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Per Video zum neuen Job Darauf kommt es im Online-Vorstellungsgespräch an

Das Vorstellungsgespräch per Video wird durch Corona zur Normalität. Quelle: Getty Images

Wegen der Coronakrise boomt die Nachfrage nach Online-Vorstellungsgesprächen. Experten geben Tipps für die Bewerbung per Video und erläutern wichtige Fallstricke – von Technikaussetzern bis zu peinlichen Videopannen.

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Die tägliche Morgenkonferenz per Videoschalte, der Teeküchen-Plausch im Live-Chat – was im Februar noch unvorstellbar gewesen wäre, ist nach drei Wochen Homeoffice die neue Normalität. Die Nutzerzahlen bei Programmen für Videotelefonie wie Skype und Zoom explodieren. Was vielen Deutschen dabei nicht bewusst ist: möglicherweise trainieren sie dabei für die zukünftige Jobsuche. 

Denn Videointerviews werden immer wichtiger. Bei der Video-Recruiting-Plattform Viasto etwa haben sich die Anfragen von Unternehmen im März verdreifacht. Damit verstärkt der Virus einen Trend, der ohnehin zu beobachten war. Denn schon vor Kontaktsperren und Social Distancing schritt die Digitalisierung im Bewerbungsprozess laut Experten voran. Und während im Moment vor allem der Einzelhandel, Logistikunternehmen und Krankenhäuser einstellen, wird das Instrument des virtuellen Vorstellungsgesprächs nach der Krise auch bei anderen Unternehmen Einzug halten. Arbeitnehmer müssen sich also rüsten für das neue Auswahlinstrument. Zwar gibt es inhaltlich kaum Unterschiede zum bisherigen Prozedere, doch organisatorisch kommt einiges auf die Bewerber zu.

Das weiß man auch beim Versandhändler Otto. Das Hamburger Unternehmen setzt schon seit über zehn Jahren auf Bewerbungsgespräche per Internet. Zu Beginn seien digitale Vorstellungsgespräche noch die absolute Ausnahme gewesen, erinnert sich Malte Balmer, der als HR-Manager bei Otto für die Fachkräftesuche zuständig ist. Sie waren eher Notlösungen etwa bei Kandidaten aus dem Ausland. Die Qualität sei damals einfach zu schlecht gewesen, um solche Formate flächendeckend einzuführen, erklärt Balmer. In den vergangenen Jahren habe die Anzahl von Videointerviews jedoch stetig zugenommen. Web-Vorstellungsgespräche fügen sich damit in die Digitalisierung der Jobsuche ein. „Bewerbungen per Post erhalten wir fast keine mehr“, sagt Balmer. Der Recruiter erwartet, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Denn die Akzeptanz von Videocalls steige weiterhin – auch wegen der intensiven Nutzung während der Coronakrise. 

Sowohl Bewerber als auch Personaler erlangen dadurch mehr Flexibilität und sparen vor allem Zeit. Außerdem erleichtert das virtuelle Vorstellungsgespräch den unauffälligen Jobwechsel, weil der Kandidat bei seinem derzeitigen Arbeitgeber nicht häufiger fehlen muss. Für begehrte Spezialisten etwa könne dieses Format zu einer Art Speed-Dating werden, meint Karriereexpertin Lene Setzer von der Bewerbungsberatung CV Coach Deutschland. Bewerber könnten sich so mit wenig Aufwand ein erstes Bild von der angestrebten Position, vom Unternehmen und dessen Kultur verschaffen. Außerdem seien manche Menschen in der vertrauten Umgebung weniger nervös. Viele Vorteile also, aber: „Organisatorisch gibt es einige Aspekte für eine professionelle Darstellung zu beachten“, warnt Bewerbungsspezialistin Setzer.

Denn wer sich von zu Hause aus vorstellt, ist weitgehend selbst für den reibungslosen Ablauf und das professionelle Ambiente verantwortlich. Viele zusätzliche Fehlerquellen können das Vorstellungsgespräch schnell im Fiasko enden lassen. Deshalb müssen Bewerber auf folgende Punkte achten:

1. Der Hintergrund

Die Wohnung wird neben dem persönlichen Erscheinungsbild zur Visitenkarte des Kandidaten. Setzer rät von ambitionierten Deko-Aktionen im Influencer-Stil ab. „Suchen Sie sich einen schlichten Hintergrund“, empfiehlt die Expertin. „Verzichten Sie auf offene Kleiderschränke, Küchenschränke oder Poster Ihrer Lieblingsband.“

Manche Menschen versuchen dennoch, über ihre Umgebung unterschwellige Botschaften zu senden. Da wird ein beeindruckendes Fachbuch ins Blickfeld gerückt oder die Ahnengalerie soll den Familiensinn des Bewerbers unterstreichen. Vergessen Sie nicht: Recruiter sind Profis und durchschauen solche Kniffe. Gänzlich kontraproduktiv ist es, wenn ein Bewerber auf die Dekoration angesprochen wird und dazu nichts Substanzielles sagen kann. 

Ist der beste Ort in der Wohnung gefunden, folgt der Praxistest. Wie wirkt die nicht mehr taufrische Raufasertapete auf einem Bildschirm? Wie sind die Lichtverhältnisse zum Zeitpunkt des Interviews? Beachten Sie beim Praxischeck: Die andere Seite verfügt möglicherweise über bessere Technik, sieht den Bewerber in höherer Auflösung auf einem größeren Bildschirm. Manche Anbieter von Videokonferenzen haben ein Feature im Programm, mit dem sich der Hintergrund per Weichzeichner-Effekt unscharf stellen lässt. Probieren Sie es aus.

2. Die Lautstärke 

„Wichtig ist zudem ein ruhiger Ort, sodass die Konzentration im Gespräch nicht gestört wird“, sagt Balmer von Otto. Bedeutet: Küchenradio aus, auch wenn Sie im Wohnzimmer sitzen. Die Waschmaschine nicht nebenherlaufen lassen. Bestenfalls sogar die Klingel ausschalten. Und schon bei der Terminabsprache eine ruhige Uhrzeit auswählen – also nicht mittwochnachmittags, wenn etwa das Nachbarskind Flötenunterricht hat. 

3. Das Outfit

„Ob Sie eine Hose tragen oder nicht, ist eine Frage der inneren Haltung, nicht eine Frage des Kameraausschnitts“, sagt Karriereberaterin Lene Setzer. Wer buchstäblich von Kopf bis Fuß auf das Vorstellungsgespräch eingestellt ist, hilft sich selbst dabei, in der eigenen Wohnung die nötige Spannung aufzubauen. Außerdem weiß man nie, was während der Unterhaltung passieren kann. 

Gefragt nach typischen Pannen bei Videointerviews antwortet die Karriereexpertin: „Am häufigsten hört man Geschichten, dass Bewerber unten rum nur Unterwäsche trugen und aus Versehen aufgestanden sind.“ Außerdem sollte man auf kleinformatige Muster, wie etwa Pünktchen oder Karos verzichten, da diese auf dem Bildschirm für ein unangenehmes Flimmern sorgen. 

4. Die Internetverbindung 

Die Frage nach der größten Fehlerquelle beim Online-Vorstellungsgespräch ist für die Experten leicht beantwortet. „Wenn etwas hakt, ist es erfahrungsgemäß immer die Technik“, sagt Balmer. Alles steht und fällt mit der Internetverbindung. Der HR-Manager von Otto rät dazu, WLAN den Vorzug vor mobilem Internet zu geben. Setzer rät beim Interview von zu Hause aus sogar zum LAN-Kabel. Zumindest sollte jedoch die ideale Position zum Router gefunden werden, um bestmöglichen Empfang zu garantieren.

 

5. Die Software

Zur Vorbereitung gehört es zudem, sich mit dem vom Unternehmen genutzten Dienst für Online-Interviews vertraut zu machen. Manchmal ist die Technik sehr einfach zu benutzen. Otto etwa verwendet Microsoft Teams. Die Recruiter versenden individuelle Links, die sich über entsprechende Apps oder im Browser öffnen lassen. 

In anderen Fällen muss aber Software installiert und ein Konto eingerichtet werden. Wer Anbieter wie Skype, Zoom oder Hangouts bereits nutzt, tut dies womöglich vorwiegend privat. Setzer rät daher zum kritischen Blick auf Profilname und Profilbild. Sind diese tatsächlich seriös genug? Etwaige Änderungen sollten nicht erst kurz vor dem Gespräch vorgenommen werden. Denn oftmals prüft die Personalabteilung den Account schon im Vorfeld. 

6. Die Tonqualität

Ist der Bewerber zu leise oder nur abgehackt zu hören, kann kein gutes Gespräch in Gange kommen. Wenn das Mikrofon am Computer mindere Qualität bietet, lohnt sich der Kauf eines externen Geräts. Kleine Mikrofone, die ans Revers geklemmt werden, gibt es schon ab etwa 20 Euro. Wohl kein Recruiter erwartet, dass sich ein Bewerber für das Gespräch in Unkosten stürzt. Eine erstklassige Audioqualität aber beweist subtil Initiative und Engagement. 

7. Der Testlauf

Das Videointerview muss immer geprobt werden. Auf diese Weise lassen sich etwaige Fehlerquellen aufspüren und man geht optimal vorbereitet in das Gespräch. Ideal ist es, das Szenario mit einem Freund oder Bekannten durchzuspielen. Hier bietet sich eine Plattform wie Skype an, auf der sich Unterhaltungen aufzeichnen lassen. Kandidaten können aber auch allein mit einem Mitschnitt per Gratis-Videosoftware üben. 

Der Probelauf sollte unter möglichst realen Bedingungen stattfinden, also zur Uhrzeit des Gesprächs, vor dem gewählten Hintergrund und im Bewerbungs-Outfit. Ist es während des Tests sonnig? Dann ziehen Sie die Vorhänge zu und prüfen Sie, ob die Beleuchtung für diese Lichtverhältnisse ausreicht. 

8. Die Checkliste

In der eigenen Wohnung kann der Übergang vom Privaten in die Bewerbungssituation schwerfallen. Deshalb beginnt man am besten schon etwa eine Stunde vorher mit der Vorbereitung. 

Karriereexpertin Setzer rät darüber hinaus zu dieser letzten Checkliste: 

• Klären Sie vorab, wer wen anruft und halten Sie für den Notfall Telefonnummer und E-Mail-Adresse Ihrer Kontaktperson bereit.
• Starten Sie den Rechner frühzeitig und schließen Sie alle anderen Programme: Sie möchten nicht das automatische Herunterfahren wegen eines System-Updates erleben.
• Legen Sie sich alle wichtigen Unterlagen und Utensilien, vom Lebenslauf über das Stellenprofil bis hin zum Taschentuch bereit. Während des Gesprächs sollten Sie Ihren Platz auf keinen Fall verlassen.

Erst online, dann analog 

Bewerbungen per Internet sind entscheidend für den ersten guten Eindruck. Ob ein aussichtsreicher Kandidat den Job bekommt oder nicht, wird aber weiterhin meist direkt von Angesicht zu Angesicht entschieden. „Nach Möglichkeit sollte im fortgeschrittenen Prozess ein Kennenlernen vor Ort stattfinden“, sagt Balmer von Otto. Außerdem erlaube der „analoge Kontakt“ erfahrungsgemäß allen Beteiligten, sich noch besser eine Meinung zu bilden.  

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