Krankschreibung zu einfach?: Hürden fürs Krankmelden bringen mehr Schaden als Nutzen

Der historisch hohe Krankenstand ist ein Problem für die Unternehmen. Das haben die Vertreter von Mittelstandsunion und der Bundesvereinigung der Arbeitgeber (BDA) messerscharf analysiert.
Etwas geschwächelt haben sie dann allerdings im zweiten Schritt, der Problemlösung: In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ fordert die Vorsitzende der Mittelstandsunion, CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann, die Hürden für Krankschreibungen zu erhöhen. Ebenso wie die BDA will Connemann die telefonische Krankschreibung abschaffen.
Zur Erinnerung: Diese Möglichkeit war erst Ende vergangenen Jahres wieder eingeführt worden, um Praxen zu entlasten und unnötige Arztbesuche – und die damit verbundene Ansteckungsgefahr – zu vermeiden. Hier offenbart sich schon der erste Denkfehler von Connemann: Den größten Teil des vergangenen Jahres, von April bis Anfang Dezember, konnten sich Beschäftigte gar nicht telefonisch krankschreiben lassen. Trotzdem stieg die Zahl der Fehltage noch einmal im Vergleich zum Vorjahr, in dem das die ganze Zeit möglich war.
Vielleicht, nur vielleicht, hat der hohe Krankenstand also weniger mit gesetzlichen Regeln und mehr mit – tja – Krankheiten zu tun. Zum Beispiel mit der gestiegenen Zahl der Atemwegserkrankungen, die auch die Krankenkassen als einen der Hauptgründe für die Entwicklung anführen.
Wer krank arbeitet, schadet der Wirtschaft
Deshalb ist die Forderung nach höheren Hürden nicht nur zu simpel, sondern fahrlässig: Schon jetzt geht hierzulande mehr als ein Viertel der Beschäftigten häufig krank zur Arbeit, zeigt eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse. Die internationale Strategieberatung Booz & Company schätzt, dass krank arbeitende Mitarbeiter bei Unternehmen für doppelt so hohe Verluste sorgen wie die fehlenden Kollegen. Nicht nur, weil sie andere anstecken – sondern vor allem, weil sie teure Fehler machen.
Hinzu kommt: Wer blaumachen will, wird der Arbeit ohnehin aus dem Weg gehen. Da helfen keine strengeren Regeln, da hilft nur Motivation. Dazu, wie die gefördert werden kann, gibt es auch zahlreiche Studien. Würde Gitta Connemann die lesen, könnte sie den Unternehmen besser helfen als mit populistischen Forderungen.
Lesen Sie auch: Warum es keine gute Idee ist, krank zu arbeiten – erst recht nicht im Homeoffice
Dieser Beitrag entstammt dem WiWo-Newsletter Daily Punch. Der Newsletter liefert Ihnen den täglichen Kommentar aus der WiWo-Redaktion ins Postfach. Immer auf den Punkt, immer mit Punch. Außerdem im Punch: der Überblick über die fünf wichtigsten Themen des Tages. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.