher Ausweg: Sagen Sie: „Hm. Na, falls es mir wieder einfällt, komme ich drauf zurück. Erstmal weiter.“ Brechen Sie den einen Gedanken also gnadenlos ab und machen Sie weiter. Kein Zaudern. Es weiß ja niemand, was Sie gerade konkret auslassen. Und wird kaum etwas vermissen.

Die Angst vorm Blackout

Super-GAU Blackout. Die Angst davor, dass alles weg ist, erhöht den Stress und damit die Wahrscheinlichkeit, dass der Blackout wirklich kommt. Auf der Bühne zu stehen, und nicht mehr zu wissen, wo, wie mit was weiter. Der Trick, um das zu verhindern: die Notfall-Ration! Wenn wir eingeschneit im Haus festsitzen und der Kühlschrank ist leer, dann essen wir eben Zwieback. Und merken plötzlich, wie süß der ist.

Und wenn wir eingeschneit im Kopf sind und da, wo der Vortrag abgespeichert war, ist es plötzlich leer, dann greifen wir eben zur Inhalte-Notration. Etwa zu einer immer irgendwie passenden Anekdote.

Nehmen wir mal an, Sie arbeiten für einen Hersteller von Rucksäcken, halten gerade vor 200 Interessierten einen Vortrag über die Zukunftsaussichten der Branche. Sie spüren Ihre Anspannung und plötzlich: alles weg. Schwarzes Bild. Dann öffnen Sie jetzt die genau dafür bereit gelegte Notfallration. In diesem Fall etwa die Geschichte, wie ein Rucksack einst dafür gesorgt hat, dass Sie überwältigende Momente auf jedem Kontinent erleben konnten, die Ihr Leben für immer bereichern werden. Ein/zwei Minuten. Führen Sie das ein mit: „Ach, mir fällt gerade etwas ein. Lassen Sie mich das bitte noch einfügen, denn das liegt mir am Herzen.“ Und dann ran mit Verve. Welche nette Anekdote würde zu Ihren Themen passen? Wenn Sie befürchten, dass Sie diese Geschichte im Moment des größten Stresses nicht gelassen vortragen können, dann schreiben Sie sie sich vorab auf. Auf die eine Karte mit der Notfall-Ration Inhalt. Wenn Sie die tatsächlich einmal brauchen (das Wissen um diese Notfall-Karte reduziert das Blackout-Risiko ja schon enorm, weil es uns ruhig macht), dann werden sich vielleicht ein paar im Publikum denken: Wieso erzählt die oder der jetzt plötzlich mittendrin diese Anekdote? Na und? Überraschung! Und immer noch besser als ein weißes Rauschen.

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Vor welchem ganz persönlichen Super-GAU haben Sie noch Angst? Stellen Sie sich die Situation vor, sehen Sie sie als Spiel, das sie ja aus freien Stücken mitspielen, um Ihr Leben spannender zu machen. Und finden Sie schon jetzt ganz gelassen Lösungen, die Sie vor Ort sofort anwenden können – wissend vorab, dass das Ihnen im Zweifel sogar einen Pluspunkt liefert.

Vielleicht freuen Sie sich dann ja sogar mal auf eine Panne. Weil Sie dann ausprobieren können, wie Sie die meistern. Absurd? Finde ich nicht. Das Publikum liebt es, dabei zu-zusehen, wie jemand unvorhergesehene Situationen meistert. Was es nicht weiß: Für Sie ist das Ganze nicht mehr unvorhergesehen. 1 zu 0 für Sie.

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