Lebensarbeitszeitkonten Wir brauchen die Work-Life-Integration

Die Debatte um unser Arbeitsleben hat viele Facetten: Sollen wir acht Stunden pro Tag, oder 40 Stunden pro Woche arbeiten? Büro, Home-Office, Coworking? Warum wir letzten Endes Lebensarbeitszeitkonten brauchen.

Work-Life-Balance wie jeder mag. Quelle: Getty Images

Und jährlich grüßt das Murmeltier: Gefühlt einmal pro Jahr fordert eine der zahlreichen Gewerkschaften, dass die Arbeitsbelastung ihrer Mitglieder drastisch reduziert werden müsse. Zum zweiten Mal in Folge kommt die Forderung von der Chemie-Gewerkschaft IG BCE. Anlässlich des 125. Jahrestags des Bestehens forderte deren Chef Michael Vassiliadis die Drei-Tage-Woche für ältere Chemikanten. "Mit unserer Tarifpolitik sind wir in Vorleistung gegangen, jetzt muss der Staat seinen Beitrag leisten." Der Staat müsse Arbeitnehmern eine Teilrente anbieten, die die Unternehmen mit Teilzeit verknüpfen können. Gerade im Schichtsystem halte es sonst niemand bis zur Rente durch.

Die Büro- und Kopfarbeiter wollen dagegen volle Flexibilität. Ihr Kopf funktioniert schließlich zu Hause oder im Park genauso gut wie im stickigen Büro. Nebenher tobt noch – geführt von Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und den Arbeitnehmern daheim am Abendbrottisch – die Debatte, wie viele Stunden wir denn nun eigentlich arbeiten sollen. Acht pro Tag? Zehn? Jeder so viel er, sie oder der Vorgesetzte will? Maximal 40 Stunden pro Woche?

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Hinzu kommt berufsbedingt Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) mit ihren Grünbuch Arbeit 4.0 und der Frage, wie wir in Zukunft arbeiten wollen und sollen und was die Digitalisierung mit uns, unseren Jobs und unserer Arbeitswelt macht. Über all dem kreist drohend der Begriff Work-Life-Balance.

Der Kompromiss muss her

Cristina Riesen, Europa-Chefin des virtuellen Notizbuchs Evernote, spricht in diesem Zusammenhang lieber von Work-Life-Integration. „Work-Life-Balance ist der falsche Ausdruck: Wieso sollten wir denn leben und arbeiten trennen?“ Auch die Balance sei nicht machbar: „Das Leben ist nicht ausgeglichen“, sagt sie. Berufstätige müssten sich von der Vorstellung verabschieden, den perfekten Spagat zwischen dem perfekten Job und dem perfekten Familienleben machen zu wollen. „Perfektion ist unrealistisch“, sagt sie. Unternehmen und Beschäftigte müssten bereit sein, Kompromisse zu finden.

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Das Problem: Alle haben Recht. Dass Schichtarbeit nicht nur ungesund, sondern auf Dauer lebensverkürzend ist, ist nachgewiesen. Dass kein Mensch acht Stunden am Stück Top-Leistungen vollbringt, auch wenn er dazwischen für 30 Minuten in der Kantine sitzt, ist klar. Von zehn oder mehr Stunden braucht man deshalb eigentlich gar nicht zu reden.

Dass es der Performance schadet, wenn der Mitarbeiter mit 20 anderen auf engstem Raum zusammenarbeitet, ist ebenso bewiesen wie dass sich 60-Stunden-Wochen schlecht mit einem erfüllendem Familienleben vereinen lassen. Wer dagegen jeden Tag um zwölf Uhr mittags Feierabend macht, um sich den Rest des Tages vollumfänglich Haushalt und Kindern zu widmen, wird es nicht zum Vorstandsvorsitzenden eines Dax-30-Konzerns bringen, sondern eben nur zur Büroteilzeitkraft oder zum Supermarktkassierer. Wer dann noch vorzeitig aufhört zu arbeiten, der guckt bei den Altersbezügen in die Röhre.

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