Neuorientierung im Job: Darum sollten Sie zu Weihnachten Ihre Karriere auf den Prüfstand stellen
Die besinnliche Weihnachtszeit lässt vielen Menschen Raum, um über die eigene Karriere nachzudenken.
Foto: Marijan Murat/dpaWirtschaftsWoche: Frau Votteler, Sie empfehlen die Weihnachtszeit zu nutzen, um die eigene Karriere auf den Prüfstand zu stellen. Warum eignet sich ausgerechnet diese Zeit dafür so gut?
Sabine Votteler: Während des Jahres gibt es immer was zu tun, so viele Aufgaben und Routinen. Wir rennen im Hamsterrad. Da bleibt oft gar nicht die Zeit, die eigene berufliche Situation zu hinterfragen.
Gilt das nicht im gleichen Maße für andere Auszeiten, etwa die Sommerferien?
Nein, wenn wir in den Urlaub fahren, wollen wir immer was erleben. Wir sind an einem fremden Ort, den wir erkunden wollen oder haben uns vorgenommen, Sport zu treiben. Wir sind aktiv. Zwischen den Jahren ist das anders. Es ist eine allgemeine Auszeit. Auch die anderen kommen zur Ruhe. Niemand schreibt uns E-Mails. Es warten keine unerledigten Aufgaben auf meinem Schreibtisch, wenn ich aus den Ferien zurückkomme. In meinem Kopf ist Platz für Reflektion. Die Uhren gehen langsamer. Der Jahreswechsel ist ein ganz natürlicher Schnitt. Das neue Jahr liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns.
Wie sollten diejenigen vorgehen, die die Weihnachtszeit nutzen wollen, um eine berufliche Bestandsaufnahme zu machen?
Zunächst ist es wichtig, das alte Jahr abzuhaken. Es hilft nicht alte Entscheidungen noch mal durchzuspielen. Die kann man ohnehin nicht mehr ändern. Dann fragen Sie sich: Was lief gut dieses Jahr? Was hat mich gestört? Und was kann ich tun, damit diese negativen Dinge im kommenden Jahr anders laufen?
So ein ganzes Jahr zu überblicken, kann schwierig sein. Wie genau würden Sie vorgehen?
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Manche Familien haben so eine Weihnachtsroutine. Sie setzen sich in einer gemütlichen Umgebung zusammen und erzählen sich, was im vergangenen Jahr alles Tolles passiert ist. Das kann auch berufliche Dinge in Erinnerung rufen, die gar nicht mehr präsent waren. Oder sie gehen noch mal ihren Terminkalender oder die Fotos auf ihrem Smartphone durch. Dabei kommen ebenfalls viele Eindrücke zurück.
Wie geht es dann weiter?
Es kommt darauf an, was das Ergebnis der Bestandsaufnahme ist. Auch mit Klienten, die eigentlich aus ihrem Job raus wollen, schaue ich mir an, was gut war und was nicht. Und dann kommt es durchaus vor, dass ihnen auffällt, dass gar nicht der Job an sich das Problem ist. Sie finden ihre Aufgabe cool, aber die Rahmenbedingungen stimmen nicht.
Was meinen Sie mit Rahmenbedingungen?
Vielleicht wollen Sie nicht mehr 40 Stunden die Woche arbeiten oder nur ein Teil ihrer Aufgaben macht ihnen Spaß. Der Knackpunkt ist dann nicht der Job oder der Arbeitgeber an sich. Dann ist es wichtig, diese Erkenntnisse mit seinem Chef oder seiner Chefin zu teilen. Oft gibt es einen Weg auch bei seinem alten Arbeitgeber glücklich zu werden.
Wenn es nicht reicht im derzeitigen Job etwas zu verändern, wie geht es dann weiter?
Die wichtigste Frage ist: Was mache ich am allerliebsten? Sie können sich auch fragen: Was will ich? Aber diese Frage ist für die meisten Menschen so groß, dass es ihnen schwerfällt sie zu beantworten.
Auch die Frage, was ich am allerliebsten mache, ist nicht so einfach. Schon gar nicht, wenn ich meinen neuen Job daraus ableiten will.
Das stimmt. Deshalb sollten Sie Dinge ausprobieren. Schreiben Sie keine Pro-und-Contra-Listen. Die helfen Ihnen zwar logisch auf die Frage zu blicken, aber ich bin davon überzeugt: Sie müssen fühlen, ob die Veränderung gut für Sie ist.
Fühlen? Wie soll das gehen? Meinen alten Job kündigen und den nächsten einfach ausprobieren?
Nein, es wäre gut, wenn Sie Ihre Passion im Kleinen ausprobieren könnten.
Wie denn zum Beispiel?
Als ich vor zehn Jahren den Entschluss gefasst habe, in meinem beruflichen Leben etwas zu ändern, wusste ich ziemlich schnell, dass ich gerne was Eigenes aufbauen will. Durch Zufall bin ich mit einer Frau ins Gespräch gekommen, die bei mir in der Straße einen Dirndlladen hatte. Weil außerhalb der Wiesn-Zeit das Geschäft schleppend lief, wollte sie eine Kinderkollektion. Ich fand das spannend und half ihr beim Geschäftsmodell. Das hat mir Spaß gemacht und mich in meinem Entschluss bestätigt, mich selbstständig zu machen, aber auch, dass es nichts mit Einzelhandel zu tun haben würde. Nur wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe und mit neuen Leuten ins Gespräch komme, kann ich herausfinden, was ich wirklich möchte. Auch dafür ist Weihnachten übrigens eine gute Zeit.
Warum?
Da treffen wir Menschen, mit denen wir vielleicht länger nur losen oder sogar gar keinen Kontakt hatten. Alte Schulfreunde, die auch ihre Eltern besuchen, oder den Cousin, der im Ausland lebt. All diese Begegnungen schaffen Anknüpfungspunkte, um herauszufinden, was man wirklich will.
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